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Hintergrund: Glas

Die kargen Böden und vielen Bachläufe, die die Landwirtschaft auf den Höhen des Schwarzwaldes so schwer machten, waren ein Segen für einen anderen wichtigen Erwerbszweig - die Glasbläserei. Denn sie enthielten große Mengen Quarzsteine und Quarzsand. Und auch die Rohstoffe Wasser und Holz, die man zur Glasherstellung brauchte, hatte der Schwarzwald reichlich zu bieten.

Glashütten

  • Kelchförmiges Glas wird geblasen (Quelle: Tilmann Büttner) Die Glasmacherei – ein schweißtreibendes Handwerk (Quelle: Tilmann Büttner)
  • 3 unterschiedlich geformte Gläser (Quelle: Tilmann Büttner) Historisches “Waldglas” aus dem Schwarzwald (Quelle: Tilmann Büttner)

Die Glasbläserei ist der klassische Erwerbszweig der Mittelgebirge. Hier finden die Glasbläser alles, was sie brauchen: Quarz, Wasser und vor allem sehr viel Holz. Den Grundherren im Schwarzwald, den geschäftstüchtigen Äbten und Feudalherren, kommt der hohe Holzverbrauch sehr gelegen: So machen sie auch den entlegensten Wald zu Geld und, wenn die Glasmacher nach 20 oder 30 Jahren alles Holz der Umgebung verbraucht haben, ziehen sie weiter und hinterlassen gerodetes Land für neue Bauern.

Im Schwarzwald weiß man von über 200 Glashüttenstandorten. Die ältesten Funde am Oberlauf von Murg, Nagold, Enz und Kinzig stammen aus dem 12. Jahrhundert und entstanden wahrscheinlich bald nach den Klöstern in Alpirsbach, Klosterreichenbach und Hirsau.

Meist verpachtet das Kloster ein Stück Wald an eine Genossenschaft von Glasmeistern, die auf eigene Kosten ihre kleine Siedlung errichtet. Im Zentrum steht das Hüttengebäude mit Schmelzofen, Arbeitsbühne und Lagerräumen für Brennholz, Pottasche, Sand und Fertigware. Ringsum leben mehrere Dutzend Familien: Die Glasmeister mit ihren Gesellen und Lehrlingen, oft auch Ofenbauer und Hafenmacher, dazu Hilfsarbeiter wie Schürer, Sandgräber, sowie Holzhauer und Fuhrknechte für das Brennholz, Aschesieder und Köhler.

  • Glasträger im Haus mit Holzgestell voller Glaswaren (Quelle: Sabine Stroh)

    Glasträger mit seiner „Krätze“ (szenische Rekonstruktion) (Quelle: Sabine Stroh)

  • Glasträger mit Holzgestell und Glaswaren auf dem Rücken mit Begleiter, der einen Korb auf dem Rücken trägt – Ansicht von hinten (Quelle: Tilmann Büttner)

    Ein Glasträger und sein Lehrling auf dem Weg vom Schwarzwald nach Straßburg (szenische Rekonstruktion). (Quelle: Tilmann Büttner)

Das Leben der Glasmacher

  • Glasbläser (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) Glasbläser (szenische Rekonstruktion) (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)
  • Vase wird geblasen (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) Heute blasen nur noch wenige Glas mit dem Mund. (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

Die Familien besitzen Vieh und einen kleinen Acker für den Eigenbedarf. Die Landwirtschaft erledigen die Frauen – zumindest in der Glassaison, solange der Ofen brennt: »Im April und Juli war sogenannte Auslöschung, das heißt, das Feuer in den Öfen wurde gelöscht und die letzteren einer Reparatur unterzogen. In dieser Zeit arbeiteten die Männer auch in der Landwirtschaft. Vor allem halfen sie, die schweren Feldarbeiten mit verrichten; im Frühjahr den Ackergang und im Sommer den Heuet«, so der Lenzkircher Fabrikant Oskar Spiegelhalder. Die Verpflegung in den Glashütten, berichtet er weiter, sei gehaltvoller als bei den Bauern, und nicht nur bei den Mahlzeiten werde viel getrunken: »Durstige Seelen waren die Glaser zu allen Zeiten, und das ist bei ihrer schweren Arbeit vor dem heissen Ofenloch nicht zu verwundern.« Die Arbeit ist aber nicht nur schweißtreibend, sondern auch gesundheitsschädlich. Die Lebenserwartung der Glasbläser ist niedrig. Berüchtigt ist die tödliche Staublunge der Schleifer und Quarzpocher.

