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Hintergrund: Der Vielvölkerstaat Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten

Die Spuren der Jugoslawienkriege sind allgegenwärtig

  • Ruinen eines ehemaligen Regierungsgebäudes (Quelle: Imago) Belgrad 2015: Die Ruinen eines ehemaligen Regierungsgebäudes 15 Jahre nach dem Bombenangriff der Nato (Quelle: Imago)

Von 1991 Bis 2001 dauern die Bürgerkriege im ehemaligen Jugoslawien. Nach der Annahme einer von der NATO und der EU vermittelten Vereinbarung zwischen der Republik Mazedonien und der albanischen paramilitärischen Organisation UÇK im August 2001 herrscht offiziell Frieden. Aber vor allem im Kosovo und in Bosnien-Herzegowina ist der Hass zwischen den verschiedenen Volksgruppen noch immer groß. Hier wurde die Trennung der ethnischen Gruppen auch institutionell eingeführt. Es gibt verschiedene Amtssprachen in einem Land. Die Kinder lernen in ethnisch getrennten Klassen und Kontakte, die Gemeinsamkeiten zwischen den Angehörigen verschiedener Ethnien ermöglichen könnten, werden systematisch unterbunden. Der Bürgerkrieg und die Zersplitterung in Nationen haben in allen Kleinstaaten wirtschaftliche Probleme geschaffen. Während sich Länder wie Slowenien und Kroatien Jahre nach dem Krieg wirtschaftlich erholen können, gibt es in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo hohe Arbeitslosenraten und es besteht in beiden Ländern kaum Hoffnung auf ein wirtschaftliches Wachstum. Zudem erschüttern immer wieder Korruptionsskandale die Wirtschaft und die öffentliche Verwaltung dieser Länder.

Die Gründung des Vielvölkerstaates 1918 und der Faschismus

  • Karte Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen 1918 (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) Im Königreich lebten 1918 über zwanzig verschiedene ethnische Minderheiten (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

Im Gebiet des späteren Jugoslawien leben im 19. Jahrhundert verschiedene Volks- und Religionsgruppen. Diese Vielfalt hatte sich historisch aus Migrationsbewegungen, religiöser Konvertierung und kultureller Vermischung entwickelt. Bis 1912/1913 gehört das spätere Jugoslawien zu zwei Monarchien, die sich sowohl kulturell, als auch politisch und wirtschaftlich grundsätzlich unterscheiden. Die Österreichisch-Ungarische Monarchie herrscht über den Norden, das Osmanische Reich über die südlichen Teile der Region.

Am 1. Dezember 1918 wird das „Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen“ gegründet. Vorausgegangen sind dieser Staatsgründung drei blutige Balkankriege. Der Zusammenschluss zum neuen Königreich ist mit der Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben und einer Stärkung gegen die mächtigen Nachbarstaaten Deutschland und Russland verbunden. 1929 erhält das Königreich den Namen Jugoslawien. In wirtschaftlicher, kultureller und religiöser Hinsicht ist der Staat von Beginn an vielgestaltig und kompliziert. Die Slowenen und „Serbokroaten“, zu denen auch Montenegriner, bosnische Muslime und Mazedonier zählen, bilden mit rund 85% der Bevölkerung die Mehrheit. Es leben im Königreich noch etwa 20 weitere ethnische Minderheiten, darunter Türken, Albaner, Deutsche und Magyaren, Menschen jüdischen Glaubens, Katholiken, Serbisch-Orthodoxe und Muslime. Auch die Roma sind eine bedeutende Volksgruppe. Es existiert ein starkes wirtschaftliches Gefälle: Die Regionen Slowenien und Kroatien im Nordwesten Jugoslawiens sind wohlhabend, das Kosovo, Montenegro und Mazedonien im Südosten des Landes sind wirtschaftlich sehr wenig entwickelt.

Im zweiten Weltkrieg wird das Königreich Jugoslawien von Italien und Deutschland überfallen und besetzt. Die deutschen und italienischen Faschisten haben bereits vor dem Krieg in Kroatien die Ustascha unterstützt. Die Ustascha ist zunächst ein rechtsextremer terroristischer Geheimbund, der sich mit ausländischer Hilfe zu einer faschistischen Bewegung entwickelt.

