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Deutscher Sprechertext


Ein ganz normaler Arbeitstag beginnt in New York. Die U-Bahnen entlassen Hunderttausende von Pendlern. Menschenströme ergießen sich in das Häuserlabyrinth um die Wall Street..

Rushhour, alle haben es eilig. Auf den Straßen ein magisches Chaos, das fließend in Bewegung bleibt. Die Jazzer Edwin, Bradley und Sanhandon interpretieren diese Stimmung: wie ein musikalischer Loop rollt der Tag vorwärts.

Hier am wichtigsten Finanzmarkt der Welt dreht sich alles ums Geld. Das prägt das Viertel, das Leben auf der Straße, die Menschen. Das Woolworth Gebäude am Broadway, Firmensitz der Warenhauskette bildet die nördliche Begrenzung des Finanzdistricts. Im Schatten der Wall Street versteckt sich der Stadtteil TriBeCa.

Fünf Minuten entfernt von der Business-Hektik fast beschauliches Treiben auf den Straßen, wenig Verkehr und malerische Winkel. Doch so ruhig ist es nicht immer gewesen. Das Viertel hat eine lange Tradition als Umschlagsplatz von Lebensmitteln. Hinter diesen Fassaden wurde gehandelt, nicht gewohnt.

Horst Hamann kommt aus Mannheim. Er lebt mit seiner Familie in TriBeCa.

Hamann: "In TriBeCa hast du immer ein bisschen Wochenendstimmung. Es liegt nahe am Hudson River, noch etwas abgeschieden. Zwar ziehen immer mehr Leute hierher, es ist viel los, neue Restaurants machen auf, aber es ist eine sehr gute Gegend zum Wohnen in New York. Man fühlt sich sozusagen wie in einem kleinen Dorf."

Zum "Dorf" gehören auch die kleinen Läden um die Ecke. Das Traditionsunternehmen Bazzinis betreibt seit 1886 einen Großhandel mit Nüssen aller Art. Bislang wurden die Nüsse in diesem Haus geröstet, verpackt und ausgeliefert. Doch die Produktion wird gerade in die Bronx verlagert. Die Räume in dem alten Gewerbehaus eignen sich nicht mehr für moderne Produktionsverfahren. Nüsse werden weiterhin verkauft. Andere Waren sind dazugekommen. Der Laden mit dem kleinen Café passt in das neue TriBeCa.

Das Viertel wurde Mitte des 19. Jahrhunderts als Standort für ein neues Handelszentrum in Stadtnähe ausgesucht. Die neuen Häuser sollten repräsentieren und bekamen reich verzierte Fassaden aus Sandstein, Marmor oder, wie dieses, aus Gusseisen.

Der Architekt James Bogardus benutze 1848 das erste Mal Gusseisen für eine Fassade. Jeweils ein Fensterelement ist in einem Stück aus Eisen gegossen. Die Teile wurden vor Ort zusammengesetzt und verschraubt. Mit dem richtigen Anstrich versehen, erkennt man keinen Unterschied zu Stein. Erst wenn man die Möglichkeit hat, hinter die Kulissen zu schauen, entlarvt sich die eiserne Fassade.

Die Gießerei stand direkt in TriBeCa. Bestellt wurde per Katalog: Freie Auswahl durch alle Stile, ein bisschen Romanik oder Gotik, Säulen, Dachabschlüsse, vieles kombinierbar und billiger als andere Materialien. Leicht erkennbar als Gusseisenfassade wird die Frontpartie, wenn der Rost kommt.

Der Duane Park ist das heimliche und heimelige Zentrum von TriBeCa. Die Ruhe wird am Tage nur noch ab und zu durch Lastwagen gestört, die Waren bei der Firma Harry Wils und Söhne anliefern. Sie ist die letzte große Handelsfirma mit Sitz am Duane Park, dort wo früher das Zentrum des Butter- und Eierhandels lag. Natürlich handelt man heute mit wesentlich mehr Produkten, die in Restaurants und Großküchen gebraucht werden. Zum Kummer der neuen Nachbarn läuft der Hauptbetrieb in der Nacht. In dritter Generation führt Steve Wils die Firma:

Wils: "Der Duane Park war das Zentrum, die Schaltstelle des Handels in dieser Gegend. Das lag auch daran, dass die Straße sehr breit war. Das war praktisch, man konnte mehr Lastwagen rückwärts einparken. Ich erinnere mich als Kind, dass ein Lastwagen manchmal eine Stunde brauchte, um von diesem an das andere Ende der Straße zu gelangen, weil so viele Lastwagen vor oder zurück an die Rampen setzten. Mein Großvater hatte seit 1921 sein Geschäft immer an diesem Platz, also ist unsere Familie seit 76 Jahren hier in diesem Block."

