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Hintergrund: Nordfriesische Geschichten

Eiszeiten formten die Küstenlandschaft

Das Relief des gesamten norddeutschen Tieflandes wurde entscheidend von den Eismassen des Inlandeises geprägt, das in den Eiszeiten aus Skandinavien kam und bis zum Mittelgebirgsrand vordrang. Am Eisrand wurden Endmoränen abgelagert, die noch heute als Endmoränenzüge in der Landschaft sichtbar sind. Grundmoränen von bis zu 100 m Mächtigkeit bedecken heute den norddeutschen Raum. Nur an wenigen Stellen, z.B. auf Helgoland und Sylt, treten Schichtgesteine des Untergrundes an die Oberfläche.

Die wahrscheinliche Ausdehnung der Nordsee am Ende der letzten Eiszeit.

Karte der Nordfriesischen Küste mit Doggerbank

© Bildquelle: Topographischer Atlas Niedersachsen und Bremen. Wachholtz Verlag Neumünster 1977

Man unterscheidet zwischen Alt- und Jungmoränenland. Das Altmoränenland wird auch als Geest bezeichnet. Es hat eine geebnete Oberfläche, da es im Periglazial der letzten Eiszeit befand. Das Jungmoränenland wiederum ist stärker reliefiert, denn es lag in der letzten Eiszeit unter dem Eispanzer, es wurden hier also jüngere Moränen abgelagert.

In Norddeutschland unterscheidet man drei Eiszeiten: Elster, Saale und Weichsel und zwei Zwischeneiszeiten: Holstein-Warmzeit (zwischen Elster und Saale) und Eem-Warmzeit (zwischen Saale und Weichsel). Wegen der Bindung großer Wassermassen im Gletschereis lag der Meeresspiegel niedriger als heute. Das Absenken des Meeresspiegels wird als Regression bezeichnet. Zur Zeit des Höchststandes der Weichsel-Vereisung (vor etwa 10000 Jahren) lag der Meeresspiegel etwa 100 m niedriger und damit war der größte Teil der Nordsee landfest. In den Warmzeiten zwischen den Eiszeiten kam es jeweils zum Meeresspiegelanstieg (Transgression). In der Holsteinwarmzeit drang das Meer zum Teil weit ins Landesinnere vor. Marine Sedimente, z.B. bei Hamburg, zeugen davon.

Mit dem Abschmelzen der Eismassen in der Spät- und Nacheiszeit stieg der Meeresspiegel wieder an. Zunächst geschah dies in der sog. Litorina-Transgression mit durchschnittlich 50 cm Anstieg pro Jahrhundert (bis 2500 v. Chr.) relativ schnell. In den folgenden 3500 Jahren erfolgte die Dünkirchen-Transgression mit einem Anstieg von etwa 15 cm pro Jahrhundert. Gegen Ende der ersten Transgression befand sich die Nordsee-Küstenlinie bereits am Geestrand. Mehrere Geestinseln wurden zerstört, nur Sylt, Amrum und Föhr halten dem einige tausend Jahre dauernden Angriff stand.

Gezeiten formen das Watt

Watt entsteht an Flachküsten, die im Einflussbereich der Gezeiten liegen, so auch an der Nordseeküste. Hier entstand das Watt im Zuge des postglazialen Meeresspiegelanstiegs. Durch Sedimentation wurde den älteren Glazialablagerungen des Meeresbodens ein etwa 10 bis 20 m mächtiger Wattenkörper aufgelagert. Die Watten der Nordsee bedecken etwa 3400 qkm und sind im Bereich der schleswig-holsteinischen Westküste etwa 20 km breit. Das Material des Watt stammt vorwiegend aus umgelagerten und aufgearbeiteten Eiszeitsedimenten der tieferen Nordsee und aus im Abbruch befindlichen Küstengebieten.

Bei Flut wird das Watt überschwemmt, bei Ebbe fällt es trocken (hellgrün)

Man unterscheidet Sand- und Schlickwatt. Das Sandwatt nimmt den größeren Anteil ein und befindet sich im äußeren Bereich. Hier werden wegen der stärkeren Strömung und Wellenbewegung nur Sande sedimentiert. Bei jeder Flut wird die oberste Lage mehr oder weniger tief umgelagert. Die feinen Teile werden dabei ausgewaschen, schwebend fortgeführt und schließlich im ruhigeren Wasser sedimentiert. Im Bereich mit geringerer Wassertiefe herrscht eine abgeschwächte Wasserbewegung vor. Deshalb können sich hier die feineren Schwebstoffpartikel niederschlagen. Schlick wird am stärksten in der Gezeiten-Phase abgelagert, in der sich Ebbe und Flut ablösen, weil dann die Wasserströmung gering ist.