1941 errichtet die Ustascha einen unabhängigen Staat Kroatien, den sie über das Gebiet des heutigen Kroatiens hinaus auch auf Bosnien und Herzegowina ausweitet. Sie erlässt Rassengesetzte nach dem Vorbild des Dritten Reiches. Für eine sogenannte „Rekroatisierung“ verfolgt und ermordet das Ustascha-Regime systematisch Menschen bestimmter ethnischer und religiöser Gruppen besonders Serben, Juden und Roma. Massiv geht die Ustascha auch gegen die politische Opposition vor.

Titos Partisanen und das sozialistische Jugoslawien

  • Tito (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) 1945 wird Tito Ministerpräsident der Volksrepublik Jugoslawien (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

Die kommunistischen Partisanen, unter Führung von Josip Broz Tito, kämpfen ab 1941 gegen das Ustascha-Regime und gegen die deutschen und italienischen Besatzer. Die Partisanen werden, trotz mehrmaliger Gesuche, nicht von der kommunistischen Sowjetunion unterstützt. Titos Partisanenbewegung, die im Winter 1944/45 die Stärke von 400 000 Männer und Frauen erreicht, befreit das künftige Jugoslawien weitgehend ohne ausländische Hilfe. Nur die britische Regierung unter Winston Churchill unterstützt die kommunistischen Partisanen. Sie gründen 1945, unmittelbar nach Kriegsende, unter dem Vorsitz von Tito eine multiethnische jugoslawische Föderation - ein Gegenmodell zum faschistischen Ustascha-Staat, der die Region mit unvorstellbarem Terror überzog.

Die Zerstörungen sind immens, das Land ist völlig verwüstet. Mehr als eine Million Menschen sind im Krieg gestorben, 3,5 Millionen obdachlos geworden. Weil die deutsche Wehrmacht bei ihrem Rückzug systematisch Anlagen, Betriebe und Infrastruktur in Schutt und Asche legte, ist 1945 ein Drittel der Industrie zerstört. Jugoslawien bekommt internationale Hilfen für den Wiederaufbau. Allein aus dem UNO-Wiederaufbauprogramm erhält das Land 419 Millionen Dollar. Der größte Teil fließt in den Kauf von Lebensmitteln, Kleidung und Medikamenten.

Jugoslawien geht unter der Führung von Tito einen eigenen sozialistischen Weg. Sein Land soll die Auswüchse des Kapitalismus durch industriellen Fortschritt und soziale Gerechtigkeit bekämpfen. Mit der Zeit setzt sich Tito immer stärker von der kommunistischen Sowjetunion ab und hält wirtschaftliche Beziehungen zu den westlichen, kapitalistischen Ländern. Unter dem Motto „Wiederaufbau ohne Rast“ leistet die neu gegründete Volksrepublik Jugoslawien den wirtschaftlichen und politischen Aufbau des Landes. Wirtschaftlich verfolgt Tito ein Modell der sozialistischen Marktwirtschaft, die private Klein- und Familienbetriebe zulässt. Durch eine kontrollierte Öffnung der Staatsgrenzen für Gastarbeiter und Touristen erreicht der Staat Jugoslawien in den 1960iger Jahren einen relativen Wohlstand für seine Einwohner.

Mit dem Tod Titos beginnt der Zerfall

  • Begräbnisfeier in Belgrad (Quelle: dpa) Tito stirbt am 4. Mai 1980. Er war von 1945 bis zu seinem Tod Ministerpräsident Jugoslawiens (Quelle: dpa)

Der Zerfall des Vielvölkerstaates Jugoslawien beginnt Anfang der 1980er Jahre. In den einzelnen Teilrepubliken kommt es immer häufiger zu Protesten. Es werden mehr Autonomie und Unabhängigkeit vom Machtzentrum in Belgrad gefordert. Eine anhaltende Wirtschaftskrise führt besonders in den weniger entwickelten Republiken im Süden Jugoslawiens zu großer Armut. Die Volksrepublik Jugoslawien hat sich in den 1970er Jahren am internationalen Finanzmarkt verschuldet und kann die Rückzahlung der Kredite nur mithilfe großer Einsparungen bei der Versorgung der Bevölkerung leisten. Doch die Lebensbedingungen verschlechtern sich in allen Teilen Jugoslawiens. Nach dem Tod des Staatschefs Josip Broz Tito am 4. Mai 1980 fehlt es an einer Staatsführung, die von den Bewohnern in den Teilrepubliken Jugoslawiens gemeinsam anerkannt wird. Tito führte die Volksrepublik autoritär und war dennoch in allen Teilrepubliken sehr populär - ein charismatischer Politiker, der für den Vielvölkerstaat einstand und ihn verteidigte. Mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem von ihr dominierten sozialistischen Ostblock verliert auch der Kommunismus als Staatsideologie an Kraft. Es entsteht ein Machtvakuum, das in Jugoslawien vor allem von nationalistisch orientierten Kräften besetzt wird. Die nationalistischen Parteien und ihre Vertreter wollen staatliche Eigenständigkeit, die auf ethnisch weitgehend homogene Nationen gründet. Überall in den Teilrepubliken werden Minderheiten wegen ihrer kulturellen oder religiösen Zugehörigkeit verfolgt, vertrieben und ermordet. Im Jugoslawienkonflikt wird der Begriff der „ethnischen Säuberung“ erstmals benutzt. Allein im Bosnienkrieg sterben rund 100 000 Menschen. Zehn Jahre dauern die Kämpfe und Kriege, die allgemein als „Jugoslawienkriege“ bezeichnet werden. Millionen Menschen müssen aus ihrer Heimat fliehen.

