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Hintergrund: Making Of - Archivrecherche

Die Geschichte einer langen Suche beginnt...

  • Der Autor der Reihe Psychologie, Clemens Gersch; Rechte: WDR Filmemacher Clemens Gersch

Dies ist meine Geschichte einer einjährigen Reise voller spannender Begegnungen und bleibender Erinnerungen. Doch bequemerweise musste ich für diese Reise meinen Schreibtisch kaum verlassen. Denn sie führte mich nicht in die exotischen Regionen dieser Erde sondern - rein virtuell - in diverse Archive für Filme, Fotos und Bücher. Und der Grund dafür war das Fernsehprojekt von Planet Schule über "Psychologie".

Wer wie ich als Autor drei Filme über Psychologie machen möchte, braucht nämlich nicht nur ein gutes Konzept. Er braucht auch genügend Bilder, um die geplante Sendezeit von drei halben Stunden zu füllen. Manches konnten wir neu drehen - zum Beispiel die meisten Interviews sowie die Arbeit der verschiedenen Psychologen in Folge 3. Anderes steuerte ein halbes Dutzend Designer und Grafiker dazu - etwa den Vorspann, die Trenner und alle Animationen. Doch für einen gehörigen Anteil wollten wir gerne historische Aufnahmen benutzen, und die kommen für gewöhnlich aus dem Archiv. Genauer: aus ganz unterschiedlichen Archiven auf der ganzen Welt. Und die musste ich erst einmal finden!

Von Filmarchiven, Formaten und anderen Fallstricken

  • Der Psychologe Skinner vor einem Versuchsaufbau mit Taubenkäfig; Rechte: WDR Alle historischen Aufnahmen wurden mühsam recherchiert.

Ein Filmarchiv funktioniert wie eine Bibliothek: Ohne Ordnung und feste Kategorien geht gar nichts, Orientierung ist alles. Erst die Möglichkeit, den gesamten Bestand nach bestimmten Suchbegriffen zielgerichtet zu durchforsten, macht aus einem wilden Haufen unterschiedlichen Materials eine geordnete Sammlung.

Alle Rundfunkanstalten in Deutschland haben eigene Archive, dazu die entsprechenden Fachabteilungen in Universitäten und Hochschulen, sowie größere Organisationen, die man im Zweifel auch erst einmal finden muss. Nur selten existiert eine Vernetzung zwischen ihnen, so dass Suchanfragen nicht zentral sondern häufig nur einzeln vorgenommen werden können: Jedes Archiv wird also separat angefragt, sucht selbst in seinem Bestand nach den gewünschten Schlagworten (zum Beispiel "Sigmund Freud") und gibt dann eine Rückmeldung über mögliche Treffer. Ganz schön mühselig und zeitaufwendig kann das sein!

Eine weitere Komplikation kann dann die Frage nach dem Format der gefundenen Filmausschnitte sein. Viele Varianten sind dabei vorstellbar: Der Filmausschnitt kann als Videodatei auf einem Computer vorliegen - in minderer oder hoher Qualität, auf DVD beziehungsweise VHS-Kassette in einem Regal stehen, in bester Fernsehqualität auf einem modernen Videoband existieren, oder aber auf Jahrzehnte alten Filmrollen in einem staubigen Keller liegen. Dann gilt es abzuwägen: Welche Qualität ist akzeptabel - und welcher Aufwand, um schließlich eine Kopie der Filmsequenz zu bekommen?

Unterstützung von den WDR-Archiv-Profis

  • Screenshot aus dem Film mit einer Aufnahme von C.G. Jung; Rechte: BBC Das im Film verwendete Material von C.G. Jung.

Zum Glück gibt es beim WDR Experten, die mich bei meiner Suche unterstützten. Bald schon gingen etliche Telefonate und Briefe zwischen uns hin und her. Alleine 676 Emails verzeichnet mein "Psychologie"-Postfach, dazu kamen regelmäßig persönliche Gespräche in den unterschiedlichen Abteilungen. Mit Bettina Lindner-Zietan stand ich dabei am meisten in Kontakt. Sie ist bei uns im Haus - wir ihre Kolleginnen - eine Art Detektivin für Film-Material, das der WDR nicht selbst besitzt.

