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Hintergrund: Tschernobyl – Chronik einer Katastrophe

Der Super-GAU in Tschernobyl

  • Tschernobyl: Luftaufnahme des zerstörten Reaktorblocks 4. (Quelle: SWR – Screenshot aus der  Sendung) Der zerstörte Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl
  • Block 4 von Tschernobyl heute. Der Sarkophag um Block 4 soll vor der Strahlung schützen (Quelle: www.colourbox.com)

Als sich im Atomkraftwerk von Tschernobyl der weltweit gefürchtete Super-GAU (GAU = größter anzunehmender Unfall) ereignete, war der Reaktor des Blocks 4 gerade einmal zwei Jahre in Betrieb. In der damaligen Sowjetunion wurde er als Musteranlage gepriesen – obwohl Fachleuten etliche Mängel durchaus bewusst waren. Im Westen war über die Funktionsweise dieses graphitmoderierten Siedewasserreaktors nur wenig bekannt. Aus gutem Grund, denn die Atommeiler von Tschernobyl waren nicht nur für die Stromerzeugung, sondern für die Gewinnung von waffenfähigem Plutonium gebaut worden. Noch Jahre nach der Katastrophe wurden die Abläufe und die Fehler mühsam rekonstruiert. Vor dem Ende der Sowjetunion fehlten im Westen nicht nur die technischen Kenntnisse, sondern auch die Informationen, die seitens der UdSSR nur zögerlich flossen. Später stellte sich heraus, dass auch die Abläufe am 26. April nicht lückenlos dokumentiert worden waren. Manche Einzelheiten werden vermutlich nie geklärt werden.

Deutsche Politiker wurden in den Wochen nach der Katastrophe nicht müde zu erklären, dass sich bei uns ein Unfall in dieser Form nicht ereignen könne. Das kann er in der Tat nicht, denn auch wenn es in westlichen Staaten graphitmoderierte Reaktoren gab und gibt, sind diese anders konstruiert als die sowjetischen Reaktoren des Typs RBMK. Partielle Kernschmelzen gab es jedoch auch im Westen bei verschiedenen Reaktortypen. Überdeutlich wurde direkt nach Tschernobyl, dass alle betroffenen Staaten mit der Bewältigung der Folgen überfordert waren. In Deutschland gab es weder einheitliche Grenzwerte noch einen funktionierenden Datenaustausch oder einheitliche Empfehlungen für die Bevölkerung.

Die Tatsachen, dass der statistisch so unwahrscheinliche Fall eines GAUs eingetreten war, dass die Radioaktivität an Grenzen nicht halt macht und dass die Technik nicht zu 100 Prozent beherrschbar ist, entfachten weltweit eine neue Diskussion um die Atomkraft.

Die zeitliche Abfolge

Freitag, 25. April 1986 – die Testvorbereitung

In Block 4 soll getestet werden, ob bei einem Stromausfall und der Abschaltung des Reaktors die Rotationsenergie der Turbinen ausreicht, um Strom für die Kühlwasserpumpen zu liefern, bis die Notstromaggregate angelaufen sind. Testbeginn ist um 13 Uhr. Die Reaktorleistung wird reduziert, das Notkühlsystem wird entsprechend der Testprozedur ausgeschaltet.

Um 14 Uhr muss der Test unterbrochen werden, weil aus Kiew Strom angefordert wird. Die Notkühlsysteme bleiben ausgeschaltet.

Kurz nach 23 Uhr beginnt der Test erneut, allerdings nach dem Schichtwechsel mit ganz anderem Personal. Der Reaktor soll auf 25 Prozent seiner Leistung abgefahren werden.

Samstag, 26. April 1986 – der Unfall

Um 0.28 Uhr fällt die Leistung des Reaktors aus bis heute ungeklärten Gründen auf ein Prozent. Unterhalb von etwa 20 Prozent Leistung kann der Reaktor nicht mehr sicher gesteuert werden und müsste eigentlich abgeschaltet werden. Stattdessen fährt die Bedienmannschaft die Steuerstäbe (auch „Bremsstäbe“ genannt) aus dem Reaktorkern aus, um so die Leistung zu steigern.

