zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.

Inhalt

Deutscher Sprechertext


Watsonville, Kalifornien. Eine Kleinstadt südlich von San Francisco. Ein ganz normaler Sonntagmorgen im September. Im ältesten Café der Stadt ist nicht viel los. Früher war es voll um diese Zeit, erzählt man. Vielleicht sind heute viele ans Meer gefahren. Oder haben im Garten zu tun. ... oder wollen nur im Park sitzen ... So ein ganz normaler Sonntag scheint es doch nicht zu sein. Ein Meer von roten Fahnen und eine Parole: "Si, se puede - Ja, man kann!"


Tausende Mexikaner marschieren. Arbeiter aus den Erdbeerplantagen der Umgebung von Salinas und Watsonville. Die United Farm Workers Union, die Gewerkschaft der Landarbeiter, hat die Demo organisiert. Sie fordern Verträge von den Plantagenbesitzern, höhere Mindestlöhne, bessere Arbeitsbedingungen.


Die Führer der Gewerkschaft Arturo Rodriguez und Dolores Huerta kämpfen für mehr Anerkennung bei den eigenen Landsleuten und gegen deren Angst, als Gewerkschaftsmitglieder Nachteile zu haben. Großes Interesse der weißen Bevölkerung scheint es nicht zu geben.


Montag morgen: Seit sieben Uhr sind die Pflücker bei der Arbeit. Berg rauf, Berg runter, immer gebückt, schnell und präzise suchen sie die Erdbeeren mit dem richtigen Reifegrad, nicht zu rot aber auch nicht zu grün. Sie müssen schließlich die lange Reise nach Japan überstehen.


Die Erdbeeren werden nicht einfach so in den Karton geworfen, sondern geordnet wie ein 3-D- Puzzle, alles muss akkurat sein und ansprechend aussehen. Vorarbeiter kontrollieren das Ganze, auch unter der Oberfläche. Die Frauen tragen Tücher vor Mund und Nase, um sich vor Staub und Pflanzenschutzmitteln zu schützen.


Tomas Rocha kommt, um die ersten Kisten zu laden. Tomas ist eigentlich Vorarbeiter, hilft aber im Augenblick als Fahrer aus.


Für jede Kiste, die in Ordnung ist, gibt's ein Loch auf der Karte.Das heißt 65 Cent zum Grundlohn von 4,50 Dollar dazu. So kann ein schneller Pflücker auf 6,50 Dollar, ca. 14,- DM die Stunde kommen. Das ist dann ein legaler Lohn. Ist ein contratista, ein Arbeitsvermittler im Spiel, gibt es keine Grenze nach unten.


12.30 Uhr, Mittagspause. Ein fliegender Händler bringt Tacos, Tortillas und Enchiladas. 6 Stunden haben die Pflücker noch vor sich. Nur jüngere Leute halten diese Arbeit längere Zeit durch.


Die Monokulturen sind anfällig für Schädlingsbefall. Regelmäßig wird in Sichtweite der Pflücker gespritzt. Auf die Gesundheit der Arbeiter wird keine Rücksicht genommen. Tomas bringt die zweite Ladung nach Watsonville ins Kühlhaus.


Ob Erdbeeren oder Kopfsalat: Die Erntearbeit auf den Feldern wird zu 100% von Mexikanern erledigt. Nur wenige der Landarbeiter sind festangestellt, Beschäftigung nach Bedarf. Ist die eine Saison vorbei, ziehen viele weiter zur nächsten Ernte.


Nirgendwo auf der Welt reifen die Artischocken so gut wie hier in Kalifornien. "Das liegt an der feuchten Brise des Pazifik", sagen die Farmer. Das Central Valley ist nicht nur wegen seines Klimas ein erfolgreiches Obst- und Gemüseanbaugebiet. Zur industriellen Fertigung der Produkte gehört auch die genau geplante Vorbereitung der Böden. Gefälle und Neigung eines Feldes werden bei der Neuanlage exakt berechnet, wichtig für die Bewässerung. Dann wird planiert, gepflügt und gespritzt.


Sieben Tage gären die Mittel gegen Pilzbefall unter der Folie. Sauber ausgerichtet, reiht sich schließlich Hügel an Hügel, fertig für die Erdbeerbepflanzung. Diese Maßnahmen, das Klima und die intensive Beregnung haben es möglich gemacht, die Erdbeersaison auf 9 Monate auszudehnen.


Tomas ist gleich in Watsonville, hat Feierabend.


Tomas lebt mit seiner Familie im eigenen, typisch amerikanischen Holzhaus in mexikanischer Nachbarschaft. Obwohl sie total in Watsonville etabliert sind, kommt etwas Wehmut auf, wenn sie die Videos von der letzten Familienfeier in ihrem Heimatdorf ansehen.


