Logo SWR Schulfernsehen

Geschichte Kataloniens

Marti Valles, ein katalonischer Weinbauer

Der Verzicht auf einen eigenen Staat und Jahrhunderte lange Verfolgung haben ein Volk geprägt, dass sich seiner Vergangenheit und kulturellen Eigenständigkeit sehr bewusst ist. "Katalonien wurde durch die Heirat absoluter Monarchen mit Kastilien verbunden," weiss Marti Valles, ein Weinbauer mit historischem Bewusstsein, und das ist in Katalonien keine Seltenheit. "Es gab zwei Parlamente, das Katalanische und das Kastilische. Nun haben die Katalanen einen Defekt, es ist ein friedfertiges Volk. So verzichteten wir auf das Heer, das wir besassen und widmeten uns dem Handel. Kastilien dagegen ist kriegerischer. Es brach nach 200 Jahren die Abkommen. Wir erhoben uns, es gab Krieg, und wir verloren. Wir können nie vergessen, dass wir während Jahrhunderten von einem Besatzungsheer beherrscht wurden. Unsere Fahnen und Abzeichen wurden verboten. 1714 wurden uns von Kastilien ernannte Bischöfe auferzwungen, wir wurden auf viele Weisen verfolgt. Ende des 19. Jahrhunderts kam vorübergehend die Republik, doch dann wurden wir wieder vom kastilischen Heer besetzt, und die Kanonen des Forts von Montjuic zeigten auf die Stadt Barcelona anstatt auf äußere Feinde. Daher fühlen wir uns immer verfolgt, wir können unsere Geschichte nicht vergessen."


Und die geht weit zurück: Die Westmark des Karolingischen Reiches bildete sich schon vor über 1.000 Jahren als eigenständige Grafschaft heraus: Guifré el Pelos (Wilfried der Haarige) gründete im 9. Jahrhundert die Dynastie der Grafen von Barcelona. Im späten Mittelalter standen die Katalanen im Zentrum eines Reiches, das die Krone Aragons, Valencia, die Balearen und Sizilien umspannte. Doch als die Dynastie der Grafen von Barcelona im 15. Jahrhundert ausstarb, erhielt Katalonien einen kastilischen König. Seither gehören die Spannungen mit dem Zentrum der iberischen Halbinsel zum Schicksal dieses Volkes. Immer wieder wurde ihre Sprache verboten, und immer wieder erlitten sie die blutige Unterdrückung durch Könige oder Diktatoren. Als Folge eines Krieges mit Madrid verlor Katalonien im 17. Jahrhundert einen großen Teil seines Gebietes - 1659 wurde das Rosselló, einst Sitz des Königreiches von Mallorca und fester Bestandteil der "Paisos Catalans" (Katalanische Länder), Frankreich zugeschlagen.


Der 1936 von General Francisco Franco ausgelöste Bürgerkrieg ließ die Katalanen als Nation vorübergehend wieder aufblühen. Während die Anarchisten der Gewerkschaft CNT in den Straßen und Fabriken Barcelonas die Macht innehatten, bauten die Nationalisten allmählich die katalanische Regionalregierung, die "Generalitat", wieder auf.Feierlicher Umzug mit übergroßen Puppen Der Sieg Francos 1939 und die grausame Verfolgung, die folgte, setzten dem ein Ende. Sprache und Kultur der Katalanen wurden schlichtweg verboten.


Die Rückkehr zur Demokratie nach Francos Tod brachte die regionalen Eigenheiten Spaniens wieder ans Tageslicht. Die Verfassung von 1978 teilte das Land in 17 regionale "Autonomieen" ein. Vor allem die mit lange verwurzelter Tradition, wie Katalonien, das Baskenland und Galizien, erhielten Sonderrechte, die ihnen mindestens soviel lokale Selbstbestimmung wie einem deutschen Bundesland einräumen.


Aber auch im modernen Europa der Union sehen sich die Katalanen als ein Volk, dass sich zunächst von Madrid befreien muss, um sich voll in Europa integrieren zu können. "Was haben wir denn mit dem König Juan Carlos zu tun?" fragen sich viele Katalanen. Immer wieder betont Jordi Pujol, langjähriger Präsident der Regionalregierung, dass seine Vision von Katalonien nichts mit Rassismus oder Religion zu tun hat: "Es geht um Sprache, Kultur und historisches Bewusstsein." Katalane ist, sagen die Nationalisten, "jeder, der in Katalonien lebt und arbeitet". Eine andere Definition wäre auch schwer durchzusetzen, denn 37 Prozent der Einwohner sind Einwanderer, fast die Hälfte davon aus Andalusien. Lange war die Industriemetropole Barcelona die reichste Stadt der iberischen Halbinsel, die eine Generation hungernde Landarbeiter aus dem Süden anzog.


Die Bildungs- und Kulturpolitik ist deshalb Grundstein der Art Pujols, Staat zu machen: "Wenn man die Freiheit verloren hat, ist die Sprache wie ein Schlüssel zur Gefängnistüre." Anders als die Basken, deren Sprache nur von einem Viertel der Einwohner gesprochen wird und die erst in diesem Jahrhundert eine eigene Literatur entwickelten, hielten die Katalanen dank ihrer Sprache auch unter der Diktatur an ihrer Identität fest. Die Sprache ist für Pujol die Essenz der Nation, seiner Nation von Katalanen. Und wenn die baltischen Staaten unabhängig wurden, warum soll nicht ein Volk von sechs Millionen, deren Sprache von mehr Menschen gesprochen wird als das Dänische oder Norwegische und dessen Gebiet so groß ist wie Belgien oder Holland, keinen eigenen Staat haben innerhalb der Europäischen Union? Ganz geduldig und behutsam arbeitet die reichste und am dichtesten besiedelte Region Spaniens daraufhin, so wie vor 1.000 Jahren unabhängig zu sein.


» zum Seitenanfang

szmtag