zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.

Inhalt

Hintergrund: Max Frisch – Leben und Werk

Max Frisch (SWR - Screenshot aus der Sendung)

Max Frisch – Kurzbiografie


1911
Geburt in Zürich als zweiter Sohn eines autodidaktisch gebildeten Architekten und Grundstückmaklers mit unsicheren Einkünften und einer Mutter, die in ihrer Jugend als Gouvernante bis nach Russland gekommen war.

1931
Aufnahme eines Germanistikstudiums mit dem Wunsch, Dichter zu werden.

1932
stirbt der Vater und Frisch bricht das ihn nicht befriedigende Studium ab, um als freier Mitarbeiter bei der Zeitung seinen Unterhalt zu verdienen.

1933
Große Auslandsreise in den Balkan und nach Italien, finanziert durch journalistische Tätigkeit.

1934
Debütroman „Jürg Reinhart“ erscheint in der Deutschen Verlags-Anstalt.

1935
Erster Besuch Deutschlands als kritischer Beobachter, dem weitere, auch in Begleitung seiner jüdischen Freundin Käte Rubensohn, folgen.

1936
Aufnahme des Architekturstudiums an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich dank des Stipendiums eines reichen Jugendfreundes (1941 Diplom).

1939-1945
650 Diensttage beim Militär, die Frisch im Angesicht eines drohenden deutschen Überfalls mit Überzeugung ableistet.

1940
„Blätter aus dem Brotsack“, ein Tagebuch seines Militärdienstes, wird veröffentlicht.

1942
Sein Entwurf zum Freibad Letzigraben in Zürich gewinnt den Wettbewerb, dies erlaubt ihm die Gründung eines eigenen Architekturbüros; Frisch schließt mit Trudy von Meyenburg eine Ehe, aus der drei Kinder hervorgehen.

1945
Erste Icherzählung „Bin oder die Reise nach Peking“; erste Theateraufführung „Nun singen sie wieder“, ein Stück, das sich mit dem Krieg und der Schuld des Einzelnen auseinandersetzt.

1947
Bekanntschaft mit Bertolt Brecht, der sich entwickelnde Gedankenaustausch gibt Frisch wichtige Anstöße.

1948
Teilnahme am „Weltkongress der Intellektuellen für den Frieden“ in Polen, die ihm die erst am Ende seines Lebens in der „Fichen-Affäre“ bekanntgewordene Ausspähung durch die Schweizer Behörden einträgt.

1950
„Tagebuch 1946-1949“.

1951
Misserfolg mit dem Stück „Graf Öderland“, das den blutrünstigen Ausbruch eines Arrivierten beschreibt.
Stipendium der Rockefeller-Stiftung, das Frisch einen Jahresaufenthalt in Amerika ermöglicht.

1954
„Stiller“, die Geschichte eines Mannes, der verweigert, er selbst zu sein, begründet Frischs Ruhm als Romanautor; Frisch verlässt Frau und Kinder.

1955
Mit der Aufgabe seines Büros beendigt Frisch seine Tätigkeit als Architekt, um sich in Zukunft ausschließlich der Schriftstellerei zu widmen.

1957
Die Geschichte des an seinem Lebensentwurf scheiternden „Homo Faber“ erntet großen Erfolg und etabliert sich schnell als Klassiker und fester Bestandteil der Schullektüre.

1958
Diese Erfolgsgeschichte wiederholt sich mit dem Bühnenwerk „Biedermann und die Brandstifter“, einer Parabel über den Bürger, der sich die Brandstifter ins Haus holt.
Georg-Büchner-Preisträger
Beginn der schwierigen, fünf Jahre währenden Liebesbeziehung mit der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann.

1960
Umzug nach Rom, wo er bis 1965 wohnt.

1961
Premiere der Parabel „Andorra“, die die vernichtenden Folgen von Ausgrenzung zeigt, am Beispiel eines angeblichen Juden; auf der Bühne vergleichbar erfolgreich wie „Biedermann und die Brandstifter“ wird sie erst recht zum Klassiker der Schulliteratur.

1962
Frisch lernt die fast 30 Jahre jüngere Marianne Oellers kennen, die in der Folgezeit seine Lebensgefährtin, von 1968-1979 seine Ehefrau wird.

