Sophie Scholl (Luna Wedler). (Foto: SWR/Rebecca Rütten/Sommerhaus Film)

@ichbinsophiescholl | Hintergrund

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Hintergrund: @ichbinSophieScholl aus Sicht der Historikerin Dr. Maren Gottschalk

Die Historikerin Dr. Maren Gottschalk hat das Projekt @ichbinSophieScholl als Expertin begleitet.

Faktencheck bei Instagram?

Was ich als Historikerin über @ichbinSophieScholl denke

Der Anruf kam kurz vor Weihnachten 2020. Ob ich die Macher des Instagram-Projekts @ichbinsophiescholl historisch beraten würde? Das Projekt war zu diesem Zeitpunkt bereits in großen Teilen fertig, der Plot erstellt, die Themenblöcke einzelner Wochen geplant. Jetzt ging es darum, die Texte zu überprüfen. Denn die Fakten sollten natürlich stimmen und alle fiktionalen Erzählungen möglichst plausibel sein. Ich sagte zu. Gerade war meine zweite Biographie über Sophie Scholl erschienen, ich hatte an den Ausstellungstexten der Weißen-Rose-Stiftung über Sophie Scholl mitgearbeitet und war im Begriff, eine Radiosendung zu Sophie Scholls 100. Geburtstag zu produzieren. Und jetzt also noch Instagram. Warum nicht? Berührungsängste hatte ich nicht, denn eine Frage begleitet mich schon seit Jahren: Wie können wir, wie sollen wir von Sophie Scholl erzählen? Oft bin ich in Schulen zu Gast. Dort erzähle ich Jugendlichen der Stufen 7-13 von Sophie Scholl und der Weißen Rose. Ich zeige Bilder, stelle Fragen, beziehe die Schüler:innen ein, nehme sie mit auf eine Zeitreise. Gemeinsam versuchen wir, Sophie Scholl näher zu kommen. Denn darum geht es doch auch in Geschichte: Zu begreifen und zu vermitteln, dass wir es mit Menschen zu tun haben. Das ist bei Sophie Scholl nicht selbstverständlich. Für viele ist sie eine Heldin, fast schon eine Heilige, ein Denkmal, eine Ikone. Wir Biograph:innen versuchen, Sophie Scholl als junge Frau mit Widersprüchen zu zeigen. Wir zitieren aus ihren Tagebüchern und Briefen, zeigen sie darin als komplizierte Persönlichkeit, die sich oft um die eigene Achse gedreht hat, manchmal fast schon selbstquälerisch und grüblerisch, dann wieder lebenslustig, humorvoll und hilfsbereit. Eine mutige Frau, die irgendwann keinen Kompromiss mehr machen wollte.

Der Instagramkanal @ichbinsophiescholl will eine unmittelbare Begegnung mit dem Menschen Sophie Scholl ermöglichen. Also mit einer Frau, die seit 78 Jahren tot ist und die natürlich kein Handy hatte, um damit storys und reels auf Instagram zu posten. Aber der Gedanke ist erlaubt: Was hätte sie ihren Follower:innen von sich zeigen und erzählen wollen? Was hätte sie froh gemacht und was verzweifelt? Der Kanal schlägt eine Brücke. Wer sie beschreitet, bekommt einen Einblick in Sophie Scholls letztes Lebensjahr. Es sind nicht ihre Posts, es sind die von Drehbuchautorinnen, die sich intensiv in Sophie Scholls Leben eingelesen haben. Das ist jedem klar. Und klar ist auch: Niemand von uns kennt die ganze Wahrheit über Sophie Scholl. Niemand kann behaupten: Ich weiß genau, wie sie tickte. Wir können uns Sophie Scholl nur nähern. Aufgrund ihrer Briefe und Tagebücher können wir versuchen, ihren Gedankengängen zu folgen und ihre Handlungen zu verstehen, ihr Lebensgefühl nachzuempfinden. Mehr ist es nicht. Aber das ist doch eine ganze Menge.

Die Entstehung des Projekts:
https://www.swr.de/unternehmen/ich-bin-sophie-scholl-entstehung-100.html


Über 750.000 Follower (Stand Februar 2022) ließen sich auf die neuartige Erzählform ein und erleben in dem Kanal die Entwicklung der Studentin Sophie zur Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus. In der Presse und in den Kommentaren gab es auch immer wieder Kritik an diesem Format.
Planet Schule hat Maren Gottschalk dazu interviewt.


Kritiker werfen dem Kanal vor, Sätze, Szenen und Bilder zu präsentieren, die nicht eingeordnet werden.

Genau darin sehe ich eine Stärke, die nach meiner Recherche den Follower:innen besonders gut gefällt. Wir begegnen Sophie Scholl unmittelbar und direkt. Sie wird als Mensch mit Gefühlen sichtbar, die in ihrer Welt agiert, ohne dass sie uns diese Welt ständig erklärt. Wenn Fragen nach den Hintergründen auftauchen, kann man sie in den Kommentaren stellen. Und wer mehr wissen will, kann in der Schule nachfragen, im Internet recherchieren oder nach einem Buch greifen.
Es muss auch nicht jeder Post darauf hinweisen, was am selben Tag noch in Nazi-Deutschland passiert ist. Denn das war auch Sophie Scholl nicht immer bewusst.

