zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.

Inhalt

Hintergrund: Saargebiet – Völkerbundzeit 1920 - 1935

Beginn

  • Georges Clemenceau und Woodrow Wilson in einer Gruppe von Politikern vor dem Schloss von Versailles (Quelle: imago images / ZUMA Press) Frankreichs Ministerpräsident Georges Clemenceau und US-Präsident Woodrow Wilson bei den Friedensverhandlungen von Versailles (Quelle: imago images / ZUMA Press)

Bei den Friedensverhandlungen in Versailles stößt Frankreichs Ministerpräsident Clemenceau, der das Saargebiet als Vergeltung für die erlittenen Kriegsschäden annektieren will, bei US-Präsident Wilson auf entschiedenen Widerspruch. Für Wilson, in dessen Vierzehn Punkten das Selbstbestimmungsrecht der Völker eine zentrale Rolle spielt, ist die Saarfrage ein Präzedenzfall. Nach harten Verhandlungen, die mehrfach vor dem Abbruch stehen, wird das Industrierevier an der mittleren Saar auf Vorschlag der USA in den Artikeln 45 bis 50 des Versailler Vertrags für fünfzehn Jahre dem Völkerbund unterstellt. Danach soll ein Volksentscheid über die staatliche Zugehörigkeit des Provisoriums entscheiden.

Saargebiet – Saarbeckengebiet - Saarland

Karte des Saargebiets mit den Industriestandorten Völklingen, St. Ingbert, Saarlouis, Saarbrücken, Neunkirchen, Dillingen, Blieskastel, Lebach und Ottweiler (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

1920 wird das Saargebiet zum ersten Mal zu einem geschlossenen politischen Territorium zusammengefasst (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Das Saargebiet – Französisch Territoire du Bassin de la Sarre, wörtlich „Saarbeckengebiet“ – ist mit einer Fläche von 1912 km² und 770.030 Einwohnern (1927) um ein Viertel kleiner als das heutige Bundesland Saarland. Mit dem Statut, das am 10. Januar 1920 in Kraft tritt, wird das Gebiet zum ersten Mal in seiner Geschichte zu einem, wenn auch künstlich geschaffenen, geschlossenen politischen Territorium zusammengefasst. Die im Artikel 48 festgesetzte Grenzziehung orientiert sich an der Lage der Kohlegruben und bezieht die Wohnorte der etwa 70 000 Hütten- und Bergarbeiter mit ein.

Die neue Grenze, die Familien und Verwaltungseinheiten trennt, ist bei der Bevölkerung unbeliebt. Dazu tragen - nach der Errichtung der Zollgrenze zu Deutschland - auch die Zollkontrollen und Zollformalitäten bei. In Artikel 49 verzichtet Deutschland zugunsten des „Völkerbundes, der als Treuhänder gilt, auf die Regierung des oben bezeichneten Gebietes.“ Zwar bleibt das Saargebiet völkerrechtlich Teil des Deutschen Reichs, aber eine vom Völkerbund eingesetzte Kommission übernimmt die Regierungsgeschäfte.

Die französische Grubengesellschaft „Mines domaniales de la Sarre“ erhält als Entschädigung für die von den Deutschen im Krieg zerstörten Minen in Nordfrankreich das alleinige Ausbeutungsrecht für die lukrativen Steinkohlegruben, die bisher der preußischen Bergwerksverwaltung unterstanden. Das Deutsche Reich, das 1921 auch Teile des oberschlesischen Kohlebeckens an Polen abtreten muss, verliert damit fast die Hälfte seiner Kohlevorkommen - damals die wichtigste Energiequelle; Frankreich löst Deutschland als größter Eisenproduzent Europas ab.

