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Hintergrund: Die Spiele von Berlin 1936

Die Gleichschaltung des Sports in Deutschland

Die Olympischen Spiele von 1936 wurden bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten nach Berlin vergeben. Aber das neue Regime erkannte schnell die welt- und innenpolitischen Möglichkeiten eines olympischen Wettkampfes auf deutschem Boden.

  • Carl Diem begrüßt Olympia-Mannschaften auf dem Lerther Bahnhof

    Hitler stellte ungeahnte finanzielle Mittel zur Verfügung und die erfahrendsten Sportführer der Weimarer Zeit, wie z.B. Carl Diem stellten sich in seinen Dienst. Rechte: SWR

  • Die Olympischen Spiele von 1936 wurden 1931, vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten, nach Berlin vergeben. Rechte: SWR

Im bürgerlichen Sport herrschte große Kontinuität: Der Deutsche Verband der Leibeserzieher (Sportlehrer) wählte sich schon 1925 freiwillig einen engagierten Nationalsozialisten als Vorsitzenden (Dr. Carl Krümmel). Die bürgerlichen Sportverbands- und -vereinspräsidenten liefen 1933 scharenweise in das Lager der Nationalsozialisten über und wurden als Sportführer durch Verbleib im Amt belohnt.

Was änderte sich im deutschen Sport? Es wurde ein SA-Funktionär und NSDAP-Reichstagsabgeordneter als oberster Reichssportführer eingesetzt. Hans von Tschammer und Osten stützte sich bereitwillig auf die vorhandenen Sportfunktionäre und brachte nur langsam Veränderung in den bürgerlichen Sport ein.

Der Arbeitersport und der konfessionelle Sport dagegen wurden zerschlagen. Aber in der Masse der Sportbewegung änderte sich relativ wenig, da sie auch vorher schon rechts stand und nur einen kurzen Weg in den Nationalsozialismus gehen musste. Die gewachsenen Strukturen wurden durch die Gleichschaltung umgebaut. Die Sportgliederungen wurden den politischen Gliederungen im Rahmen der Gleichschaltung angepasst.

Die Haltung des IOC

Die Olympischen Spiele 1936 in Deutschland wurden vollständig vom Staat finanziert. Die Vertreter des Sports - Dr. Theodor Lewald (IOC-Mitglied seit 1926) und Carl Diem (hauptamtlich verantwortlich seit 1912) - hatten außerdem eine schriftliche Erklärung gegenüber dem Reichsinnenministerium abgegeben, dass sie zwar nach außen unabhängig zu erscheinen hätten (wie es den IOC-Regeln entsprach), nach innen aber weisungsgebunden seien. Es galt der Grundsatz: "Wer bezahlt, schafft an." Die Reichsregierung - in bestimmten Belangen Hitler selbst - regierte bis in Details in die Durchführung der Spiele hinein.

  • Gelungene Täuschung: Berlin zeigt sich als offene Metropole von Weltgeltung. Rechte: SWR

  • Alles, das die Unmenschlichkeit der neuen Machthaber auch optisch verraten könnte, hat man vor den Spielen entfernen lassen. Rechte: SWR

Teilnahme oder Boykott?

Nach dem Boykott der jüdischen Geschäfte, den ersten staatlich organisierten Pogromen, der Einrichtung von Konzentrationslagern und schließlich den Nürnberger Rassegesetzen, stand für eine breite internationale Boykottbewegung fest, dass man mit einem Start in Deutschland ein internationales Terrorregime unterstützte und damit die internationale Isolation Deutschlands auf dem Gebiete der Kultur durch den Sport unterliefe.

  • Im Dezember 1935 entschied sich schließlich die Amateur Athletic Union (AAU) of the United States als größter amerikanischer Sportverband...
  • ...mit 58 zu 55 die Mannschaft zu den Olympischen Spielen zu schicken. Rechte: SWR