1964
„Mein Name sei Gantenbein“, Roman, Frischs Erzählhaltung wird charakterisiert durch den Satz : „Ich probiere Geschichten an wie Kleider!“

1972
„Tagebuch 1966-1971“

1974
„Dienstbüchlein“, eine kritische Revision des schweizerischen Selbstverständ nisses.

1975
„Montauk“, eine Erzählung, zusammengesetzt aus autobiographischen Skizzen, geschrieben, „ohne auszuweichen in Erfindung“ .

1979
„Der Mensch erscheint im Holozän“, eine keinesfalls autobiographische Erzählung in Collageform, die sich mit der Altersproblematik des Auf-sich-selbst-Zurückgeworfenseins beschäftigt

1980
die 32 Jahre jüngere Amerikanerin Alice Locke-Carey wird für die nächsten drei Jahre seine Lebenspartnerin.

1982
Die Erzählung „Blaubart“, in der ein Mordprozess nachvollzogen wird, experimentiert mit der Technik der Montage und der Möglichkeit äußerster Zuspitzung und Reduktion; ein Schlüsselsatz lautet: “Es gibt kein gemeinsames Gedächtnis.“

1983
Karin Pilliod, die ihn Jahrzehnte zuvor als Tochter einer damaligen Geliebten zur Figur der Sabeth im „Homo Faber“ inspiriert hatte, wird seine Gefährtin bis zu seinem Tod.

1990
Der Band „Schweiz als Heimat?“ bietet Einblick in das, was Max Frisch über einen Zeitraum von 50 Jahren zum Thema „Schweiz“ schrieb oder sagte.

1991
Nach längerer Krankheit stirbt Max Frisch in Zürich.

„Homo Faber“

In dem Roman „Homo Faber“ lässt Max Frisch den Ingenieur Walter Faber seine Geschichte erzählen, mit all den Verkürzungen und blinden Flecken, die der betont technischen, gefühlsfremden Weltsicht dieses Mannes geschuldet sind. Aus einem Zusammentreffen unwahrscheinlicher Zufälle – oder Fügungen – entwickelt sich ein Geschehen, das an eine antike Tragödie erinnert:

Der fünfzigjährige Faber begegnet auf einer durch eine Schiffsfahrt unterbrochenen Geschäftsreise seiner Tochter, Sabeth, deren Existenz ihm nicht bekannt ist. Er geht eine Liebesbeziehung mit der Zwanzigjährigen ein, die seine Gefühlswelt stark verändert. Nach einem in der Folge zum Tod führenden Unfall der jungen Frau trifft er in ihrer Mutter seine Jugendliebe Hanna wieder und sieht sich nun mit einer Vielfalt an Schuld konfrontiert. Die schwangere Freundin hatte einst – aufgrund seines Verhaltens - die geplante Hochzeit verweigert und sich, wie sie ihn glauben ließ, zur Abtreibung entschlossen. Er entscheidet sich, sein altes Leben hinter sich zu lassen, und glaubt an eine Wiederaufnahme der Beziehung mit Hanna, als seine Tagebuchaufzeichnungen und damit wohl auch sein Dasein durch eine schlagartig erforderliche Krebsoperation ein abruptes Ende finden.

Bei „Homo Faber“ handelt es sich über weite Strecken um Schilderungen von Reisen, der Protagonist ist auf dem amerikanischen und europäischen Kontinent unterwegs. Der „Bericht“, wie es im Untertitel heißt, beginnt mit einer Notlandung in der mexikanischen Wüste, führt über Guatemala, Venezuela und New York nach Paris, vollzieht die Stationen einer Urlaubsfahrt durch Frankreich, Italien und schließlich Griechenland mit der jungen Geliebten nach. Ein Kuba-Aufenthalt nach Sabeths Tod wird zum Exempel für Fabers veränderte Wahrnehmung.

Frischs „Homo Faber“ ist über fünfzig Jahre nach seiner Entstehung noch von großem Interesse, gerade auch für junge Menschen, weil der Autor darin Themen behandelt, die in keiner Weise an Bedeutung verloren haben. Das ist zum Beispiel die Frage nach dem konfliktlastigen Verhältnis zwischen Natur und Technik oder zwischen Mann und Frau. Es geht um Vaterschaft und besitzergreifende Mütterlichkeit, um das Finden der eigenen Identität im Spannungsfeld beruflicher und privater Rollenerwartungen, um Altwerden und Tod. Der westliche (oder klischeehaft explizit amerikanische) Lebensstil wird in Frage gestellt. Gleichzeitig wird Zeitgeschichtliches wie die Beschädigung oder Zerstörung von Lebenswegen durch die deutsche Naziherrschaft anhand konkreter Schicksale erlebbar.

