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Deutscher Sprechertext


Richard: "... Taj Mahal wird dabei sein, die Lovin Spoonful. Freier Eintritt, auf dem Polofeld im Park, am Sonntag um 11. Letzte Woche war ein wahnsinniges Konzert im Avalon. Mit dieser Gruppe ging's los. Die Byrds."

Die Jugend der USA zieht es an die Westküste, nach San Francisco. Es sind wilde und bunte Zeiten. Für die Masse der Bevölkerung nichts weiter als Happenings mit zu lauter Musik, Drogen und Sex.

Aber es geht auch um Protest gegen autoritäre Strukturen und um Politik. Love and Peace, Party und Protest: Was ist geblieben an Erinnerungen und Gefühlen für die Jugend der Sechziger und deren Kinder ?

Richard: "OK, ein paar abgefahrene Dinge passieren hier noch. Musik, viel Musik bis zum Abwinken. Also, so ungefähr ging es bei uns zu vor Jahren, an jenen Tagen bei der Radiostation K-San. Ich sah ungefähr so aus, hatte viel und langes Haar, es gab noch Plattenspieler und Schallplatten. Die Station war richtig angesagt zur damaligen Zeit. Das war so abgefahren, ich will gleich wieder zurück. Jetzt kommt ein klasse Stück, entspannt euch. Hier sind Buffalo Springfield."

Auf der einen Seite der Bucht liegt San Francisco, auf der anderen Berkeley mit der berühmten Universität von Kalifornien. Hier zündete der politische Funke, der sich später auf den Straßen von Berkeley entladen sollte.

Piero hat die ganze Geschichte als Kind hautnah mitbekommen und kann sie wie ein Chronist erzählen. Überall trifft er Freunde, wirbt für das Konzert seiner Band "Los Angelitos" am Freitag. Die Telegraph Avenue war und ist sein zu Hause. Er ist auf dem Weg zu seinem Stammcafe, dem Mediterranean Cafe. Hier traf sich schon Anfang der Sechziger die politische und intellektuelle Szene. Seine Mutter Marilyn war oft dabei.

Marilyn: "Ich bin in Oakland geboren. Später lief ich von zu Hause weg, was ganz Normales in Amerika, und bin nach Berkeley gegangen, 10 Meilen entfernt. Ich war ein Beatnik seit 1960. Dann ein Hippie so von 1965 bis 1980. Und so lebte ich hier, war aktiv in der Gemeinde, in der Politik, nahm am sozialen und kulturellen Leben von Berkeley teil, habe meine Kinder in dieser Atmosphäre aufgezogen."

Sheila: "Mit 17, direkt nach Abschluss der High School, zog ich nach Berkeley. Ich wusste, dass das der Ort war, an dem ich sein wollte. Das war 1960. Die Sechziger hatten eigentlich noch nicht richtig begonnen. erst später ergab es sich, dass ich mich der Szene anschloss."

Am Anfang bestand die politische Szene an der Universität aus einzelnen kleinen Gruppen, die sich für Bürgerrechte, gegen Atomversuche oder für freie Meinungsäußerung einsetzten. Die Unterschriftenaktionen gefielen der Leitung der Universität nicht. Der Konflikt um die freie Meinungsäußerung auf dem Gelände eskalierte.

Piero: "Dieses hier ist Sproul Plaza. Man kann den Platz vielleicht das Auge des Hurrikans oder den Brennpunkt nennen, wo soviel begann. Aber der Platz, wo es richtig losging, war nicht hier, sondern da drüben bei dem Brunnen."

Die Polizei hatte einen Studenten festgenommen. Der saß im Polizeiwagen, Tausende drumherum verhinderten den Abtransport. Stundenlang wurden flammende Reden auf dem Dach des Wagens gehalten.

Marilyn: "Die Lage war sehr, sehr angespannt, die Menschen trotzdem begeistert, weil es das erste Mal war, dass man sich gegen die Univerwaltung aufgelehnt hatte. Die Universität war der Feind."

... und das gemeinsame Feindbild hatte die unterschiedlichsten Gruppierungen zusammengeführt.

Marilyn: "Es war elektrisierend, ein bewegender Moment als Mario Savio darüber sprach ... ich glaub' seine bekannte Rede ging ungefähr so: Es gibt einen Punkt, an dem wird das Räderwerk der Maschine so widerwärtig, ..."

