zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.

Hauptnavigation

Inhalt

Hintergrund: Die Anpasser – Wie sich Eichhorn, Fledermaus und Assel für ihre Umwelt verwandeln

Wie schön wäre das: Wer viel lesen muss, lässt sich einfach noch ein extra Augenpaar wachsen. Wer gerne Verstecken spielt, färbt seine Haut im Wald grün und am Wasser blau. Unmöglich? Ganz und gar nicht. Solche Veränderungen dauern nur eben sehr lange – tausend Jahre oder länger. Dass es sie schon gegeben hat, dafür sind Millionen von Arten – egal ob Tiere oder Pflanzen - der beste Beweis. Irgendwann einmal lernten die ersten Saurier fliegen und die ersten Pflanzen wehrten sich mit Stacheln. Solche neuen Eigenschaften erhöhten die Überlebenschancen und wurden deshalb an nachfolgende Generationen weitergegeben – sodass sie heute weit verbreitet sind. Das Eichhörnchen beispielsweise passte sich so immer besser an sein Leben in den Baumwipfeln an, während sich Fledermäuse und Asseln veränderten, um neue Lebensräume zu erobern.

Äffchen des Waldes – das Eichhörnchen und seine Vorfahren

  • Ein Eichhörnchen klettert kopfunter einen Baumstamm herunter; Rechte: imago Eichhörnchen sind Kletterkünstler, sie können auch kopfunter den Baum herunterlaufen.

Die flinke Art und das putzige Aussehen haben dem Eichhörnchen Bewunderung, aber auch Misstrauen eingebracht. Fast schon ehrfürchtig wird es Mitte des 19. Jahrhunderts in der Zeitung „Die Natur“ beschrieben: „(…) Wie es mit unnachahmlicher Grazie stammauf, stammab geräuschlos durch die Wipfel springt, neugierig aus dem Grünen hervorlugt und doch mit großer Vorsicht jeden Augenblick seinen Ort verändert, als ob es ‚Versteckens“ spiele, ein Äffchen unserer nordischen Waldungen!“ Eben jener Schnelligkeit und seiner hierzulande roten Fellfarbe hat das Eichhörnchen aber auch seinen Ruf als Teufelssymbol zu verdanken. Das Sprichwort „Der Teufel ist ein Eichhörnchen“ gibt es noch heute – als Warnung, dass sich das Böse oft in harmloser Gestalt zeigt.

Dabei sind die Kletterkünste der Nager alles andere als übersinnlich – sie sind das Ergebnis von Jahrmillionen der Anpassung an das Leben auf den Bäumen. Als Vorfahr der Eichhörnchen gilt der Paramys. Der lebte vor über 50 Millionen Jahren und sah den heutigen Hörnchen wahrscheinlich schon sehr ähnlich: mit einem buschigen Schwanz und typischen Nagezähnen. Auf dem Boden war der Paramys genauso zuhause wie in den Bäumen. Das hat sich inzwischen geändert: Die heutigen Eichhörnchen sind von Kopf bis Kralle Kletterer.

Ein Schwanz als Steuerruder, Fallschirm und Bettdecke

  • Ein Eichhörnchen gräbt mit der Schnauze im Schnee; Rechte: imago Ein Eichhörnchen kann seine Vorräte bis dreißig Zentimetern unter der Schneedecke riechen.

Mit ihren spitzen Krallen und den kräftigen Hinterbeinen können Eichhörnchen problemlos von Ast zu Ast springen und Baumstämme kopfüber hinabklettern. Dabei erfühlen sie ihre Umgebung über Sinneshaare an der Schnauze, über Augen, an Beinen, Füßen, Bauch und Schwanz. Wie die Schnurrhaare von Katzen registrieren sie kleinste Luftströmungen. So können die Nager das Gleichgewicht besser halten und Hindernisse besser erkennen. Noch wichtiger ist aber der buschige Schwanz. Bei weiten Sprüngen können die Hörnchen mit ihm im Flug steuern oder ihn als Fallschirm für eine weiche Landung nutzen. Wenn es kalt wird, dient er als Kuscheldecke.

