Das Meer formt Küsten

Überall dort, wo Meerwasser auf Festland trifft, sprechen wir von einer Küste. Weil die Küste der Kraft des Meeres ohne Unterbrechung ausgesetzt ist, verändert sie sich ständig. Wie stark das Wasser am Festland nagt, hängt von der Festigkeit des Gesteins, von der Höhe der Wellen, den Meeresströmungen und den Gezeiten ab.

flacher Sandstrand
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Sanfte Meereswellen, die Sand und Kies aufs Flachland spülen, schütten Sandbänke auf und schaffen einen Strand. Durch das Wasser wird das Geröll weiter zerkleinert, der Strand immer wieder umgeformt. Verschieben Wellen und Wind den Sand seitwärts, wächst ein Haken aus Sand ins Meer. Erreicht dieser Haken das gegenüberliegende Ende einer Bucht, wird der Haken zur Nehrung. Eingeschlossen von der Nehrung bleibt vom Meerwasser ein See: das Haff.

Küste in Dänemark
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Die Brandung bearbeitet jedoch nicht nur den feinen Sand. Sie kann selbst hartes Gestein abtragen, wenn sie mit Wucht gegen den Fels einer Steilküste donnert. Schleppt das Wasser abgebrochene Gesteinsbrocken mit, schmirgelt es den Fels in Höhe der Wellen weiter aus: Hohlräume bilden sich. Bricht der darüber liegende Fels ein, bleiben zurückweichende Buchten übrig und Kaps, die wie Landarme ins Meer reichen. Manchmal bleiben auch nur einzelne Türme aus Felsgestein im Meer stehen, die vom Wasser weiter bearbeitet werden und irgendwann ebenfalls einbrechen. Besonders stark ist die Kraft des Meeres bei Sturmfluten. Sie können die Form und den Verlauf der Küste extrem verändern.

Steilküste: Die Insel Capri im Mittelmeer
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Ein ewiges Hin und Her von feinem Sand und Ton herrscht an flachen Gezeitenküsten. Der Wechsel von Ebbe und Flut sorgt dafür, dass das Material immer wieder angeschwemmt und weggespült wird. Das Ergebnis ist eine Wattenküste. Der schlickhaltige Wattboden wurde vom Wasser angespült und abgelagert und ist bei Flut vom Meer bedeckt. Bei Ebbe zeigen sich im Wattboden Rinnen – die Priele. Durch sie fließt das Meerwasser, ähnlich wie in einem Flussbett, bei Ebbe ab und bei Flut wieder in Richtung Land.

Wattboden mit Prielen
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Vom Festland abgeschnitten

Touristen auf London Bridge gefangen

Stundenlang waren gestern zwei Touristen auf einem Felsen im tosenden Meer gefangen. Einer der beiden Bögen der Felsskulptur „London Bridge“ an Australiens berühmter „Great Ocean Road“ brach plötzlich ein. Dadurch war den Besuchern der Rückweg abgeschnitten. Sie mussten von einem Hubschrauber gerettet werden.

Das junge Paar war bis zum Ende des zweiten Bogens spaziert, um den fantastischen Ausblick auf Meer und Küste zu genießen. Dort angekommen hörten sie ein unheilvolles Knirschen. Als sie sich umsahen, war der Bogen bereits eingestürzt und damit die Verbindung zum Ufer gekappt. Glücklicherweise hatte sich gerade niemand auf dem ersten Bogen aufgehalten, es gab keine weiteren Opfer. Nach fünf Stunden des Wartens konnte das Paar von einem Hubschrauber wieder glücklich an Land gebracht werden.

Der Doppelbogen von „London Bridge“ gehörte zu den bekanntesten Felsformationen an Australiens Südküste. Wind und Wellen tragen diese Küste immer mehr ab und sorgten dafür, dass ein Teil der Touristenattraktion nun einstürzte. Nach dem Einsturz wurde die „London Bridge“ kurzerhand umbenannt: Sie heißt jetzt „London Arch“.

