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Hintergrund: Flüsse im Korsett - Flussbegradigungen und Auswirkungen am Beispiel Oberrhein

01 Der natürliche Rhein

Der Rhein besteht aus verschiedenen Flussabschnitten. Von seinen Quellen bis zur Mündung ist er 1320 km lang. Sein Quellgebiet liegt in den Alpen, von dort aus fließt er als Alpenrhein in den Bodensee. Bei Stein am Rhein verlässt er den Bodensee. Ab dort wird er in die Abschnitte Hochrhein (Bodensee - Basel), Oberrhein (Basel - Bingen), Mittelrhein (Bingen - Bonn) und Niederrhein (Bonn - Nordsee) untergliedert. Er endet als kanalisierte Wasserstraße in der Nordsee.

(Rechte: Daniel Ullrich, www.wikipedia.de)

(Rechte: Daniel Ullrich, www.wikipedia.de)

Der Rhein ist kein gleich bleibender Fluss von der Quelle bis zur Mündung. Er verändert auf dem Weg ins Meer zunehmend sein Erscheinungsbild. Flüsse können zwar über eine gewisse Distanz gerade verlaufen, doch über den größten Teil ihrer Strecke verlaufen sie in bogenförmigen Schlingen (Mäandern) und teilen sich an manchen Stellen sogar in mehrere Rinnen auf (Verwilderung). Außerdem verändern natürliche Flussläufe ständig ihr „Gesicht", d. h. sie verlagern ihren Lauf. Hierfür benötigen sie viel Platz.

In den intensiv genutzten Landschaften Mitteleuropas benötigt auch der Mensch viel Platz für seine Siedlungen, Straßen und Felder. Auch wegen der Schifffahrt haben Menschen Interesse an geraden Wasserläufen mit möglichst gleichmäßiger Wasserführung. Deshalb haben sie in der Vergangenheit natürliche Flussläufe stark verändert und damit ganze Landschaften umgebaut. Die Eingriffe der Menschen waren am Oberrhein besonders stark und schufen zahlreiche Probleme, die typisch sind für die Folgen von Begradigungen. Deshalb beschäftigt sich das folgende Kapitel vor allem mit diesem Flussabschnitt.

02 Der Oberrhein

Im Oberrheingebiet durchfließt der Rhein eine große Ebene. Er hat in dieser Ebene ein geringes Gefälle, sodass seine Fließgeschwindigkeit abnimmt. Dies wirkt sich auf den „Materialtransport“ aus. Je schneller ein Fluss fließt, desto mehr Kraft hat er, um Sand oder Kiesel mit sich zu reißen. Fließt er langsam, setzen sie sich im Flussbett ab. Da der Rhein in der Oberrheinebene sehr langsam floss, lagerten sich dort in den letzten Jahrtausenden ständig Sedimente ab. Mit diesen Sedimenten schüttete der Fluss fortwährend sein eigenes Bett zu und musste anderswohin ausweichen. Deshalb kam es zu ständigen Flusslaufveränderungen und zu Stromverästelungen.

Es entstand eine Landschaft aus Flussarmen und Inseln, die ständig im Wandel war. Noch vor 200 Jahren lagen etwa 2000 Inseln im Strom zwischen Basel und Karlsruhe. Fortwährend änderte der Rhein seinen Lauf. Nach jedem Hochwasser verschwanden Inseln und bildeten sich neue. Eine exakte Kartenaufnahme und Grenzziehung war deshalb nicht möglich. Die ständige Verlagerung des Flussbettes führte permanent zu Streitigkeiten zwischen badischen und französischen Gemeinden um das Eigentum an Ufergrundstücken und Inseln.

Gravierender jedoch war die andauernde Gefahr durch das Wasser. Dörfer wurden regelmäßig überspült und in tief gelegenen Gebieten standen die Wassermassen noch Monate später. Sümpfe bildeten sich und Seuchen wie Malaria oder Sumpffieber suchten die Menschen heim. Die Lebensgrundlagen waren karg: Fischfang, etwas Wild, Holz aus den schwer zugänglichen Auwäldern. Ein Chronist des 19. Jahrhunderts schrieb über den Fluss, er sei „der schreckliche Feind, der nicht nachlässt zu toben, bis er nicht Land und Leute verdorben hat“. Die Menschen am Oberrhein wollten eine ertragreiche Landwirtschaft und eine Befreiung von der ständigen Bedrohung durch Hochwasser.

03 Tullas Werk - die Bändigung des wilden Rheins

Tullas Rheinkorrektur oder „Rektifikation“ sollte die Lösung bringen. Johann Gottfried von Tulla, geboren 1770 in Karlsruhe, Ingenieur, hatte in Paris Wasserbau studiert. 1812 trug er der großherzoglichen Regierung von Baden seine Pläne zur Korrektur des Rheines vor, die vor allem auf Hochwasserschutz und Landgewinnung abhoben. Nach seiner Devise sollten „in kultivierten Ländern die Bäche, Flüsse und Ströme Kanäle sein und die Leitung der Gewässer in der Gewalt der Bewohner stehen“.