Auf dem Speiseplan stehen Nüsse und andere Samen, Beeren, Pilze, Insekten und das ein oder andere aus einem Nest gestohlene Ei. Nüsse werden geknackt, indem die Eichhörnchen sie mit ihren langfingrigen Pfoten festhalten, sich mit den langen Nagezähnen darin festbeißen und dann mit den kleineren Zähnen ihres Unterkiefers ein Loch hineinbohren. Ohne ihr spezielles Gebiss wäre das nicht möglich. Dem manchmal recht harschen Winter in Europa begegnen die Tierchen mit einer Winterruhe. Während dieser Zeit verlassen sie ihr Nest nur ungern – nämlich dann, wenn sie ganz besonders Hunger haben. Ihre feine Nase hilft ihnen bei der Suche nach Nüssen und Samen, die sie sich selbst im Herbst vergraben haben. Haben sie etwas gefunden, geht`s ab zurück ins warme Bett.

Weder Vogel noch Maus – die Fledermaus und ihre Vorfahren

  • Eine Fledermaus fliegt bei Vollmond durch die Nacht; Rechte: mauritius images Fledermäuse sind die einzigen Säugetiere, die wie Vögel fliegen können.

In einer Fabel des griechischen Dichters Aesop trifft eine Fledermaus auf ein Wiesel, das sie fressen will. Auf die Bitte hin, sie am Leben zu lassen, antwortet das Wiesel: „Ich kann nicht, ich hasse dich, weil ich alle Vögel hasse“. Die Fledermaus beteuert, sie sei gar kein Vogel, sondern eine Maus. Das rettet ihr das Leben. Kurz darauf trifft sie auf ein anderes Wiesel, ebenfalls ein hungriges. „Ich hasse alle Mäuse und dich auch“, ruft es. Die Fledermaus: „Ich bin doch ein Vogel!“ Glück gehabt. Aber wann hat sie nun gelogen? Streng genommen ist die Fledermaus weder Vogel noch Maus. Sie gehört zu den Fledertieren, die zwar, wie Mäuse, Säugetiere sind, aber auch die einzigen Säugetiere, die wie Vögel fliegen können. Manche anderen Baumbewohner können abwärts gleiten, aber nicht mit ihrem eigenen Flügelschlag an Höhe gewinnen.

Aber das Fliegen ist nicht die einzige Eigenschaft, die die Fledermäuse mit der Zeit erlangt haben: Sie können sich außerdem mit dem Echo ihrer eigenen Schreie orientieren. Die meisten Wissenschaftler vermuten, dass die Vorfahren der Fledermäuse auf Bäumen lebten und zuerst das Gleiten lernten. Später, vor mindestens 50 Millionen Jahren, konnten sie richtig fliegen und tagsüber Insekten jagen. Einer Theorie zufolge sahen die Greifvögel damals ihre neuen Konkurrenten gar nicht gerne – die schwächeren Fledermäuse mussten ihre Jagd in die Nacht verlegen. In der Dunkelheit hätten sie das „Sehen mit den Ohren“, die Echo-Ortung, entwickelt.

Warum hast du so große Ohren?

  • Eine Fledermaus steht in der Luft vor einem Baumstamm mit einem Käfer, die Töne und das Echo sind mit Strichen eingezeichnet; Rechte: dpa Um sich in der Nacht zu orientieren, stoßen Fledermäuse Töne aus und fangen das Echo wieder auf.

