zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.

Inhalt

Hintergrund: Von der Geburt einer Idee

Die Renaissance der Olympischen Spiele

Die antiken Olympischen Spiele waren im 4. Jh. n. Chr. nach über 1000-jährigem Bestehen wegen "Götzenverehrung" vom römischen Kaiser verboten worden. Ihr Gedankengut war, wie vieles andere aus der Antike, über den Zeitraum des ganzen Mittelalters hinweg ein Jahrtausend verschüttet worden und tauchte erst in der Renaissance wieder auf.

Durch die Übersetzung antiker Schriften, wie die "De arte gymnastica" (1569) von Hieronymus Merkurialis, in der die gesamte Palette der antiken Sportarten beschrieben wurden und ausdrücklich auf die antiken Olympischen Spiele hingewiesen wurde, entstand ein Idealbild der Antike und ihrer Spiele. Aber auch eine Reihe von Dichtern brachten die Spiele durch Anspielungen auf die Antike ins Gedächtnis der Menschen. So gibt es in verschiedenen Werken Shakespeares Hinweise auf die Olympischen Spiele, aber auch bei Milton in "Paradise Lost".

  • idealisierte Darstellung des Baus eines antiken Tempels

    „Blick in Griechenlands Blüte“, Ausschnitt aus einem Gemälde von K.F. Schinkel, 1825; Rechte: SWR

  • Coubertins olympischer Traum: die Ideal der Antike verbunden mit dem modernen Sport. Rechte: SWR

Seit der Renaissance gab es unzählige Versuche, in Italien, Frankreich, England, Griechenland, Schweden, der Schweiz und Deutschland, die antiken Olympischen Spiele wieder zu beleben. Aber alle diese Versuche scheiterten, vor allem weil sie - wie die antiken Olympischen Spiele - nur kleine, nationale Sportspiele waren.

Verehrung der Antike im 19. Jahrhundert

Die Kultur der Antike wurde im 19. Jahrhundert gefeiert und das Leben der Griechen nicht selten geschönt dargestellt. Viele europäische Archäologen wetteiferten miteinander, Zeugnisse der Antike ans Licht zu bringen. Die Ausgrabung Olympias durch deutsche Archäologen nach 1875 brachte neue Bewegung in die „olympische Sache“. Durch die Grabungen wurden die Olympischen Spiele, die vorher nur in Form von schriftlichen Quellen der Antike vorlagen, jetzt zur Realität. Gleichzeitig begann ein alter Nationenstreit:
"…Deutschland hat das ausgegraben, was von dem alten Olympia noch vorhanden war. Warum sollte Frankreich nicht die alte Herrlichkeit wiederherstellen? (…) Wir werden, auf der Grundlage, die den Erfordernissen des modernen Lebens entspricht, die großartigen, phantastischen Olympischen Spiele wieder einführen." (Baron Pierre de Coubertin)

  • Das Schwarz-Weis-Bild zeigt rastende Ausgräber unter einer Dachkonstruktion.

    Die allgemeine Griechenbegeisterung lies vor allem Engländer und Deutsche nach Griechenland aufbrechen um nach Überreste dieser vergangenen Kultur zu suchen. Rechte: SWR

  • Schwarz-Weis-Portraits der deutsche Archäologen Wilhelm Dörpfeld und Ernst Curtius.

    In Olympia werden deutsche Archäologen fündig. Wilhelm Dörpfeld wird die Ausgrabung bis 1936 leiten, nachdem zuvor Ernst Curtius 1875 von Bismarck beauftragt mit den Grabungen begonnen hatte. Rechte: SWR

Pierre de Coubertin – ein Adeliger mit Idealismus

Coubertin, reicher Sohn eines alten Adelsgeschlechtes, widmete sein Leben der Aufgabe, seiner Heimat Frankreich politisch und kulturell wieder zu der Position zu verhelfen, die es Ende des 19. Jahrhunderts verloren hatte - besonders nach der militärischen Niederlage im deutsch-französischen Krieg von 1870/71.