Eine halbe Stunde später läuft der Reaktor wieder, jedoch nur bei rund sieben Prozent seiner Nennleistung. Für den Test werden etliche Sicherheitssysteme abgeschaltet, nur vier von acht Kühlpumpen sind eingeschaltet. Zu Beginn des Tests sind außerdem zu viele Steuerstäbe aus dem Reaktorkern ausgefahren.

Kurz nach Testbeginn um 1.23 Uhr steigt nach dem Schließen der Turbinenschnellschlussventile die Temperatur des Kühlmittels und damit der Druck. 36 Sekunden nach Testbeginn versucht der Schichtleiter eine Notabschaltung.

Diese besiegelt das Schicksal des Reaktors. Grund dafür ist ein Konstruktionsfehler: Beim Einfahren drücken die Steuerstäbe Graphitelemente durch den – ohnehin schon instabilen – Reaktorkern und verstärken so die Kettenreaktion. Innerhalb von Sekunden kommt es zu einem Leistungsanstieg auf das 100-Fache. Durch die enorme Hitze bersten die Druckröhren, ein Teil des Brennstoffs zerreißt in winzige Stücke. Das Kühlwasser im Reaktor verdampft schlagartig.

  • Schwarzweiß-Luftaufnahme des brennenden Reaktors. (Quelle: SWR –Screenshot aus der Sendung) Die erste Aufnahme des zerstörten und brennenden Reaktors
  • Busse zur Evakuierung der Bewohner von Pripjat. (Quelle: SWR –Screenshot aus der Sendung) Erst eineinhalb Tage nach dem Unglück werden die Bewohner von Pripjat evakuiert
  • Männer in Arbeitskleidung in einem Bus. (Quelle: SWR –Screenshot aus der Sendung) Sogenannte Liquidatoren werden zu Aufräumarbeiten auf das verstrahlte Gelände geschickt

Im Abstand von wenigen Sekunden kommt es zu zwei Explosionen, wobei das Dach des Reaktorgebäudes weggesprengt wird. Durch das offene Dach gelangt Luft in den Reaktor und das heiße Grafit gerät in Brand. Rauch steigt kilometerhoch in die Atmosphäre und reißt große Mengen radioaktiven Staub mit sich.

Der Reaktorkern wird zerstört, was vermutlich die Ursache für die Beendigung der Kettenreaktion ist.

Ein Teil der zerstörten Graphitblöcke wird bei den Aufräumarbeiten außerhalb des Reaktorgebäudes gefunden. Dieses hochradioaktive Material wird später von den sogenannten Liquidatoren in den zerstörten Reaktor zurückgeworfen.

Um 5 Uhr sind die Brände außerhalb des Reaktorgebäudes gelöscht. Der Versuch, das Innere des brennenden Reaktors mit Wasser zu kühlen, schlägt fehl. Stattdessen läuft kontaminiertes Wasser aus dem Gebäude.

Inzwischen hat die Strahlung im drei Kilometer entfernten Pripjat das 600.000-fache des normalen Werts erreicht und steigt weiter an.

27. April 1986 - der Brand

Am Tag nach der Katastrophe sind die drei weiteren Tschernobyl-Blocks abgeschaltet. 2700 Busse evakuieren die Einwohner von Pripjat. Aus 80 Hubschraubern werden Blei, Sand, Lehm, Dolomit und Borkarbid in den Reaktor geworfen, um den Brand unter Kontrolle zu bekommen. Ein gegenteiliger Effekt tritt ein: Die Temperatur steigt. Selbst in 200 Metern Höhe herrschen bis zu 180 Grad Celsius. Die radioaktive Strahlung dort ist so hoch, dass sie nicht mehr gemessen werden kann.

Noch während des Brands schickt die sowjetische Regierung sogenannte „Liquidatoren“ für Aufräumarbeiten auf das Gelände. Nach zehn Tagen gelingt es schließlich, Stickstoff in das Reaktorgebäude zu blasen. Erst am 6. Mai ist der Brand gelöscht und die Freisetzung von radioaktiven Stoffen in die Atmosphäre gestoppt.