M. Savio: "... bringt es einen so zur Verzweiflung, dass man es nicht länger aushalten kann. Dann müsst ihr eure Körper in das Getriebe und vor die Räder werfen, die Hebel und den Apparat blockieren. Und ihr müsst den Leuten, die die Führung innehaben, und den Besitzern klar machen, dass, wenn man nicht frei ist, die Maschine überhaupt nicht arbeiten wird."

Die Uni-Verwaltung hatte ihre alten Zusagen zur politischen Betätigung auf dem Gelände wieder rückgängig gemacht. Die Enttäuschung der Studenten entlud sich in der Besetzung der Sproul Hall. Das war Ende 1964 und der Anfang der Studentenproteste in Berkeley. Unterstützung kam von vielen Seiten: Joan Baez sang den Protest.

Sheila: "Ich erinnere mich, dass schon sehr früh jemand von fantastischen Konzerten in San Francisco erzählte und mich unbedingt mitnehmen wollte. Trag' schrille Farben, richtig schreiende Farben. Die haben diese Schwarzlichter und Blitze, und wenn du tanzt, leuchtest du überall, das ist wahnsinnig. Und so war es auch."

Marilyn: "Frauen in überladenen Kostümen mit schwerem Make-up im Gesicht, und Augen, Drehscheiben-Augen, absolut "Lucy in the sky with diamonds"-mäßig, und dieses erdige Gefühl von Glückseligkeit."

Farben und Formen entsprechen der Stimmung: Braun, orange, rot und gelb in der Mode, bei den Konzerten an der Wand und in der Kunst. Die Konzertplakate haben einen besonderen Stil: weiche geschwungene Linien, konträre Farben.

Das legendäre Fillmore wurde von Bill Graham eröffnet, der später einer der bekanntesten Rock-Konzertveranstalter war. Hier spielte in den folgenden Jahren alles, was Rang und Namen hatte: Grateful Dead, Jefferson Airplane, Santana, Ray Charles, Vanilla Fudge ...

Ray: "Alle Wände des Tanzsaales beleuchtet mit diesen fließenden Farben, ja, das sah richtig gut aus. Wir versuchten eine inhaltliche Übereinstimmung mit unseren grafischen Bildern zu erzielen, die Songs zu illustrieren. Manchmal, um einen simplen Song mit unseren Bildern transzendent erscheinen zu lassen. Von Zeit zu Zeit wurde es schon sehr emotional, die Bebilderung und die Musik. Man hört noch heute davon. Leute sagen: 'Wow, ich erinnere mich an die Show.' "

Ray demonstriert noch einmal an einem Overhead-Projektor, wie er die Bilder kreiert hat. Nur waren es damals 16 Geräte, dazu Film- und Diaprojektoren. Er benutzt zwei große Uhrengläser, in jedem eine Farbe mit Wasser und Öl verdünnt.

Light-Shows macht Ray nicht mehr, aber mit Musik hat er noch zu tun. "Grooves" ist sein Laden, in dem er ausschließlich Schallplatten verkauft.

Tal: "San Francisco ist für mich die Geburtsstadt der psychodelischen Musikbewegung. In unserer Musik sind, meiner Meinung nach, viele psychedelische Elemente enthalten. Damit bin ich aufgewachsen, mit dem Einfluss, der Freiheit ..."

John-John: "... es ist aber auch die Zweideutigkeit in vieler unserer Lieder. Es geht nicht um Schwarz oder Weiß, es geht um Impressionen. Das ist Teil des psychedelischen Einflusses. Man schlägt etwas vor, bietet etwas an, das zu Interpretationen anregt."

"If Walls Could Talk", "Wenn Wände sprechen könnten", so heißt die Gruppe und dieses Stück von Chris, Rob, John-John und Tal, das Psychedelisches und Hard Rock verbindet.

Tal und die anderen sind auf dem Wege zur Haight Ashbury. Sie haben einen Auftritt in einem kleinen Klub.

Richard: "Hier kommt Janis Joplin mit ihrer Band 'Big Brother and the Holding Company'."

Haight Ashbury, das Viertel am Golden Gate Park, war das Zentrum der Hippiekultur und der Anziehungspunkt für Tausende von Jugendlichen.

Tal: "In meiner Kindheit hatten die Leute hier eine Vorstellung von einem funktionierenden Zusammenleben. Das war Teil der Bewegung. Heute geht es ums Überleben. Die Menschen versuchen ihre Individualität zu erhalten."