Das Massaker von Srebrenica

  • Männliche Flüchtlinge (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) Muslimische Männer und Jungen werden abtransportiert und später von serbischen Milizen ermordet (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)
  • (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) Dragana Vučetić untersucht die Überreste der während des Massakers von Srebrenica ermordeten Muslime (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

In Srebrenica geschah während des Bosnienkrieges eines der grausamsten Ereignisse der Jugoslawienkriege. Das Massaker wird heute vom UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien als Völkermord definiert. Blauhelmsoldaten der UNO hatten in Srebrenica 1995 eine UN-Schutzzone errichtet. Dennoch konnte der serbische General Ratko Mladić mit serbischen Milizen 30 000 muslimische Einwohner von Srebrenica aus der Schutzzone der Vereinten Nationen regelrecht abtransportieren. 8000 von ihnen, fast ausschließlich Jungen und Männer, wurden von den Serben ermordet

Auch 20 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica werden in Massengräbern Überreste der Opfer des jugoslawischen Bürgerkrieges geborgen. Die Gerichtsmedizinerin Dragana Vučetić arbeitet mit weiteren 150 internationalen Kollegen an der Identifizierung der Knochen und Kleidungsreste. Sie selbst ist Serbin. Um die unzähligen Vermissten zu finden und zu identifizieren, wird 1996 das Internationale Komitee für vermisste Personen (ICMP) gegründet. 20 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica, im Juli 1995, sind viele Opfer immer noch nicht gefunden und identifiziert. Finanziert wird die Organisation ICMP aus Zuschüssen, Spenden und Beiträgen von verschiedenen Staaten, unter anderem den Vereinigten Staaten, der EU und Kanada.

  • Denkmal und Friedhof in Potočari, Überlebende des Massakers von Srebrenica (Quelle: Imago) Der Friedhof von Potočari. Hier werden die Überreste der Opfer des Massakers von Srebrenica bestattet (Quelle: Imago)

Auf dem Friedhof in Potocari, nordwestlich der Stadt Srebrenica, werden die Überreste der Ermordeten nach ihrer Identifizierung bestattet. Bisher gibt es 6000 Gräber, jedes Jahr kommen neue Grabsteine dazu. Heute ist der Friedhof ein Mahnmal und ein Erinnerungsort. Verwandte und Freunde der Opfer des Massakers können hier um ihre Toten trauern.

Die neuen Staaten im ehemaligen Jugoslawien

  • Karte (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) Die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts entstehen im ehemaligen Jugoslawien sieben Nachfolgestaaten: Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Montenegro, Mazedonien und das Kosovo. Mehr als vier Millionen Menschen müssen fliehen, um den Weg frei zu machen für die Gründung der neuen Nationalstaaten. In einer Region, die lange von ethnisch-kultureller Vielfalt geprägt war, werden die neuen Staaten auf der Basis von Gewalt, feindseligem Nationalismus und ethnischer Feindschaft gebildet. Mit der Unabhängigkeit des Kosovo im Jahr 2008 ist der Zerfall Jugoslawiens endgültig besiegelt. In allen Staaten will man in ethnisch möglichst homogenen Bevölkerungen leben. Die Nationalstaaten treten an die Stelle des Vielvölkerstaates Jugoslawien, der nach dem Zweiten Weltkrieg 70 Jahre lang bestanden hatte.

