zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.

Inhalt

Hintergrund: „Wir sind 2000 Kilometer weit weg“ - Deutsche Reaktionen auf Tschernobyl

Bundesrepublik

  • Satellitenbild mit Darstellung der radioaktiven Wolke. (Quelle: SWR – Screenshot aus der  Sendung "Die Schlacht von Tschernobyl") Tschernobyl ist 2000 Kilometer entfernt, aber die radioaktive Wolke reicht weiter

Als am 26. April 1986 im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl ein Reaktor explodierte, herrschte seitens der UdSSR zunächst Stillschweigen. Als die radioaktive Wolke zwei Tage später Finnland und Schweden erreichte, hatten schwedische Wissenschaftler zunächst einen ihrer eigenen Atommeiler, Forsmarck, in Verdacht, bis klar wurde, dass die Ursache in der Ukraine liegen musste. Erst als schwedische Regierungsstellen bei der Sowjetunion auf Auskunft drängten, kam von dort die erste zögerliche Meldung. In einem Kernkraftwerk nahe Kiew habe es eine Havarie gegeben, so die dürre Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur "TASS". Zu Ursache und Zeitpunkt war nichts zu erfahren.

„Eine Gefährdung ist absolut auszuschließen“

  • Luftaufnahme des zerstörten Blocks 4 in Tschernobyl. (Quelle: SWR – Screenshot aus der  Sendung "Die Schlacht von Tschernobyl") Zerstörter Reaktor: Das wahre Ausmaß wird erst nach und nach bekannt

Auch als die Explosion des Reaktors in der Bundesrepublik bekannt wurde, rechneten offizielle Stellen nicht damit, dass sich die radioaktive Wolke so weit ausbreiten würde. Der damalige Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann, zuständig für Umweltfragen, betonte noch am 29. April in einem Interview der Tagesschau, eine Gefährdung sei "absolut auszuschließen, denn Gefährdung besteht nur in einem Umkreis von 30 bis 50 Kilometern um den Reaktor herum. Dort ist sie hoch. Wir sind 2000 Kilometer weit weg." Einen Tag später ließ auch die baden-württembergische Landesregierung verlauten, es bestehe keine Gefahr (Stuttgarter Zeitung, 10. Mai 1986). Zu diesem Zeitpunkt hatte die radioaktive Wolke Deutschland bereits erreicht.

Warnung vor Gemüse, Milch und Regen

  • Kopfsalat, davor Warnzeichen für Radioaktivität. Nach Tschernobyl radioaktiv belastet und nicht essbar: Salat (Quelle: www.colourbox.com (1); Public Domain (1); Montage: Frietsch)
  • Pilz, davor Warnzeichen für Radioaktivität. Je nach Region bis heute belastet: Pilze (Quelle: www.colourbox.com (1); Public Domain (1); Montage: Frietsch)
  • Wildschweine, davor Warnzeichen für Radioaktivität. Auch Wildschweine sind noch heute zu hoch belastet (Quelle: www.colourbox.com (1); Public Domain (1); Montage: Frietsch)

Die folgenden Wochen waren von Hilflosigkeit auf Seiten der Politik und Verunsicherung seitens der Bevölkerung geprägt. Auf ein Szenario wie nach Tschernobyl war keiner vorbereitet, der Regierung fehlte jegliches Instrumentarium.

In der Bundesrepublik gab es 1986 weder einheitliche Richtlinien für die Grenzwerte, beispielsweise bei Lebensmitteln, noch eine Struktur für den Informationsaustausch, um mit den Folgen eines derartigen Unglücks umgehen zu können.

Erste Warnungen betrafen Milch vom Bauern und Blattgemüse. Während beispielsweise in Bayern gewarnt wurde, beruhigte das Sozialministerium in Baden-Württemberg: Hausfrauen sollten Blattgemüse nur "etwas gründlicher waschen als sonst" (Stuttgarter Zeitung, 3.5.96). In Berlin riet die BZ ihren Lesern, Obst und Gemüse lauwarm zu waschen. Zur gleichen Zeit wollte die Berliner Ausgabe der „Bild“ gar erste Atomflüchtlinge ausgemacht haben. Wenige Tage später wurde tonnenweise Gemüse beschlagnahmt und vernichtet.