  • Verbreitung der radioaktiven Wolke über Europa. (Quelle: SWR –Screenshot aus der Sendung) Wenige Tage nach dem Unglück erreicht die radioaktive Wolke auch Deutschland und Frankreich

28. April 1986 – Alarm in Schweden

Auch zwei Tage nach der Katastrophe wissen die westlichen Staaten Europas nichts von den Ereignissen. Erst als die radioaktive Wolke in Schweden ankommt und im Kernkraftwerk Forsmark, nördlich von Stockholm, Alarm ausgelöst wird, keimt der Verdacht, es könne einen Unfall gegeben haben. Noch am gleichen Tag verbreitet die staatliche sowjetische Nachrichtenagentur TASS eine Kurzmeldung zu einem Unfall in Tschernobyl. Einen Tag später erreicht die radioaktive Wolke Deutschland. In den folgenden Tagen fällt radioaktiver Regen auf Westeuropa.

Die Wahrheit über Tschernobyl kommt scheibchenweise ans Licht. Während der Westen anhand von Satellitenaufnahmen rätselt, ob ein oder zwei Reaktoren brennen, erfahren die Bewohner des größeren Umkreises um Tschernobyl zunächst nichts. Lediglich die direkte Umgebung des Atomkraftwerks wird in einem 30-Kilometer-Radius nach und nach evakuiert. Eine Woche nach der Explosion erscheint eine kurze Meldung über den Unfall in der sowjetischen Prawda.

Von zwei Toten ist zunächst die Rede, dann von 154 Verletzten. Das wahre Ausmaß wird erst Jahre später klar.

  • Grafik: Querschnitt durch den Reaktor während der Kernschmelze. (Quelle: SWR –Screenshot aus der Sendung) Grafik: Der geschmolzene Kernbrennstoff droht, sich durch den Boden zu fressen
  • Grafik: Tunnelverlauf unter den Reaktor. (Quelle: SWR –Screenshot aus der Sendung) Grafik: Der geplante Tunnel unter den Reaktor
  • Bergarbeiter in einem engen Tunnel. (Quelle: SWR –Screenshot aus der Sendung) Bergarbeiter graben einen Tunnel unter den Reaktor
  • Männer mit Helmen und Bleischutz schaufeln Schutt. (Quelle: SWR –Screenshot aus der Sendung) Mit primitivsten Mitteln räumen Männer hochradioaktives Material vom Dach

5. Mai

Die Stadt Tschernobyl und die umliegenden Ortschaften werden evakuiert. Das Gebiet im Umkreis von 30 Kilometern um das Kernkraftwerk wird zur Sperrzone erklärt. In Tschernobyl steigt die Radioaktivität weiter. 6000 Tonnen Sand und Borsäure haben den Reaktor zugeschüttet, doch auf dem Grund glüht weiterhin der Kernbrennstoff. Es besteht die Gefahr einer Kettenreaktion. Um den Reaktor abzudichten und die Temperatur zu senken, werden 2400 Tonnen Blei in den Reaktor geworfen. Der geschmolzene Kernbrennstoff droht durch den Boden des Kraftwerks ins Grundwasser zu sickern.

13. Mai

Einen Monat lang graben Tausende Bergleute einen Tunnel für ein Kühlsystem unter dem Reaktor, das jedoch nie eingebaut wird. Stattdessen wird der Raum mit Beton gefüllt, um das Gebäude zu stabilisieren.

14. Mai

Präsident Gorbatschow wendet sich über das Fernsehen an die Bevölkerung. Das ganze Land wird mobilisiert. Im Lauf des Jahres 1986 werden 100.000 Soldaten nach Tschernobyl geschickt. Zusammen mit den 400.000 – 900.000 Zivilisten (genaue Zahlen gibt es nicht) haben sie als sogenannte Liquidatoren die Aufgabe, die Radioaktivität zu beseitigen. Hubschrauber werfen eine klebrige Flüssigkeit ab, die den radioaktiven Staub binden soll. Liquidatoren-Brigaden entfernen die radioaktive Staubschicht, die alles bedeckt.

Juli 1986

Rund um das Reaktorgelände werden Trümmer und kontaminierte Erde vergraben. Ein enormer Sarkophag wird gebaut, der den Reaktor völlig ummanteln soll.

