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Hintergrund: Rechtsextremismus: Einstieg in die Szene

Bomberjacke, Glatzkopf und Springerstiefel – das waren die Attribute von Neonazis in den 80er und 90er Jahren. Damals fanden Jugendliche den Einstieg in die rechtsextreme Szene entweder über Skinheads aus der Rechtsrockszene oder über völkische und neonazistische Jugendgruppen, die auch heute noch für die Nachwuchsgewinnung eine Rolle spielen. Doch lässt sich die Frage, wie Jugendliche heutzutage in rechtsextreme Kreise hineinrutschen, nicht mehr ganz so einfach beantworten wie noch vor 20 Jahren.

  • Demonstranten bei einer Versammlung von Neonazis mit Fahnen. (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

    Demonstration von Neonazis (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

  • Hund an Leine auf linker Seite, Mann mit gestreckter Hand auf rechter Seite (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

    Rechtsextremismus hat viele Gesichter (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Rechtsextreme Jugendkulturen sind seit dem Jahrtausendwechsel um einiges vielfältiger geworden als noch im letzten Jahrhundert: Sie haben sich ästhetisch modernisiert und machen sich - ungeachtet der Ideologie - eine Vielzahl von Symbolen aus anderen Bereichen der Popkultur oder der linksradikalen Szene zu eigen. Dazu zählen beispielsweise Codes wie „I love NS“, Hip-Hop-Elemente und Graffiti-Kunst. Aktuelle Trends aus der Jugendkultur, gepaart mit medialen Aktionen wie Imagevideos, mischen sich mit rechtsextremer Ideologie und machen damit die rechte Szene für junge Leute attraktiv: sei es als Aktivist bei den „Au-tonomen Nationalisten“ (AN), die sich ähnlich wie der Schwarze Block formieren oder als Mitstreiter der „Antikapitalistischen Kollektive“, ein Bündnis , das revolutionär und Symbol-aufgeladen auftritt. Besonders großem Zulauf erfreut sich die rechtsextreme „Identitäre Bewegung“ (IB), die sich mit Medienaktionen und Aktionen aus der Popkultur gezielt an junge Menschen wendet und diese vor allem auch über soziale Medien, öffenlichkeitswirksam in Szene zu setzen weiß.

Comicbild mit Jugendlichen, die mit einem Laptop in einem Zimmer sitzen und trinken. (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Rechtsradikale betreiben intensiv Propaganda im Internet (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Zu Beginn des Filmes „Plötzlich ist man wer – Neonazi“ aus der Reihe „Ich und die Anderen“ nennen die Aussteiger Gunnar und Benedikt Gründe für ihr Interesse an der rechten Szene: „Als ich dann rechts war, habe ich erstmal so richtig Anerkennung gehabt und so bin ich quasi Nazi geworden“, berichtet Benedikt. Gunnar erinnert sich: „Ich war in einer Phase, in der es mir wirklich nicht so gut ging – durch Jobverlust, den Verlust der Freundin. Und man ist dann einfach aufgefangen worden innerhalb der Gruppe.“ Mangelnde Anerkennung und Zuwendung, Orientierungslosigkeit und fehlende Zukunftsperspektiven können Auslöser sein, die Jugendliche zur „leichten Beute“ für rechtsextreme Gruppen machen.

Rechte Gruppierungen suggerieren Jugendlichen ein Gefühl von Zugehörigkeit und Stärke. (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Rechte Gruppierungen suggerieren Jugendlichen ein Gefühl von Zugehörigkeit und Stärke (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Verlief in den 80er Jahren der Einstieg für Jugendliche ins rechtsextreme Milieu vor allem über sympathisierende Elternhäuser - wie bei der Film-Aussteigerin Heidi - oder die Skinheadszene, ist es heutzutage viel leichter, erste Kontakte zu knüpfen. Über das Internet können sich Jugendliche sehr einfach durch etliche Seiten und Plattformen von rechtsextremen Parteien, Kameradschaften und Aktionsgruppen klicken. Dort tummeln sich außerdem zahlreiche Onlineshops, die rechte Modelabels wie Thor Steinar, Consdaple und Masterrace sowie NS-Zubehör vertreiben; von der Rechtsrock-Musikszene und einschlägigen Videos einmal ganz abgesehen. Wer bereits „angefixt“ ist, bekommt hier schnell umfassende Informationen und Kontaktmöglichkeiten.

Interviewaufnahme von Heidi (Porträt) (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Heidi ist in der rechten Szene aufgewachsen (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Was aber ist mit den Jugendlichen, die sich zunächst nicht für die Szene interessieren? Wie finden rechtsextreme Verbände und Aktionsgruppen neue Mitglieder? Kenner der Szene attestieren der Musik, wie dem Rechtsrock, dass diese die wichtigste „Einstiegsdroge“ in die braune Szene für gefährdete Jugendliche sei. Aussteiger und EXIT-Mitarbeiter Felix erinnert sich in dem Film: „Cool fand ich an der Musik, das kommt ziemlich undergroundmäßig daher, es hat so etwas Verbotenes.“ Und Aussteiger Gunnar ergänzt: „Indem Infoflyer verteilt werden, wo darauf steht, pass auf, wir haben nächste Woche ein Konzert, DU bist eingeladen, DU zahlst nichts, komm doch einfach vorbei.“

Felix sitzt in einem Klassenzimmer, neben ihm ein Lehrer und ein Schüler (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Felix ist aus der Szene ausgestiegen und macht heute Aufklärungsarbeit in Schulen. (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Diese Methode hat System: Angelockt durch direkte Einladungen zu Konzerten oder „Privatpartys“ kommen Jugendliche bei Bier und ideologisch aufgeladener Musik zwanglos in Kontakt mit Agitatoren. Eine beliebte Propaganda-Methode ist auch das Verteilen von so ge-nannten „Schulhof-CDs“, oft verbunden mit persönlichen Einladungen zu Konzerten der rechten Szene. Neben Spaß haben, Alkoholkonsum und aufputschender Musik lockt viele junge Leute sicher auch der Abenteuergeist, den Konzerte mit verbotener Musik oder Demonstrationen gegen das verhasste Establishment versprechen. So bietet der Einstieg in die rechte Szene Jugendlichen ein Ventil, um ihre Unzufriedenheit, ihre Sorgen und Ängste zu kanalisieren. Angelockt durch den „Spaßfaktor“, erfolgt die ideologische Indoktrination nach dem gelungenen Einstieg in die Szene schleichend und subtil.