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Deutscher Sprechertext


Woody Guthrie, die Folk-Legende, erzählt aus den 30er Jahren.

Woody Guthrie: "... der Sandsturm kam auf uns zu wie das Rote Meer auf die Kinder Israels; also wir standen da und schauten zu, wie das verdammte Ding näher kam. Es wurde so dunkel, als es über uns hereinbrach, dass wir ins Haus liefen. Alle Nachbarn trafen sich in verschiedenen Häusern. Wir saßen in einem kleinen Raum und es wurde so dunkel, dass man die Hand nicht vor Augen sah; du konntest niemanden im Raum erkennen.

Doch die meisten Leute behielten einen klaren Kopf und sagten, na gut, das ist das Ende, das Ende der Welt. Die Zeit ist gekommen, den Fluss zu überschreiten und alle sagten, macht’s gut, war schön, euch gekannt zu haben."

Oklahoma Ende des 19. Jahrhunderts: Bisonherden zogen über weite Prärien. Die einzigen Siedler waren Indianer, die aus den östlichen Staaten vertrieben worden waren: die Choctaws, Creeks, Seminoles, Cherokees und Chickasaws. Die Staaten ringsherum, Kansas, Arkansas, Texas, waren schon von Weißen besiedelt. Daher nahm der Druck auf die Regierung zu, auch Oklahoma freizugeben.

Oklahoma City. Im Büro der Historical Society erzählt Dr. Blackburn von der unkonventionellen Landnahme:

Dr. Blackburn: "Dieses hier war das letzte unbesiedelte Gebiet. Aber anstatt dass sich die Siedler nach und nach das Land nahmen, wie das die letzten dreihundert Jahre bei der Besiedlung gelaufen war, sollte ein Wettlauf entscheiden. Am 22. April 1889 versammelten sich 50.000 Menschen an der Grenze dieses Gebietes."

Die Armee gab das Startsignal. Die Jagd nach dem besten Stück Land begann. 160 acres konnte man beanspruchen, möglichst schnell als Eigentum eintragen lassen und beackern.

Dr. Blackburn: "Über Nacht, von einem auf den anderen Tag: 50.000 Menschen. Allein in Oklahoma City gab es am Morgen des 22. April keinen Menschen, am Abend 10.000. Das wurde später 'The Spirit of 89' genannt. Die Menschen waren bereit, etwas zu riskieren, zu spielen, hatten Vertrauen in die Zukunft, hielten Veränderungen für wichtig. Und so gab’s eben 'Boom-Zeiten'. Wenn man dann noch das Wetter berücksichtigt, das sehr extrem sein kann, entweder ganz trockene Jahre, dann wieder sehr viel Regen, versteht man, warum die Bewohner von Oklahoma sich so gut auf unterschiedliche Situationen einstellen können, bereit sind, nach einer Krise wieder ihr Glück zu suchen und auf den nächsten Aufschwung zu hoffen ..."

Mit diesem Pioniergeist im Rücken pflügten und beackerten die Farmer immer größere Teile des Graslandes, Baumwolle und Weizen werden zum Markenzeichen von Oklahoma. Aber immer wieder gab es Rückschläge durch die Trockenheit.

"The Panhandle", der Pfannenstiel, das sei die richtige Gegend, um mehr über die Dust Storms zu erfahren, meinte Dr. Blackburn.

Und vorher noch ein bisschen Country music in Oklahoma City, als Einstimmung für den Weg. Tumbling Tumbleweeds, die trockenen Büsche, die über die Prärie rollen. "Vom Rindertreiben und der Liebe, von Sehnsüchten und einsamen Nächten in der Prärie, das Lebensgefühl der Cowboys ..."

Grant ist der Chef der Oklahoma Opry. Er fördert Talente der Country-Music-Szene in OK City.

Im Sturzregen auf der Suche nach der Trockenheit ...

Hier sollen in den Dreißigern Staubwolken übers Land gezogen sein?