Als der Völkerbund am Tag seiner Gründung, am 10. Januar 1920, das Saargebiet als Mandatsgebiet übernimmt, ist das ein Novum der Geschichte, sowohl für den Völkerbund als auch für die Bewohner des Saargebiets. Ausgerechnet in den Jahren unter der Völkerbund-Verwaltung (1920 – 1935) bildet sich zum ersten Mal ein spezifisch saarländisches Selbstverständnis heraus. Insofern – und auch mit Blick auf seine Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg - ist das spätere Saarland – wie es die Staatskanzlei des Bundeslandes ausdrückt - „ein Kind der internationalen Völkergemeinschaft.“

Mandatsgebiet

Das Saargebiet ist nicht das einzige Mandats-Gebiet des Völkerbunds, der direkt nach seiner Gründung überall auf der Welt aktiv wird. Seine Satzung versteht unter Mandat die „Übertragung der Vormundschaft über Völker, die sich nicht selbst zu leiten vermögen, an die fortgeschrittenen Nationen“. Nach Artikel 2 der Satzung übt der Völkerbund seine Hoheitsgewalt nicht direkt aus, sondern trägt nur die theoretische Letztverantwortung; die praktische Ordnungs- und Verwaltungsarbeit wird in die Hände einzelner Siegerstaaten gelegt; diese so genannten Mandatsmächte handeln im Auftrag (Mandat) des Völkerbundes und unter Überwachung durch dessen Mandatskommission.

So werden – neben dem Saargebiet, das von Frankreich als Mandatsmacht verwaltet wird – auch der gesamte deutsche Kolonialbesitz (v. a. in Afrika und im Pazifik) und weitere Teile des Reichsgebiets unter das Mandat des Völkerbundes gestellt: Danzig wird als Freie Stadt in das polnische Zollgebiet eingegliedert und von Polen außenpolitisch vertreten, das Memel-Gebiet wird von französischen Truppen besetzt. Auch Teile der - im Ersten Weltkrieg mit Deutschland und Österreich-Ungarn verbündeten - Türkei werden zu Mandatsgebieten, von denen einige später in unabhängige Staaten umgewandelt werden - Irak 1932, Syrien, Libanon 1944, Jordanien 1946, Israel 1948.

Die Regierungskommission

  • Gruppenbild der fünfköpfigen Regierungskommission (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung) Die erste Regierungskommission des Völkerbundes im Saarland: ein Däne, ein Kanadier, ein Belgier, ein Vertreter der Saarländer und der Franzose Victor Rault als Chef (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Am 27. Februar 1920 löst die vom Völkerbund ernannte Regierungskommission des Saargebietes (Commission de gouvernement du Bassin de la Sarre) die französische Militärverwaltung ab. Vorsitzender der fünfköpfigen Kommission ist bis März 1926 der Franzose Victor Rault. (Ihm folgen bis 1935 ein Kanadier und zwei Briten.) Dazu kommen ein „Nichtfranzose“ aus dem Saargebiet, ein Kanadier, ein Däne und ein Belgier. Sitz der Kommission ist das alte Landgerichtsgebäude in Saarbrücken, auf dessen Turm die blau-weiß-schwarze Flagge des Saargebiets weht.

Die Kommission stützt sich auf das französische Militär; ihr Verhältnis zur Bevölkerung ist von Anfang an gespannt. Das liegt auch daran, dass der Völkerbund in Deutschland generell nicht sehr beliebt ist, weil er als Instrument der Siegermächte gilt. Insbesondere Frankreich wird unterstellt, es wolle seinen deutschen „Erzfeind“ klein halten. Die Zivilbevölkerung in Deutschland, dessen Staatsgebiet – anders als im Zweiten Weltkrieg – von Kampfhandlungen verschont blieb, kann kaum ermessen, was der Krieg in Belgien und im Norden Frankreichs, wo 13 Departements zerstört sind, angerichtet hat.