„Biedermann und die Brandstifter“

In Form eines Gleichnisses liefert die Groteske „Biedermann und die Brandstifter“ auf kleinstem Maßstab ein Panoptikum der an einem Staatsstreich - oder allgemeiner einem verbrecherischen Umsturz (versinnbildlicht in der Feuersbrunst) - Beteiligten. In ihrem Mittelpunkt steht der Bürger Gottlieb Biedermann, der die von den Brandstiftern ausgehende Gefahr nicht wahrhaben will und die in die Katastrophe mündende Entwicklung damit wesentlich befördert.

Obwohl die Bedrohung durch schon mehrfach tätig gewordene Brandstifter in aller Munde ist, lässt er es zu, dass sich erst ein und dann ein zweiter hochverdächtiger Fremder in seinem Haus einnisten, auf seinem Dachboden Benzin horten und Vorbereitungen für dessen Entzündung treffen. Biedermann lässt sich nur zu gerne über den gefährlichen Charakter der Handlungen seiner dreist agierenden Gäste täuschen, weil er andernfalls den Mut aufbringen müsste, ihnen entgegenzutreten – und damit ein persönliches Risiko einzugehen.

Dazu aber ist er nicht bereit, schon gar nicht zum Wohl der Allgemeinheit. Er zieht es vor, sich zu ihrem Komplizen zu machen, indem er ihr Tun vor einem zufällig dazukommenden Polizisten deckt, und begibt sich so immer mehr in die Hand der Verbrecher, die, gerade durch die schamlose Offenheit, mit der sie über ihr Vorhaben sprechen, raffiniert ihr Spiel mit ihm treiben.

Weitere Bestandteile der Melange minderwertiger Motive, die Biedermanns Handeln bestimmen, sind sein Heischen nach Anerkennung, nach Zugehörigkeit um jeden Preis und sein Bedürfnis, sein berechtigtes schlechtes Gewissen aufzupolieren (er, der Haarwasserfabrikant, hat einem langjährigen Mitarbeiter ungerechtfertigt und rücksichtslos gekündigt), indem er sich als Wohltäter aufspielt. Hinzu kommt der Wunsch, einfach seine Ruhe zu haben. Im Endeffekt wird Biedermann, der geglaubt hat, die Übeltäter durch Entgegenkommen domestizieren zu können, von ihrem Zerstörungsrausch nicht verschont bleiben.

Die Geschehnisse werden fortwährend von einem Feuerwehrtrupp (der – wie er überhaupt als eine Karikatur des Chors der griechischen Tragödie erscheint - in antikem Versmaß spricht) kommentiert, gedeutet, vorausgesagt und am Ende in der Retrospektive beurteilt: als sinnlose Geschichte, als Blödsinn, der von den Beteiligten, ihre Verantwortung leugnend, Schicksal genannt wird.

Die Vagheit einer Parabel ermöglicht Deutungen in vielen Richtungen und mit ganz unterschiedlichen Akzenten, der Bezug zur Realität muss vom Rezipient selbst hergestellt werden, und auch wenn Frisch sich später zunehmend an dem der Gattung eigenen Appell zur Suche nach einem Sinn, nach einer Botschaft gestört hat, so gewährleistet dieser doch, dass die Zuschauer oder Leser/ Schüler zu eigener Gedankentätigkeit und womöglich politischer Diskussion angeregt werden.

„Andorra“

In der an Brecht geschulten Parabel „Andorra“, einem Bühnenstück, zeigt Frisch am Modell eines fiktiven Kleinstaates (der, wie er voranschickt, nichts mit dem realen Andorra zu tun hat – viel aber mit der Schweiz, was Frisch natürlich nicht sagt), wie gefährdet die Existenz derjenigen ist, denen die Gemeinschaft Aufnahme und Teilhabe verweigert. Dabei muss die entscheidende Gefahr nicht einmal aus der Mitte der Gesellschaft kommen, es reicht aus, dass man ihnen Rechte und Schutz verweigert und sie damit an die Kräfte des Bösen aus- liefert. Als Beispiel für den Wirkmechanismus der Ausgrenzung und damit Stigmatisierung dient in diesem Schauspiel ein (angeblicher) Jude.