Ist die Vermischung von Fiktion mit Fakten nicht zu verwirrend für die Follower:innen? Und darf man mit historischen Quellen so verfahren?

Das ist ein grundsätzliches Problem, das jeder biographische Roman, jeder Film, jedes Hörspiel mit sich bringt. Manche Menschen hätten am liebsten immer genau angezeigt, was erfunden und was Fakt ist. Aber dann wäre das ganze Projekt überflüssig. In einem Sachbuch muss jedes Zitat mit Anführungszeichen und einer Fußnote gekennzeichnet sein. In einem fiktiven Instagram-Acount ist das anders. Richtschnur muss sein, dass Sophies Zitate nicht entstellt oder in einen falschen Zusammenhang gestellt werden. Und natürlich kann man in den Kommentaren klären, ob eine Zeichnung oder ein Zitat original ist oder nicht.
Und wenn sich Fehler einschleichen, werden sie behoben, das gehört dazu.

Was halten Sie davon, dass die Follower:innen Sophie Scholl in ihren Kommentaren direkt ansprechen und dass sie darauf antwortet?

Ich war zuerst überrascht und auch irritiert. Bei der Recherche zu meinen Biographien habe ich zwar auch schon mal gedacht: „Mensch Sophie, Du machst es Dir aber manchmal echt schwer“. Doch ich würde sie auf Instagram nicht selbst anschreiben. Dass sie antwortet, ist aus meiner Sicht auch nicht nötig. Aber diese Dialoge gehören wohl einfach zum normalen Instagram-Alltag.

Wird eine Persönlichkeit wie Sophie Scholl zu banal durch den Kanal? Wird ihre Geschichte verfälscht?

Nun, das Leben ist manchmal banal. Auch Widerstandskämpfer:innen haben einen Alltag, müssen essen, trinken, schlafen. Sie verlieben sich und haben Sehnsüchte. Das ist doch das spannende an ihnen. Sie sind in vielen Dingen so wie alle anderen Menschen, so wie wir. Und dann erkennen wir, was doch etwas anders ist an ihnen. Sie treffen Entscheidungen, die Mut verlangen. Sie kämpfen, obwohl sie sich damit in Lebensgefahr bringen. Ich habe in einer Kritik gelesen, Sophie Scholl würde als naives Mädchen rüberkommen. Das sehe ich völlig anders. Das Bild von ihr setzt sich aus vielen Momenten zusammen, und wenn man den Kanal länger verfolgt, hält man sie nicht mehr für naiv. Die Gefahr der Verfälschung sehe ich nicht, so lange man daran denkt: Es ist eine Fiktionalisierung ihres Lebens, es ist keine Dokumentation.

Die Religion war ein wichtiges Thema für Sophie Scholl. Kommt das in dem Kanal zu wenig vor?

Darüber kann man sicher diskutieren. Aber man darf nicht vergessen, dass der Kanal nur die letzten 10 Monate ihres Lebens abbildet. Da haben sich viele Vorstellungen in ihrem Kopf schon lange gefestigt. Die Auseinandersetzung mit den Autoren der katholischen Erneuerungsbewegung zum Beispiel liegt da schon länger zurück. Und die große Glaubenskrise in Sophies Leben fand eher während des Reichsarbeitsdienstes im Jahr davor statt. Es gibt sicher noch mehr Aspekte, über die man hier diskutieren könnte, aber man kann nicht alles in diesem Kanal erzählen, was in ihrem Leben wichtig war.

Manche fragen sich, warum ausgerechnet Sophie Scholl einen Instagram-Kanal bekommen hat.

Es spricht nichts dagegen, auch andere Widerstandskämpfer:innen auf Instagram zu präsentieren und das geschieht ja auch. Aber bei Sophie Scholl passt so vieles perfekt zu dem Format: Wir wissen einfach sehr viel über sie und ihre Zeit in München, wir können ihr als Mensch durch ihre Tagebücher und Briefe sehr nahekommen.

Maren Gottschalk wurde 1962 in Leverkusen geboren. Sie studierte in München, Geschichte und Politik. Seit 1990 arbeitet sie für den Westdeutschen Rundfunk als Autorin (ZeitZeichen), schreibt Biographien und Romane. Über Sophie Scholl veröffentlichte sie 2012 ihre erste Biographie „Schluss. Jetzt werde ich etwas tun“ bei Beltz & Gelberg. 2020 folgte ihre zweite, umfangreichere Biographie „Wie schwer ein Menschenleben wiegt“ bei C.H. Beck.
Für die Weiße-Rose-Stiftung in München hat Maren Gottschalk an der Wanderausstellung „Sophie Scholl und die Weiße Rose“ mitgearbeitet. Maren Gottschalk hält Lesungen und Vorträge.
Mehr unter: www.Maren-Gottschalk.de

Interview, 27.08.2021

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AUTOR/IN
planet schule