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Hintergrund: Ganz schön speziell - Psychologie als Beruf

  • Zwei Studenten schreiben bei einer Vorlesung mit. Mit einem Psychologiestudium kann man sich in viele Richtungen spezialisieren; Rechte: ddp

Spezialisierung – aber wann?

Verkehr? Recht? Oder soll's lieber etwas Pädagogik sein? Kaum ein Berufszweig ist so vielfältig wie der des Psychologen. Denn mit einem Psychologiestudium kann man sich in extrem viele Richtungen spezialisieren. Ob man an einer Hochschule den Nachwuchs ausbildet und eigene Forschungsfragen untersucht, als Verkehrspsychologe für mehr Sicherheit auf den Straßen sorgt oder in der Politischen Psychologie Politiker berät – in jedem Bereich stellen sich spannende Fragen.

Einen Studienplatz für einen Bachelor in Psychologie erhält man meist über das lokale NC (Numerus clausus)-Verfahren der jeweiligen Uni – der NC liegt dabei meist im hohen Einserbereich, denn auf jeden Studienplatz bewerben sich nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) vier bis fünf Abiturienten. Schon bei der Wahl der Universität sollte auf den Schwerpunkt des Fachbereichs geachtet werden. "Seit es den Bachelor gibt, setzen die Universitäten oft schon früh im Studium inhaltliche Schwerpunkte. Da lohnt es sich, vorher mal im Studienverlaufsplan zu gucken, welche Module im Bachelor drin sind", rät Dr. Maren Richter, wissenschaftliche Referentin der DGPs. "Grundsätzlich ist es aber so, dass zu Beginn des Studiums ein möglichst breites Wissen vermittelt werden soll. Eine Spezialisierung erfolgt dann im Master." Neben dem allgemeinen Psychologiestudium gibt es übrigens inzwischen auch Bachelor-Studiengänge in speziellen Fachgebieten wie zum Beispiel der Rehabilitationspsychologie – für alle, die sich schon früh für eine bestimmte Richtung entscheiden.

  • Fan-Meile am Brandenburger Tor Deutschland-Fahnen bei der WM – neuer Patriotismus oder nur Spaß? Rechte: ddp

Zwischen Fähnchen und Fremdenhass: Politische Psychologie

Als zur Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland überall schwarz-rot-goldene Fähnchen geschwenkt wurden, sprachen die Medien von einem neuen Patriotismus im Lande. "Alles Quatsch", weiß Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie im Fachbereich Psychologie und am Zentrum für Konfliktforschung an der Uni Marburg. "Wir haben vor und nach der WM Menschen zu ihrer Haltung zu Deutschland befragt – das Fähnchenschwenken war für die meisten nur Spaß, kein Ausdruck von nationalistischen Gefühlen."

Mit solchen und ähnlichen Fragen befasst sich die politische Psychologie, ein Unterdisziplin der Sozialpsychologie. Grundsätzlich geht es um Fragen politischen Handelns – wie treffen Politiker Entscheidungen und welche Fehler passieren dabei? Wie lässt sich das Verhalten von Wählern erklären? Wie begegnen sich Mitglieder unterschiedlicher Gruppen, zum Beispiel Angehörige mit unterschiedlichen nationalen Identitäten? Ein wichtiges Thema in Prof. Wagners Forschung ist auch Fremdenfeindlichkeit. Er hat herausgefunden, dass Menschen latent fremdenfeindlichere Einstellungen zeigen, wenn auf dem Fragebogen, den sie dazu ausfüllen, eine kleine deutsche Fahne abgebildet ist. "Mir gefällt an diesem Forschungsgebiet besonders, dass meine Ergebnisse direkt in der Praxis umgesetzt werden können. Die politische Psychologie ist eine Richtung, die es erlaubt, sich aktiv mit gesellschaftlichen Missständen auseinanderzusetzen."