Der junge Andri, Mittelpunktsfigur des Stücks, ist, wie alle glauben, als Pflegekind in der Familie des Lehrers Can aufgewachsen. Dieser will ihn als im benachbarten Unrechtsstaat bedrohtes Judenkind von dort nach Andorra gerettet haben, was zu Anfang von den Mitbürgern auch als gute Tat anerkannt wurde. Dass er in Wirklichkeit einem vorehelichen Verhältnis des Vaters zu einer Frau aus dem feindlichen Nachbarland entstammt, erfährt der Zuschauer gleich nach der ersten Szene, Andri dagegen erst gegen Ende des Geschehens.

Zu diesem Zeitpunkt hat Andri jedoch bereits eine unumkehrbare Entwicklung durchgemacht. In den ersten Szenen erleben wir Andris hoffnungsvolles Aufbegehren gegen die Einschränkungen und Zuschreibungen (negative wie positive) der ihm auferlegten Rolle. Sein angesichts dieser Zumutungen schon in frühester Kindheit begonnenes Hinterfragen der eigenen Persönlichkeit geht jedoch über in eine trotzig-resignative Identifikation mit der ihm unterstellten Wesensart und in die Abwendung von der Gemeinschaft, die ihm ihr hässliches Gesicht entblößt hat. Am Schluss steht die - die eigene Vernichtung willig entgegennehmende - Selbstaufgabe.

Zu Beginn des Stücks plant Andri voller Liebesglück eine Zukunft mit Barblin, der Tochter der Lehrersfamilie. Er tritt, unterstützt von seinem (Pflege-)Vater, kämpferisch für seinen durch antisemitische Ressentiments behinderten beruflichen Werdegang als Handwerker ein. Dennoch wird er von der Tischlerwerkstatt weg in den Verkauf gezwungen. Dann verweigert ihm der Vater die Hand der Tochter, ohne den wahren Grund, die Blutsverwandtschaft, zu nennen, und Andri muss dies als Ablehnung seiner jüdischen Identität verstehen. Als ihm dann auch noch Barblin von einem Soldaten genommen wird, sieht er sich des letzten Rückhalts beraubt.

Eine Wende scheint noch einmal durch das plötzliche Auftauchen einer ihn unterstützenden, ihm Mut machenden Fremden möglich: seine leibliche Mutter, die seine wahre Herkunft auf- decken will. Doch die Hoffnung für Andris Schicksal, die zumindest der Zuschauer geschöpft hat, verkehrt sich ins Gegenteil, als diese zum Opfer andorranischer Fremdenfeindlichkeit wird und ihr Tod Andri – dem Sündenbock – angelastet wird.

Der seelischen Vernichtung folgt die physische. Der schon zu Anfang des Stücks thematisierte drohende Einfall der benachbarten feindlichen Übermacht findet statt und bringt die mit der Unterwerfung der Bürger Andorras einhergehende Ermordung der unter ihnen lebenden Juden. Frisch versinnbildlicht diesen Vorgang in einem fiktiven Ritual, der „Judenschau“.

Nach fast jeder Spielszene des in zwölf Bilder eingeteilten Stücks tritt einer der Protagonisten aus der Handlung heraus nach vorne an eine Zeugenschranke und äußert sich rückblickend über das Erlebte : die eigene Unschuld wird beteuert, das Geschehene vielleicht bedauert, teils auch gerechtfertigt, die Forderung, nun endlich vergessen zu dürfen, wird von einer Personifikation des Durchschnittsbürgers, die der Autor „Jedermann“ nennt, erhoben. Schuld bekennt - wenn auch in der Formelhaftigkeit eines Beichtspiegels - nur der Pater, doch auch er sieht in Barblin, die – Schlussbild der Aufführung – unaufhörlich an Andris Schicksal gemahnt, Anklage erhebt und keine Ruhe gibt, eine arme Irre.

Für die Aufarbeitung der jüdischen Leidensgeschichte gibt es sicherlich geeigneteres Unterrichtsmaterial, als Gedankenspiel über die – sehr realen – im schlimmsten Fall tödlichen Konsequenzen von Ausgrenzung und Vorurteil hat „Andorra“ aber unverändert Bestand (aktuelles Beispiel : die „Döner-Morde“, deren unsägliche Benennung symptomatisch ist).