  • stürmische See
  • Diese schwarzen Schichten haben sich vor fast 10 Millionen Jahren auf dem Boden eines Urmeeres gebildet. Sie bestehen aus abgestorbenen Pflanzen und Tieren.

  • Das Morsum-Kliff auf Sylt.

Sedimentationsbedingungen wechseln im Watt von Ort zu Ort. Deshalb stehen je nach Strömungsverhältnissen Anlandungsgebiete solchen der Abtragung gegenüber. Im flachsten Bereich des Wattenmeeres, also küstennah, und im Schutz von Sandbänken kann Sedimentation zur Aufhöhung von Böden über das mittlere Hochwasserniveau führen. Dann wird der ehemals im Rhythmus der Gezeiten bei jeder Flut überschwemmte Bereich zu Marsch, also einem Bereich mit nur noch gelegentlicher Überflutung bei besonders hohen Wasserständen. Wichtige Rolle bei der Aufhöhung zur Marsch spielt die Vegetation. Die Vegetation beruhigt die Strömung, führt zu verstärkter Sedimentation und befestigt den Schlickboden.

  • Priele

Watt und Marsch gehören zum ständigen Einflussbereich der Gezeiten. Die stärksten morphologischen Auswirkungen auf diese Bereiche haben aber die Sturmfluten. Bei einer Sturmflut wird etwa 70 mal mehr Sand verlagert als bei einer normalen Flut (Wilhelmy 1992).

Die ständige rasche Be- und Entwässerung der Wattfläche wird durch die Priele, ein Rinnensystem an Wasserläufen, ermöglicht. Größere Priele haben sich bis zu 30 m tief eingeschnitten.

Sturmfluten verändern die Küste

Sturmfluten werden vor allem vom Wind hervorgerufen. In ungünstigen Fällen werden sie von astronomischen Konstellationen verstärkt. Je nach Windrichtung und Lage im Luv oder Lee kann die Höhe derselben Sturmflut in den verschiedenen Bereichen der Deutschen Bucht sehr unterschiedlich sein. Und ähnlich wie der Tidenhub nimmt die Sturmfluthöhe zur Küste hin und in die Flüsse hinein zu durch die Stauwirkung. Mit der zunehmenden Bedeichung und in jüngster Zeit durch das Absperren aller Nebenflüsse von Ems, Weser und Elbe ist der Anstieg des Sturmflutspiegels durch die Einengung der Überflutungsflächen erheblich verstärkt worden.

Veränderung der Küste seit 1360

  • Küstenverlauf 1360

    1360

  • 1362 sind viele vorgelagerte Inseln verschwunden

    1362

  • Küstenverlauf heute

    heute

  • Gemälde von der Sturmflut
  • Inschrift über die Sturmflut 1634

Die großen mittelalterlichen Sturmfluten wirkten zum Teil sehr verheerend und sind in vielen Quellen festgehalten.

Die wichtigsten Sturmfluten seit dem 12. Jahrhundert:

