zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.

Inhalt

Kurs: Mythen über die Evolution

Sie sind unausrottbar - seit der Veröffentlichung von Darwins „Entstehung der Arten“ im Jahr 1859 werden immer wieder die gleichen Behauptungen gegen die Evolutionstheorie hervorgebracht, obwohl sie seit langem widerlegt sind. Selbst heute machen Kreationisten mit teils abstrusen Thesen Stimmung gegen die Evolutionstheorie und sorgen vor allem bei Nichtfachleuten für erhebliche Verwirrung.

Hier nehmen wir die am häufigsten genannten Irrtümer über die Evolutionstheorie unter die Lupe und klären, was wirklich dahinter steckt.

Der Mensch stammt vom Affen ab

  • Mensch und Affe im Anzug (Quelle: Photos.com) Affe und Mensch – nahe Verwandte

In seinem 1859 erschienenen Hauptwerk über die „Entstehung der Arten“ klammerte Darwin die Frage nach der Entstehung des Menschen wohlweislich fast vollständig aus. Er ahnte sicher, was seine Evolutionstheorie im viktorianischen England und im Rest der Welt anrichten würde. Die Empörung unter seinen Zeitgenossen, besonders den Vertretern der Kirche, war denn auch immens. Eine beliebte These gegen Darwins Theorie war die Behauptung, dass der Mensch dann ja vom Affen abstammen müsse. Dieser Gedanke war Darwins Zeitgenossen (und nicht wenigen heute lebenden Menschen) unerträglich. Nicht selten gipfelt dieser Zweifel in dem Satz: „Dann müsste ja irgendwann ein Affe einen Menschen geboren haben“.

Was ist dran an der Abstammung des Menschen vom Affen? Kann ein Schimpanse einen Menschen geboren haben? Wohl kaum... Zunächst liegt ein logischer Fehler in dieser Behauptung. Die Affen, seien es Schimpansen, Gorillas oder niedere Affen leben zeitgleich mit dem Menschen auf der Erde. Sie können daher gar nicht unsere Vorfahren sein. Wohl aber teilen wir mit ihnen Vorfahren, die vor langer Zeit gelebt haben und affenähnlich waren. Die Evolution verläuft über immens lange Zeiträume. In der menschlichen Stammesgeschichte liegt zwischen den affenähnlichen Vorfahren und uns eine große Zahl von fossilen Arten, die dem heutigen Menschen immer ähnlicher wurden. Diese Beobachtung lässt sich leicht anhand der Fossilfunde von Urmenschen nachvollziehen. Je mehr solcher Funde gemacht werden, umso klarer wird unser Verständnis für die natürliche Entwicklung des Menschen.

Die Evolutionstheorie ist nur die Theorie eines einzelnen Wissenschaftlers

Zweifellos ist die Evolutionstheorie eine Theorie. Und sie ist die Theorie eines einzelnen Wissenschaftlers, nämlich Charles Darwins. Insofern ist die Aussage zunächst richtig. Sie zielt aber auf eine Geringschätzung der wissenschaftlichen Bedeutung der Evolutionstheorie ab.

  • Charles Darwin (Quelle: Photos.com) Charles Darwin

Man muss hier auf den Unterschied hinweisen, den der Begriff „Theorie“ in der Wissenschaft und im alltäglichen Sprachgebrauch hat. In der Wissenschaft bedeutet eine „Theorie“ ein Abbild eines Teilaspekts der Realität. Je genauer die Theorie mit der Realität übereinstimmt, desto besser werden die Vorhersagen ebendieser Theorie sein. Im alltäglichen Sprachgebrauch verwenden wir den Begriff „Theorie“ eher geringschätzend für etwas noch Unausgereiftes, das nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun hat. In der Wissenschaft erlauben Theorien, die oftmals über Jahrzehnte gewachsen sind, weitreichende Aussagen über die Beschaffenheit unserer Welt. Zum Beispiel ist auch die Relativitätstheorie „nur“ eine Theorie, dennoch hat sie unser Verständnis des Kosmos erweitert wie kaum eine andere wissenschaftliche Erkenntnis vor ihr. Sie war das Werk eines einzelnen Wissenschaftlers – Albert Einstein. Seit ihrer Veröffentlichung haben aber Generationen von Physikern an ihrer Weiterentwicklung und Verbesserung gearbeitet. Voraussagen, die Einstein seinerzeit auf der Basis dieser Theorie machte, konnten Jahrzehnte später mit neusten Geräten und Methoden als Tatsache bewiesen werden.