Der stehengebliebene Bogen des „London Arch“
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An der Great Ocean Road
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Zwei der Zwölf Apostel
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An der „Great Ocean Road“

Wild ist die Brandung an Australiens Südküste, entlang der die berühmte Great Ocean Road verläuft. Die stürmische See hat hier schon viele Opfer gefordert: Über hundert Schiffe sind bereits an der Felsküste zerschellt. Wind und Wellen zerreiben hier alles, was sich ihnen in den Weg stellt. Und das ist vor allem der relativ weiche Kalkstein mit seinen bizarren Fels-Kolossen: London Bridge war nur einer davon, weltbekannt sind auch die „Zwölf Apostel“ oder der „Island Archway“. Am Einsturz von „London Bridge“ sieht man, wie zerbrechlich die Küste ist: Das Gestein zerfällt im tosenden Meer fast wie Zucker in heißem Tee. Ohne Pause nagen die Naturgewalten an der Küste und gestalten sie neu. Wer also die zwölf Apostel noch in voller Pracht sehen möchte, sollte sich beeilen.

Sand in Sicht

Rettung für Sylt?

Die bekannteste deutsche Nordseeinsel ist vom Untergang bedroht. Jedes Jahr wird Sylt noch ein bisschen kleiner. Der „Blanke Hans“, wie die stürmische Nordsee auch genannt wird, nagt unablässig an der Westküste der Insel. Um das Schrumpfen von Sylt zu stoppen, soll jetzt Sand vom Meeresboden an den Strand gepumpt werden.

Schon vor hundert Jahren machten sich die Bewohner der Insel Gedanken darüber, wie sie ihre Küste vor der tobenden Nordsee schützen könnten. Lange Reihen von Holzpfählen, sogenannte Buhnen, wurden im rechten Winkel zur Küstenlinie ins Meer geschlagen. Als Wellenbrecher gedacht, brachten sie auf Sylt leider nicht den gewünschten Erfolg. Auch Strandmauern und Beton-Ungetüme wurden zur Befestigung der Insel in den Sand geklotzt. Leider waren sie nicht nur hässlich sondern auch nutzlos. Die Sandmassen wurden auch weiterhin weggeschwemmt und strandeten zum Teil vor der Küste Amrums.

Sylt hofft jetzt auf eine neue Maßnahme zum Küstenschutz: Sandaufspülungen. Baggerschiffe graben vor der Westküste Sand aus, der an den Strand von Sylt gepumpt und dort verteilt wird. Wenn die Nordsee erneut tobt, wird sie zunächst nur den aufgespülten Sand mitnehmen. Die ursprüngliche Küstenlinie soll so erhalten bleiben. Vermutlich werden die Aufspülungen regelmäßig wiederholt werden müssen, um das Urlaubsparadies auf Dauer zu erhalten. Da kann man nur hoffen: „Trutz Blanke Hans!“

Sturm an der Sylter Küste
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Ein Denkmal im Liliencron-Park in Hamburg-Rahlstedt erinnert an den Dichter Detlev von Liliencron
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Sandaufschüttungen sollen den Strand retten
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Der Strand unterhalb des Roten Kliffs leidet unter den Sturmfluten.
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Ballade des Detlev von Liliencron (1844-1909)

Wie sehr die Nordsee wütete und in der schrecklichen Marcellusflut von 1362 die Siedlung Rungholt und andere Dörfer auslöschte, beschreibt der Dichter Detlev von Liliencron in seiner im Jahr 1883 erstmals erschienenen Ballade „Trutz Blanke Hans“, was in etwa so viel heißt wie „Trotze der stürmischen Nordsee!“

Trutz, Blanke Hans

Heut bin ich über Rungholt gefahren,
Die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.
Noch schlagen die Wellen da wild und empört,
Wie damals, als sie die Marschen zerstört.
Die Maschine des Dampfers schütterte, stöhnte,
Aus den Wassern rief es unheimlich und höhnte:
Trutz, Blanke Hans.

Von der Nordsee, der Mordsee, vom Festland geschieden,
Liegen die friesischen Inseln im Frieden.
Und Zeugen weltenvernichtender Wut,
Taucht Hallig auf Hallig aus fliehender Flut.
Die Möwe zankt schon auf wachsenden Watten,
Der Seehund sonnt sich auf sandigen Platten.
Trutz, Blanke Hans.

Mitten im Ozean schläft bis zur Stunde
Ein Ungeheuer, tief auf dem Grunde.
Sein Haupt ruht dicht vor Englands Strand,
Die Schwanzflosse spielt bei Brasiliens Sand.
Es zieht, sechs Stunden, den Atem nach innen
Und treibt ihn, sechs Stunden, wieder von hinnen.
Trutz, Blanke Hans.

