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Hintergrund: Die Anfänge der atomaren Bewaffnung

US-Pläne und Adenauers Reaktion

  • "Atomic Annie" quer stehend auf Wiese im Militärmuseum Aberdeen, Maryland (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) Die Atomkanone "Atomic Annie", das größte Artilleriegeschütz der US-Armee in den 1950er Jahren

Als Dwight D. Eisenhower am 20. Januar 1953 als neuer Präsident der USA seinen Eid auf die Verfassung geleistet hatte, nahm neben 22.000 Soldaten, 5.000 Zivilisten, 65 Musikgruppen, 350 Pferden und drei Elefanten auch die „Atomic Annie“ an der Parade zur Einsetzung des Präsidenten teil. Die „Atomic Annie“ war mit 280 mm das größte Artilleriegeschütz der US-Armee und konnte auch mit Atomgranaten geladen werden.

Vier Monate später, am 25. Mai 1953, wurde auf dem Atomwaffentestgelände in Nevada bei Frenchman’s Flat, morgens um 8.30 Uhr Ortszeit, der historisch erste nukleare Artillerie-Testschuss abgefeuert. Die Sprengkraft betrug dreiviertel der Hiroshima-Bombe.Im Sommer 1953 fühlte der Oberkommandierende der US-Truppen in Europa, General Matthew Ridgway, im Auftrag der US-Regierung bei Adenauer vor. Ridgway wollte wissen, ob Adenauer Einwände gegen die Stationierung von Artilleriegeschützen in der Bundesrepublik habe, die auch zum Abschuss von Atomgranaten geeignet seien. „Adenauer antwortete”, so Ridgway, „Deutschlands Schutz läge hinter einem von den USA ausgerüsteten Atomschild und jede Verstärkung sei wichtig für die Verteidigung und willkommen.“ Nach diesem „Testballon“ wies das US-Außenministerium den Hohen Kommissar an, Adenauer über die amerikanischen Pläne zur Stationierung von Atomkanonen zu unterrichten.

  • "Atomic Annie" Nahaufnahme (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

    Atomkanone "Atomic Annie"

  • Test einer nuklearen Artilleriegranate in Nevada: Atompilz links im Hintergrund; Geschütz rechts im Vordergrund (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

    Operation Upshot Knothole: der erste Testschuss einer nuklearen Artilleriegranate am 25. Mai 1953

„Atomic Annie“ kommt nach Westdeutschland

  • Die "Atomic Annie" wird auf zwei Militärfahrzeugen transportiert (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) Oktober 1953: Die Atomkanone "Atomic Annie" wird nach Mainz transportiert
  • Die "Atomic Annie" wird von Vertretern der Presse begutachtet (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) Oktober 1953: Die Atomkanone "Atomic Annie" wird in Mainz vorgestellt

In der Nacht vom 14. auf den 15. September 1953 begann die Verlegung des ersten „Gun Batallion“ nach Deutschland. Die „Atomic Annie“, das mit 83 Tonnen Gewicht überschwere Geschütz konnte nicht mit dem Flugzeug transportiert, sondern musste nach Bremerhaven verschifft werden. Am 23. Oktober 1953 fand in Mainz eine Pressevorführung statt. Ende 1953 sollen etwa 20 Kanonen in Westdeutschland eingetroffen sein. Sie wurden in Wäldern versteckt, damit die Sowjets ihren Standort nicht ermitteln konnten. Ihre Nuklearfähigkeit erhielten sie erst im Laufe des Jahres 1954.

Nach der Pressevorführung der Atomkanone im Oktober 1953 in Mainz schoss sich die DDR-Propaganda auf diese Waffe ein. Der spätere Systemkritiker Robert Havemann schrieb Anfang Dezember 1953 im „Neuen Deutschland“ unter der Überschrift „Raus mit den USA-Atomkanonen“ einen Artikel gegen die neue Waffe. Für die DDR wurde sie zum Hauptbeweisstück der vermeintlich „aggressiven imperialistischen Kriegspolitik“ Adenauers.

Sechs Jahre nach der Entwicklung von strategischen Atomwaffen eröffnete die „Atomic Annie“ somit zwar die Möglichkeit zum Einsatz einer „taktischen“ Atomwaffe für die Landstreitkräfte. Aber wegen ihrer geringen Beweglichkeit passte sie bald nicht mehr in das taktische Konzept der US-Armee. Dieses sah seit 1955 kleine, bewegliche Einheiten vor, die auch nach einem nuklearen Schlag des Gegners noch für einige Zeit selbständig mit taktischen Atomwaffen operieren sollten.

