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Hintergrund: Mensch

Säuglinge und Kleinkinder

  • Baby nimmt etwas in den Mund (Quelle: picture-alliance / ZB) Baby nimmt etwas in den Mund

Babys und Kleinkinder stecken erst mal alles in den Mund. Kein Wunder, da sitzen am meisten Tastrezeptoren. Der Tastsinn entwickelt sich schon im Mutterleib ab der achten Schwangerschaftswoche, und bei der Geburt ist er der am weitesten entwickelte Sinn des Babys.

Die ganze Haut nimmt wahr, aber natürlich sitzen die meisten Tastrezeptoren in Lippen und Zunge. Die Kinder sammeln auf diese Weise Informationen über ihre Umwelt, über die Form und Beschaffenheit der Gegenstände, und es dauert ungefähr ein halbes Jahr, bis sie das mit den Fingern auch nur halbwegs genauso gut können.

  • Babymassage (Quelle: ) Schon Babys finden Massage sehr angenehm.

Feinere Unterschiede zu ertasten dauert noch länger, obwohl auch in den Fingerspitzen sehr viele Tastrezeptoren sitzen. Das Fingertasten erfordert eine Koordination der Bewegungen, die der Säugling erst lernen muss.

Dazu kommt, dass die Reizweiterleitung bei kleinen Kindern noch nicht gut entwickelt ist. Die Signale der Rezeptoren werden über das Rückenmark an das Gehirn weitergeleitet, doch die Nervenzellen im Körper sind noch im Aufbau. Erst mit einem halben bis einem Jahr sind die Neuronen weitgehend mit einer Markscheide (Myelinhülle) ummantelt, die für die Weiterleitung der elektrischen Signale eine zentrale Bedeutung haben. Und auch dann noch werden die Reize langsamer weitergeleitet als bei älteren Kindern und Erwachsenen.

Das Kleinkind muss die Reizverarbeitung trainieren, und deshalb sind Körperkontakt und das Ertasten der Umwelt so wichtig. Sein ganzer Körper arbeitet den ganzen Tag daran; selbst im Schlaf entwickeln sich Nervenverbindungen weiter. Bei Tieren wie bei Menschen bildet sich auf diese Weise auch die Fähigkeit zum emotionalen Ausdruck, zum sozialen Umgang mit anderen und nicht zuletzt zum Lernen. Ohne trainierten Tastsinn ist auch die Intelligenz niedriger.

Die Bedeutung des Tastsinns für Blinde

  • Ein Blinder tastet mit seinem Blindenstock den Boden ab (Quelle: picture-alliance; dpa) Ein Blinder mit Taststock

Wenn Menschen und Tiere nicht sehen können, werden durch ständige Übung ihre anderen Sinnesorgane deutlich schärfer. Zum einen werden sie intensiver genutzt als bei Sehenden, zum anderen sind auch im Hirn Areale frei, die normalerweise zum Verarbeiten von Bildeindrücken belegt sind. So findet man bei Blinden, dass ihre Hirnbereiche teilweise anders aktiv sind als üblich. Der somatosensorische Cortex nimmt zum Beispiel größeren Raum ein.

Noch vor dem Hören ist der Tastsinn normalerweise der wichtigste Wahrnehmungskanal von Blinden. Er kommt beim Befühlen der direkten Umgebung ebenso zum Einsatz wie im etwas weiteren Umfeld: Als verlängerter Fuß erfühlt der Blindenstock den Untergrund. Mit ihrem Tastsinn machen sich Blinde ein erstaunlich genaues Bild ihrer Umwelt. Zusätzliche Hilfe bekommen sie z. B., wenn Aufzugtasten oder Stadtpläne auch in Blindenschrift markiert sind oder die Euro-Münzen alle unterschiedliche Randriffelungen haben.

  • Blindenschrift ertasten (Quelle: picture-alliance ⁄ dpa) Blindenschrift ertasten

Wollen Blinde Bücher und Zeitungen erforschen, müssen sie sich entweder vorlesen lassen oder sie über Brailleschrift ertasten. Zusatzgeräte zum Computer lesen auch digitale Texte vor oder setzen sie in Brailleschrift um, so dass viele Blinde sehr gut mit Computer und Internet umgehen können.