Der besagte Großvater floh vor Pogromen aus Polen. Er fing mit einem Handkarren an, kaufte Eier und ging von Haus zu Haus. Ein einträgliches Geschäft, wenn man nicht zu lange redete, was er wohl gerne tat.

Ein anderer großer Handelsplatz in TriBeCa: Der Washington Markt, der Umschlagsplatz für Gemüse und Geflügel, das mit der Bahn oder über den Hudson River angeliefert wurde. Bis in die Sechziger kaufte und verkaufte, feilschte und fluchte man hier. Dann warf die Stadtplanung ein Auge auf das Gelände. Eine Erweiterung des Finanzdistriktes war geplant. Der Washington Markt wurde abgerissen. Der Abzug der Händler war eingeleitet.

Horst Hamann auf dem Wege zu einem besonderen Termin. Er hat endlich die Genehmigung bekommen, darf im und auf dem Woolworth Gebäude fotografieren. Fast alle markanten Wolkenkratzer hat er schon in seiner Sammlung und gerade einen Bildband über diese Ikonen herausgebracht.

Das Woolworth, das 1913 fertiggestellt wurde, fasziniert nicht nur den Fotografen, sondern auch die Architektin Gail Fenske. Sie schrieb ihre Diplomarbeit und ein Buch darüber:

Fenske: "Mit dem Bau des Woolworth veränderte sich die Skyline von Lower Manhattan dramatisch. Das war natürlich die Absicht von Woolworth. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts hatten hohe Gebäude maximal 10-15 Stockwerke. Der Eiffelturm von 1889 überzeugte amerikanische Konstrukteure, dass man höher bauen könnte. Das Park Row Building von 1899 zeigt dieses Interesse an der Bautechnik. Woolworth hatte von Anfang an etwas großes, herausragendes, extravagantes im Kopfe. Das entsprach seiner Persönlichkeit. Gilbert, der Architekt, entwickelte auch den Ehrgeiz ein großes, monumentales, in diesem Falle gotisches, malerisches Gebäude zu schaffen. Er war immer ein Architekt, der vom Bildhaften fasziniert war."

Die Kuppel über den sich kreuzenden Schiffen, die an religiöse Bilder angelehnte Darstellung der Arbeit - die Botschaft ist eindeutig: Das Woolworth ist die Kathedrale des Handels.

Kein Eintritt ohne den Segen der Security. Nicht nur die, auch Erbauer und Architekt werfen ein Auge auf den Besucher.Woolworth mit dem Geld in der Hand, Gilbert mit dem Modell. 28 Fahrstühle sorgen für den schnellen Transport in jede der 55 Etagen.

Die Personenbeförderung mit mechanischer Hilfe war eine Voraussetzung für den Bau von Hochhäusern. Hubplattformen mit Seilzug wurden ausschließlich benutzt, um Waren in die Höhe zu hieven. Das Unfallrisiko war noch sehr hoch. Erst 1854 brachte eine Erfindung von Elisha Otis die Wende. Reißt das Seil und die Plattform droht abzustürzen, lösen gespannte Federn einen Bremsmechanismus aus. Der Lift bleibt in den Führungsschienen hängen. Obwohl dieser Herr wahrscheinlich noch illegal fährt, war der Durchbruch geschafft.

Neue Antriebe wurden entwickelt, wie diese liegende Hydraulik. Ab 1889 benutzte man auch elektrische Motoren. Die Geschwindigkeit der Fahrstühle wurde ein wichtiges Kriterium für den wirtschaftlichen Erfolg eines Hochhauses. In dem 1903 erbauten Flatiron konnte man in 25 Sekunden in den 20. Stock fahren.

Das Woolworth setzte nicht nur Maßstäbe als höchstes Gebäude der Welt, sondern ist auch stilistisch außergewöhnlich:

Fenske: "Wenn man die einzelnen Stufen des Gebäudes anschaut, spürt man die Energie, das rhythmische Muster: Es gibt da diese Folge von A, B, C, B, A diesen bestimmten Rhythmus in der Vertikalen, kein gleichmäßiger Rhythmus, den man sonst bei vielen Hochhäusern findet. Der Einsatz von Verzierungen war sehr wichtig, um bestimmte Teile der Fassade zu betonen. In diesem Fall Ornamente, die aus der späten Gotik stammen. Einige sind weltlichen, also nicht religiösen Ursprunges. Dann aber sind es auch Verzierungen, deren Ursprung Kathedralen sind, so wie Mont St. Michel."