Doch einmal in jedem Jahrhundert entlassen
Die Kiemen gewaltige Wassermassen.
Dann holt das Untier tief Atem ein,
Und peitscht die Wellen und schläft wieder ein.
Viel tausend Menschen im Nordland ertrinken,
Viel reiche Länder und Städte versinken.
Trutz, Blanke Hans.

Rungholt ist reich und wird immer reicher,
Kein Korn mehr fasst der größeste Speicher.
Wie zur Blütezeit im alten Rom,
Staut hier täglich der Menschenstrom.
Die Sänften tragen Syrer und Mohren,
Mit Goldblech und Flitter in Nasen und Ohren.
Trutz, Blanke Hans.

Auf allen Märkten, auf allen Gassen
Lärmende Leute, betrunkene Massen.
Sie ziehn am Abend hinaus auf den Deich:
Wir trotzen dir, blanker Hans, Nordseeteich!
Und wie sie drohend die Fäuste ballen,
Zieht leis aus dem Schlamm der Krake die Krallen.
Trutz, Blanke Hans.

Die Wasser ebben, die Vögel ruhen,
Der liebe Gott geht auf leisesten Schuhen.
Der Mond zieht am Himmel gelassen die Bahn,
Belächelt der protzigen Rungholter Wahn.
Von Brasilien glänzt bis zu Norwegs Riffen
Das Meer wie schlafender Stahl, der geschliffen.
Trutz, Blanke Hans.

Und überall Friede, im Meer, in den Landen.
Plötzlich wie Ruf eines Raubtiers in Banden:
Das Scheusal wälzte sich, atmete tief,
Und schloß die Augen wieder und schlief.
Und rauschende, schwarze, langmähnige Wogen
Kommen wie rasende Rosse geflogen.
Trutz, Blanke Hans.

Ein einziger Schrei – die Stadt ist versunken,
Und Hunderttausende sind ertrunken.
Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch,
Schwamm andern Tags der stumme Fisch.
Heut bin ich über Rungholt gefahren,
Die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.
Trutz, Blanke Hans?

Grote Mandränke

Marcellusflut ertränkt Nordseeküste

Friesland. Mehr als zwei Meter hoch schlugen die Wellen in der Nacht auf den 16. Januar über die Deichkronen. An der Küste Nordfrieslands brachen 21 Deiche. Die verheerende Sturmflut hat vermutlich Tausende von Menschenleben gekostet. Ganze Landstriche und mehrere Ortschaften Nord- und Ostfrieslands wurden im Meer versenkt.

Die „grote Mandränke“, wie die Sturmflut genannt wird, richtete an der Nordseeküste schreckliche Verwüstungen an. Die niedrigen Sommerdeiche hielten den zerstörerischen Wassermassen nicht stand. Die Fluten rissen Warften (besiedelte Hügel) samt Häusern und Menschen mit sich und hinterließen eine Landschaft im Chaos.

Nichts an der Nordseeküste ist wie zuvor. Große Teile der Inseln und Halligen zwischen Sylt im Norden und Eiderstedt im Süden, der sogenannten „Utlande“, versanken in der Nordsee. Die blühende Siedlung Rungholt, ein bedeutender Handelsplatz auf der Insel Strand, wurde einfach weggespült, zusammen mit sieben anderen Gemeinden der Insel. Das Land ist für immer verloren.

Die Katastrophe trifft vor allem die Marschbauern der Gegend. Tausende von Menschen ertranken in den Fluten, der Großteil ihrer fruchtbaren Acker- und Weideflächen wurde von den Wassermassen verschlungen. Inzwischen wird die verheerende Flut schon als Zeichen Gottes gedeutet. Der soll die Menschen für ihre Leichtlebigkeit und Verschwendungssucht mit einer Sturmflut gestraft haben.