Atomübung im Dortmunder Sonnenbunker

  • Innenansicht Sonnenbunker: 3-stöckige Eisenpritschen-Konstruktion (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) „Sonnenbunker“: Atombunker Dortmund
  • Thorsten Scharnhorst besucht nach mehr als 40 Jahren den Sonnenbunker: Nahaufnahme vor Treppenaufgang (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) Thorsten Scharnhorst, der sich 1964 als Reporter für 6 Tage im Atombunker Dortmund aufhielt

Am 8. Juni 1964 wird in Dortmund der „Ernstfall“ geprobt. Mit Tweed-Jacke und zu langen Jeans steht der Lokalreporter Thorsten Scharnhorst vor dem Eingang des Dortmunder Sonnenbunkers. Er will 144 ausgewählte Testpersonen begleiten, die sechs Tage lang das Überleben im Atombunker proben sollen. Noch ist die Stimmung unter den Teilnehmern – eine bunte Mischung aus ehemaligen Luftschutzhelfern, Studentinnen und Hausfrauen – ausgelassen. Man feixt und lacht, und auch die kleine Demonstrantenmenge, die sich auf dem Spielplatz vor dem Bunker versammelt hat, kann die gute Laune nicht trüben. Dann geht es los. Hinter den Testpersonen schließen sich die Bunkertüren. „Jeder versuchte, seinen Platz zu finden und eben auch schon irgendwo zu behaupten: Hier bin ich und hier will ich mich auch durchsetzen können“, erinnert sich heute Thorsten Scharnhorst, „es gab Ärger, es gab Streit, die älteren Männer, meist alles Luftschutzhelfer, bestanden darauf, dass sie mehr oder weniger das Kommando übernehmen wollten, und die jungen Mädchen waren verständlicherweise etwas lockerer in der Auffassung.“ Atomübung als Abenteuerurlaub.

Das Experiment wird zum Medienereignis. Bundesweit berichten Fernsehen, Rundfunk und Presse vom Streit und Stress der Bunkerinsassen und deren Alltag in der Bunkerwelt: „Wir bekamen schweres Essen aus Konservendosen, Erbsen mit Bauchspeck, Pichelsteiner Topf. Das alles blähte. Das Wasser war rationiert. Es war ein Problem für viele Menschen: Wenn sie auf Toilette gingen, wussten sie, dass hinter der Wand irgendjemand stand, der genau kontrollierte, wie viel Wasser sie benutzten, um wegzuspülen. Mich hat es nicht gestört, aber es hat viele Leute gegeben, die haben durchaus Darmverschlingungen gehabt,“ so Thorsten Scharnhorst.

„Betonierte Blödheit“ – das Bunkerprogramm wird aufgegeben

  • Innenansicht Sonnenbunker: Telefonzentrale: zwei Telefone und Mikrofone (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) „Sonnenbunker“: Atombunker Dortmund
  • Innenansicht Sonnenbunker: Durchblick auf Korridor; Aufschrift „Zwickauer Straße“ an der Wand (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) „Sonnenbunker“: Atombunker Dortmund

Das Dortmunder Bunkerexperiment ist der erste und einzige zivile Belegungsversuch in der Geschichte der Bundesrepublik. Ursprünglich sollte der Test den Auftakt zu einem von der Bundesregierung beschlossenen Programm zur atomsicheren Sanierung von 1.200 ehemaligen Weltkriegs-Bunkern bilden. Doch das Bundesamt für zivilen Bevölkerungsschutz beließ es bei diesem einzigen Modellversuch, denn Mitte der 60er Jahre begann in der Bundesrepublik eine heftige öffentliche Debatte über Sinn und Unsinn baulicher Schutzmaßnahmen für den Fall eines Atomkriegs. Noch heute betitelt Thorsten Scharnhorst das geplante Bunkerprogramm als „betonierte Blödheit“. Wenn schon für den Schutz von 1.500 Dortmundern 3,5 Millionen Mark investiert werden mussten, wie viel mehr hätte die Bonner Regierung dann erst für den Schutz von damals 57 Millionen.

Bundesbürgern ausgeben müssen? Die landläufige Meinung in den 60er Jahren war, dass es im Ernstfall doch keinen wirksamen Schutz vor einem Atomkrieg gegeben hätte. Man steckte den Kopf in den Sand und vertraute darauf, dass es nicht zum Schlimmsten kommen würde.

Der Historiker Bernd Stöver hält solche Bunkerübungen für Augenwischerei der damals Verantwortlichen: „An sich ist es eine enorme Verlogenheit der deutschen Politik gewesen, die Bevölkerung nicht in einem Maße aufzuklären, das wirklich den Tatsachen entsprochen hätte, dass sie wirklich gesagt hätte, wir haben nicht genug Bunkerplätze, wir können auch nicht genügend Bunkerplätze bauen. Für 60 Millionen Menschen gibt es eben keine Möglichkeit sie unterzubringen, und wenn es zu einem Krieg kommt, dann wird es ein paar Mal hin und her gehen und es wird hier nichts mehr sein, was man überhaupt noch verteidigen kann.“

  • 4 Frauen werden durch Gittertür nach draußen entlassen; 2 Beamte in Uniform rechts im Bild (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

    1964: Testpersonen verlassen nach 6-tägigem Aufenthalt den Bunker

  • Der Historiker Bernd Stöver, Nahaufnahme (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

    Der Historiker Bernd Stöver