Hamann: "Meine Faszination für Hochhäuser ist rein emotional. Glücklicherweise wohnen wir direkt hinter dem Woolworth und sehen das Gebäude Tag und Nacht durch unser Oberlicht, am Abend in der Dämmerung, wie ein Schloss im Himmel. Man kann sich nicht satt sehen, es fasziniert mich, pure Emotion."

Fenske: "Gilbert machte sozusagen aus der Gotik eine kommerzielle Gotik, zum kommerziellen Gebrauch. Es wurde schließlich eine sehr leichte, fröhliche, sehr optimistische Gotik - Das Weiße hat für mich fast ein moralisierenden Aspekt - es hat wenig mit der Mystik der Gotik, mit der dunklen Schwere des Mittelalters zu tun, was wir normalerweise mit den Kathedralen assoziieren. Es ist wirklich eine andere Form von Gotik, eine ganz weltliche, eine Skyscraper-Gotik. Und es ist ausgesprochen amerikanisch."

45 Minuten mit der U-Bahn von Manhattan, durch Brooklyn bis an den Atlantik, dort liegt Coney Island, das Wochenendausflugsziel der New Yorker. Seine besten Zeiten erlebte der Vergnügungspark um 1900. Jede technische Errungenschaft wurde sofort aufgegriffen und in einer Attraktion umgesetzt. Der Luna Park, ein märchenhaftes Fantasieland von 1,3 Millionen Glühbirnen beleuchtet, eine Huldigung der Elektrizität. Die Architekten konnten beim Bau der 1.200 Türme im Park ihrer Fantasie freien Lauf lassen.

Türme in ähnlicher Form wurden kurze Zeit später in Manhattan auf bestehende Häuser aufgesetzt. Nach einer Theorie des Architekten Rem Kolhaas ist Coney Island zu dieser Zeit wie ein Labor für Manhattan: Man experimentiert mit dem Fantastischen. Der Beacon Tower, ein Leuchtturm, 125 Meter hoch, stand im Dreamland, das Singer Gebäude in Manhattan.

Man kann es auch pragmatischer sehen: Ob in Coney Island oder Manhattan: Es ging ums Geld. Mit der Wirtschaftlichkeit von Hochhäusern beschäftigt sich Carol Willis:

Willis: "Die Hochhäuser werden höher, nachdem der Fahrstuhl erfunden war und die Stahlskelettbauweise es ermöglichte, Häuser mit 20 Stockwerken zu bauen. Diese Faktoren, Aufzüge und Stahlkonstruktion, sind die notwendigen Vorbedingungen für hohe Häuser, aber die Höhe ergibt sich eher aus anderen wichtigen ökonomischen Bedingungen."

Zum Beispiel die Größe und Form eines Grundstückes. Die ließen beim Flatiron nur diese Bügeleisenform zu. Auch müssen Versorungseinheiten und Büroflächen in einem vernünftigen Verhältnis stehen.

Die Stahlskelettbauweise ermöglichte einen neuen Höhenrausch, die Bauzeiten wurden extrem verkürzt. Das Empire State Building entstand in nur 18 Monaten.

Willis: "Gebäude können jetzt Turmhöhe auf sehr kleinen Grundstücken erreichen. In der Mitte liegen die Fahrstuhl- und Versorgungsschächte, drum herum ein Ring von Büros, sodass alle Räume gut beleuchtet sind. Bis zur Erfindung des Neonlichtes, das sehr hell brennt, waren die Büros vom Tageslicht abhängig, um die Arbeitsplätze zu beleuchten. Deswegen war die Entfernung nie größer als 9 Meter zwischen Fenster und Flur."

Die Folge der wirtschaftlichen Überlegungen sind Gebäude wie das Equitable, rechteckige Klötze mit optimaler Raumausnutzung. Ein ungünstiger Nebeneffekt: auf der Straße kommt kein Licht mehr an.

Willis: "New York ist schon einmalig als Pionierstadt der Bauvisionen. Für New York ist der Himmel die Grenze, nicht der Westen. Bis 1916 gab es keine Beschränkung in der Höhe, nur wirtschaftliche Faktoren bestimmten die Höhe. Ab 1916 gab es ein neues Gesetz, das Rücksprünge wie bei einem Hochzeitskuchen verlangte."

Die Grenze ist nur der Himmel und dem streben die Häuser entgegen.