Ähnlich verhält es sich mit der Evolutionstheorie. Zwar stammt sie ursprünglich von Charles Darwin. Schon Darwin griff aber auf Ideen und Theorien seiner Zeit zurück und entwickelte zusammen mit eigenen Vorstellungen schließlich den ersten Entwurf der Evolutionstheorie. Zum Beispiel hatte bereits der französische Biologe Jean-Baptiste de Lamarck eine Theorie zur Veränderlichkeit der Arten entwickelt, deren Grundidee der Vererbung erworbener Eigenschaften allerdings falsch war. Er glaubte bspw., der Hals der Giraffe sei über Generationen immer länger geworden, weil die Giraffen ihren Hals immer stärker in die Baumwipfel reckten. Erst Darwin erkannte im Zusammenspiel von Mutation und Selektion den richtigen Mechanismus der Evolution. Seit Darwins zweifellos großartiger Leistung wurde die Evolutionstheorie beständig erweitert, hinterfragt und mit immer neuen Methoden bestätigt. Auch verwiesen Kritiker gerne auf das Fehlen von fossilen Übergangsformen. Tatsächlich ist aber inzwischen eine beachtliche Anzahl von Fossilfunden dieser so genannten „missing links“ dokumentiert. Die Evolutionstheorie ruht also auf einem äußerst massiven Fundament, auch wenn sie „nur“ eine Theorie ist.

Durch reinen Zufall können keine komplizierten Organe wie das Auge entstehen

  • Menschliches Auge (Quelle: Colourbox) Das menschliche Auge ist ein komplexes Gebilde

Dieses Argument wird wieder und wieder vor allem von Kreationisten gebraucht. Wie soll durch zufällige Mutationen ein so kompliziert gebautes Organ wie das menschliche Auge entstehen? Als Vergleich wird oft ein Affe genannt, der durch zufälliges Herumtippen auf einer Schreibmaschine wohl niemals einen Roman hervorbringen wird.

So anschaulich dieses Bild sein mag, so unzutreffend ist es auch. Wenn man ein komplexes Organ wie das Auge anschaut, fällt es in der Tat zunächst schwer, sich die einfacheren Zwischenformen des Auges vorzustellen. Ein Organ wie das Auge könne nur als Ganzes in seiner Komplexität funktionieren, es könne nicht nach und nach entstehen, behaupten die Kreationisten.

  • Krake (Quelle: Colourbox) Kraken besitzen Linsenaugen – ähnlich wie Menschen

Gerade am Beispiel des Auges lässt sich dieses Argument leicht widerlegen. Im Tierreich findet man eine Vielzahl von Augentypen, die von einfach gebauten Grubenaugen bis zu komplizierten Linsenaugen reicht (siehe Augenbaukasten). Diese unterschiedlichen Typen können leicht als Modell genommen werden für die Schritte bei der Evolution des Auges. Die Wahrnehmung von Licht war in der Evolution der Lebewesen offensichtlich von so großem Vorteil, dass diese Fähigkeit praktisch in jeder Organismengruppe entwickelt wurde. Selbst manche Einzeller wie das Augentierchen Euglena können Licht wahrnehmen. Bei den Tieren hat sich selbst das komplexe Linsenauge mindestens zweimal unabhängig voneinander entwickelt, bei den Wirbeltieren und bei den Kopffüßern, zu denen der Oktopus gehört. Beide Linsenaugen sehen sich sehr ähnlich, entstanden aber auf unterschiedliche Weise.

