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Deutscher Sprechertext


Wayne County Jail. Das Untersuchungsgefängnis von Detroit, Michigan. 2 Uhr nachmittags. Die Schicht von Sheriff Althea René ist zu Ende. Seit 6 Uhr hat sie weibliche Untersuchungshäftlinge betreut. Drogenabhängige, Kleinkriminelle, Prostituierte. Althea liebt ihren Job nicht. Aber er bringt ihr ein sicheres Einkommen. Geld, das sie zum Leben braucht.

Altheas ganzer Stolz: ein neuer Sportwagen. Natürlich ein Chrysler aus Detroit. In der Autostadt zeigt man, was man hat, und deshalb ist eines besonders wichtig: Money.

Brandon und Steve heißen die Söhne von Althea. Der alleinerziehenden Mutter bleibt zum Spielen mit den beiden oft wenig Muße. Neben der Arbeit im Knast hat Althea nämlich noch eine zeitintensive Leidenschaft ...

Seit ihrem sechsten Lebensjahr spielt sie Querflöte. Nach einer klassischen Ausbildung hat sie sich dem Jazz zugewandt. Erste Erfolge stellten sich ein. Althea träumt von einer Karriere als Profi-Musikerin. Doch davor ist erst einmal der Alltag zu bewältigen.

Althea René: "Mein Tag beginnt um 5 Uhr morgens. Aufstehen, die Kleider für die Kinder herrichten, dann gehe ich zur Arbeit, wie immer ein hektischer Tag, dann hole ich die Kids von der Schule ab, überwache die Hausaufgaben. Ohne meine Eltern, die mich sehr unterstützen, könnte ich abends nicht auftreten."

Der Intermezzo-Club in Downtown Detroit. Hier tritt Althea regelmäßig auf. Ein In-Treff der Schönen und Reichen. Hier sitzen die, die es geschafft haben. Die Hautfarbe spielt dabei keine Rolle. Hauptsache die "Kohle" stimmt. Altheas Smooth-Jazz kommt an. Das geht ins Ohr, und man kann sich dabei auch noch gut unterhalten. Der ideale Sound fürs Sehen und Gesehenwerden.

Eine schwarze Mittel- und Oberschicht hat sich in den USA erst in den letzten drei Jahrzehnten gebildet. Jerry Capaldi, der Manager von Althea, hofft, dass sich seine schöne Flötistin auch bald in Ruhm und Reichtum sonnen kann. Althea müsste dazu die richtigen Erbanlagen haben. Ihr Vater war schließlich als Musiker der Plattenfirma Motown dabei, als vor 30 Jahren zum ersten Mal schwarze Interpreten von Detroit aus die Hitparaden der Welt stürmten.

Berry Gordy, der Erfinder von Motown, der Vater von unzähligen schwarzen Hitparaden-Erfolgen der 60er und 70er Jahre.

Hitsville, USA. Hier begann alles. Das kleine Haus am Rande der Stadt wurde zur Talent- und Hit-Schmiede. Junge Musiker aus der Nachbarschaft konnten hier Platten aufnehmen. Aus den Nachbarskindern wurden die ersten schwarzen Weltstars der Popmusik.

Diana Ross und die Supremes.

In Berry Gordys Studio wurde der eingängige Motown-Sound erfunden. Gordy traf den Nerv der Zeit, und er hatte einen Riecher für Talente, die einfach mal so herein schauten. Seine Schwester kennt viele Geschichten.

Edwards-Gordy: "Der kam einfach ins Studio hereinmarschiert, hämmerte auf dem Klavier herum, am Schlagzeug, dann spielte er Orgel. Ich war gerade zufällig mit Berry Gordy im Kontrollraum. Als er dieses Kind im Studio so spielen sah, sagte er: 'Mann, das Kind ist ein Wunder!' "

Und so wurde aus dem 11-jährigen Wunderkind Steveland Morris Judkins - Stevie Wonder. In diesem Studio hat er seine ersten Hits aufgenommen.

Ein weiterer Weltstar sollte hier als Kind das ABC der Popmusik erlernen: Michael Jackson.

Über dem Studio war die Wohnung von Berry Gordy. Hier tüftelte er mit den Stars an den Hits und deren Vermarktung. Der ehemalige Fließbandarbeiter bei Ford ging dabei systematisch vor.

Esther Edwards: "Das hat er vom Fließband bei Ford gelernt. Berry war damals für die Autositze zuständig. Da kommt doch auch ein roher Rahmen an, und jeder fügt etwas hinzu. Seine Erkenntnis: Wenn das Auto endlich vom Band rollt, ist aus dem Rohling ein nagelneues tolles Produkt geworden."

