Textgrundlage für die folgenden Übungen:
Aufgabe 1
Ordne folgendem Text die Bestandteile eines literarischen Arguments aus dem Wortspeicher zu. Gib jeweils möglichst präzise Zeilenangaben an.
Wortspeicher: Belege - Begründung - These - Schlussfolgerung - Deutung
Lösung
These: (Z. 1)
Begründung: (Z. 1-5)
Belege: (Z. 6-8); (Z. 14-18), (Z. 25-28)
Deutung: (Z. 8-13), (Z. 18-24); (Z. 28-33)
Schlussfolgerung: (Z. 34-38)
Aufgabe 2
Wenzel kann neben anderen Eigenschaften auch als „innerlich zerrissen“ charakterisiert werden. a) Erläutere in eigenen Worten knapp, inwiefern diese Behauptung zutrifft. (Hier musst du noch nicht zitieren.)
Lösung zu a)
Wenzel Strapinski ist innerlich zerrissen, weil er sich in einem dauerhaften Spannungszustand zwischen Genuss und Angst, Wunsch und Gewissen befindet. Einerseits erlebt er zum ersten Mal gesellschaftliche Anerkennung, Aufmerksamkeit und Nähe, insbesondere durch Nettchen. Diese neue Rolle verschafft ihm ein Gefühl von Bedeutung und Glück, das er zuvor nicht kannte. Andererseits ist ihm jederzeit bewusst, dass diese Anerkennung auf einem Missverständnis beruht und jederzeit zusammenbrechen kann. Er fürchtet die Entlarvung als armer Schneider ebenso wie die moralische Schuld, die er durch das fortgesetzte Schweigen auf sich lädt. Strapinski schwankt somit zwischen dem Wunsch, diesen Zustand aufrechtzuerhalten, und dem inneren Drang, sich aus der Situation zu lösen.
b) Schreibe zwei Textbelege mit Zeilenangabe heraus, die diese Behauptung belegen. Notiere zu jeder Textstelle eine kurze Erklärung, inwiefern diese die These verifiziert.
Lösung zu b)
Textbeleg 1: Strapinski denkt darüber nach, „wie vergänglich das Glück sei, welches er jetzt genoss“ (Z. 53f.). Erklärung: Die Textstelle zeigt, dass Strapinski sein momentanes Glück nicht unbeschwert genießen kann. Während er die gesellschaftliche Nähe und Wertschätzung erlebt, reflektiert er zugleich deren Unsicherheit. Das Glück wird nicht als stabiler Zustand, sondern als zeitlich begrenzte Illusion wahrgenommen. Diese gleichzeitige Erfahrung von Freude und Zweifel verweist auf seine innere Zerrissenheit.
Textbeleg 2: Der Erzähler betont, dass es „ebenso viel die Furcht vor der Schande, als armer Schneider entdeckt zu werden und dazustehen, als das ehrliche Gewissen war, was ihm den Schlaf raubte“ (Z. 66ff.). Erklärung: Hier wird Strapinskis innerer Konflikt ausdrücklich benannt. Seine Schlaflosigkeit resultiert nicht allein aus moralischen Bedenken, sondern ebenso aus Angst vor sozialer Bloßstellung. Pflichtgefühl und Eigennutz stehen gleichwertig nebeneinander. Die Figur ist somit innerlich gespalten zwischen moralischem Anspruch und dem Wunsch, den gesellschaftlichen Aufstieg nicht zu verlieren.
c) Entfalte das Argument nun vollständig nach den erarbeiteten Kriterien.
Lösung zu c)
These: Wenzel Strapinski ist innerlich zerrissen, da er zwischen moralischem Gewissen und dem Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung schwankt. Begründung: Diese innere Zerrissenheit entsteht aus dem Gegensatz zwischen seiner tatsächlichen sozialen Herkunft und der Rolle, die ihm von seiner Umgebung zugeschrieben wird und die er zunehmend selbst akzeptiert. Textbelege: So reflektiert Strapinski immer wieder „wie vergänglich das Glück sei“ (Z. 53), was zeigt, dass er den Zustand nicht unkritisch hinnimmt. Gleichzeitig wird betont, dass ihm sowohl die „Furcht vor der Schande“ (Z. 66f.) als auch „das ehrliche Gewissen“ (Z.67f.) den Schlaf rauben. Deutung: Die Figur erlebt Anerkennung und Nähe, insbesondere im Kontakt mit Nettchen, empfindet diese jedoch als moralisch belastet. Der Erzähler macht deutlich, dass Strapinskis Konflikt nicht eindeutig moralisch gelöst ist: Sein Gewissen ist wirksam, aber nicht handlungsleitend. Die gleichrangige Nennung von Angst und Gewissen verdeutlicht die innere Spaltung der Figur. Schlussfolgerung: Strapinskis innere Zerrissenheit erklärt, warum er weder offen die Wahrheit sagt noch konsequent flieht. Er verharrt in einem Zustand des inneren Konflikts, der seine weitere Entwicklung vorbereitet.
Aufgabe 3
Finde nun selbstständig eine weitere Eigenschaft des Schneiders und entfalte diese.
Mögliche Lösung
anpassungsfähig Textbeleg 1: Er beginnt, „gesuchter zu sprechen“ und mischt „polnische Brocken“ in seine Rede. (Z.50f.) Textbeleg 2: Alles, was er tut oder lässt, wird von anderen als „ungewöhnlich und nobel ausgelegt“. (Z.57) eitel Textbeleg 1: Er empfindet Glück darüber, „etwas vorgestellt“ und „neben einem höheren Wesen gesessen“ zu haben. (Z.55f.) Textbeleg 2: Sein „angeborenes Bedürfnis, etwas Zierliches und Außergewöhnliches vorzustellen“ wird ausdrücklich genannt. (Z.68f.)