kolleg24 Deutsch | Folge 23

Erzählperspektiven

Stand

Von Autor/in Irmhild Mäurer, Beatrix Krausenecker

In dieser Folge lernst du verschiedene Erzählperspektiven und ihren Einfluss auf die Textgestaltung kennen. Du erfährst, wie die Perspektiven die Wirkung eines Textes prägen.

Die Bedeutung der Erzählperspektive

Erzählperspektiven sind ein zentrales Element der Literatur, insbesondere in epischen Texten. Sie bestimmen, aus welchem Blickwinkel die Geschichte erzählt wird und wie viel der Leser über die Gedanken und Gefühle der Figuren erfährt. Die Perspektive kann die Distanz oder Nähe zu den Charakteren beeinflussen und somit die emotionale Wirkung des Textes verstärken oder abschwächen.

Wichtig ist: Der Erzähler und der Autor eines Werkes sind NICHT identisch. Der Autor gestaltet den Erzähler genauso, wie er die Figur aus einem Roman gestaltet. Indem er einen bestimmten Erzähler erschafft, versucht der Autor ein ganz bestimmtes Bild zu zeichnen.

Arten von Erzählperspektiven

  • Auktorialer Erzähler

Der auktoriale Erzähler, oft als "allwissender Erzähler" bezeichnet, steht über dem Geschehen und kennt alle Details der Handlung sowie die Gedanken und Gefühle der Figuren. Er ist kein Teil des Geschehens und steht außerhalb der erzählten Welt. Oft bewertet und kommentiert der auktoriale Erzähler die Geschehnisse der Geschichte. Diese Perspektive ermöglicht es, vergangene und zukünftige Ereignisse zu kommentieren und zu bewerten.

Wirkung des auktorialen Erzählers: Obwohl er oft objektiv und überblickend wirkt, ist der auktoriale Erzähler auch in der Lage, stark das zu lenken, was wahrgenommen wird. Die Leser erhalten einen umfassenden Einblick in das Geschehen, können aber, aufgrund der Distanz des Erzählers, weniger mit einzelnen Figuren mitfühlen.

  • Personaler Erzähler

Der personale Erzähler erzählt die Geschichte aus der Sicht einer am Geschehen beteiligten Figur. Der Leser erfährt nur, was diese Figur weiß und fühlt, was eine subjektive und begrenzte Sichtweise bietet. Diese Perspektive fördert die Identifikation mit der Figur, da der Leser ihre Emotionen und Gedanken hautnah miterlebt. Der personale Erzähler kann in Form von erlebter Rede, innerem Monolog oder dritter Person auftreten.

Wirkung des personalen Erzählers: Der personale Erzähler begünstigt eine starke Identifikation mit der Figur. Die Leser erleben das Geschehen subjektiv aus seiner Perspektive, was Spannung und Empathie schafft.

  • Neutraler Erzähler

Der neutrale Erzähler beschreibt nur das, was äußerlich wahrnehmbar ist, ohne die Gedanken und Gefühle der Figuren zu kommentieren. Er beschränkt sich somit lediglich auf die objektive Darstellung von Handlungen und hat keinen Einblick in die Denkprozesse der Figuren - er ist also wie eine Kamera. Diese Perspektive kann es dem Leser erschweren, sich in die Figuren einzufühlen, da keine inneren Monologe oder Emotionen offengelegt werden.

Wirkung des neutralen Erzählers: Der neutrale Erzähler erscheint distanziert und sachlich. Der Leser muss die Handlung ohne die Anleitung und Hilfe des Erzählers nachvollziehen, was Raum für spannende Interpretationen lässt.

  • Ich-Erzähler

Der Ich-Erzähler berichtet aus der Ich-Perspektive einer handelnden Figur. Diese Perspektive ähnelt der personalen, bietet jedoch eine noch stärkere Identifikation mit der Figur, da die Geschichte direkt aus ihrer Sicht erzählt wird. 

Wirkung des Ich-Erzählers: Der Ich-Erzähler wirkt zwar sehr authentisch und glaubwürdig, kann in seiner Berichterstattung aber dennoch unzuverlässig sein. Die Leser teilen die Perspektive mit der Figur, was einerseits vollständige Nähe, andererseits aber auch eine Eingrenzung der Wahrnehmung bedeutet.

Erzählperspektiven und modernes Erzählen

Erzählperspektiven lassen sich auch literarischen Epochen zuordnen. Dem allwissenden (auktorialen) Erzähler begegnet man heute eher mit Skepsis, weil der Glaube an eine lenkende, allwissende Instanz in der Moderne weitgehend verloren gegangen ist. Viele Autorinnen und Autoren bevorzugen deshalb die Ich-Perspektive, die subjektiver und unmittelbarer wirkt. Es zeigt sich: Die Wahl der Erzählperspektive hängt immer auch mit dem jeweiligen Menschen- und Weltbild einer Epoche zusammen.

Erzählen: eine Frage der Perspektive

Erzählperspektiven sind nicht nur technische Mittel, sondern beeinflussen maßgeblich die Wirkung und Tiefe eines literarischen Werkes. Sie eröffnen verschiedene Wege, wie Leser mit den Figuren und der Handlung interagieren können und sind ein unverzichtbares Werkzeug jedes Schriftstellers. Nicht zuletzt kann die Wahl der Perspektive auch die ethische und moralische Dimension eines Textes beeinflussen, indem sie bestimmte Informationen hervorhebt oder verschweigt.

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Irmhild Mäurer
Beatrix Krausenecker
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