Der Landesrat

  • Sitzung des Landesrates in Saarbrücken (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung) Der gewählte Landesrat hat nur eine beratende Funktion (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Nachdem im Oktober 1921 40 000 Demonstranten in Saarbrücken ein Parlament gefordert haben, intervenieren Politiker wie der Deutschnationale Hermann Röchling und der Sozialdemokrat Max Braun beim Völkerbund in Genf. Daraufhin wird im März 1922 durch Verordnung der Regierungskommission eine saarländische Volksvertretung geschaffen. Dieser Landesrat geht aus allgemeinen, freien und geheimen Wahlen hervor, verfügt aber nur über eingeschränkte Rechte gegenüber der Regierungskommission, die seinen Präsidenten ernennt. Erster Präsident wird der ehemalige Reichstagsabgeordnete Bartholomäus Kossmann; dessen Zentrum ist die stärkste Partei, gefolgt von der SPD und der liberalen DDP. Der Rat hat nur beratende Funktion: Er kann weder Initiativanträge stellen, noch Änderungen an Regierungsvorlagen vornehmen; der Haushaltsplan wird ihm nur zur Kenntnisnahme vorgelegt. Die Mitglieder des Rates besitzen keine parlamentarische Immunität. Die letzte Sitzung des Landesrats Ende 1934 steht ganz im Zeichen der bevorstehenden Volksabstimmung vom 13. Januar 1935.

Hermann Röchling

  • Porträt Hermann Röchlings (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung) Der Besitzer der Völklinger Hütte, Hermann Röchling, hat großen politischen Einfluss (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Hermann Röchling (1872 – 1955), der von seinem Vater das Stahlwerk Völklinger Hütte übernimmt, wird nach dem Ersten Weltkrieg als Kriegsverbrecher zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt, kann sich aber im November 1919 gegen Übergabe einer Mehrheitsbeteiligung von 60 % der Völklinger Hütte an den französischen Staat „freikaufen“.

Nach 1920 widmet er sich neben seiner Arbeit als Unternehmer als Politiker dem Verbleib des Saargebietes bei Deutschland. Als Vertreter der Deutsch-Saarländischen Volkspartei, die auf seine Initiative 1933 in der Deutschen Front aufgeht, gehört er von 1922 - 1935 dem Landesrat an. Fortschrittliche soziale Maßnahmen in seinen Betrieben – z. B. medizinische Versorgung und schulische Bildung der Arbeiter - machen ihn bei der Bevölkerung beliebt. Nach seinem Eintritt in die NSDAP 1935 übernimmt er wirtschaftspolitische Spitzenämter und schreibt mehrere Denkschriften für Hitler, der ihn schätzt; so etwa am 17. August 1936 die Schrift mit dem Titel: Gedanken über die Vorbereitung zum Kriege und seine Durchführung, in der er zum Krieg gegen die Sowjetunion auffordert, um das „Weltjudentum“ zu bekämpfen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird Röchling, der zunächst untertaucht, ehe er im November 1946 verhaftet und im Mai 1947 an Frankreich ausgeliefert wird, wegen wirtschaftlicher Ausplünderung der von Nazi-Deutschland besetzten Länder und der Tolerierung der Misshandlung ausländischer Zwangsarbeiter in seinem Unternehmen am 25. Januar 1949 zu zehn Jahren Haft verurteilt, im August 1951 aber aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig entlassen; das Saarland darf er nicht mehr betreten. Die Völklinger Hütte kommt unter französische Zwangsverwaltung, ehe sie Ende 1956 der Familie Röchling zurückgegeben wird. An seinem ersten Todestag wird ein Stadtteil von Völklingen nach ihm benannt, die Hermann-Röchling-Höhe. Nach jahrelangen Diskussionen benennt der Stadtrat von Völklingen den Stadtteil in Röchling-Höhe um.

Max Braun

  • Porträt Max Brauns in Hut und Mantel (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung) Der Sozialdemokrat Max Braun war Chefredakteur der „Volksstimme“ und Abgeordneter im Landesrat (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Max Braun (1892 - 1945) ist seit 1923 Chefredakteur der Volksstimme in Saarbrücken, seit 1925 gehört er dem Vorstand der saarländischen SPD an, für die er auch als Abgeordneter im Landesrat sitzt; von 1928 bis 1935 ist er als 1. Vorsitzender der SPD mitverantwortlich für deren Kurs in der Abstimmungsfrage die Zukunft des Saargebiets betreffend. Seit der Machtübernahme durch die NSDAP tritt die SPD für den Fortbestand der Mandatsverwaltung des Völkerbunds ein, um das Land aus dem Machtbereich der Hitlerdiktatur herauszuhalten.

