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Hintergrund: Arbeit mit Zeitzeugen im Geschichtsunterricht

  • Porträt der Professorin Christiane Bertram; Rechte: Christiane Bertram Prof. Dr. Christiane Bertram, Universität Konstanz; Rechte: Christiane Bertram

Die App "WDR AR 1933-1945" holt über Smartphone und Tablet Zeitzeuginnen und Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs und ihre Erzählungen virtuell ins Klassenzimmer. Planet Schule sprach darüber mit Prof. Dr. Christiane Bertram von der Universität Konstanz. Sie ist Juniorprofessorin im Bereich Fachdidaktik in den Sozialwissenschaften. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Arbeit mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen im Geschichtsunterricht.

Was sind die Chancen für den Geschichtsunterricht, wenn man Zeitzeuginnen oder Zeitzeugen in die Schule einlädt?

Die größte Chance ist die Motivation der Schülerinnen und Schüler. Geschichte wird so anfassbar, emotionaler und individueller. Der Zeitzeuge spannt gewissermaßen eine Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Für die Schülerinnen und Schüler ist das eine ganz besondere Lernerfahrung.

Schon in wenigen Jahren werden alle Zeitzeugen des Nationalsozialismus gestorben sein. Wie bewerten Sie es, wenn jetzt technische Neuerungen wie Augmented Reality für die Arbeit mit Zeitzeugen eingesetzt werden?

Der WDR ist ja nicht die einzige Einrichtung, die Augmented Reality nutzt, um die Erinnerung von Zeitzeugen zu bewahren. Die Shoah Foundation tut das zum Beispiel auch. Hierfür wurden Zeitzeuginnen und Zeitzeugen viele Stunden interviewt. Dann wurden Algorithmen so programmiert, dass eine Frage-Antwort-Situation möglich wird. Als Ergebnis entsteht die Illusion eines Gesprächs mit dem Hologramm eines Zeitzeugen. Das sehe ich nicht nur positiv. Denn wie mir eine Mitarbeiterin der Shoah Foundation erzählt hat, gehen viele Schülerinnen und Schüler aus dieser Situation heraus mit dem Eindruck, "wir haben mit einem Zeitzeugen geskyped". Das finde ich problematisch, vor allem weil der Eindruck auf Algorithmen beruht, über deren Programmierung wir nichts wissen.

Bei der App des WDR gibt es ja diese Interaktivität nicht in der Form, sondern es sind eher kuratierte Erzählungen...

Ja, aber auch hier wird stark mit Emotionen gearbeitet. Die Schülerinnen und Schüler sehen die Erzählungen und sind vermutlich erst einmal erschüttert. Wichtig ist aber, dass diese Erzählungen nicht allein stehen, sondern dass die Informationen eingebettet werden – wie es mit der App und dem begleitenden Unterrichtsmaterial ja auch passiert. Sonst bestehen im Prinzip dieselben Risiken wie mit Live-Zeitzeugen im Unterricht.

Welche Risiken sind das?

Das größte Risiko ist die Überwältigung. Der Besuch eines Zeitzeugen hinterlässt bei den Schülerinnen und Schülern oft einen starken Eindruck, so dass die kritische Distanz zu der Erzählung verloren gehen kann, wie meine empirische Studie zur Wirksamkeit von Zeitzeugenbefragungen im Geschichtsunterricht gezeigt hat. Uns Erwachsenen ist klar, dass Erinnerung immer subjektiv ist und sich im Lauf der Zeit verändert. Wenn ich zwei Zeitzeugen zu demselben Ereignis befrage, werde ich nie dieselbe Geschichte hören. Den Schülerinnen und Schülern ist das aber oft nicht bewusst. Sie sehen die Wahrheit des Zeitzeugen schnell als historische Wahrheit an. In meiner Zeit als Geschichtslehrerin in Reutlingen habe ich zum Beispiel im Unterricht über die Tötungsanstalt "Schloss Grafeneck" auf der Schwäbischen Alb gesprochen. Dort wurden in der Zeit des Nationalsozialismus viele Menschen mit Behinderungen oder Krankheiten ermordet. Eine Schülerin hat dazu ihre Oma interviewt, und die sagte, das mit den Juden auf Grafeneck, das habe man ja damals gar nicht gewusst. Die Schülerin kannte den Unterschied zwischen der Tötungsanstalt im Kontext des Euthanasie-Programms und der Verfolgung und Ermordung der Juden sehr gut, doch weder hat sich in dem Gespräch genauer nachgefragt, noch hat sie in der Dokumentation die Aussage ihrer Oma kommentiert oder korrigiert. Als ich sie in einem Zweiergespräch auf die Aussage ihrer Oma angesprochen habe, war sie regelrecht beleidigt. Dieses Beispiel zeigt auch, wie schwer oder unmöglich es ist, die Aussagen der eigenen Verwandten, die als Zeitzeugen befragt werden, im Unterricht in Frage zu stellen bzw. – in der Sprache der Fachdidaktik – zu "dekonstruieren".

