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Die Stadt im späten Mittelalter

Handel, Handwerk, Marktgeschehen | Hintergrund

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Autor/in
Wolfgang Antritter

Die wirtschaftliche Verfassung der Stadt ist im Mittelalter seit dem 13. Jahrhundert beredester Ausdruck der autonomen Stellung gegenüber den umgebenden Landesherrschaften. Waren zuvor die Handwerker mit ihrer strengen sozialen Stufung und wirtschaftlichem Monopol am beschützenden Landesherrn orientiert, so hatte sich nun durch die Erfolge des Fernhandels der Selbstbehauptungswille der Kaufleute verstärkt. Die sich entwickelnde internationale Marktwirtschaft brauchte auch weniger lokale Verwurzelung, folglich konnte die bestimmende städtische Führungsschicht an die Stelle strenger Dienstordnung erste Formen kommunaler Demokratie setzen. Der Satz "Stadtluft macht frei" blieb dabei zwiespältig. Er bedeutete rechtliche Gleichstellung der Bürger, auch der Frauen. Aber soziale Emanzipation auf breiter Basis war nicht gemeint.

Ein Goldschmied bei der Arbeit mit einer hohen Flamme. (Foto: SWR - Screenshot aus der Sendung)
Goldschmied SWR - Screenshot aus der Sendung Bild in Detailansicht öffnen
Kinderarbeit ist normal SWR - Screenshot aus der Sendung Bild in Detailansicht öffnen
Wegelagerer berauben einen fahrenden Kaufmann Screenshot aus der Sendung Bild in Detailansicht öffnen
Jakob Fugger SWR - Screenshot aus der Sendung Bild in Detailansicht öffnen

Der Markt der Stadt war noch weit davon entfernt, durch Verflechtungen globale Risiken anzuziehen. In der Blütezeit der mittelalterlichen Stadt war der Handel durch schwer zu überwindende Entfernungen, aber auch durch die Auflagen der Zunftordnung vor unliebsamen Überraschungen geschützt. Auch wer überschüssiges Kapital erworben hatte, investierte selten in technologische Verbesserungen oder Kommunikationswege. Geld wurde für Zeiten des Rückschlags gehortet oder als Rückversicherung für das Jenseits gespendet. Folglich sind die im Film gezeigten Beispiele für wirtschaftliches Leben in der Stadt erst die Vorläufer einer modernen Volkswirtschaft.

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Höllenangst und Seelenheil

Das Leben im Mittelalter war von Krankheit geprägt. Der Tod war allgegenwärtig. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 30 Jahren war der Glaube an Gott die zentrale Lebensauffassung. Das irdische Leben sahen die Menschen als einen Übergang in ein nächstes Leben an. Dabei war die Angst groß, wegen begangener Sünden in die Hölle zu kommen. Die Kirche bot verschiedene Wege an, die Seele vor dem Fegefeuer zu retten. Das Exklusivrecht der Kirche, Sünden zu vergeben, führte aber zu Missbrauch und Missständen, die schließlich die Reformation auslösten.

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Mauern, Brunnen, Galgenstricke

Innerhalb der Stadtmauern hatten Recht und Ordnung zu herrschen. Pflichten und Rechte der Bürger waren in den Verordnungen des Städtischen Rats genau festgelegt. Die Ratsherren waren auch Richter. Gesetzesbrecher wurden hart bestraft; Folter und Todesstrafe waren an der Tagesordnung. Erstaunlich dagegen: Den Steuerzahlern überließ der Rat weitgehend selbst die Entscheidung, wie viel sie in den Stadtsäckel einzahlen wollten. Wie der Rat das Geld zum Wohle der Bürger wieder ausgab, wird anhand der Wasserversorgung deutlich: Brunnen und Wasserläufe durften nicht verschmutzt werden. Doch die hygienischen Zustände in der Stadt waren oft miserabel. Müll, Kot und Dreck gehörten zum alltäglichen Stadtbild. Gegen Seuchen wie die Pest waren die Menschen machtlos. Eine weitere Ausnahmesituation: Krieg. Wie funktionierte die Stadtverteidigung, und was geschah mit der Stadt, wenn sie vom Feind erobert wurde?

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Handel, Handwerk, Marktgeschehen

Jeder zweite Stadtbewohner war Handwerker. Organisiert in Zünften sorgten sie zusammen mit den Kaufleuten für die wirtschaftliche Stabilität der Stadt. Wichtigster Warenumschlagplatz war der Markt und wichtigstes Zahlungsmittel das Geld. Von einer einheitlichen Währung wie dem Euro war man im Mittelalter aber weit entfernt. Jede Stadt mit Münzrecht konnte eigenes Geld in Umlauf bringen. Die Verbindung zwischen den Städten stellten die Kaufleute her. Sie unternahmen Handelsreisen und füllten die Kontore und Kaufhäuser mit Waren. Eine Revolution in der Verbreitung von Informationen brachte die Erfindung von Papier und Buchdruck. Aus manchem Handwerker wurde ein reicher Verleger und Geschäftsmann.

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Gassen, Ghettos, Baubetrieb

Holz und Lehm waren die wichtigsten Baustoffe für den Bau von Fachwerkhäusern, aber auch leicht brennbare Materialien. Stadtbrände vernichteten oft ganze Stadtviertel. Steinhäuser mit Ziegeldächern schützten besser vor Feuer. Leben und arbeiten war in den Häusern selten getrennt. Nur reiche Leute leisteten sich etwas mehr Privatsphäre. Regelrecht isoliert im Gesellschaftsgefüge: die Juden. Sie mussten in einem Ghetto leben und waren rechtlich Menschen zweiter Klasse. Dennoch waren sie meist reicher als ihre christlichen Mitbürger, weil sie sich auf den Handel und das Bankgeschäft konzentrierten. Zum Zeichen der Hoheit des Christentums entstanden in den Städten mächtige Kirchen und Kathedralen. Alle Bürger beteiligten sich am Bau der Gotteshäuser, so wie auch Kirchenfeste in aller Öffentlichkeit gefeiert wurden. Weniger fromm ging es in den städtischen Badehäusern zu. Hier gab man sich bei gutem Essen und Musik den Liebesdiensten der Prostituierten hin.

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Frauen, Fortschritt, Vorurteile

Die Pest hatte um 1350 ein Drittel der gesamten Bevölkerung Europas dahingerafft. Arbeitskräfte waren knapp. Das verschaffte den Frauen Aufstiegschancen. Sie drängten in das wirtschaftliche Leben der mittelalterlichen Städte. Zwar war das Bild der Frau immer noch von religiösen Vorurteilen geprägt, doch wirkte es sich kaum mehr auf den Alltag aus. Frauen waren bald in allen Berufsfeldern zu finden, jedoch behielten die Männer stets die Oberhand. Ehemann oder Vater waren Vormund der Frau - offiziell zum Schutz des schwachen Geschlechts. Allein der Weg ins Kloster ermöglichte die Loslösung vom Mann. Dennoch war das späte Mittelalter eine fortschrittliche Epoche. Mit Beginn der Neuzeit gingen viele Errungenschaften für die Frauen wieder verloren.

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Wolfgang Antritter