Augenzeugenbericht eines Mönchs:

Ein Dominikanerpater hat die Ereignisse der Sturmnacht miterlebt und berichtet von den schrecklichen Verwüstungen: „In der Nacht auf den Marcellustag, um Mitternacht, erhob sich ein so fürchterlicher Sturm, dass die festesten Gebäude sowie Kirchen und Türme einstürzten und die dicksten Bäume umgeweht wurden. Er rief eine Flut hervor, die die Westermarsch und auch Teile Ostfrieslands überschwemmte. Überall brechen die Deiche, das Vieh ertrinkt in den Ställen. Die Menschen kämpfen gegen die Fluten, doch ihr Kampf ist völlig aussichtslos. Die ungeheuren Wassermassen reißen alles mit sich, was sich ihnen in den Weg stellt.“

Wellen und Monsterwellen

Wind und Wellen – diese beiden Naturgewalten gehören untrennbar zusammen. Denn Wellen werden, anders als die Gezeiten Ebbe und Flut, vom Wind erzeugt. Der Wind gleitet über die Wasseroberfläche und schiebt das Wasser dabei an. Wie hoch die Wellen werden, hängt von der Windstärke ab und davon, über welche Strecken der Wind über das Wasser pfeift.

Surfer
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Laufen an den Küsten die Wellen auf Land auf, werden sie höher. Das liegt daran, dass bei abnehmender Wassertiefe immer weniger Platz für das Wasser ist, es weicht nach oben aus. Im flachen Wasser wird die Welle noch dazu am Boden gebremst. Die Wellenkrone dagegen kippt ungebremst nach vorne und „bricht“. Durch das Aufwirbeln des Wassers in der Luft bilden sich weiße Schaumkronen, die Gischt.

sich überschlagende Welle
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raue See
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Bläst ein extrem starker Wind übers Meer, entsteht eine Sturmflut. Sturmfluten sind besonders häufig im Frühjahr und im Herbst. Mit ihrer Kraft können sie schwere Überschwemmungen verursachen und die Form der Küste völlig verändern. Besonders gefährdet durch Sturmfluten ist die Nordseeküste mit der Deutschen Bucht. Weil die Nordsee sehr flach ist, kann sich das Wasser hier bei einem Sturm sehr hoch aufstauen.

Wellenkrone
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Darüber hinaus gibt es auch einzelne besonders steile Wellen, die viel höher sind als die Wellen in ihrer Umgebung. Solche Monsterwellen oder „Kaventsmänner“ hielt man lange Zeit für „Seemannsgarn“, also für maßlos übertriebene Abenteuergeschichten von Seeleuten. Satellitenbilder und genaue Messungen können mittlerweile jedoch beweisen, dass es solche Monsterwellen tatsächlich gibt. Bis zu 40 Meter werden sie hoch und sind damit auch für große Schiffe eine ernste Gefahr. Wie sie entstehen ist noch nicht genau geklärt. Vermutlich bilden sie sich durch das Zusammentreffen von langsamen und schnellen Wellen, kombiniert mit Meeresströmungen.

Selbst für riesige Kreuzfahrtschiffe können Wellen zur Gefahr werden
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Anders als Wellen und Monsterwellen entwickeln sich Tsunami-Wellen nach Erdbeben oder Vulkanausbrüchen. Tsunami-Wellen können verheerend sein: In Japan rollte nach einem heftigen Erdbeben im März 2011 ein zehn Meter hoher Tsunami über die Nordküste des Landes. Tausende von Menschen fielen der Katastrophe zum Opfer.

Vom Fels zum Sandkorn – Verwitterung

Der Norden von Kanada ist heute eine sanft gewellte Landschaft. Vor vielen Millionen Jahren stand hier jedoch ein Gebirge. Tatsächlich können sich im Lauf sehr langer Zeit selbst hohe Berge in kleine Hügel verwandeln.

Selbst aus schroffen Gebirgen können irgendwann sanfte Hügellandschaften werden
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Der Grund für diese Verwandlung: Das Gestein an der Erdoberfläche ist ständig Wind und Wetter ausgesetzt. Dringt zum Beispiel Wasser in Gesteinsritzen ein und gefriert, sprengt es den Stein auseinander. Diesen Vorgang nennt man Frostsprengung. Auch durch Temperaturwechsel zwischen Tag und Nacht und durch die Kraft von Wasser und Wind wird das Gestein mürbe. Mit anderen Worten: Es verwittert. Dieser Vorgang lässt sich auch an Gebäuden oder an Steinfiguren beobachten. Bei der Verwitterung zerfällt das Gestein in immer kleinere Bestandteile bis hin zu feinen Sand- und Staubkörnern. Verschiedene Gesteine verwittern unterschiedlich schnell: Granit ist zum Beispiel viel beständiger als der vergleichsweise lose Sandstein.