Kinder durften nicht mehr in Sandkästen spielen, Hautkontakt mit dem Boden sollte vermieden werden. Klassenfahrten in die DDR und andere Ostblock-Staaten wurden abgesagt. In Hessen wurden teilweise Spielplätze, Sport- und Freizeitanlagen geschlossen. Hamburg riet seinen Bürgern, bei Regen nicht nach draußen zu gehen. Nordrhein-Westfalen gab eine Empfehlung, nach der Schwangere und Kleinkinder auf Frischmilch und Frischmilchprodukte verzichten sollen. Niedersachsen erklärte, die Bauern sollten Blattgemüse einfach unterpflügen. Kleingärtnern wurde geraten, die oberste Bodenschicht einige Zentimeter abzutragen. Bauern mussten ihr Milchvieh von der Weide holen.

Am 23. Mai gaben etliche Landesregierungen wieder Entwarnung - Gemüse könne jetzt wieder bedenkenlos gegessen werden. Krisenstäbe wurden gebildet und wieder aufgelöst. Die radioaktive Wolke hatte vor allem Jod 131 nach Deutschland getragen, das eine Halbwertszeit von rund 8 Tagen hat und somit nach einigen Wochen vollständig verschwunden war.

Binnen kurzer Zeit nach Eintreffen der radioaktiven Wolke über Deutschland gab es einen Ansturm auf Jod-Tabletten als Mittel gegen die Einlagerung von radioaktivem Jod in der Schilddrüse. Noch im Juni warnten Wissenschaftler vor Wild-, Schaf- und Ziegenfleisch, ebenso vor freilaufendem Geflügel und Milch. Durch das Unterpflügen, so eine der Begründungen, sei Cäsium 137 in den Boden geraten und von dort gerate es über Futterpflanzen wieder in den Nahrungskreislauf. Für Lebensmittel wie Milch, Obst Fleisch und Gemüse aus Polen und der Sowjetunion gab es Einfuhrbeschränkungen.

Radioaktive Molke

Noch zwei Jahre nach Tschernobyl saß die Bundesrepublik auf 5000 Tonnen verstrahltem Molkepulver. Das Pulver stammte aus Bayern, das von der radioaktiven Wolke besonders stark betroffen war. Anstatt wie in einigen anderen Bundesländern nicht-belastetes Futter zu importieren und an das Vieh zu verfüttern, waren in Bayern die Milchkühe zum Weiden auf die Wiesen gelassen worden. Die Folge war verstrahlte Milch, die auf Anraten des bayerischen Landwirtschaftsministeriums zu Käse verarbeitet werden sollte. Übrig blieben 5000 Tonnen mit Cäsium 137 kontaminiertes Molkepulver, das der Bund aufkaufte und dessen Entsorgung über Jahre diskutiert wurde. Die Vorschläge reichten vom Verfüttern an Vieh über das Verbrennen in einer Müllverbrennungsanlage über den Export, beispielsweise nach Afrika, bis zur Einlagerung in einem ehemaligen Bergwerk oder im leerstehenden Komplex des Schnellen Brüters in Kalkar. Unterdessen waren die Säcke mit der radioaktiven Molke in 242 Güterbahnwaggons verladen worden, die an wechselnden Standorten unter Obhut der Bundeswehr parkten.

Schließlich fiel die Entscheidung für die Dekontaminierung mittels eines sogenannten Ionenaustauscherverfahrens. In einem Betriebsgebäude des stillgelegten AKWs Lingen wurde der Molke das Cäsium entzogen. Übrig blieben fast saubere Molke und rund 100 Kilogramm radioaktives Material zu Endlagerung.