Howard hat die Dust Storms miterlebt, und nicht nur das. Mit seinen neunzig Jahren ist er fast so alt wie die weiße Siedlungsgeschichte hier in den Antilope Mountains. Howard ist pensionierter Farmer, aber immer beschäftigt, denn seine große Leidenschaft ist das Sammeln. Haus und Hof sind voll von Zeugnissen des Siedlerlebens. Alle Geräte laufen noch, auch diese Radiobar aus den Dreißiger Jahren.

Howards Großeltern kamen 1893 in die Antilope Mountains. Wie viele andere verließen sie sichere Verhältnisse an der Ostküste, um der Verlockung von billigem, gutem Land zu folgen. Howard mit seiner Mutter in den Dreißigern. Das war ihr Haus, in dem sie die ersten Sandstürme miterlebten.

Howard: "Das war so, wie man das von den Bildern kennt, ‘ne riesige Wolke aus Sand. Angst hatte ich keine. Das war nur neu für uns, keiner hatte so etwas vorher gesehen."

Howard geht mit dieser Zeit eher ironisch um. Ein Liedtext von ihm:

"Was sollt’ auch dieses laute Jammern, wir saßen halt in trüben Kammern, rauchten, fluchten, hatten Spaß. Wilde Zeiten waren das."

Zwischen all seinem Krimskrams steht auch dieses Foto: Das war irgendwo weiter im Westen, meinte Howard. Ein Mann mit zwei Kindern auf einer Sanddüne, wie in der Wüste.

Von den Antilope Mountains zum Panhandle. Oklahoma und der ganze mittlere Westen hatten sich Anfang des 20. Jahrhunderts zur Weizenkammer der USA entwickelt. Die Mechanisierung in der Landwirtschaft machte es möglich: Immer mehr Weideland wurde zu Ackerland. Die Pflüge rissen den Boden auf. Die Erde war ungeschützt dem Wind ausgesetzt. Die Zeiten, in denen einsame Rinderherden mit einsamen Cowboys durch die "Rolling Hills" zogen, sind vorbei.

Im Panhandle angekommen: Auf der Ranch der Familie Hitch lassen die Cowboys einmal im Jahr alte Zeiten wieder aufleben. Sie veranstalten ein Round-up, treiben Rinder und Kälber zusammen, um den Jungtieren das Erkennungszeichen der Ranch einzubrennen. Stiefel mit Sporen, das Knistern des Feuers, Rinderherden und Cowboys mit Cowboyhut und Lasso - Bilder aus unzähligen Western tauchen im Kopf auf. Doch während es in den Filmen meist dramatisch zugeht, ist die tägliche Arbeit der Cowboys Routine. Das ist heute so und war früher nicht anders.

Lange bevor weiße Siedler in den Panhandle kamen, trieben Cowboys Millionen von Rindern aus Texas Richtung Norden zu den Schlachthöfen oder benutzten das Gebiet als Weideland. So kam auch James K. Hitch in diese Gegend. In vierter Generation leitet Paul Hitch den Betrieb. Inzwischen kann man schon fast von einem Imperium sprechen, wie man es aus den Serien im Fernsehen kennt.

P. Hitch: "Zu der Zeit war Kansas schon lange ein Staat, Oklahoma aber noch nicht. Dieser kleine Streifen Land, der vom Hauptteil des Staates nach Westen rausragt, hieß 'Niemandsland'. Es gehörte zu keinem Staat, zu keinem Gebiet. Eigentlich hatte die Bundesregierung die Hoheit, aber die schickte niemanden hierher, also übte auch keiner die Hoheit aus."

Und so entschied sich James K. Hitch auf einem seiner Viehtriebe, hier am Coldwater Creek zu bleiben.