Datum Name der Sturmflut Auswirkungen
17.2.1164 Julianenflut Erste Sturmflut nach dem Bau der Deiche. Küstenland um die Wesermündung 12 Meilen landeinwärts überflutet. Schwerste Verwüstungen in Nordfriesland. Chroniken berichten von 20000 Toten.
16.1.1362 Marcellusflut Marcellusflut, auch Erweiterung des Jadebusens, Entstehung des Dollart und der Zuidersee. Bildung der Dornumer Bucht. Untergang Rungholts. "Große Mandränke" Chroniken berichten von insgesamt 160000 bis 200000 Toten.
28.9.1509 Cosmasflut Höchster bis dahin bekannter Wasserstand in Ostfriesland. Zerstörung des 1454 erbauten Dollartdeiches. Untergang der ostfriesischen Damianflut Dörfer Nesse und Torum. Viele Tote.
2.11.1532 Allerheiligenflut Die ostfriesischen Dörfer Osterbur und Ostbense zerstört. Insel Nordstrand überschwemmt, laut Chroniken 1500 Tote. In Eiderstedt ertranken 1100 Menschen.
1.11.1570 Allerheiligenflut Dauerte mehrere Tage. Überschwemmungen an der gesamten Nordseeküste, von Belgien bis Norwegen. Allgemeine Zerstörungen an Deichen und Inseln. Die ostfriesischen Dörfer Oldendorf und Westbense zerstört. Riesige Erdschollen mit Häusern und Bäumen wurden unterspült und weggetrieben. Mehrere tausend Menschen ertranken.
11.10.1634 Oktoberflut Vor allem Nordfriesland betroffen. Die Insel Nordstrand löste sich in einzelne Teile auf: Pellworm, Nordstrand und die Hallig Nordstrandischmoor entstanden. Dort ertranken 6400 Menschen und 50000 Stück Vieh. Insgesamt forderte die Flut fast 10000 Menschenleben an der nordfriesischen Küste.
24.12.1717 Weihnachtsflut Schwerste bisher bekannte Sturmflut. Schwere Deichschäden, ungeheure Verwüstungen und Überschwemmungen. Schwere Schäden auf den friesischen Inseln, Inseldurchbrüche auf Juist, Baltrum, Langeoog, Spiekeroog. Über 12000 Menschen ertranken.
3.-4.2.1825 Februarflut Höchster bisher bekannter Wasserstand. Viele Deichbrüche. Schwere Schäden auf den Inseln Nordstrand, Pellworm, Föhr und auf den Halligen. Landschäden auf Sylt: Vom Roten Kliff rissen 20 Meter, von den Dünen ca. 40 Meter. In Dänemark brach die Flut bis zum Limfjord durch, der nördliche Teil Jütlands wurde zur Insel. Insgesamt ertranken 800 Menschen.
1.2.1953 Hollandflut Vor allem die niederländische Nordseeküste betroffen. Viele Deichbrüche in Zeeland, Brabant und Zuidholland. Die Inseln Goerre-Overflakke und Schouwen-Duiveland und das Tiefland in Ostbrabant überschwemmt. 150000 Hektar fruchtbares Land überflutet, 600000 Menschen in Not. 72000 Holländer wurden evakuiert, 1800 kamen um. In England ertranken 300 Menschen in der Themse.
16.-17.2.1962 Februarflut 1962 Gesamte deutsche Nordseeküste betroffen. Auf fast allen Ostfriesischen Inseln Deich- und Dünenbrüche. In Bremen drang das Wasser bis in die Innenstadt vor, 3000 Menschen wurden dort evakuiert. In Hamburg wurden mehrere Wohngebiete überflutet. 315 Menschen kamen um.
3.1.1976 1. Januarflut Bisher höchste Sturmflut (östlich der Weser) an der deutschen Nordseeküste. Deichbrüche in Schleswig-Holstein. Beiderseits der Elbe
21.1.1976 2. Januarflut Tausende Hektar Land überschwemmt; Industrie- und Lagerhallen in Hamburg überflutet. In Dänemark mußten Tondern und Ribe evakuiert werden.
24.11.1981 Novemberflut Auf den dänischen Inseln Römö und Mandö brachen Deiche. Auch Sylt erlitt Deichbrüche, an der Westküste der Insel brachen große Stücke ab, der Hindenburgdamm wurde schwer beschädigt. Insgesamt wurden rund zwei Millionen Kubikmeter Sand von der Insel weggeschwemmt.

Sturmfluten verändern den Küstenverlauf in starkem Maße, wenn der Mensch das Land nicht gegen sie schützt. Tatsächlich wurde der Küstenverlauf bis zu Beginn des hohen Mittelalters nur von natürlichen Kräften bestimmt. Dann aber begann der Mensch mit dem Deichbau. Zunächst wurden Ringdeiche um einzelne Gemarkungen gebaut, ab dem 13. Jahrhundert begann man mit dem Bau des "Goldenen Ringes" entlang der gesamten Küste. So wurde der Überflutungsraum an der ganzen Küste eingeengt und damit kam es bei Sturmfluten zu höherem Wasserauflauf. Die großen Sturmfluten durchbrachen die Deiche. In Niedersachsen entstand dabei im Mittelalter Dollart, Leybucht und Jadebusen. Die größten Landverluste aber gab es in Nordfriesland. Das Festland und die Inseln wurden zerschlagen. Zahlreiche Ortschaften gingen dabei unter. Mittelalterliche Kulturspuren werden auch heute noch immer wieder im Watt durch Erosion freigelegt und sind Zeugen der Landschaftsveränderung in den letzten Jahrhunderten. Die Veränderung der Nordseeküste seit etwa 900 n. Christus ist in der linken Animation dargestellt. Die Karten machen deutlich, dass die Ostfriesischen Inseln noch im Mittelalter zusammenhingen. Es handelt sich um Festlandsreste, die durch Erosion und Anlandungen in ihre heutige Form gebracht wurden.

Die drei großen Inseln Amrum, Föhr und Sylt haben einen pleistozänen Kern aus der Saalevereisung. Auf Sylt ist am Morsumkliff und am Roten Kliff noch pliozäner Kaolinsand aufgeschlossen. Einen ganz anderen Ursprung haben Pellworm, Nordstrand und die Halligen. Es handelt sich um Relikte der noch im Mittelalter sehr ausgedehnten Marschgebiete. Dieses Marschland wurde in den großen mittelalterlichen Sturmfluten zerschlagen. Noch bis zur zweiten großen Mandränke 1634 waren die heutigen Inseln Pellworm und Nordstrand zu einer wesentlich größeren Insel Strand verbunden.

  • Dargestellt wird die Veränderung der Nordseeküste durch Sturmfluten und Deichbau seit etwa 900 n. Christus.