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Krieg der Träume

Krieg: 1938 - 1939 | Hintergrund

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Autor/in
Dirk Praller

Hitlers Expansionspolitik – der „Anschluss“ Österreichs

Adolf Hitler und Benito Mussolini (Foto: imago, United Archives International)
Adolf Hitler und der italienische Diktator Benito Mussolini, München 1937 imago, United Archives International Bild in Detailansicht öffnen
Novemberpogrome: Zerstörung jüdischer Geschäfte, Berlin, November 1938 imago, United Archives International Bild in Detailansicht öffnen

Im Oktober 1936 verständigen sich Adolf Hitler und der italienische Diktator Benito Mussolini über die außenpolitischen Interessen ihrer Staaten. Der Duce gibt seinen Widerstand gegen eine Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich auf. Hitler fördert die von österreichischen Nationalsozialisten geschürten Spannungen im Land. Das Hilfsgesuch eines österreichischen NS-Ministers liefert den Vorwand für den – von jubelnder Bevölkerung begrüßten - Einmarsch deutscher Truppen im März 1938. Hitler verkündet das „Großdeutsche Reich“; schon bald nach dem „Anschluss“ nimmt die Gestapo in Österreich mehr als 20 000 Menschen in „Schutzhaft“.

Auch der jüdische Lebensgefährte der Frauenärztin Edith Wellspacher (*1909), von dem sie ein Kind erwartet, wird ins KZ Dachau deportiert. Wellspacher, die an ihrem Arbeitsplatz, der Wiener Universitätsklinik, täglich mit nationalistisch und antisemitisch eingestellten Kollegen zu tun hat, weiß, was die Stunde geschlagen hat; die Erfolge der Nationalsozialisten und der bevorstehende Krieg, den sie für unausweichlich hält, lassen sie verzweifeln. Ihre Entlassung aus dem Krankenhaus ist das Eine, die Bedrohung für Leib und Leben das Andere. Wellspacher bittet ihren nationalsozialistisch gesonnenen Geliebten, der ihr dringend zur Flucht rät, um eine illegale Abtreibung und verlässt im Sommer 1938 Österreich mit Ziel Tasmanien. Wenige Monate später zerstören die Nazis in der Pogromnacht vom 9. November 1938 in ganz Deutschland jüdische Geschäfte, stecken Synagogen in Brand und ermorden hunderte Menschen. Edith Wellspacher heiratet einen britischen Kolonialbeamten, wird Mutter und lebt zeitweise in Paris. Nach der Besetzung durch die Deutschen wird sie im Dezember 1940 vorübergehend interniert, ehe sie nach einer langen Odyssee 1944 nach England zieht, wo sie ein zweites Kind bekommt. 1948 lässt sie sich mit ihrem Mann in Australien nieder; sie verdient ihren Lebensunterhalt zunächst als Sprachlehrerin, studiert Psychologie und Architektur und arbeitet als Architektin und Künstlerin; sie stirbt 2004.

Der Weg in den Zweiten Weltkrieg

Ankunft in Prag (Foto: imago, CTK Photo)
Tschechische Staatsbürger, die aus dem von Hitler „eingegliederten“ Sudetenland fliehen mussten, kommen in Prag an, September 1938 imago, CTK Photo Bild in Detailansicht öffnen
Sudetendeutsche begrüßen Adolf Hitler 1938 in Usti im Sudetenland imago, CTK Photo Bild in Detailansicht öffnen

Nach der Eingliederung Österreichs setzen die Nationalsozialisten ihre „Heim ins Reich“- Politik fort und verlangen die von der sudetendeutschen Minderheit besiedelten Gebiete in der Tschechoslowakei als „letzte territoriale Forderung“. Um einen Krieg zu vermeiden, setzen England und Frankreich auf eine Politik der Beschwichtigung („Appeasement“); deren Höhepunkt ist das Münchner Abkommen vom 29. September 1938, das die Abtretung des Sudetenlands an Deutschland besiegelt. Die tschechoslowakische Bevölkerung und ihr Staatspräsident Beneš, der von den Verhandlungen ausgeschlossen ist, fühlen sich von den Schutzmächten verraten. Der britische Premierminister Neville Chamberlain glaubt, den Krieg in Europa, den Hitler provozieren wollte, verhindert zu haben. Das erweist sich als Irrtum. Im März 1939 besetzen deutsche Truppen - unter Bruch des Münchner Abkommens - die verbliebenen Teile der Tschechoslowakei. Mit der Gründung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ ist der imperialistische Charakter der deutschen Außenpolitik unübersehbar. Chamberlain verkündet das Ende der Appeasement­Politik. Während Großbritannien und Frankreich am 31. März eine Garantieerklärung für Polen abgeben, schließt Deutschland im August 1939 einen Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion. In einem geheimen Zusatzprotokoll teilen die beiden Staaten Polen unter sich auf. Mit dem deutschen Überfall auf Polen beginnt am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg; zwei Tage später erklären England und Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg.