Grenzwert-Chaos

Jedes Bundesland gab nach der Katastrophe seine eigenen Empfehlungen heraus, auch die Grenzwerte für die Strahlenbelastung von Lebensmitteln unterschieden sich erheblich. Warnungen und Entwarnungen wechselten sich ständig ab, dazu kam eine komplette Begriffsverwirrung durch die verschiedenen Maßeinheiten Bequerel, Rem, Curie, Sievert. Dies ging so weit, dass Bundesgesundheitsministerin Rita Süßmuth Sofortmaßnahmen für eine einheitliche Beurteilung und Sprachregelung forderte. Mit Blick auf die unterschiedlichen Maßnahmen der Bundesländer sagte sie: "Wir machen ja die Eltern schier verrückt, wenn wir heute Empfehlungen aussprechen und sie am Tag darauf wieder zurücknehmen." (Frankfurter Rundschau, 7.5.1986). In der Bundesrepublik gab es 1986 weder einheitliche Richtlinien für die Grenzwerte, beispielsweise bei Lebensmitteln, noch eine Struktur für den Informationsaustausch, um mit den Folgen eines derartigen Unglücks umgehen zu können.

Gründung des Umweltministeriums

Eine der direkten Folgen des Chaos nach Tschernobyl war die Gründung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit im Juni 1986. Noch im gleichen Jahr beschloss der Bundestag das "Strahlenschutzvorsorgegesetz", das die gesetzliche Grundlage für ein "Integriertes Mess- und Informationssystem" war. Mit IMIS sollen Fehler wie nach Tschernobyl vermieden werden, denn 1986 gab es zwar Messungen, doch die waren weder systematisch noch aufeinander abgestimmt. Mangelhaft war auch der Datenaustausch. Diese Situation war eine der Hauptursachen für die höchst unterschiedlichen Meldungen und Empfehlungen der Bundesländer. Heute werden durch IMIS jährlich rund 10.000 Messungen in Luft, Wasser und Boden, bei Nahrung und bei Futtermitteln vorgenommen. Die Ergebnisse werden im Bericht "Radioaktivität und Strahlenbelastung" veröffentlicht.

Nach Tschernobyl setzte erneut eine heftig geführte Diskussion um die Nutzung der Kernenergie ein. Die umstrittenen Projekte Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf und Schneller Brüter Kalkar wurden wenige Jahre später aufgegeben. Nach Tschernobyl wurde in der Bundesrepublik kein Atomkraftwerk mehr gebaut.

DDR

Die Bevölkerung der DDR wurde über die Katastrophe von Tschernobyl eher spärlich informiert. Zum Unfall selbst wurde am 30. April 1986 eine Meldung der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS veröffentlicht. Darin ist die Rede vom "Entweichen einer gewissen Menge radioaktiver Stoffe", von einer stabilisierten Strahlungssituation und davon, dass die Radioaktivität im KKW Tschernobyl und Umgebung ständig kontrolliert werde. Zwei Tage später meldete das Neue Deutschland, durch die Sofortmaßnahmen habe sich die Radioaktivität auf dem Kraftwerksgelände und in der Umgebung bereits 30 bis 50 Prozent verringert. Für die Bewohner der DDR bestehe keine Gefahr, da bei Messungen die zulässigen Grenzwerte nicht erreicht wurden. Am 8. Mai teilte das staatliche Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz mit, dass "keinerlei gesundheitliche Gefährdungen für die Bevölkerung der DDR bestanden haben oder bestehen". Ergebnisse von Strahlungsmessungen wurden nicht veröffentlicht, Warnungen vor belasteten Lebensmitteln gab es nicht. Die Schutzmaßnahmen des Westens wurden als Panikmache verurteilt und als Versuch, die Sowjetunion zu diskreditieren.

Tatsächlich war die DDR laut Bundesamt für Strahlenschutz ebenso wie beispielsweise Norddeutschland, von der radioaktiven Wolke weniger betroffen als der Süden der Bundesrepublik. Dennoch gab es im Bereich der Elbe zwischen Magdeburg und Schwerin mehrere Flächen, auf denen die Strahlenwerte ähnlich hoch waren wie die durchschnittliche Verstrahlung in Bayern.

Strahlenbelastung heute

Während Obst und Gemüse nach der Tschernobyl-Katastrophe schnell wieder genießbar waren, sind Pilze und Wild bis heute teilweise über die Grenzwerte hinaus belastet. Cäsium 137, das nach dem Unfall in die Böden gelangt war, reichert sich besonders in Pilzen an, von denen sich wiederum Reh- und Schwarzwild ernähren. Insbesondere in Süddeutschland werden noch heute alle erlegten Wildschweine auf ihre Belastung kontrolliert werden. Die Grenzwerte werden teilweise um ein Vielfaches überschritten.