September 1986

Auf dem Dach des Kraftwerks werden die kontaminierten Grafikbrocken beseitigt. Aufgrund der hohen Radioaktivität versagen die ferngesteuerten Maschinen. Soldaten übernehmen ihre Arbeit: Maximal 45 Sekunden darf ein Einsatz dauern, bevor die zulässige Strahlendosis überschritten ist.

November 1986

Das Gelände ist gesäubert, der Sarkophag fertiggestellt. Die Reaktoren 1 bis 3 sind wieder in Betrieb.

Die gesundheitlichen Folgen

  • Radioaktiv verbranntes Bein. (Quelle: SWR –Screenshot aus der Sendung) Eine radioaktive Verbrennung an einem Bein wird behandelt
  • Kind mit verkrüppelten Beinen und nur einem Arm. (Quelle: SWR –Screenshot aus der Sendung) Nach Tschernobyl kommt es zu mehr Missbildungen bei Kindern

Bis heute ist nicht bekannt, wie viele der sogenannten Liquidatoren in Tschernobyl im Einsatz waren. Es kursieren Zahlen von 500.000 bis zu 1,2 Millionen. Diejenigen, die direkt nach dem Unglück im Einsatz waren, wurden den höchsten Strahlendosen ausgesetzt. Nach Angaben der ukrainischen Gesundheitsbehörde sind inzwischen etwa 15.000 Liquidatoren gestorben, nach Angaben der Armee sind es mehr als 20.000; über 90 Prozent sollen erkrankt sein. Da es zu den Männern und Frauen, die im Einsatz waren, zum Teil keinerlei Unterlagen gibt, wird es wohl auch künftig reine Spekulation bleiben, welche Folgen die Strahlenbelastung bei ihnen hatte und hat.

Aus der direkten Umgebung des Reaktors werden über 300.000 Menschen umgesiedelt. Sie sind in den ersten Tagen nach dem Unglück Strahlendosen ausgesetzt, die etwa über dem 150-fachen der natürlichen Strahlung liegen. Um das AKW wird eine 30 Kilometer breite Sperrzone gezogen, die aufgrund der Verstrahlung unbewohnbar ist. Insgesamt wurde eine Landfläche von schätzungsweise 200.000 Quadratkilometern verseucht, 70 Prozent davon in der Ukraine, in Weißrussland und Russland (zum Vergleich: Deutschland hat eine Fläche von ca. 350.000 Quadratkilometern).

Nach dem GAU von Tschernobyl stiegen vor allem bei Kindern und Jugendlichen die Fälle von Schilddrüsenkrebs – eine unbestrittene Folge des Reaktorunglücks. Deutlich zugenommen haben in den großflächig verstrahlten Regionen die Fälle von Leukämie, Brustkrebs und weiteren Krebserkrankungen. Zudem werden wesentlich mehr genetische Schädigungen und eine höhere Säuglingssterblichkeit festgestellt. Auch in Westeuropa stiegen die Zahlen, wenn auch nicht so stark wie in der ehemaligen Sowjetunion. Erkrankungen in Folge der Reaktorkatastrophe wird es vermutlich noch mehrere Generationen lang geben.

Auch bei den gesundheitlichen Folgen gehen die Zahlen weit auseinander: Das Tschernobyl-Forum von Internationaler Energieorganisation, Weltgesundheitsorganisation und UN rechnete 20 Jahre nach dem Unfall mit 4000 Todesfällen. Die Organisation „Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs“ geht davon aus, dass mindestens 50.000 Menschen allein an Schilddrüsenkrebs erkranken werden.

Wie viele Menschen als Folge der Tschernobyl-Katastrophe sterben und erkranken werden, wird mit Sicherheit nie geklärt: Es fehlen genaue Daten zur radioaktiven Belastung der Bevölkerung direkt nach dem Unglück ebenso wie Informationen zur Bevölkerung oder den eingesetzten Liquidatoren. Einige Zahlen aus der Ukraine lassen aber das wahre Ausmaß ahnen: 2005 waren dort bereits 17.500 Todesfälle als direkte Folge von Tschernobyl anerkannt worden. Erschreckend auch eine Zahl zur Immundefiziten bei Kindern: Vor Tschernobyl galten 20 Prozent der Kinder in den später verseuchten Regionen als krank, 80 Prozent als gesund. Heute ist das Verhältnis umgekehrt.