Sir Oswald Mosley mit Ehefrau Diana (geb. Mitford) und Sohn Mark (Foto: imago, United Archives International)
Sir Oswald Mosley mit Ehefrau Diana (geb. Mitford) und Sohn Mark 1962 imago, United Archives International

Als Hitler im März 1938 vor der Wiener Hofburg den „Anschluss“ Österreichs verkündet, steht Unity Mitford (*1914) neben ihm. Die Tochter des englischen Barons Redesdale gehört zur High-Society des NS-Regimes und ist stolz auf die Prominenz, die ihr die Nähe zu Hitler verschafft. Ihr Vater sieht sich gegenüber der britischen Presse zeitweise genötigt, eine bevorstehende Verlobung seiner Tochter mit Herrn Hitler zu dementieren. Unity konkurriert mit ihren Schwestern Jessica, Nancy und Diana, die in der englischen Öffentlichkeit ebenfalls bestens bekannt sind. Die bekennende Kommunistin Jessica reist 1936 nach Spanien, um die Republik im Spanischen Bürgerkrieg zu unterstützen, ehe sie in die USA auswandert, wo sie (lebenslanges) Mitglied der dortigen Kommunistischen Partei wird. Nancy hat als Autorin von Romanen und historischen Biographien großen Erfolg. Diana, die Unity politisch am nächsten steht, heiratet 1936 in zweiter Ehe den britischen Faschistenführer Oswald Mosley. Bei der – bis 1938 geheim gehaltenen - Eheschließung im Berliner Büro von Propagandaminister Joseph Goebbels sind außer den Trauzeugen und dem Standesbeamten nur Hitler und Goebbels anwesend.

In Großbritannien, wo es in den 1930er Jahren quer durch alle gesellschaftlichen Schichten Sympathien für die Nazis und ihren Antikommunismus gibt, wirbt Unity Mitford für Hitlers vermeintliche Friedenspolitik und eine Allianz zwischen England und dem nationalsozialistischen Deutschland. Dass ihr Idol seit Jahr und Tag einen Angriffskrieg plant, will sie nicht wahrhaben. Am Tag der britischen Kriegserklärung an Deutschland, am 3. September 1939, schießt sich Mitford in München eine Kugel in den Kopf.. In ihrem Abschiedsbrief an Hitler, dem sie das goldene Parteiabzeichen beilegt, das er ihr einst geschenkt hatte, schreibt sie, sie könne den Krieg zwischen Deutschland und England nicht ertragen. Der Suizidversuch misslingt. Die Ärzte wagen keine Operation, u. a. weil sie fürchten, die britische Öffentlichkeit könne bei einem Misserfolg an die Ermordung Mitfords glauben. Hitler besucht Mitford im Krankenhaus; als er ihr das Parteiabzeichen zurückgibt, verschluckt sie es vor seinen Augen. Teilweise genesen, wird Unity Mitford im April 1940 von ihrer Mutter nach England gebracht, wo sie 1948 den Spätfolgen des Selbstmordversuchs erliegt.

Unity Mitford (Foto: imago, United Archives International)
Unity Mitford, englische Adelstochter imago, United Archives International Bild in Detailansicht öffnen
Hitler-Verehrerin und Antisemitin imago, United Archives International Bild in Detailansicht öffnen

Pola Negri – von den USA nach Deutschland und zurück

Pola Negri (Foto: imago, Hollywood Photo Archive)
Pola Negri in UFA Produktion „Mazurka“, 1935 imago, Hollywood Photo Archive

Pola Negri (*1897) hat Deutschland 1922 als Stummfilmstar verlassen, um ihre Karriere in Hollywood fortzusetzen. Nach einigen Anfangserfolgen wird die Erfindung des Tonfilms für sie zum Problem; da das Publikum ihren starken Akzent nicht akzeptiert, wird sie kaum noch besetzt. Als sie in finanzielle Schwierigkeiten gerät, kehrt sie 1934 nach zwölf Jahren Abwesenheit nach Deutschland zurück. Obwohl Propagandaminister Joseph Goebbels sie wegen ihrer angeblich jüdischen Abstammung zunächst mit einem Drehverbot belegt, erhält sie nach persönlicher Intervention von Adolf Hitler 1935 die Hauptrolle in dem UFA-Film Mazurka. Der Film ist ein großer Kassenerfolg, woraufhin Negri bis Ende 1938 noch fünf weitere Filme in Berlin dreht.