  • Gestellter Unfall für die Sendung Quarks & Co: ein kaputtes Auto liegt am Straßenrand. Verkehrspsychologie: Wie kann man Unfälle im Straßenverkehr verhindern? Rechte: WDR

Sicher im Straßenverkehr: Verkehrspsychologie

"Wie stehen die Deutschen zu Alkohol am Steuer?" Diese Frage beschäftigt derzeit Dr. Eike Schmidt von der Bundesanstalt für Straßenwesen. Für ein EU-Projekt untersucht er die Einstellungen von deutschen Autofahrern zu Sicherheitaspekten. Er ist Fachpsychologe für Verkehrspsychologie und befasst sich daher mit der Frage, wie man den Straßenverkehr sicherer machen kann.

"Uns interessiert generell, an welchen Schrauben man drehen kann, um Autofahrer zu verantwortungsvollem Verhalten zu bringen – ob es jetzt ums Rasen, um Müdigkeit oder Alkohol und Drogen geht", sagt der Diplompsychologe. An seinem Fachgebiet gefällt ihm besonders, dass es so vielseitig ist. "Ob Wahrnehmungspsychologie, Diagnostik, pädagogische Psychologie oder Evaluationsmethodik – jeden Tag brauche ich Grundlagenwissen aus den verschiedensten Bereichen." Außerdem ist er von der praktischen Anwendbarkeit der Verkehrspsychologie begeistert: "Die Ergebnisse unserer Arbeit fließen zum Beispiel direkt in die Gestaltung von Navigationssystemen ein. Wie kann man die gestalten, damit die Informationen vom Autofahrer verarbeitet werden, ohne dass er zu stark abgelenkt wird? Wir arbeiten auch an Kampagnen wie 'Runter vom Gas' mit – wenn die Unfallzahlen sinken, haben Verkehrspsychologen dazu einen Beitrag geleistet."

Auf Verkehrspsychologie kann man sich je nach Hochschule schon während des Studiums der allgemeinen Psychologie spezialisieren oder hinterher eine Fortbildung machen. Die meisten Verkehrspsychologen arbeiten als Gutachter und beurteilen so zum Beispiel für den TÜV Autofahrer, die ihren Führerschein wegen Alkohol- oder Drogenmissbrauch verloren haben. Doch auch an Universitäten oder in der Autoindustrie sind Verkehrspsychologen angestellt.

  • Physiotherapeutin führt mit Mann eine Armübung durch. Rehabilitationspsychologie betreuen Menschen während oder nach einer Rehabilitation, ob im sozialen, medizinischen oder beruflichen Bereich; Rechte: mauritius images

Pflegen mit Köpfchen: Reha-Psychologie

"Ein Rehabilitionspsychologe arbeitet überall dort, wo ein klinischer Psychologe auch arbeitet", beschreibt Prof. Dr. Mark Helle von der Fachhochschule Magdeburg/Stendal das Arbeitsgebiet seiner Studenten. Der Unterschied besteht vor allem darin, dass ausgebildete Rehabilitationspsychologen sich besonders gut im deutschen Versorgungssystem auskennen und genau wissen, was ihren Patienten rechtlich zusteht. Sie betreuen Menschen psychologisch, die sich in Rehabilitation (lat. "Wiederherstellung") befinden - und zwar nicht nur medizinische Rehabilitation, zum Beispiel nach einem schweren Unfall, sondern auch berufliche, soziale oder pädagogische Rehabilitation: nach einem Jobverlust, einem Gefängnisaufenthalt oder einem Schulausstieg.

Reha-Psychologen betreuen aber auch behinderte oder chronisch kranke Menschen; sie wollen wissen, welche Lebensbedingungen ein Mensch braucht, damit er so gesund und aktiv leben kann, wie es ihm möglich ist. "Uns geht es darum, bei unseren Patienten die Teilhabe an allen gesellschaftlichen Prozessen zu fördern – wir haben einen weiten Gesundheitsbegriff." Als Studienfach ist die Rehabilitationspsychologie noch recht neu. Vom Aufbau orientiert sich das Studium am klassischen Psychologie-BA/MA, doch eine anschließende Ausbildung zum Psychotherapeuten ist bisher nur in Sachsen-Anhalt und Brandenburg möglich, weil nicht alle Länder den Fachhochschul-Master als Zulassungsvoraussetzung anerkennen.