Zu ihr durfte ich mit all meinen ausgefallen Recherchewünschen kommen, und kurze Zeit später schon konnte sie häufig Ergebnisse präsentieren. Faszinierend! Ich fragte nach Bildern des berühmten Psychologen C. G. Jung - und sie kontaktierte die BBC in England, die solche Bilder aus den 1950er Jahren besitzt. Ich suchte was von Sigmund Freud - sie wurde beim Norddeutschen, Hessischen und Bayerischen Rundfunk fündig. Ich wollte Sequenzen aus dem Originalmaterial eines berühmten Experiments an der kalifornischen Stanford-University verwenden - Frau Lindner-Zietan handelte prompt auf Englisch die Konditionen für die Verträge aus.

Einmal hatten wir uns auf komplizierte Verhandlungen mit einem US-amerikanischen Lizenzgeber eingestellt, dessen Filmausschnitte von Burrhus F. Skinner wir verwenden wollten. Ich warte gespannt einige Wochen, bis mich endlich die Antwort überraschte. Sie war freundlich, kurz - und kostete keinen Cent: "No Objections! Best of luck with your production."

Fotos aus der ganzen Welt

  • Foto des Psychologen Stanley Milgram, der an einem Messgerät lehnt; Rechte: A. Milgram Bekam einen "Ehrenplatz" im Film: das Foto von Stanley Milgram.

Ähnlich kuriose Erfahrungen machte ich auch bei meiner Suche nach Fotos von verschiedenen angesehenen Psychologen des vergangenen Jahrhunderts.

Denn manchmal existieren einfach keine Filmausschnitte oder sie sind nicht bezahlbar, dann helfen Fotos weiter. Zwar hat der WDR auch hier sein eigenes Archiv, aber bei speziellen und ungewöhnlichen Motiven müssen andere Archive, Nachlass-Verwalter oder sogar Fotografen angefragt werden. Wie bei einigen von mir gesuchten Psychologen-Porträts:

Die Antworten der Archive oder Fotografen reichten von horrenden Geldforderungen (die wir ablehnten) bis hin zum knapp kommentierten Internet-Link, unter dem wir uns beispielsweise ein Porträt von Solomon Ash aussuchen konnten ("The two photographs are available here…") Am zähesten verlief die Recherche nach einem Bild von Stanley Milgram. Da im WDR-Fotoarchiv nichts Zufriedenstellendes vorhanden war, weiteten die Kollegen dort bald ihre Suche aus. Auch dieses Ergebnis war unbefriedigend: zu teuer, nicht das richtige Motiv. In meiner Not kontaktierte ich den Biografen des vor mehr als 25 Jahren verstorbenen Wissenschaftlers.

Dessen Antwort aus Maryland kam erstaunlich schnell: "The person who can help you is Stanley Milgram's widow." Es folgte eine Email-Adresse; der Kontakt war hergestellt.

Ein bisschen schämte ich mich, nicht selbst auf die Idee gekommen zu sein. Doch offen gesprochen hatte ich gar nicht damit gerechnet, dass es die Dame überhaupt noch gab! Ich wurde von ihr bald eines Besseren belehrt. Quicklebendig und flott mailte die über 80-Jährige ihre Antworten aus New York. Alles kein Problem, schrieb sie, das Honorar sei ok, und sie würde die Bilder noch heute in einen Umschlag stecken (Scans besaß sie leider keine). Nur möge ich doch so nett sein, sie ihr postwendend wieder zurückzuschicken - es seien halt die Originale!

Während meiner einjährigen Arbeit an den drei Filmen über Psychologie war das einer der sympathischsten Eindrücke, die ich sammeln durfte. Seitdem hat das Foto von Stanley Milgram ("when he was a young man leaning against the shock generator") für mich einen Ehrenplatz: in Folge 2 bei 20 Minuten und 30 Sekunden. Und der freundliche letzte Satz in Alexandra Milgram's Begleitbrief zum Bild könnte genauso auch die unermüdliche Hilfestellung der vielen Kolleginnen und Kollegen beim WDR beschreiben, mit denen ich während der Produktion zu tun hatte: "Let me know if I can be of further assistance to you."