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Geschichte "La Course Camarguaise"

Der Ursprung der heutigen "Courses Camarguaises" ist das Stierspiel: Löwen, Hunde, Bären und andere Tiere mussten es mit den Stieren aufnehmen; gleichzeitig mit ihnen wagten Bauernknechte ihr Glück - auch sie stellten sich dem Stier, um ihn zu bekämpfen oder mit ihm zu "spielen". 1402 wurde ein solcher Stierkampf zum ersten Mal urkundlich erwähnt: Zu Ehren von Louis II., Graf der Provence, traten ein Stier und ein Löwe gegeneinander an. Um 1500 organisierten Bauernknechte erstmals Stierspiele in provisorischen Arenen, welche mit Karren und anderem Material abgegrenzt wurden. Im Lauf der Jahrhunderte versuchten viele französische Machthaber, unter ihnen auch der Sonnenkönig Ludwig XIV., die Spiele zu verbieten. Durchsetzen konnte sich keiner von ihnen, die Liebe der Bevölkerung zu den Stieren und Stierkämpfen war größer. Ende des 19. Jahrhunderts wurde jedoch immer öfter Kritik an den Spielen laut, da der Kampf mit dem Stier für die Löwen, Bären und anderen Tiere oft einen grausamen Tod bedeutete.


Ein Stierkämpfer auf der Flucht vor einem Stier

Unterdessen hatte sich bereits Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts im Rhône-Delta, in der eigentlichen Camargue, eine ganz andere Art des Spiels herausgebildet. Junge Landarbeiter traten gegen die Stiere an und es galt keineswegs, den Stier selbst zu besiegen, ihn zu töten.


Den Stieren wurden Kokarden (Stofftrophäen) an die Hörner gebunden und die mutigen jungen Kämpfer versuchten, dem Stier die Kokarden zu entreißen. Aus dieser sogenannten "Course libre" entstand dann Ende des 19. Jahrhunderts die heutige "Course Camarguaise". Feste Regeln für die Courses gab es zu jener Zeit noch nicht und so konnte sich jeder Mann über 16 Jahren daran als Kämpfer beteiligen.


Ein Mann läßt sich von einem Stier durch eine Koppel jagen

Erst als Anfang des 20. Jahrhunderts Regeln eingeführt wurden, wurde der Zugang zur Arena beschränkt. Seither dürfen sich nur noch ausgebildete "Raseteurs", die grundsätzlich in Weiß gekleidet sind, in den Kampf wagen. 1901 wurde die "Fédération Française de la Course Camarguaise" gegründet, der offizielle Verband. Am 2. Juli 1975 folgte die Anerkennung als Sportart durch die französische Regierung.


Die Courses Camarguaises haben sich in Südfrankreich zu einem traditionsreichen sportlichen Spiel entwickelt, das die Menschen in Scharen in die über 150 Arenen in Städten und Dörfern zieht. Viele kommen in Trachten, zu Pferd oder in Kutschen. Die Südfranzosen bringen für ihre Stierkämpfe mindestens so viel Begeisterung auf wie die Spanier für ihre weltbekannten Kämpfe, allerdings besteht ein gewaltiger Unterschied: Die Stiere sind die wahren Stars bei den Courses Camarguaises und sie werden weder verletzt noch getötet. Dies veranlasste den amerikanischen Schriftsteller Ernest Hemingway in seinem berühmten Buch über die spanischen Stierkämpfe "Tod am Nachmittag" zu einer ziemlich abschätzigen Bemerkung: "Zukünftige Zuschauer werden gewarnt, Stierkämpfe in Frankreich, Mittel- oder Südamerika - vielleicht bis auf die in Lima in Peru - ernst zu nehmen."


Ein Stier drückt einen Stierkämpfer gegen die Arenawand

Ungefährlich sind die Courses aber keineswegs: Jeder Raseteur, der es zu Fuß mit dem Stier aufnimmt und blitzschnell den spitzen Hörnern des Tiers ausweichen muss, begibt sich in Lebensgefahr. Verletzungen, vor allem der Arme, kommen häufig vor, Tote gibt es aber dennoch selten. Im vergangenen Jahrhundert starben nach offiziellen Angaben neun Raseteurs bei den Kämpfen.


Auch für die Zuschauer birgt das Spektakel gelegentlich Gefahren, vor allem beim "abrivado", dem Auftakt zu den Kämpfen. Denn dann wird ein Teil der Stiere von Reitern durch das Dorf zur Arena getrieben. Aber auch in der Arena selbst kann es gefährlich werden:Zuschauer in einer Arena bejubeln einen stürzenden Stierkämpfer Im April 2000 wurde in Vauvert ein Zuschauer von einem Stier getötet, der bei seinem Sprung über die Absperrung bis auf die Tribüne gelangte. Der Vorfall löste sogar auf europäischer Ebene Diskussionen um die Sicherheit bei den Courses aus, so dass sich schließlich der französische Senat damit befassen musste.


Der Ruf nach besseren Sicherheitsvorkehrungen stieß in der Camargue und sogar bei der Familie des Toten auf Unverständnis. Diese Reaktion ist bezeichnend für die Bedeutung der Spiele: Die Nähe der Zuschauer zu "ihren" Stieren gehört einfach dazu, eine eiserne Sicherheitsbarriere würde das Spiel zu einem reinen Spektakel degradieren und dies, so die Befürchtung, wäre das Ende der geliebten Tradition.


Ein Film von Peter Prestel


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