Reha-Psychologen arbeiten zum Beispiel in Reha-Kliniken, in Kureinrichtungen, bei Pflegedienstleistern oder in Wohnheimen für Menschen mit Behinderung. Aber sie werden auch von Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen eingestellt. Perspektiven gibt es reichlich, so Prof. Helle: "Unsere Absolventen kommen mit ihrer Spezialqualifikation auf dem Arbeitsmarkt außerordentlich gut unter."

Uni forever: Forschung und Lehre

Neben Kliniken sind Universitäten und Hochschulen zweifellos die wichtigsten Arbeitgeber für Diplom-Psychologen. Um an der Uni aber richtig Karriere zu machen, genügt das normale Diplom beziehungsweise der Master nicht. Wer in Forschung und Lehre durchstarten will, muss zunächst promovieren, das heißt: seinen Doktor machen. Meist geschieht das im Rahmen einer wissenschaftlichen Mitarbeiterstelle an der Universität. Anschließend erwirbt man dann durch die Habilitation – die Erstellung einer größeren Arbeit oder mehrerer Veröffentlichungen in Fachzeitschriften – den Titel Dr. habil oder Privatdozent und kann sich um eine Professur bewerben.

Professoren teilen ihre Zeit zwischen Forschung und Lehre auf. "Schön ist es, dass sich beide Bereiche ergänzen", sagt Reinhard Pietrowsky, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) und Professor an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. "Ich forsche zum Beispiel gerade zum Thema Essstörungen: Welche Einflüsse haben Hormone auf die Wahrnehmung von Hungergefühlen? Die Ergebnisse kann ich direkt in den Vorlesungen an meine Studenten weitergeben, die dadurch die aktuellsten Ergebnisse erhalten."

  • Jugendlicher im Gespräch mit Psychologin in Beratungsstelle Soziale Beratungsstellen sind mögliche Arbeitgeber für Psychologen.; Rechte: mauritius images

Die Qual der Wahl

Sich für ein Spezialgebiet in der Psychologie zu entscheiden, ist nicht einfach. Wenn es nur ums Geld geht, sollte man sich möglichst am Arbeitsplatz orientieren: Forschungsinstitute zahlen im Schnitt die besten Jahresgehälter nach zwei Jahren im Beruf, vor dem Gesundheitswesen (zum Beispiel Kliniken), Bildungsinstitutionen (zum Beispiel Hochschulen) und sozialen Einrichtungen. Berufsanfänger müssen – wie in den meisten Berufsfeldern – erst mal sparen: Nach Angaben der DGPs verdienen sie mit einer Vollzeitstelle in der Psychologie ein Jahr nach ihrem Abschluss häufig weniger als das, was im Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes für Psychologen eigentlich festgelegt ist.

"Grundsätzlich stehen Psychologen auf dem Arbeitsmarkt gut da", sagt Fredi Lang, Referent für Fachpolitik beim Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP). Die Arbeitslosenquote liegt bei etwa drei bis vier Prozent. "Als die Arbeitsfelder der Zukunft sehen wir Gerontogeriatrie, Gesundheitspsychologie und Bildungspsychologie."

Derzeit sind die meisten Diplompsychologen im BDP als Therapeuten tätig, gefolgt von der klinischen Psychologie und freiberuflichen Tätigkeiten. Kleinere Arbeitsfelder sind unter anderem Fort- und Weiterbildung, Gesundheits- und Umweltpsychologie, Rechtspsychologie, Markt- und Kommunikationspsychologie oder Verkehrspsychologie.