Die Menschen aus der Provinz bestaunten das exotische Treiben.

Busfahrer: "Die Hippies leben in einer komischen Welt, sie gehen auf viele Trips. Diese Trips sind meistens sehr ungewöhnlich ..."

LSD und Mariuhana gehörten zum Erfahrungstrip dazu. Die Drogen verklärten die Mischung aus Musik, Lesungen und Meditation zu einem Rausch der Sinne.

Marilyn: "Ich war auf dem ersten Be-in im Golden Gate Park und wie immer war die Atmosphäre sehr locker und fröhlich. Die Menschen liebten sich, wollten tanzen, sich ausziehen und im Matsch spielen."

Während die einen sich liebten oder demonstrierten, kämpften andere gleichaltrige Amerikaner in Vietnam. Der Krieg lief schon mehrere Jahre, doch jetzt eskalierte er. Jeden Monat verlassen 20.000 Soldaten die USA in Richtung Vietnam. Unter Polizeischutz werden die Wehrpflichtigen zur Einberufung nach Oakland gebracht.

Die Anti-Kriegsbewegung versucht immer wieder diese Transporte zu stören. Über Monate liefern sich Polizei und Studenten in Berkeley Straßenschlachten. Das Medieninteresse am Krieg und an den Demonstrationen dagegen lässt den Widerstand in der Bevölkerung wachsen. Unterstützung kommt auch von dem Bürgerrechtler Martin Luther King:

Martin Luther King: "Ich möchte noch einmal in aller Deutlichkeit sagen, dass ich weiterhin mit all meiner Macht und Energie und mit Taten gegen diesen abscheulichen, teuflischen und ungerechten Krieg in Vietnam angehen werde. Ich möchte bemerken, dass es eine große Notwendigkeit für eine Revolution der Werte gibt. Und zum Schluss möchte ich Ihnen sagen, dass wir unseren Protest fortsetzen und unserem Gewissen folgen müssen, auch wenn das bedeutet, ungerechte Gesetze brechen zu müssen."

Marilyn: "Mal habe ich gegen den Krieg, mal gegen die Einberufung, mal gegen die Todesstrafe, dann gegen die Universitätsleitung demonstriert. Das Leben war eine große Party oder Protest. In den Sechzigern und Siebzigern habe ich meine Kinder großgezogen, in dieser wilden Atmosphäre aus Partys und Politik, Anschlägen und Drogen."

Piero: "Ein Teil von den Dingen, die um mich herum passierten, fand ich interessant und aufregend, ein anderer Teil hat mich total schockiert. Als kleines Kind war ich verblüfft. Ich kapierte schon was passierte, aber warum die Menschen das taten - keine Ahnung. Ich glaube, die hatten auch keine Ahnung, was sie uns antaten. Nicht nur mir, sondern den Kindern meiner Generation. Was für Auswirkungen das haben würde. Wir waren verwirrt.

Ich habe nicht verstanden, warum zu Hause vier Tage lang 'ne Party war und die Leute nackt durchs Haus liefen. Was ich wirklich nicht verstand, war das Benehmen unter Drogeneinfluss: das Ausflippen, durchs Fenster springen, unsichtbare Drachen bekämpfen, jemand zu heiraten, nachdem man sich fünf Minuten kannte ..."

Marilyn: "Oft habe ich mich um die anderen Kinder genauso gekümmert wie um meine eigenen. So haben viele Leute gedacht. Die Kinder waren Gemeinschaftskinder. Meine Kinder haben mir das später vorgeworfen. Sie wollten das normale Leben, das sie sonst in den USA sahen. Ich habe versucht, ihr Verantwortungsbewusstsein anderen Menschen gegenüber, ihre künstlerischen Begabungen zu fördern, manchmal vielleicht auf Kosten der persönlichen Mutter-Kind Beziehung."

Pieros Band Los Angelitos knüpft stilistisch auch an Vorbilder aus den Sechzigern an: Santana zum Beispiel.

Marilyn: "Alle Mütter kümmerten sich gemeinsam um alle Kinder, die Väter ... na ja ... die waren nicht anwesend. Andere Männer nahmen sozusagen die Ersatzvaterrolle ein. Es war eine Gemeinschaftsaufgabe die Kinder zu erziehen. Manchmal war es erfolgreich, manchmal nicht. Wir haben was total Neues versucht, dachten wir."

Piero: "Nach dem Sommer der Liebe kam der Winter der alleinstehenden Mütter."