Tomas: "Ich war 9 ½ als ich das erste Mal in die USA kam. Das war 1967. Wir blieben nur fünf oder sechs Monate, während der Erdbeersaison. Dann gingen wir nach Mexiko zurück, blieben sechs Monate dort, und kamen dann zum Anfang der neuen Saison wieder nach Watsonville."


Wie so viele, begann Tomas schon sehr früh als Pflücker.


Tomas: "Ja, ich war dreizehn, als ich anfing. Im Sommer half ich meinen Eltern bei der Arbeit. Also bin ich den ganzen Sommer auch nicht zur Schule gegangen."


Lorena: "Es ist unheimlich hart. Ich bin einmal mitgegangen zum Erdbeerpflücken, aber schon nach einer Stunde dachte ich, 'ne, das schaffst du nicht'. Dad sagte, 'Wenn du weiter zur Schule gehen willst, streng dich an, dann kannst du später was anderes machen.' "

Cleothilde: "Für mich war die Arbeit auf dem Feld Routine. Täglich dasselbe, immer dasselbe. Ich kam müde nach Hause, machte für die Kinder noch etwas zu essen und wollte dann nichts weiter als Ruhe und schlafen, um am nächsten Tag erholt zu sein für wieder dieselbe Routine."

Den Kindern geht es besser. Sie haben Zeit, Musik zu machen, am liebsten mexikanische.

Osvaldo: "Das Lied handelt von einem Wesen, halb Pferd, halb Frau und einem Mann, der um sie kämpft. Und er muss stark sein, darf vor nichts Angst haben."

"Vor nichts Angst haben", das gilt auch für die mexikanischen Jugendlichen, die ihre Zeit überwiegend auf den Straßen verbringen. Dieses Projekt der Stadt Watsonville soll den jungen Gang-Mitgliedern eine Alternative bieten. So lange sie hier bei Mark Davis sind, geht es nicht um Drogen, Raub und Körperverletzung.

Watsonville sieht nur noch von außen wie eine typische amerikanische Kleinstadt aus. Drinnen spielt schon eine ganz andere Musik.

Musica norténa: Die Musik des Nordens, die im Spannungsverhältnis von Mexico und Texas entstanden ist: Meist besungenes Thema ist das Leben der Mexikaner in Amerika und ihre Heimat in der Ferne. Viele Männer kommen erst alleine, leben ohne Familie. Musik und ein paar "Coronas" helfen, die Sehnsucht und Einsamkeit zu bekämpfen.

Außerhalb von Watsonville, abseits der Straße, liegt dieses Migrant-Camp, Anlaufstelle für Illegale, die bei Verwandten oder Freunden Unterschlupf suchen. Für viele Familien, die eigentlich nur kurze Zeit bleiben wollten, ist es zum festen Wohnsitz geworden.

Luis Espinoza lebt mit seiner Familie schon seit fünf Jahren hier. Sechs Personen teilen sich zwei Räume. Miete 500 Dollar.

Luis: "Die Miete ist sehr hoch. Überhaupt ist alles sehr teuer. Man schlägt sich so durch. Wir unterstützen uns gegenseitig in unseren Familien. Wird mal ein Kind krank und muss ins Hospital, so behandeln sie es nicht, da wir kein Geld haben. Der wöchentliche Lohn reicht mal gerade so für das Essen. Selten ist etwas übrig. Es ist schon hart für arme Leute, in diesem Land zu überleben."

195 Dollar müssen in dieser Woche reichen.

Luis: "Ja, so leben wir und schlagen uns durch. Und dann wird gesagt, wir würden Sozialhilfe und Essensmarken abkassieren. Wenn das so wäre, würden wir nicht so leben, wie wir es hier tun. Hier in diesem Raum sitzen wir, gucken Fernsehen, in der Ecke ist die Küche, und hier schlafen wir. Die Erdbeersaison ist zu Ende. Wir, die legale Papiere haben, bekommen Arbeitslosengeld. Die Illegalen bekommen gar nichts. Die sind nirgendwo gemeldet, die kriegen keine Essensmarken, keine Sozialhilfe, denen gibt man nichts, die zählen gar nicht. Wir Legalen zählen eigentlich auch nicht. So ist die Situation für uns. Wenn die Situation in Mexiko besser wäre, würden viele ja auch nicht kommen."

Frau Espinoza: "Hoffnungen? - Na ja, arbeiten, um ein Haus für die Kinder zu haben. Schauen Sie doch, wie es hier aussieht. Das macht traurig."

Um 16.00 Uhr müssen die Kinder an der Hauptstraße sein. Zweimal in der Woche werden sie direkt nach der Schule mit dem Bus abgeholt.

Seit fast dreißig Jahren bietet ein katholischer Orden den Kindern mexikanischer Einwanderer Freizeitbeschäftigungen an. Vater Jesse hat den Bus und die Horde hinter sich voll im Griff.