Die Musik als Produkt. Das war neu für die schwarzen Musiker Amerikas. Die Geburtsstunde einer "Kommerzmusik", wie es manche Kritiker sehen. Doch für Gordy und seine Mitstreiter war klar: Endlich verdienen die Urheber der Musik, nämlich die Schwarzen, auch das Geld damit. Und müssen nicht zusehen, wie Elvis & Co. mit "ihrem" Rhythm'n Blues und "ihrem" Rock'n Roll Millionen scheffeln.

Marvin Gaye. Wohl der erste schwarze Superstar. Die Mädchen fliegen auf ihn, vor allem weiße. Motown boomt. Der exotische Reiz schwarzer Musik im eingängigen Sound findet bei weißen Käuferschichten reißenden Absatz.

In den 60ern produziert Detroit Hit um Hit, Star um Star. Die "Four Tops" im Cabriolet. "Autos und Musik, das gehört zusammen", erkannte Berry Gordy frühzeitig.

Esther Edwards: "Beim Mischen der Songs wurde viel experimentiert und diskutiert. Das Ziel war: Der Song musste sich im Autoradio gut anhören."

Scharfe Schlitten und heiße Musik. "Motown" steht für den Sound von Berry Gordy ebenso wie für die Hauptstadt der Motoren. Die großen Drei der US-Autoindustrie sind in Detroit zu Hause. Musik und Autos der 60er Jahre sind heute Kult in den Straßen der Stadt.

Autofreak 1: "Das ist ein 73er Nova mit einem Small-Block B50 Motor. Eine 4-Liter-Maschine mit 3-90er Vergasern. Er läuft ziemlich gut."

Autofreak 2: "Das ist ein 1955er Ford Zweitürer. 3-Gang. Tiefergelegt, vorne zwei Inches, hinten dreieinhalb. Keine Türgriffe, ein Einzelstück. Außen total glatt. Alle Embleme und Griffe sind entfernt. Trotzdem ist es nur ein alter Ford, der in Michigan herumfährt."

Autofreak 3: "Ich habe Muscle Cars immer schon gerne gehabt. Die Leistung, das Aussehen. Das Auto, das bin ich."

Autoverrückt könnte man das nennen. Doch das Auto, das ist die Geschichte von Detroit. Eines ganz besonders, das Ford Modell T. Mit ihm begann der Siegeszug des Automobils über den amerikanischen Kontinent. Anfangs wurde die "Tin Lizzy" noch argwöhnisch beäugt, dann trauten sich schon die bessergestellten Familien in die Benzinkutsche, und bald bevölkerten die Modell Ts die Highways. Ford hatte klugerweise die Preise gesenkt, und das "Auto für jedermann" wurde der Renner des Jahrhunderts. Es begann, was wir heute alle kennen: Parkplatznot und verstopfte Innenstädte.

Doch der Boom hielt nicht ewig. Detroit, das mit der Autoindustrie groß wurde, litt am schlimmsten während der Krise in den 70er Jahren. Aus der blühenden Autostadt wurde die "Hauptstadt des Rostgürtels". Diesen Niedergang hat P-Rock erlebt. Er kennt die Schattenseiten einer Stadt, die so hart sein kann wie der Stahl ihrer Autos. Das Glück hatte Detroit verlassen. Zerfall und Depression prägten das Bild. Die stolzen Industriearbeiter wurden arbeitslos.

Eine harte, rauhe, energiegeladene Musik. Auch das ist Detroit-Sound. P-Rock sucht damit sein Glück im Hit-Poker. Mit Musik zum großen Geld.

P-Rock: "P-Rock kommt von P-Funk, das "P" steht für pur. Auf der Straße wird mit "P" reines Heroin oder Kokain oder was auch immer bezeichnet. Wir Musiker haben den Begriff übernommen. Wenn deine Musik "P" ist, ist sie unverfälscht. P-Rock - Rock pur. "

Mit Rock pur kann P-Rock nicht überleben. Tagsüber jobbt er im Intermezzo, der Bar der Reichen. Ob er mit seinem harten Sound das Intermezzo-Publikum je erreichen wird? Zur Zeit ist soft angesagt. Den Leuten geht es wieder gut, nachdem die Autoflaute endlich vorüber ist. Das will man genießen. "The times they are a changing" ...

Wie sieht P-Rock heute seine Stadt?

P-Rock: "In Detroit dreht sich alles um die Autoindustrie. Hart arbeiten nach der Stechuhr, alles fürs Geld. Hier gibt’s jede Menge cleverer Jungs, an denen du vorbei musst. Detroit hat eine vielseitige Musikszene, hier gibt es alles, die ganze Tonleiter rauf und runter."