Die Glasmeister sind qualifizierte Fachleute, ihre geheimen Rezepturen vererben sie in der Familie. Es heißt, dass die Glaser sämtlicher Schwarzwälder Hütten eine einzige Familie bildeten und bis weit ins 18. Jahrhundert hinein nur untereinander heirateten. Tatsächlich finden sich nur wenige Namen: Sigwart, Thoma, Mahler, Greiner, Schmidt, Tritschler und Löffler. Glasmacherdynastien wie die Sigwarts durchstreifen Europa im Lauf der Jahrhunderte von Friesland bis Italien und von Böhmen bis Frankreich. Die Sigwarts arbeiten in St. Blasien, am Schluchsee, in Oppenau und im Murgtal.

Der Weg zur industriellen Fertigung

  • Champagnerflasche mit Etikett : «Buhlbacher Schlegel» (Quelle: Imogen Nabel) Der „Buhlbacher Schlegel“ war der Verkaufsschlager der Buhlbacher Hütte und machte sie in ganz Europa berühmt. (Quelle: Imogen Nabel)

Im 18. Jahrhundert steigt der Glasbedarf sprunghaft an, z.B. beim Bau von Stadthäusern, Kirchen und Schlössern. Anstelle der mobilen Glashütten in den abgelegenen Wäldern entstehen erstmals ortsfeste, fast schon industrielle Betriebe in den Tälern; dort können die Glasmacher die Wasserkraft für ihre Stampf- und Schleifmühlen nutzen und haben auch besseren Zugang zum Holz: Sie lassen es sich auf den Flüssen herbei flößen. Das nötige Kapital für solche Unternehmen können die Glasmacher alleine nicht aufbringen, wohl aber die reichen Holzhändler im Nordschwarzwald. Glashütten sind für sie eine interessante Investition, weil sie dort gewinnbringend die Abfälle verfeuern können, die beim Handel mit den großen Holländertannen liegen bleiben.

Im oberen Murgtal übernimmt die Calwer Holländer-Holz-Compagnie 1788 eine heruntergewirtschaftete Glashütte in Baiersbronn-Buhlbach. Unter der Leitung der Unternehmerdynastie Böhringer und der Glasmacherfamilie Sigwart wird diese ein sensationeller Erfolg: 1826 bringt die Glashütte die erste druckfeste Champagnerflasche auf den Markt, den »Buhlbacher Schlegel«, von dem bis 1909 rund 100 Millionen Stück in ganz Europa verkauft werden. Die Glashütte ist in ihrer Blütezeit ein eigenes Dorf mit Arbeiterwohnungen, Schule, Bäckerei, Metzgerei und Wirtshaus samt Brauerei und Brennerei. Sie beschäftigt fast 200 Menschen. Mit dem Aufschwung und der steigenden Nachfrage bricht allerdings die Holzversorgung der Hütte zusammen. Die Gebrüder Böhringer erfinden eine sparsame Holzgasfeuerung und schürfen vergeblich nach Steinkohle; zuletzt müssen sie aber doch Kohle mit Fuhrwerken von der Bahnstation in Achern herankarren. Anfang des 20. Jahrhunderts wird die Buhlbacher Fabrik ebenso stillgelegt wie die Nachbarfabrik in Schönmünzach, die in Reiseführern kurz zuvor noch als besondere Attraktion empfohlen worden war.