Für die Befürworter der Teilnahme ging es darum zu zeigen, dass Sport und Politik nichts miteinander zu tun hätten, dass Deutschland sich durchaus an die sportlichen Regeln hielte - und die anderen gingen den Sport nichts an. Da Deutschland international, z.B. im IOC, noch durch dieselben drei Repräsentanten vertreten war, rieb man sich auch an deren Positionen. 1936 hielt sich die amerikanische Regierung ganz bewusst - trotz aller Versuche der Boykottbewegung, sie zu involvieren - aus allem heraus, verwies immer wieder darauf, dass die Olympischen Spiele eine völlig private Angelegenheit seien, in die sich der Staat tunlichst nicht einmische. Der Kampf um die Teilnahme tobte innerhalb des größten amerikanischen Sportverbandes (AAU), dessen Präsident, Richter Jeremiah Mahoney (irischer Herkunft, katholisch, New York), zu den entschiedenen Gegnern der Olympiateilnahme gehörte. Entschieden für die Teilnahme trat Avery Brundage (protestantisch, konservativ, Chicago) ein, der 1936 Mitglied des IOC und 1952 dessen Präsident wurde. Im Dezember 1935 entschied sich schließlich die Amateur Athletic Union of the United States als größter amerikanischer Sportverband mit 58 zu 55 die Mannschaft zu den Olympischen Spielen zu schicken.

Von dann ab war die Durchführung weitgehend gesichert, auch wenn die deutschen Verantwortlichen bis zu den Spielen selbst extrem vorsichtig waren, um nicht im letzten Moment noch die Durchführung zu gefährden. Die Olympischen Spiele von Berlin wurden die größten Spiele bis zu diesem Zeitpunkt. Waren 1932 zum ersten Mal die eine Million Zuschauer knapp überschritten worden, so hatte Berlin mehr als drei Millionen. Auch bei der Ausstattung für die Athleten und Funktionäre waren es die größten Spiele, die später als ein "Gesamtkunstwerk" gefeiert wurden. Nur die Mannschaft des Irischen Freistaats und Palästinas blieben den Spielen fern. Sonst waren alle im IOC vertretenen Staaten durch Mannschaften in Berlin repräsentiert.

Jüdische Teilnehmer

Ganz im Sinne der Nürnberger Gesetze waren Juden entgegen der deutschen Zusicherungen in den deutschen Mannschaften nicht vertreten. Jude war man nach diesen Gesetzen, wenn von der Generation der 16 Ururgroßeltern mehr als 8 jüdisch waren.

  • Gretel Bergmann beim Überqueren der Latte im Schersprung, der damaligen Hochsprungtechnik Gretel Bergmann, die einzige Jüdin im Team. Sie wurde bis 14 Tage vor den Spielen im Glauben gelassen, sie dürfte starten. Rechte: Margret Lambert / SWR
  • Die Fechterin Helene Mayer beim Ausfallschritt Helene Mayer, im Jargon der Zeit eine Halbjüdin. Florettfechterin. Sie gewann 1936 mit der Mannschaft Silber. Rechte: SWR

Waren es 8 galt man als "Halbjude" und war 1935 noch für Deutschland startberechtigt. Aufgestellt wurden der Eishockeyspieler Rudi Ball, der als Jude den Berliner Schlittschuhklub schon verlassen hatte und als Quasi-Profi in Italien für Cortina spielte. Und die Florettfechterin Helene Mayer, die als Jüdin aus ihrem Offenbacher Fechtclub ausgeschlossen war, für den sie 1928 Olympiasiegerin geworden war. sie lebte inzwischen in den USA wo sie zwischen 1933 und 1935 dreimal amerikanische Meisterin geworden war. Beide kamen zu den Spielen nach Deutschland zurück, gewannen und fuhren wieder ins Ausland, da sie mit der anti-jüdischen Diskriminierung nicht leben wollten.

Die einzige, nach NS-Bezeichnung "vollständige" Jüdin, Gretel Bergmann, wurde bis 14 Tage vor den Spielen in dem Glauben gelassen, sie würde aufgestellt, zumal ihre Leistungen besser waren als die der deutschen Meisterin und eine Medaillenhoffnung darstellte. Der Reichssportführer stellt hier lieber nur zwei statt drei Teilnehmerinnen auf, statt sich von einer Jüdin vertreten zu lassen. Das Ausland aber war mit den beiden prominenten "Halbjuden" zufrieden.