  • Bronzebüste von Baron de Coubertin Baron Pierre de Coubertin, 1863 - 1937; Rechte: SWR

Dieses Ziel versuchte er durch eine Erneuerung des französischen Erziehungssystems zu verwirklichen. Die Liebe zu seinem Heimatland ließ Coubertin nicht die kulturellen Leistungen anderer Länder unterschätzen. Hatte man in Frankreich die Meinung, Deutschlands Überlegenheit beruhe auf dem teuren, aber durchorganisierten Schul- und Hochschulsystem, so stellte er bei Besuchen Englands und Nordamerikas dort eine besondere Ausgewogenheit zwischen körperlicher und geistiger Bildung an Colleges und Private Schools fest. In ihr sah er den Grund für den Reichtum und die dynamische Entwicklung dieser damals weltbeherrschenden Länder.

"Das zweite Merkmal des Olympismus ist, dass er Adel und Auslese bedeutet. Aber: wohl verstanden, einen Adel, der von Anfang an vollkommene Gleichheit bedeutet, der nur bestimmt wird durch die körperliche Überlegenheit des Einzelnen …" (Baron Pierre de Coubertin)

Der Traum vom Frieden

Coubertin liebte zwar sein Land, war aber international gesinnt und sah die Rolle des Sportes ebenso. Er träumte von einer neuen Weltordnung, die durch Internationalität und Demokratie geprägt war, was bei seinen adeligen Standesgenossen auf höchsten Widerstand stieß.

  • Coubertin als Wachspuppe an einen Bücherschrank seines Arbeitszimmers gelehnt Coubertin in seinem Arbeitszimmer – nachgestellt im IOC Museum in Lausanne. Rechte: SWR
  • Wahlspruch in weiße Marmorwand gemeißelt im Olympia-Museum in Lausanne Zum Olympischen Wahlspruch geworden: Citius, altius, fortius; Rechte: SWR

Die Offenheit Coubertins in Bezug auf internationale Erziehungsmethoden widersprach deutlich dem vorherrschenden Nationalismus. Das Ende des 19. Jahrhunderts war begleitet vom Wettrüsten der europäischen Großmächte und vom Streit um Gebietsansprüche in deren Kolonien. Hier wollte Coubertin durch den Sport eine Gegenposition schaffen.

"Die Idee des Friedens ist ein wesentlicher Bestandteil des Olympismus … Für jedes ausschließlich nationale Empfinden muss dabei "Burgfrieden" herrschen, oder, um es anders auszudrücken, jedes Nur-National-Empfinden muss dabei vorübergehend auf Urlaub geschickt werden." (Baron Pierre de Coubertin)

Ob jedoch ausgerechnet der auf Wettkampf angelegte moderne Sport das probate Mittel für eine Verständigung der Völker sein kann, darüber wurde auch schon zur zeit Coubertins nachgedacht. Für ihn kam eine Zähmung des Sports auf jeden Fall nicht in Frage:
"Der Versuch, dem Kampfsport eine Leitlinie verbindlicher Mäßigung aufzuerlegen, bedeutet eine Utopie. Seine Anhänger brauchen ungehemmte Freiheit. Darum hat man ihnen den Wahlspruch: Citius, altius, fortius gegeben"

Erste Sportfeste

Vor diesem Hintergrund organisierte Coubertin ab 1889 Sportfeste, bei denen er den angelsächsischen Sport, den er in die französische Erziehung integrieren wollte, mit der französischen Vorliebe für Feste kombinierte.

  • Gruppenfoto Das erste Olympische Komitee, Athen 1896: Von links: Gebhardt (Deutschland), Coubertin, Guth-Jarkovsky (Böhmen), Bikelas, Präsident (Griechenland), Kemeny (Ungarn), Boutovsky (Russland), Balck (Schweden); Rechte: SWR
  • Gruppenfoto der siegreichen Turner in Athen 1896 in Turndress und mit Siegerkranz geschmückt Rivalitäten: Der deutsche Turnerbund untersagte die Teilnahme an den Spielen „eines Franzosen“ 1896 in Athen. Sie fuhren ohne Erlaubnis und waren erfolgreich: die deutschen Turner mit Siegerkranz. Rechte: SWR

Nach einem Eröffnungsfrühstück wurden Sportwettkämpfe abgehalten, die schließlich mit Feuerwerken oder Fackelzügen endeten. Auf diesen Festen standen für Coubertin nicht die Sportler, sondern die Politiker, die er beeinflussen wollte, im Vordergrund. Zum Abschluss eines dieser Feste verkündete Coubertin im November 1892:

"Lassen Sie uns Ruderer, Läufer, Fechter ins Ausland schicken, das ist das Freihandelssystem der Zukunft! Und an dem Tag, an dem es in die Sitten des alten Europa eingedrungen sein wird, wird der Sache des Friedens eine neue und mächtige Stütze erwachsen sein!" (Baron Pierre de Coubertin)

Seine Absicht, durch den internationalen Sport auf politischer Ebene friedensstiftend zu wirken, stand allerdings in deutlicher Konkurrenz zu Deutschland: 1893 wurde er bei einem Kongress an der Sorbonne unter dem Tagesordnungspunkt "Möglichkeiten und Bedingungen für eine Wiederherstellung der Olympischen Spiele" vor allem von belgischen und deutschen Abgeordneten auf die Unvereinbarkeit zwischen "deutschem" Turnen und dem neumodischen "Sport" aus England hingewiesen. Daraufhin wurde Coubertin konkreter. Er organisierte für den Juni 1894 ein Vorbereitungstreffen für Sportlehrer verschiedener Länder. Auf der Einladung hieß es: "Kongress für die Wiederaufnahme der Olympischen Spiele". Im Streit zwischen Turnen und Sport entschied sich Coubertin eindeutig zugunsten des Sports. Für ihn war Sport ein Kult, der die Menschen zur Selbstvervollkommnung führen sollte:

"Sport ist kein Luxusgegenstand, auch keine Tätigkeit für Müßiggänger, sondern ein körperlicher Ausgleich für geistige Arbeit. Das erste und wesentliche Merkmal des alten wie des modernen Olympismus ist: eine Religion zu sein. … Daraus entstanden alle die Formen des Kults, aus denen sich das Zeremoniell der modernen Olympischen Spiele zusammensetzt."

Obwohl der Sport also alle Menschen vervollkommnen sollte, stellte Coubertin den Leistungssport in den Mittelpunkt, lediglich mit einer Einschränkung: Sport muss fair sein. Diese Maxime Coubertins ist bis heute der Mittelpunkt des olympischen Gedankens.

Olympische Völkerverständigung – zwischen Ideal und Realität

Die Anfänge der Olympischen Spiele der Moderne fallen in das Zeitalter des Imperialismus. Gerade zu dem Zeitpunkt also, an dem die "großen" Nationen ihre Wettkämpfe um die Macht in der Welt gegeneinander veranstalteten, sollte durch die Wiederbelebung der antiken Olympischen Spiele ein Gegengewicht geschaffen werden, ein friedlicher Wettstreit dieser Nationen.

  • Der schwedische König Gustav, auf einem Podest stehend, verleiht den Siegerlorbeer an einen Athleten Vor allem die europäischen Königshäuser nutzten in den Anfangszeiten die Spiele zur Selbstdarstellung. Rechte: SWR
  • Soldaten im Schützengraben Die Spiele von 1916 finden nicht statt: die Jugend der Welt trifft sich in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Rechte: SWR

Die Spiele können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie bis zum Ersten Weltkrieg nur eine Randerscheinung der Geschichte waren. Sie wurden zwar gern gesehen, und besonders von den Herrschern der Zeit, als Forum zur Selbstdarstellung genutzt. Iim Punkte der Friedensförderung aber zeigten sie keinerlei Wirkungen. Auch sie konnten in keinerlei Weise den Ersten Weltkrieg verhindern, der als Ergebnis des Imperialismus gewertet werden kann. Ein Krieg, bei dem zum ersten Male in der Geschichte der Menschheit Kriegshandlungen in allen Teilen der Welt stattfanden.

Die Welt wurde in der Zeit, in der die ersten zehn Olympischen Sommerspiele stattfinden sollten (1896-1932, Berlin 1916 fiel aus), mehr verändert als je zuvor. Das Automobil begann seinen Siegeszug, die Luftfahrt folgte. Zum ersten Mal gab es die Möglichkeit des schnellen Informationsaustausches von Stadt zu Stadt und Land zu Land. Selbst im Sportbereich war es durch Veränderungen im Freizeitbereich und Freizeitverhalten zu bedeutenden Neuerungen gekommen, die in verschiedensten Profisportarten ihre Höhepunkte fanden. Eine Entwicklung, die auch die Olympischen Spiele zunehmend beeinflusst.

Weitere Informationen zur Sendung