Wie sollte der Umgang mit Zeitzeugen im Geschichtsunterricht aussehen?

Die Lehrkraft muss sich des Risikos der Überwältigung bewusst sein, damit sie die Schülerinnen und Schüler hier entsprechend einfangen kann. Ziel des Geschichtsunterrichtes muss es immer sein, dass die Jugendlichen lernen, einen kritischen und unabhängigen Blick zu bewahren. Sie müssen sich fragen: Stimmt das, was mir erzählt wird? Welche Argumentation wird in der Erzählung aufgebaut? Warum wird mir das erzählt? Diese Dekonstruktion ist ganz zentral. Wenn das so im Unterricht aufbereitet wird, dann können die Schülerinnen und Schüler viel über historisches Denken lernen. Wichtig ist, dass sie das Erzählte einordnen können. In der App bekommen die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel noch Informationen über die historischen Ereignisse und über die Biografien der Protagonistinnen. Solche Zusatzinfos sind ganz wichtig.

Die Erzählungen der Protagonistinnen in der App werden von Animationen unterstützt. Wie finden Sie das?

Das unterstützt natürlich die starke Emotionalisierung. Ich sehe, dass die Schüler-Sehgewohnheiten so sind, dass sie Inhalte stark medial aufbereitet bekommen. Dem wird hier entsprochen. Genau über diesen Prozess der Kuratierung und Gestaltung in der App würde ich mit den Schülerinnen und Schülern sprechen, auch insgesamt über den Entstehungsprozess dessen, was sie in der App sehen – ich würde also die Geschichte(n), die mit der App erzählt wird, mit den Jugendlichen dekonstruieren.

Dafür steht den Lehrkräften auf Planet Schule noch ein Making-of zur Verfügung. Außerdem bietet die WDR-Redaktion Schulen in NRW einen Besuch im Geschichtsunterricht an, bei dem die Schülerinnen und Schüler ihre Fragen zur App stellen können.

Das finde ich sehr spannend. Hier würde ich zum Beispiel fragen, wie die Zeitzeugen ausgewählt wurden, wie die Interviews abgelaufen sind und ob es einen Leitfaden für die Fragen gab. Sicher ist ein solcher Dialog nicht in jeder Unterrichtssituation in jeder Klasse möglich. Aber dass die Möglichkeit gegeben wird, das finde ich sehr gut.

Was denken Sie: Sollte sich der Geschichtsunterricht generell öffnen für technische Neuerungen wie Augmented oder Virtual Reality?

Das wird man auf jeden Fall machen müssen, wenn man weiterhin Schülerinnen und Schüler für Geschichte begeistern will. Aber ich denke, die Geschichtsdidaktik ist dafür auch gut aufgestellt. Im Fach Geschichte wird seit jeher mit Medien unterschiedlicher Art gearbeitet. Da passen diese neuen Vermittlungsformen gut hinein.

Lehrkräfte, die Interesse an einem Werkstattgespräch zur App in ihrem Geschichtsunterricht haben, können sich wenden an: ar@wdr.de