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Hintergrund: Die Wolgadeutschen

  • Alte Frau mit Kartoffelernte (Rechte: Heiko Petermann)
  • Drei Personen auf einem Feld (Rechte: Heiko Petermann) Schüler bei der Kartoffelernte am Amur

1763 erließ Zarin Katharina II. ein Manifest, mit dem sie ausländische Kolonisten für Russland gewinnen wollte. Wer dem Aufruf folgte, bekam bis zu 30 Jahre Steuerfreiheit, Befreiung vom Militärdienst, Religionsfreiheit und Selbstverwaltung zugesichert. Katharina II. erhoffte sich durch die Siedler eine wirtschaftliche Stärkung des Landes.

Die ersten Deutschen kamen 1764. Sie stammten vor allem aus Süddeutschland und wurden an der Wolga in der Gegend um Saratow angesiedelt. Missernten, Hungerjahre, Kriegszerstörungen und politische Unterdrückung waren für viele die Gründe, die Heimat zu verlassen. In den nächsten Jahren kamen mehrere Zehntausend Deutsche nach Russland. 1804 sorgte ein Manifest Alexander I. für eine weitere Masseneinwanderung. Dieses Mal kamen die Siedler ins Schwarzmeergebiet und an den Kaukasus. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts waren es etwa 55.000.

Das Fremdengesetz von 1887 brachte die deutsch-stämmigen Siedler in Schwierigkeiten: Die Gebiete, in denen sie wohnten, sollten russifiziert werden. Dies betraf beispielsweise das deutsche Schulsystem. 1915 wurden die sogenannten Liquidationsgesetze erlassen. Durch sie sollten die deutschen Bauern enteignet, aus ihren Gebieten vertrieben und weiter im Osten angesiedelt werden. Bis zur Aufhebung der Gesetze 1917 betraf dies rund 200.000 Kolonisten in Wolhynien.

  • Portraitfoto (Rechte: Heiko Petermann) Mädchen in Tjumen
  • Portraitfoto einer alten Frau (Rechte: Heiko Petermann) Tatarin Salicha
  • Portraitfoto einer jungen Frau (Rechte: Heiko Petermann) Studentin

Ende der 20er Jahre begann in ganz Russland die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Wohlhabende Bauern wurden enteignet und mit ihren Familien nach Sibirien und in die Steppen Mittelasiens verbannt. Wenige Jahre später wurde die deutsche Bevölkerung in verschiedene Gebieten umgesiedelt. Mitte der 30er Jahre wurden durch Stalins "Säuberungen" allein in der Ukraine über 120.000 Deutsche umgebracht und über 70.000 zu Lager- oder Gefängnishaft verurteilt.

1941 - nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Sowjetunion - wurde die Deportation aller deutschstämmigen Siedler angeordnet. Anfang September wurde der gesamte Besitz beschlagnahmt und die Bevölkerung nach Sibirien und Kasachstan umgesiedelt. Insgesamt waren es etwa 1,2 Millionen Menschen. Alle arbeitsfähigen Männer und später auch Frauen mussten in Arbeitsarmeen beim Bau von Straßen, Bahnlinien, Industrieanlagen und im Bergbau arbeiten. In den Straflagern befanden sich rund 55.000 Deutsche.

Erst 1956 wurde der deutsch-stämmigen Bevölkerung erlaubt, ihre Verbannungsorte zu verlassen. Eine Rückkehr in ihre früheren Siedlungsgebiete blieb untersagt. Ab 1986 ermöglichte die Sowjetunion Ausreisen in größerem Umfang. Bis Mitte der 90er Jahre verließen über eine Million Deutschstämmiger Sibirien. Inzwischen liegt die Zahl der Aussiedler aus der gesamten ehemaligen Sowjetunion bei jährlich ca. 100.000.