Nationalsozialistische Filmpolitik, Propaganda und Unterhaltung

Joseph Goebbels und Leni Riefenstahl (Foto: imago, United Archives International)
Joseph Goebbels und Leni Riefenstahl, November 1937 imago, United Archives International Bild in Detailansicht öffnen
Pola Negri mit dem dreijährigen Geparden Kinna, der mit ihr im Walt Disney-Film „The Moon-Spinners“ vor der Kamera steht, Hollywood 1963 imago, ZUMA/Keystone Bild in Detailansicht öffnen

Zwischen 1933 und 1945 ist die Filmproduktion in Deutschland dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter Joseph Goebbels unterstellt. Es unterwirft nicht nur das gesamte öffentliche Leben der Regie der Partei, sondern setzt auch Filme effizient für seine Zwecke ein. Die Filmindustrie wird zentralisiert; von den über 100 Produktionsgesellschaften, die es zwischen 1930 und 1932 in der Weimarer Republik gab, bleibt 1942 nur ein einziges Unternehmen übrig, der staatseigene Ufi-Konzern (Ufa-Film GmbH). Es gibt eine scharfe Filmzensur. Ein Reichsfilmdramaturg prüft alle Drehbücher, Manuskripte und Filmentwürfe noch vor Produktionsbeginn. Eine unabhängige Filmkritik existiert nicht. Jeder, der beim Film tätig ist, muss Mitglied der Reichsfachschaft Film sein. Unerwünschten Personen wird die Mitgliedschaft verweigert, was einem Berufsverbot gleichkommt.

Obwohl reine Propagandafilme nur einen Anteil von etwa 20% an der Filmproduktion haben und Unterhaltungsfilme bei weitem überwiegen, fühlt sich Pola Negri von den Nazis zunehmend vereinnahmt. Als sich die Anzeichen eines bevorstehenden Krieges mehren, täuscht sie eine Urlaubsreise nach Frankreich vor und verlässt nach der Pogromnacht im November 1938 - trotz bestehender Verträge - das Land für immer. Als deutsche Patriotin taugt sie nicht; die nationalen Exzesse sind ihr zuwider.
Als Pola Negri 1941 in die USA zurückkehrt, wird sie dort wegen ihrer vermeintlichen Nähe zu Hitler zwischenzeitlich auf Ellis Island interniert, ehe sie 1943 ihre vorerst letzte Filmrolle bekommt. In den 1950er Jahren lebt sie als erfolgreiche Grundstücksmaklerin in Texas. In ihrem letzten Film The Moon-Spinners von 1964 bilanziert sie – ironisch - ihr Leben: „Ich habe zwei Weltkriege überlebt, vier Revolutionen und fünf Männer“. Sie stirbt 1987 in den USA.

Alle Themen zum Schwerpunkt Krieg der Träume

Überleben

Sommer 1918. Seit vier Jahren tobt der Erste Weltkrieg. Lange waren die Fronten festgefahren, Hunderttausende sind in dem brutalen Stellungskrieg gefallen. Doch seit dem Kriegseintritt der Amerikaner 1917 haben sich die Alliierten Vorteile erkämpft. Im Herbst 1918 ist eine deutsche Niederlage nicht mehr abzuwenden: Deutschland muss kapitulieren. Am 11. November tritt der Waffenstillstand in Kraft.

Krieg der Träume SWR Fernsehen

Frieden

Paris 1919: Politiker aus Großbritannien, den USA, Frankreich, Italien und anderen Staaten verhandeln auf der Friedenskonferenz über die Zukunft Europas: Die Großmächte dominieren die Verhandlungen mit dem Ziel, die eigene Vormachtstellung in der Welt zu sichern. Die deutsche Delegation hat keine Wahl, sie muss den Versailler Vertrag unterschreiben, der das Land zu Gebietsabtretungen, Abrüstung und hohen Reparationszahlungen verpflichtet.