Wenn Wasser in die Ritzen eindringt, verwittert das Gestein
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Manche Gesteinsarten lösen sich sogar vollständig auf, wenn sie mit Wasser in Berührung kommen, zum Beispiel Steinsalz und Kalk. Steinsalz ist chemisch das Gleiche wie Kochsalz – und das löst sich ja bereits in gewöhnlichem Wasser auf. Kalk ist etwas beständiger, aber in säurehaltigem Wasser löst sich auch Kalkgestein auf. Säure entsteht zum Beispiel, wenn Regenwasser in der Luft mit dem Gas Kohlendioxid reagiert. Dieser „saure Regen“ greift das Kalkgestein an und löst es im Laufe der Zeit auf. An der Erdoberfläche hinterlässt die Verwitterung zerklüftete Kalkstein-Landschaften, unter der Erde entstehen Höhlen.

Steinsalz ist wasserlöslich
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Doch nicht nur Lösungsverwitterung, auch Hitze und Druck zermürben und zerbröseln Gestein unter der Erdoberfläche. Wo Pflanzen wachsen, da graben sich Wurzeln ein, sprengen das Gestein stückchenweise auseinander und sorgen ebenfalls dafür, dass es Millimeter für Millimeter abgetragen wird.

Am Kölner Dom nagt saurer Regen
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Die Verwitterung bearbeitet auf diese Weise nicht nur einzelne Felsen, sie nagt an ganzen Gebirgsketten. Bis der Schwarzwald so flach ist wie der Norden Kanadas dauert es aber noch ein paar Millionen Jahre.

Auch Wurzeln zerkleinern Gestein
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Steter Tropfen höhlt den Stein

Tiefe Schluchten im Gebirge, weite Sandstrände am Meer und breite Flüsse, die sich durch Wiesen und Felder schlängeln – all das sind Landschaften, die wir gut kennen. Weil sie so abwechslungsreich sind, finden wir sie eindrucksvoll und schön.

Schlucht mit Gebirgsbach
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Bildhauer all dieser Landschaften ist der Kreislauf des Wassers. So stark wie keine andere Kraft formt Wasser über kurz oder lang die Erdoberfläche. Es spült nach einem Regenguss Erdreich fort. Es gräbt sich in den Untergrund ein und löst Teile des Gesteins. Erde und verwitterten Gesteinsschutt trägt es mit sich ins Tal hinunter. Dort, wo das Wasser langsamer abfließt, lässt es seine Last aus Schlick, Sand und Geröll wieder los. Bei Hochwasser überflutet es die flachen Gebiete eines Tals, die Fluss-Auen. Auch hier lagert es feinen Schlamm ab. Fließt das Wasser schließlich ins Meer, bearbeitet es die Küsten und formt ganz unterschiedliche Landschaften, zum Beispiel Steilküsten oder lange Sandstrände.

Flussaue
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Sandstrand
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Auch in Form von Eis gestaltet Wasser die Landschaft. Gefriert Wasser in Gesteinsritzen, sprengt es den Stein. Als Gletscher hobelt es kerbförmige Flusstäler zu runden Trogtälern aus. Und auch die Moränenlandschaft im Voralpenland mit ihren Geröllhügeln und Felsbrocken ist das Ergebnis von Gletschern, die vor langer Zeit den Untergrund formten.

Gletschertal
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Küstenschutz und Deichbau

Die Brandung des Meeres setzt den Küsten ständig zu: Sie bearbeitet flache Uferzonen und Steilküsten gleichermaßen und formt diese dabei um. Besonders stark ist die Kraft des Meeres bei Sturmfluten, die ganze Küstengebiete überfluten und abtragen können. Die Erderwärmung verstärkt diese Gefahr durch den steigenden Meeresspiegel noch. Um Zerstörungen durch das Wasser so weit wie möglich zu verhindern, bemühen sich die Menschen schon seit langem um Küstenschutz.