Auch auf anderen Gebieten hilft die moderne Technik: So gibt es Ultraschall- oder Infrarot-Blindenstöcke, die auch die etwas weitere Umgebung ertasten und über Vibrationen im Stockgriff zurückmelden. Einige Blinde können aber darauf verzichten. Sie berichten, dass ihr Körper eine Art Ferntastsinn entwickelt hat: Auch ohne das Hören können sie Wände und große Hindernisse aus der Entfernung spüren.

Die Braille-Schrift und ihre Umsetzung

Der Franzose Louis Braille ist der Vater der heute weltweit verbreiteten Punktschrift für Blinde. Er war als Dreijähriger selbst erblindet, bewies aber als Schüler der allerersten Blindenanstalt in Paris außergewöhnliche Fähigkeiten und hatte schon mit 16 Jahren, im Jahr 1825, ein ausgereiftes Schriftsystem aus sechs Punkten entwickelt. Damals konkurrierte es gegen andere Alphabete aus Reliefbuchstaben oder Punkten und setzte sich erst 25 Jahre später erst in Frankreich und dann in anderen Ländern durch. Seit 1873 ist die Brailleschrift auch im deutschsprachigen Raum verbindlich.

Das Schema der Braille-Schrift (Quelle: Shutterstock)

Das Schema der Braille-Schrift

In Braille liegt jeder Buchstabe auf einem Raster von sechs Punkten, drei Reihen und zwei Spalten. Die Buchstaben ergeben sich daraus, auf welchem dieser sechs Felder Punkte stehen - von einem einzelnen bis zu allen sechs Punkten sind 64 verschiedene Kombinationen möglich. Das reicht für alle Grundbuchstaben der deutschen Sprache, die zehn Ziffern 0 bis 9, die wichtigsten Satzzeichen sowie die häufigsten Sonderzeichen und Buchstabenkombinationen. In anderen Sprachen gelten dieselben Kombinationen für andere Buchstaben - die westeuropäischen Braille-Buchstabentabellen sind untereinander sehr ähnlich, doch lässt sich mit den sechs Punkten auch griechisch, russisch, hebräisch, arabisch und sogar chinesisch schreiben. Seit 1980 gibt es eine Erweiterung auf acht Punkte, was 256 verschiedene Zeichen möglich macht.

Wichtig ist, dass die sechs Punkte weit genug auseinander stehen, um von der Fingerkuppe als Einzelpunkte wahrgenommen zu werden. Üblicherweise sind das zwei Millimeter Abstand von Punkt zu Punkt. Geübte Braille-Leser kommen mit ihren Fingerspitzen fast ebenso schnell durch einen Text wie Sehende, die ihre Augen über die Buchstaben wandern lassen müssen. Traditionell wurden die von hinten mit einer Schablone in Papier eingedrückt, so dass sie auf der Vorderseite hervorstehen. Eine Stanzmaschine beschleunigte das ab etwa 1900.

  • Die blinde Verena Bentele an ihrem Computer (Quelle: SWR) Verena Bentele nutzt an ihrem Computer spezielle Software für Blinde.

Der Computer als Hilfsmittel für Blinde

Das Computerzeitalter hat Blinden das Lesen weiter vereinfacht. Passende Software hilft ihnen, durchs Internet zu browsen, indem sie die Webseiten vorliest oder in Braille-Schrift umsetzt. Die Tastatur ist dann durch eine Braille-Zeile erweitert: Ein Streifen, aus dem kleine Plastikkuppen flexibel hoch und runter fahren und die Braille-Punkte darstellen. Viele Blinde Internetsurfer lesen lieber schnell mit den Fingern, als auf das Vorlesen durch ein Programm zu warten.

Wichtig ist in dem Zusammenhang übrigens, dass Webseiten "barrierefrei" gestaltet werden. Das bedeutet, dass bestimmte Vorgaben bei der Programmierung eingehalten werden müssen, wie z. B. dass alle Bilder auch ganz kurz beschrieben sind. Dann kann eine Webseite von solchen Programmen gut vorgelesen werden.

Blindenschrift lesen

Zielstrebig fährt Jonas mit den Fingerspitzen über die Erhebung der Braille-Schrift. Der blinde Junge kann mit Hilfe seines Tastsinnes diese reliefartige, speziell für blinde Menschen entwickelte Schrift lesen – in einem Ertastungsvorgang erfasst er Zeile für Zeile. Doch wie sieht es mit anderen Hautstellen aus? Kann man z.B. auch mit den Zehen Blindenschrift lesen?

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Blindenschrift lesen (Quelle: SWR) Multimedial