Flamenco, Fußball, Theater, Musik: Hunderte von Kindern besuchen täglich den Penny-Club. Auch die Kinder von Tomas sind hier. Osvaldo und Juan Carlos spielen in der Marimba-Band.

Wenn man lange Zeit nur die Arbeit und das Zuhause sieht, vergisst man fast, dass Kalifornien um einen herum ist, meint Louis. Er ist auf dem Weg nach Mexiko, will Verwandte besuchen. "Achtung Menschen kreuzen". Schon oft haben Flüchtlinge leichtsinniger Weise versucht, den achtspurigen Highway zu überqueren und kamen ums Leben.

Nur eine halbe Stunde hinter San Diego liegt der verkehrsreichste Grenzübergang der Welt: San Isidro, kurz vor Tijuana. Die Ausreise ist einfach. Ganz im Gegensatz zur Einreise. Deshalb versuchen Hunderttausende, die Grenze illegal, abseits im Gelände zu überwinden.

Beamte der Border Patrol sollen das verhindern, doch bei 2.000 Meilen ein schwieriges Unterfangen. Nur 14 Meilen, vom Pazifik bis in die Berge, sind durch diesen Metallzaun gesichert. Doch das schreckt die Menschen, die wenig zu verlieren haben, nicht ab. Sie warten auf eine günstige Gelegenheit bei Nacht.

Louis war vor 12 Jahren in ähnlicher Situation.

Louis: "Beim ersten Versuch, in die Vereinigten Staaten zu kommen, gingen wir über die Berge. Nach kurzer Zeit verhafteten uns die Beamten der Einwanderungsbehörde und brachten uns nach Tijuana zurück. Bald kreuzten wir wieder die Grenze, wurden wieder verhaftet, das Ganze dreimal."

So läuft täglich ein großes Katz- und Mausspiel ab, manchmal offen und harmlos ausgetragen, oft hart und gefährlich. Dass es auf beiden Seiten um Schicksale von Menschen geht, erzählt Bruce Springsteen in seinem Lied "The Line".

Marco Ramirez, gebürtiger Mexikaner im Dienst der Border Patrol spielt im Song eine wichtige Rolle.

"Er sagte, sie riskieren ihr Leben in der Wüste und den Bergen, zahlen alles, was sie haben an Schlepperbanden. Hunger ist die treibende Kraft."

Ramirez: "Ich bin in Guanajuato aufgewachsen, meine ganze Familie wohnt dort, mein Name ist Marco Ramirez. Ich bin sehr stolz auf meine mexikanisch-amerikanische Herkunft, aber in erster Linie bin ich amerikanischer Staatsbürger. Ich habe geschworen, die Gesetze der Vereinigten Staaten zu befolgen. Es ist immer noch schmerzhaft, mit anzuschauen, wie die eigenen Landsleute Mexiko verlassen ohne Hoffnung, weil die Regierung ihnen keine Hoffnung gibt. Das bricht einem das Herz. Aber das muss man vergessen und seinen Job so gut wie möglich machen."

"In einer Bar in Tijuana haben Bobby und ich sie getroffen, Louisa. Sie wollte nach Norden."

"Es ist Nacht. Sie kommen über die Böschung. Die Scheinwerfer erfassen sie. Wir jagen sie mit unseren Broncos ....."

Mit Hilfe von Infrarot-Geräten werden die illegalen Grenzgänger aufgespürt und die Kollegen in die richtige Richtung geführt. Einer nach dem anderen taucht aus den Büschen auf. Zwei Grenzbeamte links und rechts, drei Illegale dazwischen. Nein, vier. Die Festgenommenen werden ins Headquarter gebracht, registriert und nach Drogen durchsucht. Wer drogenfrei ist, keinen Einspruch gegen die Abschiebung erhebt und nicht als Mehrfachtäter im Computer entdeckt wird, wartet auf den Rücktransport nach Mexiko. Ca. 1.000 Fälle enttäuschter Hoffnungen in dieser Nacht.

Tomas und seine Familie haben es geschafft in den USA. Doch manchmal befällt sie die Sehnsucht nach Mexico:

Lorena: "Dort fühl' ich mich viel freier. Jeder kennt dich. Ich war total überrascht, als wir am ersten Tag mit den Cousinen durchs Dorf gingen, und Leute sagten: 'Ah ganz der Vater, Tomas', und ich äh - hmm, ja, ich kannte die ja gar nicht. Es ist einfach friedlich dort."

Tomas: "Ich weiß, wie hart das Leben in Mexiko ist. Und ich will ja nur das Beste für meine Kinder ..... Deswegen denke ich, es ist besser hierzubleiben ... für eine Weile ..... so dass sie mehr Chancen haben ... Ja, also, für 'ne Weile heißt, vielleicht für eine lange Zeit, vielleicht auch das ganze Leben."