Braun sucht die Zusammenarbeit mit der KPD, anderen Linken sowie katholischen Hitler-Gegnern wie Johannes Hoffmann. Er versucht, den Völkerbund dazu zu bewegen, die für 1935 angesetzte Abstimmung zu verschieben, und wirbt für ein Fortbestehen der Unabhängigkeit der Saar vom Deutschen Reich. Aufgrund dieser Aktivitäten gerät Braun ins Visier der Gestapo und der NS-Propaganda, die ihn scharf angreift. Die Gestapo organisiert ein Bombenattentat auf ihn, das fehlschlägt. Nach der Abstimmung 1935 flieht er nach Frankreich, wo er eine Hilfsorganisation für Saar-Flüchtlinge mitbegründet, für Zeitungen schreibt und sich politisch betätigt. Nach der Besetzung Frankreichs durch Deutschland flieht er nach England, arbeitet für den Rundfunk arbeitet und stirbt 1945.

Wirtschaftliche und politische Konflikte

  • Geldscheine 1000 Francs (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung) 1923 wird der französische Franc alleiniges Zahlungsmittel im Saargebiet (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Die Bewohner der Saarregion sind, politisch betrachtet, keine Deutschen mehr, aber die überwiegende Mehrheit fühlt sich deutsch. Zu den französischen Truppen, die unter der Bezeichnung Bahnschutz im Land bleiben und um englische Kontingente ergänzt werden, kommen hunderte ausländische Führungskräfte, die neben vier von fünf Posten in der Regierungskommission fast alle Spitzenämter in Verwaltung und Justiz besetzen. Als Besitzer der Saargruben wird Frankreich zum Arbeitgeber von mehr als 70.000 Bergleuten, gewinnt aber auch in der Elektrizitätswirtschaft, der Stahlindustrie und dem Bankwesen eine dominierende Stellung.

Die Menschen haben in der Nachkriegszeit mit vielen Problemen zu kämpfen. Die Umstellung von der Kriegs- auf eine Friedenswirtschaft braucht ihre Zeit, die Versorgungslage ist schlecht. Zwar liefern die Franzosen Lebensmittel, aber die Bezahlung ist in Francs zu leisten; das ist - wegen des ungünstigen Wechselkurses – kostspielig, bis am 1. Juni 1923 der französische Franc alleiniges Zahlungsmittel im Saargebiet wird. Die Auswirkungen von Inflation und Wirtschaftskrise treffen die Menschen im Saargebiet, wo die Franzosen in die technische Modernisierung der Minen investieren, etwas weniger hart als ihre Landsleute in Deutschland. Nach einer fünfjährigen Übergangsfrist wird das Saargebiet am 10. Januar 1925 in das französische Zollgebiet integriert. Im Alltag - Geschäfte, Lebensmittel, zweisprachige Verordnungen - ist der französische Einfluss vielfältig spürbar.

Die Bevölkerung arrangiert sich mit den Machthabern, die überwiegende Mehrheit bleibt aber auf Distanz; zu sehr fühlt man sich als Opfer eines als ungerecht empfundenen Diktatfriedens und als Versuchskaninchen einer neuen Form internationaler Ordnungspolitik. Daneben existieren – etwa in Saarbrücken – im aufgeschlossenen Bürgertum auch frankophile Milieus, die interkulturelle Beziehungen pflegen. Zu ihnen gehört – neben sozialdemokratischen Intellektuellen wie Max Braun - auch der Chefredakteur der Saarländischen Landeszeitung, Johannes Hoffmann. Nach der Rückkehr aus dem Exil wird er in den 1950er Jahren Ministerpräsident des Saarlands.

Die Koexistenz von Regierungskommission, französischen Repräsentanten und Einheimischen mündet in viele kleinere und größere Konflikte; zu den Arbeitskämpfen in der Steinkohle-Industrie kommen Auseinandersetzungen um kulturelle Fragen. Wie französische Machtdemonstrationen dabei das Anwachsen eines demonstrativen deutschen Nationalismus befördern, der lautstark öffentlich inszeniert wird, zeigt sich u. a. in der Schulpolitik.