Die Kreationisten übersehen leicht die ungeheuren Zeiträume, in denen sich komplexe Organe Schritt für Schritt entwickeln. Außerdem ist der Zufall zwar in Form von Mutationen an der Evolution beteiligt, aber ein weiteres entscheidendes Element innerhalb der Evolution ist auch noch die Selektion, die natürliche Auswahl von Merkmalen, die sich als vorteilhaft erweisen. Um das Bild des tippenden Affen wieder aufzunehmen: es wäre in der Tat sehr unwahrscheinlich, wenn durch das zufällige Tippen eines Affen auf einer Schreibmaschine ein Roman entstünde – es sei denn, man ließe ihm mehrere Millionen Jahre Zeit und immer die Wörter stehen, die zufällig einen Sinn ergeben, alle anderen Zeichen würden immer wieder gelöscht.

Augenbaukasten

Durst. Mit müden Augen krieche ich aus dem Bett, taste mich vorsichtig an der Wand entlang. Wo ist der Lichtschalter? Ein paar Zentimeter noch. Da huscht unsere Katze pfeilschnell an mir vorbei durch die halbgeöffnete Zimmertür nach draußen. Sie findet den Weg auch im Dunkeln, nimmt mit ihren Augen die Umgebung scheinbar ganz anders wahr als wir Menschen. Warum - das erfahrt ihr hier.

MultimedialSimulation [Flash]
Startscreen der Simulation (Quelle: SWR) Multimedial

Evolution heißt Überleben des Stärkeren

„Der Kampf ums Dasein“, „Fressen und Gefressen werden“, „Das Überleben des Stärkeren“ – mit solchen Schlagworten wurde die Evolutionstheorie von Beginn an belegt. In der menschlichen Geschichte hat sich die allzu naive Übertragung dieser Formeln auf die menschliche Gesellschaft als katastrophal erwiesen. Im nationalsozialistischen Deutschland wurde vermeintlich „minderwertigen“ Völkern auch gleich das Recht auf das Überleben abgesprochen, mit verheerenden Folgen.

Was heißt das „Überleben des Stärkeren“ aber wirklich? Kämpft in der Natur wirklich jeder gegen jeden? So einfach, wie in den oben genannten Schlagworten, verhält sich die Sache nicht. Sich erfolgreich auf der Bühne des Lebens zu behaupten, heißt zunächst viele überlebensfähige Nachkommen in die Welt zu setzen. Die Strategien, dieses Ziel zu erreichen, sind dabei aber so unterschiedlich wie die Formen des Lebens selbst. Für die eine Art mag körperliche Stärke dabei eine große Rolle spielen. Für viele Raubtiere trifft dies sicher zu. Für andere Arten liegt Überlebenserfolg aber vielleicht gerade in ihrer Kleinheit, weil sie sich so besonders gut verstecken können oder wenige Ressourcen verbrauchen.

  • Brüllender Löwe (Quelle: Colourbox) Gut gebrüllt, Löwe!

Darwin sprach eher von „Fitness“ als von Stärke und meinte damit ebendiese Fähigkeit, genügend überlebensfähige und gut an die Umweltbedingungen angepasste Nachkommen zu bekommen. Der Ausdruck „Survival of the Fittest“ (zu Deutsch etwa: „Das Überleben der Tüchtigsten“) bringt es auf den Punkt. Der Hering zum Beispiel ist ein kleiner Fisch ohne große Kraft. Seine Strategie zu überleben liegt im Schutz des Schwarms. Jedes Weibchen legt in einer Fortpflanzungsperiode bis zu 50.000 Eier, die Reproduktionsrate ist also immens. Obwohl eine Vielzahl von Heringen durch Räuber verloren geht, ist die Erhaltung der Art durch die enorm hohe Zahl an Nachkommen gesichert. Die „evolutive Fitness“ des Herings als Art ist also hoch, auch wenn der einzelne Fisch schwach ist und nur eine geringe individuelle Überlebenschance hat.