Detroit, die Auto- und Musikstadt. Nicht nur Motown wurde hier groß, sondern auch Madonna Louise Veronica Ciccone, Tochter eines Entwicklungsingenieurs der Autobranche. Heute kennt sie jeder: Madonna. Die große Karriere. Im Studio von Jerry Capaldi, bastelt David Lee am Sound von P-Rock. Er versucht es mit einer Mixtur aus Funk, Rock und Rap. Harte Arbeit kann das sein. Aufmunterung tut da schon mal Not - und der Wille, es zu schaffen. Das ist der 27. Take des selben Stücks.

Studioaufnahmen kosten Geld. Jerry Capaldi überlegt genau, wen er in sein Studio lässt und wen nicht. Zu viele Flops kann sich der Produzent nämlich nicht leisten. P-Rock bekam eine Chance.

Dieser Take sitzt. Alle sind erleichtert. Jerry glaubt an den rauhen P-Rock.

Jerry Capaldi: "Wir sind eine rußgeschwärzte Arbeiterstadt. Hier schuftet jeder hart. Das ist es. Man kann sich überall in der Welt umsehen: Städte, in denen hart für das Überleben gearbeitet wird, scheinen irgendwie mehr Gefühle zu erzeugen als andere. Und eine klarere Einstellung. Das beflügelt eindeutig den künstlerischen Ausdruck."

Die Musik ist eine Sache, das Verkaufen eine andere. Hundert Telefonate pro Tag sind für Jerry keine Seltenheit.

Jerrys nächster Termin. Abnahme eines Werbespots, für den er die Musik produziert hat. Der Remix eines Hits von Ben E. King. Auftraggeber, wie könnte es anders sein in Detroit, ist ein Autohersteller.

Detroit - Autostadt. Ford, Chrysler, General Motors. Die großen Drei. Sie alle haben hier ihren Sitz. Über 300.000 Detroiter verdienen ihr Geld in und mit der Automobilindustrie. Modernste Technologie hat in den Fabrikhallen Einzug gehalten. Roboterarme ersetzen den Menschen. Die industrielle Revolution frisst ihre Kinder. Doch nur wer modernste Fertigungstechnik anwendet, bleibt konkurrenzfähig. Schneller und billiger lautet die Devise.

Begonnen hatte diese Entwicklung in Detroit mit einer genialen Idee eines gewissen Henry Ford. Er zerlegte den Zusammenbau eines Autos in kleinste Arbeitsschritte. Hochspezialisierte Arbeiter vollzogen nur noch den immer selben Handgriff. Um Zeit zu sparen, gingen diese Arbeiter auch nicht mehr zum Werkstück, sondern die Einzelteile rollten zu ihren Arbeitsplätzen. Das Fließband war erfunden. Damit veränderte Henry Ford die Arbeitswelt für Generationen von Menschen auf der ganzen Welt. Durch die Massenproduktion wurden die Autos billiger, und dank guter Löhne konnte sich bald jeder Ford-Arbeiter einen eigenen Wagen leisten. Amerika wurde mobil.

Ohne Auto läuft heute in den USA nichts mehr. Es ist das Transportmittel der Amerikaner. Und mehr noch: Das Auto ist neben Whopper und BigMac ein integraler Bestandteil der US-Kultur. Schon in den 30er Jahren drehte sich alles ums Auto. Die Amerikaner lieben es so, dass sie es nicht einmal zum Essen verlassen wollen. Na gut, dann kommt der Whopper eben zum Wagen. Drive-in, Drive-through - alles hat sich dem Auto zu unterwerfen.

Die automobile Gesellschaft. Wohin steuern Amerikas Autofahrer im 21. Jahrhundert? Werden sie einmal an die Umwelt denken oder daran, dass die Erdölreserven irgendwann erschöpft sein werden? Oder gar an alternative Verkehrskonzepte? Detroit will davon noch nichts wissen. Mit neuen phantasievollen Modellen starten die Autobauer aus Michigan ins neue Jahrtausend. So fühlen sie sich für den weltweiten Konkurrenzkampf gerüstet.

Schneller, weiter, höher - die olympischen Ideale scheinen besonders für Detroits Autobauer zu gelten. General Motors hat gerade seine Konzernzentrale in das höchste Gebäude der Stadt verlegt. Das Renaissance Center. Ein Bekenntnis zum Standort Detroit.