Krieg der Träume SWR Fernsehen

Entscheidungen

Die wirtschaftliche Lage in Europa ist prekär: Inflation und Arbeitslosigkeit steigen. Breite Teile der Bevölkerung leiden Hunger. In Italien kommt es zu schweren Unruhen, in Deutschland besetzen kommunistische Kämpfer Fabriken, um gegen die Arbeitsbedingungen zu protestieren. Rechte Freikorps und die Reichswehr gehen brutal gegen Arbeiter vor. Während die Kluft zwischen Arm und Reich wächst, boomt in Berlin die Unterhaltungsindustrie.

Krieg der Träume SWR Fernsehen

Revolution

Moskau ist ein Sehnsuchtsort für alle, die von einer kommunistischen Gesellschaft träumen. Intellektuelle und Freiheitskämpfer aus ganz Europa pilgern hierher. Doch wird das Gesellschaftsexperiment vor allem mit Gewalt voran­getrieben. Deutschlands Wirtschaft liegt am Boden, der Staat ist pleite. Frankreich besetzt 1923 wegen ausbleibender Reparationszahlungen das Ruhrgebiet. Um den Verpflichtungen nachzukommen, wirft Deutschland die Notenpressen an: Eine Hyperinflation ist die Folge.

Krieg der Träume SWR Fernsehen

Crash

Während eine kleine Oberschicht die „Goldenen Zwanziger“ genießt, leben in den Armenvierteln Millionen Menschen im Elend. Ende 1927 kommt ein neues Finanzprodukt aus Amerika nach Europa: der Konsumentenkredit. Die Menschen kaufen massenhaft auf Pump und spekulieren mit Aktien. Mit dem Schwarzen Freitag 1929 zerplatzt der Traum vom Aufschwung für alle. Die US-Banken ziehen ihr Geld ab und verlangen die Kredite zurück. Banken brechen zusammen, es folgen Warenhäuser und Betriebe.

Krieg der Träume SWR Fernsehen

Versprechen

Die Massenarbeitslosigkeit infolge der Weltwirtschaftskrise erreicht 1932 ihren Höhepunkt. In Deutschland kämpft die Weimarer Republik ums Überleben. Ständig wechselnde Regierungen werden zwischen Extremisten von Links und Rechts zerrieben. Kommunisten und Nationalsozialisten liefern sich blutige Straßenschlachten. Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Der Reichstagsbrand Ende Februar 1933 dient dem Regime als Vorwand für die Zerschlagung der KPD und die Verfolgung ihrer Mitglieder. Jüdische Bürger sehen sich massiven Repressalien ausgesetzt.

Krieg der Träume SWR Fernsehen

Verrat

In Deutschland herrscht Vollbeschäftigung. 1935 verabschiedet die NS­Regierung die Nürnberger Gesetze, die jüdische Bürger diskriminieren. Frankreich wählt eine sozialistische Regierung, worauf eine Kapitalflucht einsetzt, die die wirtschaftlichen Probleme verschärft. In Spanien putschen rechte Generäle unter Francisco Franco gegen die linke Regierung. 1936 bricht der Bürgerkrieg aus. Hitler und Mussolini unterstützen Franco, während junge Freiwillige aus ganz Europa für die Republik kämpfen. In der Sowjetunion lässt Josef Stalin Konkurrenten als „Volksfeinde“ brutal verfolgen und ermorden.

Krieg der Träume SWR Fernsehen

Krieg

Im März 1938 marschieren deutsche Truppen in Österreich ein. Am 9. November zerstören Nazis in der Pogromnacht jüdische Geschäfte, stecken Synagogen in Brand und ermorden hunderte Menschen. Im März 1939 besetzen deutsche Truppen die Tschechoslowakei. Der britische Premierminister Neville Chamberlain verkündet das Ende der Appeasement-Politik. Während sich Polen die Unterstützung Englands und Frankreichs sichert, schließt Deutschland einen Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion. Der deutsche Überfall auf Polen erfolgt am 1. September 1939. Der Zweite Weltkrieg beginnt.

Krieg der Träume SWR Fernsehen

Das Making-of

Wie macht man vergangene Zeiten erlebbar und bleibt dabei so nahe wie möglich an den historischen Quellen? Dieser Aufgabe hat sich die dokumentarische Dramaserie „Krieg der Träume“ gestellt: Sie zeichnet das Leben realer Personen nach und verwebt Spielszenen eng mit historischem Bildmaterial. Die unterschiedlichen Lebenssituationen der Menschen in Europa, ihre Perspektiven und politischen Utopien werden genauestens rekonstruiert. Welche Recherchearbeit darin steckt und wie Kamera und Musik eingesetzt werden, zeigt dieses Making-of.

Krieg der Träume - Das Making of SWR Fernsehen

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Autor/in
Dirk Praller