Die Écoles Domaniales

  • Gebäude einer Domanialschule (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung) Die Domanialschulen sind laizistisch und sollen auch deutschen Kindern die französische Kultur nahebringen (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Seit 1920 richtet die französische Bergwerksverwaltung ("Mines domaniales") für die Kinder ihrer Angestellten, aber auch für deutsche Bergmannskinder - an Grubenstandorten und auf Kosten der einzelnen Gruben - eigene Volksschulen ein. Um diese so genannten Domanialschulen entbrennt ein jahrelanger Kampf, denn der einflussreiche, pro-deutsche Klerus sieht es als Affront gegen die dominierende katholische Konfessionsschule, dass an diesen laizistischen Schulen auch deutschen Kindern die französische Sprache und Kultur nahegebracht werden soll. Statt zu der von den Franzosen erhofften Werbung in eigener Sache, werden die etwa zwanzig Écoles Domaniales, deren Schülerzahlen im Vergleich zu den deutschen Schulen völlig unbedeutend bleiben (1924 sind es landesweit etwa 4400 Kinder gegenüber rund 120 000 Kindern an den deutschen Schulen), zu einem Kristallisationspunkt deutsch-französischer Auseinandersetzungen und zur Zielscheibe vorhandener Ressentiments.

Der deutschnationale Unternehmer und Politiker Hermann Röchling initiiert eine Kampagne gegen die „Franzosenschulen“, die als „Instrumente der Indoktrination“ diffamiert werden. Das Thema der kulturellen und nationalen Zugehörigkeit gewinnt im Verlauf der 1920er Jahre immer mehr an Brisanz.

„Deutsch ist die Saar, deutsch immerdar“

  • Amtsblatt der Regierungskommission des Saargebietes (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung) Der Chef der Regierungskommission erlässt eine Notverordnung, in der Streiks und freie Presse verboten werden (Quelle: SWR – Screenshot aus der Sendung)

Als Franzosen und Belgier im Januar 1923 das Ruhrgebiet besetzen und die dortigen Arbeiter passiven Widerstand leisten, streiken auch im Saargebiet die Kumpel. Victor Rault, der Chef der Regierungskommission im Saargebiet, verdoppelt – ohne Rücksprache mit Genf - die französische Garnison und verbietet per Notverordnung den Streik und die freie Presse. Die Parteinahme der Regierungskommission für die Grubenverwaltung gibt dem 100-Tage-Streik der Arbeiter, der zu Lohnerhöhungen führt, eine politische Dimension. England protestiert gegen Raults „Despotismus“. Der Kommissar muss zum Rapport nach Genf, da er die Spannungen nicht im Sinne des Völkerbunds beruhigt hat. 1924 wird der Zentrumspolitiker Kossmann zum Minister in der Kommission befördert.

Zu einem weiteren Höhepunkt der Konfrontation wird die von saarländischen Vereinen organisierte Rheinische Jahrtausendfeier, bei der am 19. Juni 1925 in Saarbrücken Zehntausende für die Zugehörigkeit zum Deutschen Reich demonstrieren. Die Haltung der Demonstranten wird während der Weimarer Republik von allen saarländischen Parteien unterstützt. Die Feier, die auch im besetzten Rheinland begangen wird, erinnert daran, dass das Herzogtum Lothringen im Jahr 925 in das Ostfränkische Reich, das spätere Heilige Römische Reich eingegliedert wurde; ein heute völlig in Vergessenheit geratenes Ereignis. Auch bei dieser Veranstaltung wird ein Lied gesungen, dessen Text Hanns Maria Lux bereits 1920 auf die Melodie eines alten Bergmannsliedes geschrieben hat. „Deutsch ist die Saar, deutsch immerdar“, lauten die ersten Zeilen, die bei den Gegnern der französischen Mandatsverwaltung sehr populär waren.