Die Flüchtlingskrise in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens

  • Flüchtlinge (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) 2015 spitzt sich die Flüchtlingskrise auf der sogenannten Balkanroute zu (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

Über die Balkanroute versuchen Hunderttausende Flüchtlinge aus Krisenregionen nach Westeuropa zu gelangen. Ein großer Teil von ihnen sind 2015 Flüchtlinge aus dem Kosovo, Albanien und Serbien. Bereits mit dem Zerfall Jugoslawiens hat diese Flüchtlingsbewegung begonnen. Laut internationalen Schätzungen des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) waren während der Jugoslawien-Kriege rund 2,3 Millionen Menschen als Flüchtlinge registriert. Davon flohen rund 400 000 außerhalb der Grenzen des ehemaligen Jugoslawien, viele von ihnen nach Deutschland. Nach dem Krieg kehrten die meisten Flüchtlinge in die Nachfolgestaaten Jugoslawiens zurück.

Doch die Lebensbedingungen in einigen der Länder sind bis heute schlecht. Eine hohe Arbeitslosigkeit, ethnische Ausgrenzung und Perspektivlosigkeit treiben die Menschen zur Flucht. Viele von ihnen beantragen in Deutschland Asyl. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) sind 2015 ein Viertel der Flüchtlinge aus dem Westbalkan: Albanien, Kosovo, Serbien, Mazedonien, Bosnien und Herzegowina und Montenegro. Die europäische Finanz- und Wirtschaftskrise hat diesen Trend verstärkt. Hunderttausende Albaner arbeiteten bisher in Griechenland und Italien. Mit der Wirtschaftskrise in den südlichen EU-Ländern bleibt ihnen dieser Arbeitsmarkt verschlossen.

Die EU-Kommission kritisiert, dass Roma in allen Staaten des ehemaligen Jugoslawien an der Ausübung von Grundrechten wie dem Zugang zu Bildung und Ausbildung, zur Gesundheitsversorgung und zum Arbeitsmarkt gehindert sind. Nach Angaben der serbischen Regierung lebt in Serbien ein großer Teil der Roma in unsicheren und unhygienischen Verhältnissen, viele von ihnen haben keinen Zugang zu Trinkwasser.

Die ohnehin schwierige Lage im ehemaligen Jugoslawien wird noch zusätzlich verschärft, da diese Staaten auf der Balkanroute liegen. Diese ist Fluchtweg für viele Menschen aus Krisenregionen wie Syrien, Irak oder Afghanistan und führt über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien und Slowenien bis nach Westeuropa.

Hoffnung auf eine europäische Perspektive

  • EU-Fahne vor Stadtansicht (Quelle: Imago) Kroatien ist seit 2013 Mitglied der Europäischen Union. 1991 erklärt Kroatien seine Unabhängigkeit von der Volksrepublik Jugoslawien (Quelle: Imago)

Als erstes Land aus dem ehemaligen Jugoslawien tritt Slowenien 2004 der Europäischen Union (EU) bei. 2013 folgt Kroatien. Allen anderen Nachfolgestaaten Jugoslawiens ist die Mitgliedschaft in Aussicht gestellt. Die Europäische Union stellt Bedingungen für den Beitritt. Die Staaten sollen zur Aufklärung von Kriegsverbrechen während der Jugoslawienkriege beitragen und den Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien unterstützen. Besonders im Fall von Serbien führen die EU-Beitrittswünsche zur Auslieferung mutmaßlicher Kriegsverbrecher. Aber auch gemeinsame Infrastrukturprojekte in den Nachfolgestaaten werden von der EU gefördert. Der Wunsch, in die Europäischen Union integriert zu werden, hat zu einer Annäherung zwischen den Ländern geführt. 2010 wurde beispielsweise der Zugverkehr zwischen Belgrad und Sarajewo wieder aufgenommen. Auf der Strecke müssen Reisende jetzt allerdings zwei Staatsgrenzen passieren. Erwartet werden von den EU-Beitrittskandidaten auch die institutionelle Stabilität demokratischer Einrichtungen sowie die Achtung und der Schutz der Menschenrechte. Da in einzelnen Nachfolgestaaten Jugoslawiens ausufernde Korruption und die anhaltende Diskriminierung von Minderheiten Alltag sind, kann es noch viele Jahre dauern, bis die Europäische Union sich über das gesamte Gebiet des ehemaligen Jugoslawien erstreckt.