Matthew Cullen: "Das Schicksal von Detroit war immer schon direkt mit der Autoindustrie verbunden. Als es ihr schlecht ging, ging es auch der Stadt schlecht und umgekehrt. In den letzten Jahren ist die Abhängigkeit nicht mehr so stark, aber die großen Drei sagen immer noch, wo es langgeht. Deshalb war es eine wichtige symbolische Entscheidung, dass General Motors seine Zentrale in Detroit behält und hier im Renaissance Center eingezogen ist. Ganz abgesehen von den wirtschaftlichen Auswirkungen."

Das Renaissance Center - die Wiedergeburt. Nach langen Krisenjahren, nach dem unrühmlichen Titel "Hauptstadt des Rostgürtels" geht es mit Detroit wieder aufwärts. Die großen Drei machen gute Geschäfte, und überhaupt scheint der Optimismus in die Stadt zurückgekehrt. Mit typisch amerikanisch zupackender Art geht man frisch ans Werk, renoviert die heruntergekommene Innenstadt, schafft neue Arbeitsplätze und stürzt sich nach getaner Arbeit ins Vergnügen. Das Wunder von Detroit. Gute Zeiten auch für Musikproduzenten.

Jerry Capaldi ist dem neuen Sound auf der Spur, der die Hits und die Millionen bringen soll. Berry Gordys Motown ist und bleibt sein Vorbild. Wird es ihm und seinen Kollegen gelingen, den alten Glanz an den Lake Saint Clair zurückzubringen, an die goldenen Zeiten von Motown anzuknüpfen?

Jerry Capaldi: "Strahlender als die Vergangenheit, ich weiß nicht, ob das gelingt. Genauso strahlend wäre schon wunderbar. Wir sind auf dem richtigen Weg. Durch die moderne Technik, die vielen Jungen heute im Gegensatz zu früher zugänglich ist, sind überall in der Stadt kreative Keimzellen entstanden, die die unterschiedlichste Musik machen."

Ein Musikstil muss wohl als Keimzelle für so manchen Erfolg schwarzer Musik angesehen werden: Gospel. Eine Messe in der Unity Cathedral of Faith, einer von vier großen Gospel-Kirchen in Detroit. "Halleluja, lobet den Herrn" - die Botschaft des Gospel. Marcus Divine ist seit seiner Kindheit im Gospel-Chor. Er kennt die Faszination.

Marcus Divine: "Gospel trifft dich in der Seele. Die Texte, die Melodien - das Gospel ist einzigartig. Wenn du einem Gospel-Song zuhörst, sogar ohne Text, dann kannst du es fühlen, wieviel Kraft in der Gospel-Musik steckt."

Die Kirche war für viele Megastars von heute das Karrieresprungbrett. Whitney Houston ist da nur ein Beispiel. Auch Marcus Divine will über die reine Kirchenmusik hinaus. Er hat ein Gospel-Musical geschrieben, das mit Erfolg in New York aufgeführt wurde. Gott und Geld, beim Gospel alles andere als ein Widerspruch. Die Show zu Ehren des Herrn hat alles, was gute Popmusik braucht: Rhythmus, Power, Melodie und vor allem Emotionen. Soul Music.

Marcus Divine: "Soul, die Musik der Kirche und der Straße, handelt von und mit Emotionen. Kirche und Straße gehen beim Soul Hand in Hand."

"Soul-Musik ist eine Ausdrucksform für Neger in italienischen Anzügen", hat ein schwarzer Bürgerrechtsaktivist einmal bissig bemerkt. Gerade umgekehrt sah es ein anderer: "Soul ist schwarzer Nationalismus in der Popmusik". Anyway. Der Erfolg schwarzer Musik und schwarzer Musiker hat viel zur Normalisierung der immer noch schwierigen Rassenbeziehungen in den USA beigetragen. Mit Motown aus Detroit sind die afrikanischen Amerikaner endgültig in eine bis dahin weiße Domäne eingedrungen.

Jerry Capaldi: "Motown gab Detroit Vertrauen, etwas, woran man sich festhalten kann. Das ist der längste Schatten, den Motown geworfen hat."

Sie wartet auf ein neues Motown. Was war das Erfolgsrezept?

Althea René: "Talent. Die richtige Musik zum richtigen Zeitpunkt. Und das Know-how, diese Musik nach draußen zu bringen, damit sie auch gehört wird."

Trotz des Erfolges ist Motown in Detroit nicht unumstritten.

P-Rock: "Motown, das ist für mich die Firma von Berry Gordy. Mit ihrem geglätteten R&B-Sound. Sehr, sehr glatt."

Glatt schon, aber erfolgreich. Und das bringt Geld, money, das alle wollen.

Marcus Divine: "Motown wird wieder groß sein. Eines Tages wird es seinen Ruf zurückgewinnen. Und das ist meine Aufgabe. Ich bringe Motown zurück nach Motown."