Zensur und Propaganda

Die deutschen Organisatoren überließen nichts dem Zufall. Auch im Hinblick auf die Sicherheitsmaßnahmen waren es moderne Spiele. Hitler ließ sich bei den Winterspielen durch 6000 SA- und SS-Leute schützen, die nur an den beiden Tagen, an denen er den Spielen beiwohnte, im Stadion waren. In Berlin waren etwa zwei Prozent der Zuschauer Gestapo-Agenten, da an beiden Enden jeder Sitzreihe an allen Gängen die Gestapo das Geschehen kontrollierte. Im Postamt Charlottenburg gab es eine vollständige Postzensur für alle Post ins olympische Dorf und alle ausgehende Post, soweit sie im oder in der Nähe des olympischen Dorfes oder des Olympiastadions in die Kästen gekommen war. Es waren nur deutsche Fotografen im Stadion zugelassen, so dass durch die Bilder im In- und Ausland eine bestimmte Stimmung vermittelt werden sollte. Die Berliner Zuschauer feierten ihre Helden - und das waren zwar zunächst einmal alle Deutschen, aber dann eben auch Afro-Amerikaner wie Jesse Owens. Dieser hatte in den USA trotz seiner fünf Weltrekorde vorher seine liebe Mühe gehabt, sich zu qualifizieren, da im amerikanischen Süden noch immer strikte Rassentrennung herrschte und sich Afro-Amerikaner nur im Norden qualifizieren konnten.

  • Der Fackellauf – Ausgedacht vom Propagandaausschuss, um die Aufmerksamkeit der Welt vorzeitig auf die Spiele zu lenken. Zudem ein gute Gelegenheit, die Spiele mit dem eigenen Feuerkult zu verbinden. Rechte: SWR

  • Die perfekte Inszenierung: Die Olympische Spiele als propagandistisches Großereignis zur Täuschung der Welt. Rechte: SWR

Mit der propagandistischen Ausschlachtung der Spiele in Berlin gelang es den Nazis ein geschöntes Bild vom nationalsozialistischen Deutschland in alle Welt zu verbreiten. Alles Diffamierende, das die menschenrechtsverletzende Politik der Nazis hätte verraten können, ist vor den Spielen im weiten Umkreis von Berlin entfernt worden. Die "Demonstration der Stärke" im Stadion gelang den Deutschen: in der Medaillenwertung überflügelten sie sogar die USA und erreichten erstmals Platz 1. Dem Kampf der Nationen im Stadion ließ Hitler nur kurze Zeit später einen Kampf folgen, der die ganze Welt in unfassbares Leiden stürzte und alle Hoffnungen auf eine olympische Utopie des Friedens für lange Zeit verstummen ließ.

Aufgearbeitete Vergangenheit? Olympische Sportfunktionäre nach 1945

Mit der Gründung des Deutschen Sportbundes als Einheitssportverband, wurden im bundesrepublikanischen Sportbetrieb Elemente der nationalsozialistischen Gleichschaltung beibehalten - wenn auch ohne unmittelbaren staatspolitischen Einfluss.

Auch für viele Personen änderte sich in der jungen Bundesrepublik im Sport wenig, zwei Beispiele:

Dr. Karl Ritter von Halt
Olympiateilnehmer 1912 im Zehnkampf, Kriegsheld im 1. Weltkrieg, Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes, seit 1926 IOC Mitglied, Banker, trat 1933 in die NSDAP ein, blieb in allen seinen sportlichen Ämtern, 1943-45 Hitlers letzter Reichssportführer, als Finanzier des Freundeskreises Himmler von den Amerikanern als Kriegsverbrecher gesucht, 5 Jahre sowjetisches Internierungslager, nach 1949 Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland, Ehrenpräsident des Deutschen Leichtathletikverbandes, Vizepräsident des IOC: Kontinuität.

Guido von Mengden
Pressewart des Westdeutschen Spielverbandes vor 1933, Pressesprecher und Ghostwriter von Tschammers, Verwaltungsleiter des Nationalsozialistischen Reichsbundes für Leibesübungen bis 1945, als Schriftleiter des Reichssportblattes der oberste NS-Sportpropagandist, verantwortlich für die Pressearbeit des Verbandes zu den Olympischen Spielen 1936. Nach 1949 Geschäftsführer der Deutschen Olympischen Gesellschaft, des Deutschen Sportbundes, Ghostwriter Willi Daumes als Präsident des DSB und NOKs. Noch im Ruhestand 1969-72 Verantwortlicher der Bundesregierung für die Herausgabe der Propagandaschriften zu den Olympischen Spielen 1972 in München. Kontinuität.

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