P. Hitch: "Er siedelte hier, weil es viel Gras und Wasser gab und keiner es ihm verbot. Man konnte fast soviel Land nehmen, wie man wollte, davon gab’s genug. Er baute ein Haus und da leben wir heute noch. Er hat einen wundervollen Platz gewählt, Jahre später stellte sich erst recht heraus, wie wundervoll der Platz wirklich war: nämlich auf dem größten Gasvorkommen der Welt in der damaligen Zeit und dem größten unterirdischen Wasserreservoir. Beides war diesem Mann 1880 natürlich noch nicht bewusst."

Ideale Voraussetzungen, um ein Rinderimperium aufzubauen. Mit den romantischen Vorstellungen von grasenden Rindern in der Weite des Landes hat das natürlich nicht mehr viel zu tun.

Die Firma Hitch zieht pro Jahr ca. 350.000 Rinder groß, als Dienstleistung für andere Rancher. Der Tag kostet pro Tier 5 Cent. Auf diesem "Feed-Lot", dem Fütterungsplatz, stehen ca. 50.000 Tiere, 20 Prozent gehören Paul Hitch. Die Markierung wird zwar nicht mehr eingebrannt, schmerzhaft ist es trotzdem.

Das vierbeinige Kapital wird medizinisch versorgt: Antibiotika gegen Lungenentzündung, Mittel gegen Würmer, dazu Vitamine und Hormone. Einjährig kommen die Tiere hierher. In einer 4½-monatigen Mastkur werden sie auf ihr Schlachtgewicht von 1.220 Pfund gebracht. Und dabei wird nichts dem Zufall überlassen: Computergesteuert wird das Futter zusammengestellt.

Die Nachrichtenübermittlung dagegen funktioniert noch nach älterer Methode.

Silage, Mais und Proteine werden auf das Wachstum der Tiere abgestimmt. Der Mais kommt zum großen Teil aus eigenem Anbau: Kreisrunde Felder, da die Beregnungsanlage im Kreise fährt. Mit der systematischen Bewässerung und anderen Methoden beim Pflügen glaubt man, dass es so etwas wie die Duststorms nicht mehr geben wird.

Von Guymon auf dem Weg nach Texhoma.

Das Bild bleibt im Kopf: Der Mann mit den zwei Kindern auf der Sanddüne ... Die schwarzen Staubwolken und ihre Folgen, oft Thema in den Liedern. Tausende Tonnen von schwarzem Sand, aufgewirbelt, rollen wie eine Walze übers Land. Die Gegend von Texhoma hat besonders viel abbekommen ...

In Downtown Texhoma, an der großen Kreuzung, liegt Ann’s Café, das einzige Café im Ort. Hier sitzen die älteren Bewohner und reden. Sie haben alle ihr persönliches Erlebnis mit den dunklen Tagen. J. R. Davison erlebte seinen ersten Sturm eben in so einem Café.

J. R. Davison: "Plötzlich wurde es dunkel als diese Wolke aus Sand herankam. Der Besitzer des Cafés bat uns: Leute, bitte bleibt sitzen, bleibt hier, wenn wir getroffen werden. Meine Frau ist unheimlich ängstlich. Wenn ihr hier bleibt, hilft ihr das und nimmt ein bisschen die Angst. Als der Sandsturm schließlich über uns hinwegrollte, wurde es so dunkel im Raum, dass man gerade noch die Glühbirne da oben erahnen konnte, mehr nicht. Das war alles, sonst war es stockfinster. Also, ich war auch ganz schön aufgeregt. Aber ich wusste ja, dass mein Vater neben mir sitzt. Ich konnte ihn zwar nicht sehen, aber berühren. Danach hatten wir noch viele solcher Tage, aber das war der erste."

Ein Sturm folgte auf den anderen. Landwirtschaft fand kaum noch statt. Der Panhandle erlebte einen wirtschaftlichen Niedergang.