Um sich mit ihren Ohren zurechtfinden zu können, haben die Fledermäuse ein außerordentlich feines Gehör. Mit den dazu passenden riesigen Ohren. Wie ein Trichter fangen sie möglichst viele Töne ein. Im Innenohr werden die Geräusche bestmöglich an das Gehirn weitergeleitet. So können die Jäger Insekten am Boden wuseln hören. Um sie aber auch in tiefster Nacht gezielt fangen zu können, nutzen sie eine andere Technik. Die Fledermäuse stoßen in der Sekunde bis zu 200 schnelle, hohe Töne aus und fangen deren Echo wieder auf. Je nachdem, ob ein Haus, ein Baum oder eine leckere Motte in der Nähe sind, werden die Töne unterschiedlich zurückgeworfen – und die Fledermaus weiß, ob sie ausweichen oder zuschlagen muss. Wir Menschen hören von all dem Lärm meist gar nichts – die Rufe sind zu hoch für unser Gehör. Hunde und Katzen nehmen sie aber wahr.

Heute gibt es über tausend Arten von Fledertieren – auf allen Kontinenten außer der Antarktis. Manche fressen streng vegetarisch, also nur Früchte und Blütensaft, andere jagen Fische und Frösche oder saugen Blut. Die Arten in Europa ernähren sich zum Großteil von fliegenden Insekten. Diese fangen sie mit dem Maul, ihren Krallen oder indem sie die gespannte Flughaut am Schwanz wie ein Netz aufspannen. Je nach Essensvorliebe haben die verschiedenen Arten eigene Schädelformen entwickelt. Die Nektartrinker haben lange, spitz zulaufende Schnauzen, um den süßen Saft aus dem Innern der Blüten saugen zu können. Andere haben einen breiteren Schädel, sodass sie härter zubeißen können, um Früchte aufzubeißen oder Käferpanzer zu knacken.

Die Assel – Schweinchen aus dem Meer

  • Eine Riesenassel zwischen zwei roten Seesternen; Rechte: dpa Landasseln werden wenige Zentimeter groß; Riesenasseln in der Tiefsee bis knapp einen halben Meter.

Die Assel hat nicht den besten Ruf. Sie lebt in feuchten dunklen Ecken oder Ritzen, frisst Abfälle und sogar ihren eigenen Kot. Selbst der lateinische Name für die Kellerassel ist nicht gerade schmeichelhaft: Porcellio scaber, zu deutsch: räudiges Schweinchen. Erfährt man mehr über das Tierchen, muss man sich umso mehr wundern. Ihren Urin verteilt die Assel auf dem ganzen Körper – zum Atmen. Denn obwohl sie ein Landtier ist, atmet sie größtenteils wie Fische über Kiemen. Und es geht noch weiter: Auch wenn sie so aussieht, ist sie kein Insekt, sondern ein Krebstier. Doch man sollte die Assel nicht unterschätzen. Sie hat als einziges Krebstier den großen Sprung gewagt: Sie hat ihre Heimat, das Meer, verlassen, um dauerhaft an Land zu leben.

Die ersten Asseln gab es vermutlich schon vor 150 Millionen Jahren, damals noch nur im Meer, später auch in Süßwasser. Heute leben auf der ganzen Welt mehrere tausend Asselarten – im Wasser und an Land. Ihre Meeresheimat kann man den Landasseln noch ansehen. Sie atmen immer noch über Kiemen an den Hinterbeinen. Diese können Sauerstoff nicht nur unter Wasser, sondern auch aus der Luft aufnehmen. Dazu müssen die Kiemen ständig feucht gehalten werden. Über ein kompliziertes Leitungssystem auf dem Asselpanzer gelangt jeder Tropfen Wasser zu den Kiemen, auch Urin. Einige Arten können inzwischen auch in trockeneren Gebieten auskommen – dazu haben sie zusätzliche Lungen. Um tote Pflanzen zu zerkleinern, haben die Asseln im Laufe der Zeit ein Beinpaar in zwei kräftige Mundwerkzeuge umgewandelt. Gefressen wird auch Sand und Erde – und der eigene Kot, um auch die letzten Nährstoffe zu verwerten. Das hilft den Asseln und dem Boden. Nach über 100 Millionen Jahren hat das Tier seinen Platz im Kreislauf der Natur gefunden. Wer weiß? Vielleicht erobert es in weiteren 100 Millionen Jahren die Lüfte.