Sheila: "Ich glaube, es gab so eine Art serielle Monogamie. Partner blieben zusammen bis es schwierig wurde, dann trennte man sich und suchte einen neuen und dann zum nächsten. Das passierte oft. Es war eine einmalige Zeit mit Tal, wir wuchsen quasi zusammen auf. Ich genoss den Umstand, mit niemandem diskutieren zu müssen, was wir als nächstes machen wollten. Ich brauchte nur zu entscheiden und wir taten es."

Tal: "Sie pendelte von einer Nische der Gesellschaft in der sie sich wohl fühlte, zur nächsten. Wenn jemand umzog und uns anbot mitzugehen, gingen wir, von Berkeley nach Mendecino zum Beispiel und lebten dort in einer Art Hippie-Kultur, einer kleinen Kommune. Das Einzige, was ich wirklich vermisse, dadurch dass ich nicht in einer normalen, etablierten Familie lebte, sind Rituale."

Richard: "... und natürlich noch mehr Musik. Cherry hat ihren Hund verloren, ich meinen Kuckuck. Das sind die Chamber Brothers, hier auf K-San."

Priester: "Ich erkläre diesen Platz als dekontaminiert von giftigen Ketten und Lügen. Brüder und Schwestern, fahrt fort den Boden zu bestellen, wascht das Blut von den Steinen, füllt die Luft mit Vibrationen der Liebe."

Piero: "Dies hier ist der People's Park, die große Ikone der Linken. Als Kind erinnere ich mich, dass dies das größte landwirtschaftliche Experiment in den USA war. Es gab Essen für uns Kinder, Bands spielten, Leute hielten Reden oder liebten sich in den Büschen, und vieles mehr. Die Leitung der Uni wollte einen Zaun bauen. Man rupfte alle Pflanzen raus, verjagte die Leute, zerstörte alles, und so begann die Schlacht um den People's Park."

Das Experiment im Park, gemeinschaftliches Leben, die ländliche Kommune in der Stadt, Utopia endete abrupt. Ronald Reagan, der damals Gouverneur von Kalifornien war, hatte die National Guard geschickt. Monatelang war Berkeley im Belagerungszustand.

Sheila: "Bei der Demo in der Nähe meines Ladens ging es um den Park. Ich kam um die Ecke und da stand dieser Soldat der National Guard mit seinem Gewehr genau auf mich gerichtet. Ich erstarrte und mein Herz pochte. Er sah so gemein aus, so furchteinflößend."

Marilyn: "Es gab eine Zeit, in der es eskalierte, gefährlich eskalierte. Ein Wagen der Polizei von Berkeley kam um die Ecke und fuhr auf die Telegraph Avenue. Sie drückten einen Knopf und aus dem Auto kamen Wolken eines ungeheuer schrecklichen Gases. Jeder auf der Straße wurde mit diesem schlimmen Tränengas eingesprüht, das dein Gesicht wie Feuer brennen ließ."

Normaler Universitätsbetrieb war nicht mehr möglich. Die Armee versperrte den Eingang zum Gelände. Das war im Frühjahr 1969. Heute erinnert nur noch ein Wandgemälde an die Protagonisten beider Seiten und an die Toten, die es bei den Auseinandersetzungen gab.

Marilyn: "Wir dachten, hier wäre das Zentrum des Universums und wir würden eine Bewegung starten, dass dies der Beginn von Frieden und Integration sein würde. Das glaubten wir aus vollem Herzen. Wir dachten, Frieden und Integration würden durch intensives Feiern und Protestieren zu verwirklichen sein."

Sheila: "Ich denke, viele sagen, es ist einfach bei den Sechzigern sentimental zu werden. Meiner Meinung nach ist sentimental das falsche Wort dafür. Es war eine Zeit, in der sehr viel Hoffnung und Veränderung lag, oder die Aussicht auf Veränderung."

Tal: "Meine Mutter hat eine gewisse Nostalgie. Wenn du jünger bist und gegen die materielle Welt protestierst, kannst du dir das leisten, und dem System sagen: Du kannst mich mal. Aber das System bleibt. Und wenn die Zeit kommt, dass du auch ein bisschen Komfort und Sicherheit haben möchtest, erzählt dir das System: Hallo hier bin ich, jetzt musst du aber mein Spiel spielen. Das versuchten sie dann und verloren dabei aber ihre Unschuld."