Und wie ließe sich selbstloses Verhalten bei Tieren mit dem Kampf aller gegen alle erklären? Zum Beispiel füttern südamerikanische Vampirfledermäuse Artgenossen, die selber nicht genug Nahrung gefunden haben. Sie ermöglichen also anderen das Überleben, obwohl sie dabei ihre eigene Überlebenswahrscheinlichkeit verringern. Die Soziobiologie hat dafür eine Erklärung, die mit der Evolutionstheorie gut im Einklang steht. Zwar vermindert die Fledermaus durch ihre großzügige Gabe ein wenig die Wahrscheinlichkeit, eigene Nachkommen in die Welt zu setzen, sie ermöglicht aber ihrem Artgenossen, sich fortzupflanzen. Für die Vampirfledermaus als Art kann das altruistische Verhalten also von großem Vorteil sein, selbst wenn ein einzelnes Individuum dadurch zunächst Nachteile hat.

Bei manchen Tierarten haben sich Gesellschaften entwickelt, die altruistisches Verhalten sozusagen „beruflich“ etabliert haben. Bei Bienen und Ameisen zum Beispiel wird fast die gesamte Arbeit von sterilen Arbeiterinnen erledigt, die selber keine Nachkommen zeugen können. Von ihrer Arbeit profitiert vor allem die Königin, die als einzige Eier legen kann. Für die Erhaltung der Art sind daher sowohl die Königin als auch die Arbeiterinnen gleichsam wichtig, denn ohne die Arbeiterinnen könnte die Königin nicht überleben oder zumindest keine Nachkommen in die Welt setzen.

Der Mensch steht an der Spitze der Schöpfung

Im 18. Jahrhundert hatte man mehr und mehr erkannt, dass die biologischen Arten auf diesem Planeten veränderlich sind und über lange Zeiträume immer wieder neue Arten entstehen und auch wieder verschwinden. Nach und nach wurde die Theorie der Abstammung der Lebewesen entwickelt, deren Mechanismen schließlich von Charles Darwin formuliert wurden. Die Stammesgeschichte wurde und wird seitdem häufig als Baum dargestellt, deren Verästelungen die Vielfalt des Lebens darstellen. An der Spitze des Baumes stand natürlich der Mensch als die Krone der Schöpfung. Stillschweigend wurde vorausgesetzt, die über Äonen ablaufende Entwicklung des Lebens hätte selbstverständlich den Menschen zum Ziel gehabt, der allen anderen Geschöpfen der Erde überlegen ist.

  • Stammbaum des Lebens: viele Äste - keine Krone (Quelle: Photos.com) Stammbaum des Lebens

Durch den Fortschritt der Wissenschaft seit dieser Zeit hat dieses Selbstbildnis des Menschen empfindliche Risse bekommen. Auch der Mensch ist Teil der natürlichen Entwicklung der Lebewesen, immer neue Urmenschenarten werden entdeckt, die seine tierische Herkunft beweisen. Überlegen ist der Mensch den Tieren keineswegs. Fast in allen Disziplinen gibt es Tiere (oder Pflanzen), die den Menschen weit in den Schatten stellen, sie sind schneller, stärker, langlebiger, robuster, reproduktiver usw. als es der Mensch je sein kann. Das Gehirn des Menschen freilich ist etwas Besonderes, selbst im Vergleich mit den intelligentesten Tieren.

So hat jedes Lebewesen eigene Strategien entwickelt, um sich in der Umwelt zu behaupten. Manche durch Stärke, einige durch Klugheit, wieder andere durch eine enorme Widerstandsfähigkeit oder immense Reproduktionsrate. Auch Schimmelpilze z. B. sind erfolgreich und global in großer Zahl vertreten – und das ganz ohne Gehirn.