Tullas Methode war es, den verästelten und mäandrierenden Strom auf ein Hauptbett zu konzentrieren. Man begann 1817 mit der Schaffung künstlicher Durchstiche zwischen zwei Schlingen und schüttete die alten Flussschlingen an ihrem Einlauf zu. Außerdem wurde der „neue Rhein“ durch Hochwasserdämme gesichert.

1876 war - nach fast sechzigjähriger Bauzeit - Tullas Werk vollendet. Das Ergebnis der Tullaschen Rheinkorrektur war eine Verkürzung des ursprünglichen Verlaufs zwischen Basel und Mannheim um 90 km, ein Viertel seiner Länge. Der Rhein floss nun schneller und grub sich dadurch immer tiefer in sein Bett. Mit dem Flusswasserspiegel sank auch der Grundwasserspiegel. Der Rhein war nun also nicht nur in ein Bett gezwängt, die ganze Landschaft wurde trockener und damit für den Menschen besser nutzbar.

Als Folge des Trockenwerdens des Gebietes veränderte sich die Natur. Viele Tier- und Pflanzenarten, die auf das Wasser angewiesen waren, verschwanden - z. B. Biber, Schwarzstorch oder Fischadler. Das nahmen die Menschen gerne in Kauf, ging es ihnen doch um ihr eigenes Überleben. Nur der Artenrückgang bei den Fischen wurde nachteilig registriert, denn darunter litt die weit verbreitete Fischerei. Die Trockenlegung der Landschaft verringerte die Ausdehnung der Laichplätze und die höhere Abflussgeschwindigkeit beeinträchtigte die Wanderungs- und Lebensbedingungen der Fische. Besonders die Bestände der strömungsliebenden Arten, wie z. B. Stör und Lachs, gingen zurück.

04 Der Oberrhein wird schiffbar gemacht

  • Der Rhein (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

Tullas „Rektifikation“ hatte ein Problem nicht lösen können: die mangelnde Schiffbarkeit des Oberrheines für die Großschifffahrt. Wasserbauingenieur Max Honsell entwarf deshalb Pläne zur Regulierung des Rheines. Die ungenügende Tiefe der Fahrrinne bei Niedrigwasser sollte überwunden werden. Ab 1907 wurden Honsells Pläne durchgeführt. Er ließ Buhnen (quer verlaufende Schotteranhäufungen) bauen. Dadurch entstand ein Flussbett, das auch bei Niedrigwasser durchgängig Schifffahrt erlaubte. Sie erwiesen sich als Erfolg. 1913 war Straßburg noch Endpunkt der Großschifffahrt, die in den Folgejahren weiter flussaufwärts bis Basel vordrang.

05 Der Rheinseitenkanal

Landgewinnung, Hochwasserbekämpfung und Schiffbarmachung, das waren die Ziele wegen derer man bis in die 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts den Rhein „maßgeschneidert hatte“. In der darauf folgenden Flussausbauphase ging es vor allem um die Energiegewinnung. Nach dem 1. Weltkrieg (1914-1918) wurde Frankreich im Versailler Vertrag von 1919 das Recht auf totale Nutzung des Rheinwassers als Kriegsentschädigungsleistung zugesprochen. Die Franzosen bauten daraufhin zwischen 1928 und 1959 den Rheinseitenkanal (Grand Canal d´Alsace). Er beinhaltet vier Kraftwerke und mit 9 m Tiefe, einer Sohlenbreite von 80 m, ausbetonierten Seitenufern und abgedichtetem Grund war und ist er heute noch für die Großschifffahrt bestens geeignet. 98 % des Rheinwassers werden in den Kanal geleitet und dienen der Stromerzeugung an den Kraftwerken (Kembs, Ottmarsheim, Fessenheim, Vogelgrün). Die Abdichtung verhindert, dass Kanalwasser ins Grundwasser und in den Altrhein gelangt. Der Altrhein verkümmerte zum Rinnsal. Ein starkes Absinken des Grundwasserspiegels war die Folge und darunter litt der Auenwald. Bis 1960 starben 46 km2 Auenwald ab. So entstanden aufgrund der neuen Verhältnisse ganz neue Pflanzengemeinschaften, und wo früher feuchte Auwälder waren, sind heute u. a. Kiefernwälder anzutreffen.

Trotz der als problematisch erkannten Landschaftsveränderung ging auf Druck der Schifffahrt und der Industrie der Rheinausbau schon 1961 weiter. Man hatte jedoch erkannt, dass man beim weiteren Ausbau nördlich von Breisach auf eine andere Lösung umsteigen musste. Daher entschied man sich für die „Schlingenlösung“.