J. R. Davison: "Das ist unser altes Haus auf dem Land, in dem wir während der "Schmutzigen Dreißiger Jahre" gelebt haben. Das Haus hatte nur ein großes Zimmer mit Anbauten an zwei Seiten. Das war alles. Wenn so ein Sturm auftauchte, war er ja nicht sofort über einem, sondern man hatte ungefähr dreißig Minuten Zeit, sich vorzubereiten, bevor es über einen hereinbrach. Der Sturm zog sich förmlich um uns herum, in wenigen Minuten würden wir von allem abgeschnitten sein, nichts mehr sehen. Dann ist es höchste Zeit, alles zu verschließen, die Hühner in den Stall zu treiben, damit sie nicht weggeblasen werden, all so etwas.
In diesen dreißig Minuten bereitet man sich vor. Man nimmt ein Taschentuch ... bindet es sich vors Gesicht, macht es vielleicht ein bisschen nass ... so ging man raus, wenn man musste. Besser blieb man im Haus, hängte nasse Tücher vor die Fenster, aber aufhalten konnte man den Sand kaum. Wenn man durch das Zimmer schaute, sah man den Staub in der Luft schweben. Nach dem Sturm lag überall eine Schicht Sand ... ,auch in meiner Lunge. Ich hatte eine Lungenentzündung vom Staub, wäre fast gestorben. Ich kam ins Krankenhaus nach Amarillo.
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich da war, aber ich erinnere, dass ich zeitweise im Delirium lag. Meine Mutter saß am Bett, ich sprach mit ihr und da waren diese Pferde in einem Kinderkarussell und die liefen so ...ich war ja im Delirium ...'Mama, nimm Deinen Kopf zur Seite, sonst rennen sie dich um ...' Ich glaub, ich war ziemlich krank, mit dieser Staublunge..."

Der Panhandle wurde zur Dust Bowl, der Pfannenstiel zur Staubschüssel. Farmer mussten aufgeben; vor allem die, die nur als Pächter auf dem Stück Land saßen. Von diesen Zeiten singen die Musiker: von den Spuren im Gesicht, dem Schmerz, der sich nicht verbergen lässt.

Sie sagte: "Harte Zeiten gab’s viele, friedliche wenig." "Und sie machten sich auf nach Californien, ‘ne andere Möglichkeit gab’s nicht mehr."

J. R. Davison wusste mehr über das Bild und die Menschen darauf: über Guymon nach Boise City, dort nach der Familie Coble fragen.

Unter der Führung von Charles Coble geht die Fahrt weiter zu einem einsam gelegenen Haus. Hier lebt Clara Coble, die Mutter von Charles und Lloyd. Clara hat einige Fotos zusammengesucht, die nicht gerade wie eben mal schnell gemachte Schnappschüsse aussehen. Woher kommen die, und wer ist das auf den Bildern?

Daryll - Daryll Coble im Jahr 1936, nach den ersten Sandstürmen. Und hier das Original: Der Mann mit den zwei Kindern auf der Sanddüne ... vor dem Stall.

Clara: "Das ist Darylls Vater Arthur. Sein älterer Bruder Milton. Und das ist Daryll."

Und Daryll wurde Claras Mann. So sah er 25 Jahre später aus.

Die Fotos sind damals, 1936, im Auftrag der Regierung gemacht worden. Professionelle Fotografen, wie Arthur Rothstein, fuhren durch die betroffenen Gebiete und dokumentierten den Schaden und das Leid der Menschen. Rothstein kam 1961 noch einmal zu Besuch. Ein Erinnerungsfoto an gleicher Stelle mit Milton und Daryll.

In der Welt ist das Bild bekannt, was für die Familie Coble ein komisches Gefühl war, jetzt ziert es auch den Grabstein von Daryll. Kaum vorstellbar: Diese blühende Wiese ist der gleiche Ort, an dem 1936 der Sand wehte.

Wie sagte Dr. Blackburn noch: Oklahoma ist ein Land mit extremen Gegensätzen. Dicht beieinander liegen Aufschwung und Pleite, Boom and Bust ...