Hamann: "Für mich als Fotograf ist es der Ort des 20. Jahrhunderts, im Augenblick das Zentrum der Welt. Früher waren das Athen und Rom, heute ist es New York, wenigstens für die Kreativen. Die Inspirationen gibt’s umsonst, jeden Tag. In der U-Bahn, an jeder Ecke gibt’s neue Blickwinkel, neue Perspektiven in einer Tour, kleine Situationen im Bus. Man kann sagen, es ist eine Stadt, die Spaß macht."

Zurück in TriBeCa, dem Triangle below Canal Street - dem Dreieck unterhalb der Kanalstraße. Nach einem mehrjährigen Dornröschenschlaf sind Kneipen und Restaurants in den Stadtteil eingezogen. Die Finanzkräftigen aus der Nachbarschaft kommen und verdrängen die, die das Viertel für sich entdeckt hatten: Musiker und Künstler auf der Suche nach billigem Wohnraum.

Wils: "Ich habe die Architektur hier immer geliebt, schon als Kind. - Die Gebäude sind einfach schön. Für mich war es immer so, wie gleichzeitig in der Stadt als auch auf dem Lande zu sein. Es gab hier wenig Bewohner, wenig Betrieb, außer dem Handel. Es war wirklich sehr ruhig in der Nacht.

Ich sagte meinem Vater, dass, wenn die Gebäude jemals zum Verkauf stehen und er sie kaufen würde, ich für einige Jahre in der Firma arbeiten würde. Wenn dann die Möglichkeit bestünde, oben eine Wohnung auszubauen. Er überlegte, nickte mit dem Kopf und sagte: OK. Drei Monate später standen die Häuser zum Verkauf. Nach einigem Hin und Her überzeugte ich ihn, sie zu kaufen, und er war einverstanden. So begann mein Leben in TriBeCa."

Die großzügigen Räume in den Gewerbeetage, den Lofts, lassen den neuen Besitzern alle gestalterischen Möglichkeiten. Designer, Architekten, Rechtsanwälte, Fotografen und immer mehr Geschäftsleute aus dem nahen Finanzdistrikt leben in den ausgebauten Lofts.

Überall eröffnen sich Blicke auf das Woolworth. In der Häuserreihe davor hat ein Architekt seine Wohnung und das Büro ausgebaut.

Das brausende Chaos der Händler und Lastwagen gibt es nicht mehr. Ein neuer Verkehr ist eingezogen, bringt Neugierige und hungrige Kunden zu den angesagten Restaurants. Inzwischen ist der TriBeCa Grill eine Institution in Manhattan und aus TriBeCa nicht mehr wegzudenken. Drew Nieporent ist Präsident der Restaurant-Gruppe, die noch diverse andere Geschäfte in TriBeCa betreibt.

Nieporent: "Der Bau des TriBeCa Grill hat fast 2 Millionen Dollar gekostet. Kein Problem, wenn man einen Partner wie Robert de Niro und 24 weitere Partner hat. In diesem Haus saß die Firma Martinsons Kaffee. Die rösteten, verpackten und verschickten die Bohnen von hier aus. Als wir dieses Haus sahen, war uns klar, dass es einen ganz speziellen Charakter hat, und wir nicht zuviel daran rummachen sollten. Natürlich mussten wir eine komplette Küche einbauen. Die Restaurants haben TriBeCa bekannt gemacht. Wir fühlen uns als Teil der Nachbarschaft. Wir bauen neue Restaurants schneller als unsere Konkurrenz. Das bringt Neid mit sich. Auch dies hier ist eine ruhige Gegend und die Leute wollen, dass das so bleibt."

Wils: "Die letzten zwei Jahre waren ein Tollhaus, was Immobilienpreise betrifft. Bis vor eineinhalb Jahren konnte man noch Gebäude in ihrem ursprünglichen Zustand finden, heute gibt es meiner Meinung nach keines mehr in der ganzen Gegend, das in seinem Originalzustand ist."

Diese große Nachfrage nach alter Bausubstanz sichert jedoch auch deren Bestand. So werden Gebäude, die älter als hundert Jahre sind, erhalten und geschützt.

Wils: "Ich würde sagen, da ist noch dieser kreative Geist in der Nachbarschaft, der Menschen vor hundert Jahren anzog und der sie auch heute wieder anzieht. Sie produzieren heute was anderes. Damals kamen sie ohne irgendetwas und mussten ein Geschäft aufmachen. Heute kommen die Menschen und fangen etwas an, das vielleicht mit Kunst, Kaufmännischem oder Geldgeschäften zu tun hat."

Der Finanzdistrikt an der Wall Street warf schon seinen Schatten auf TriBeCa. Doch das Dorf in der Stadt überlebte. Sicherlich auch, weil kreative Menschen und