Brandung
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„Wer nicht deichen will, muss weichen!“ Diese alte Weisheit spricht davon, dass an vielen Küsten und auch an Flussufern der Bau von Deichen nötig ist, um das Land vor den Wassermassen zu schützen. Deiche sind langgezogene Bauwerke mit einem besonderen Querschnitt: Zum Wasser hin sind sie flacher, damit die Wellen langsam ausrollen können und der Deich nicht so schnell bricht. Ein Deich sollte außerdem mindestens so hoch sein, wie es der höchste Wasserstand war. Gleichzeitig muss er sehr stabil sein. Sein Kern besteht meist aus Sand, über den Erdreich geschüttet wird. Auf seiner Oberfläche wächst Gras. Das Gras soll verhindern, dass Sand und Erde zu schnell weggespült werden. Viele Deiche liegen ein Stück weit im Landesinneren, damit sich das Meer schon davor „austoben“ kann. Manchmal liegt noch ein niedrigerer Deich vor dem Hauptdeich, um kleine Fluten schon hier aufzuhalten.

Befestigung am Strand: Begehbarer Deich
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Küstenschutz in Dänemark
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Von manchen Küsten wird durch die Brandung sehr viel Sand weggespült. Zu ihnen gehört die Küste von Sylt. Würde der Mensch nichts unternehmen, dann würde die Insel im Lauf der Zeit vom Meer weggespült werden. Damit solche sandigen Küsten nicht völlig im Meer versinken, werden sie künstlich mit Sand aufgeschüttet. Diese Methode ist allerdings aufwändig und teuer und muss in regelmäßigen Abständen wiederholt werden.

Strand von Sylt
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Steilküsten sind weniger von Überschwemmungen bedroht, weil das Land dahinter höher liegt. Doch die Kraft des Wassers trägt auch hier das Felsgestein ab und nagt an der Küstenlinie. Um diesen Vorgang zu bremsen, können Pfahlreihen oder Betonmauern vor der Küste errichtet werden. Diese Bauten sollen die Wellen brechen und die Kraft der Brandung verringern.

Ebbe und Flut

Wer schon an der Nordsee oder am Atlantik Urlaub gemacht hat, kennt das Problem: Man geht zum Schwimmen an den Strand und das Wasser ist viel weiter entfernt als beim letzten Bad. Der Wasserstand ist gesunken: Es ist Ebbe. Wer jetzt ins Wasser möchte, muss entweder ein Stück weit über feuchten Sand und Schlick laufen oder ein paar Stunden warten, bis die Flut kommt und das Wasser wieder steigt.

Watt bei Ebbe
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Ebbe und Flut wechseln sich in einem regelmäßigen Rhythmus ab. Diesen Wechsel nennt man Gezeiten. Der Zeitabstand zwischen Ebbe und Flut beträgt etwas mehr als sechs Stunden. Zwischen einer Flut und der nächsten liegen zwölf Stunden und 25 Minuten. Wie stark das Wasser steigt und fällt, hängt von der Küste ab. An der Nordsee misst der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser etwa zwei bis drei Meter. Andernorts ist er aber wesentlich größer: In der Bay of Fundy in Kanada schwankt der Wasserpegel um 15 bis 21 Meter – das ist der höchste Tidenhub der Welt!

Nordseeküste
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Insel Mont-Saint-Michel an der französischen Küste, früher nur bei Ebbe zu erreichen, heute durch Damm Verbindung mit Festland
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Woran aber liegt es, dass das Wasser in den Ozeanen hin und her schwappt? Die Lösung steckt in der Anziehungskraft des Mondes. Diese Kraft verursacht zwei riesige Flutberge, unter denen sich die Erde dreht. Einer der beiden kommt direkt durch die Anziehungskraft des Mondes zustande, denn dieser zieht das Wasser zu sich hin. Der zweite Flutberg befindet sich genau auf der gegenüberliegenden Seite der Erde. Dieser entsteht, weil sich die Erde durch die Anziehungskraft des Mondes nicht vollkommen gleichmäßig dreht, sondern etwas „eiert“. Als Folge entsteht eine Fliehkraft, die das Wasser vom Mond wegzieht. Beide Flutberge sind ungefähr einen halben Meter hoch.

Mond bei Ebbe
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Nicht nur der Mond, auch die Anziehungskraft der Sonne wirkt auf das Wasser. Wenn Sonne und Mond auf einer Linie liegen, dann steigt durch die gemeinsame Anziehungskraft die Flut höher als normal: Es gibt eine „Springflut“. Stehen Sonne und Mond dagegen in einem 90 Grad Winkel zur Erde, dann heben sich ihre Kräfte teilweise auf. Das Ergebnis ist eine weniger hohe Flut, die Nippflut.