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Hintergrund: Der Völkermord an den Armeniern 1915 – 1917

Ein sensibles Thema

  • Der armenischstämmige Journalist Hrant Dink; Rechte: ddp Hrant Dink trat bis zu seiner Ermordung mutig für Versöhnung ein.

Am 19. Januar 2007 erschoss ein 17-jähriger Nationalist den türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink vor seiner Redaktion in Istanbul. Dink hatte sich jahrelang für einen Dialog zwischen Armeniern und Türken stark gemacht, in dem beide Seiten selbstkritisch die "Geschehnisse von 1915" (so die offizielle türkische Sprachregelung) aufarbeiten sollten. Er starb, weil er einen offenen Umgang mit den historischen Ereignissen forderte, die Historiker und viele Regierungen weltweit einen "Genozid", einen Völkermord an den Armeniern nennt – eine Bezeichnung, die in der Türkei als Landesverrat gilt.

Wie kam es zu den Massakern an den Armeniern in der Türkei? Jahrhundertelang hatten christliche Armenier in Ostanatolien gelebt, seit dem 14. Jahrhundert unter der Herrschaft des Osmanischen Reichs. Schätzungen zufolge machten sie etwa 25 bis 40 Prozent der Bevölkerung des ostanatolischen Landesteils aus; sie galten als loyal und waren sozial nicht schlecht gestellt. Etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts kippte jedoch die Stimmung. Im Osmanischen Reich wurden die Rufe nach Reformen lauter; die Rivalität des "kranken Mannes am Bosporus" mit den europäischen Großmächten und Russland verschärfte sich. Die Regierung forderte hohe Steuern von den nicht-muslimischen Bevölkerungsgruppen. Zudem gab es häufig Zusammenstöße zwischen Armeniern und kurdischen Nomaden, die ebenfalls Abgaben forderten. Als die Situation für die Armenier immer unerträglicher wurde, forderten sie mehr Rechte, Selbstverwaltung und einen eigenen Staat. Vereinzelt kam es zu terroristischen Anschlägen auf osmanische Beamte. Sultan Abdülhamid II. reagierte mit aller Härte und schickte Reiter, die Hamidiye, um die Armenier niederzuhalten. Es kam zu ersten Massakern an der Zivilbevölkerung.

Die "Geschehnisse von 1915"

1908 ergriffen die Jungtürken, eine Oppositionsbewegung der jungen türkischen Bildungselite, die Macht und setzten eine Verfassung ein. Sie wollten das Osmanische Reich reformieren und aus dem Vielvölkerstaat einen Nationalstaat unter türkischer Führung machen. Für ethnische und religiöse Minderheiten wie die Armenier war in diesem Nationalstaat kein Platz.

Im Ersten Weltkrieg (1914-1918) kämpfte das Osmanische Reich an der Seite Deutschlands gegen Russland. Nationalistische armenische Guerillas unterstützen an der osmanisch-russischen Grenze die Russen, weil sie sich davon einen eigenen Staat in Ostanatolien versprachen. Die armenische Zivilbevölkerung stand mehrheitlich loyal auf der Seite des Reiches. Doch die Regierung der Jungtürken bezichtigte sie kollektiv der Kollaboration mit den Russen.

Als Russland 1915 weiter vorrückte, begann die Regierung, die armenische Bevölkerung aus Anatolien zu deportieren. Die Zivilbevölkerung wurde in den nächstgelegenen Städten gesammelt, direkt ermordet oder auf sogenannte Todesmärsche Richtung Aleppo im heutigen Syrien geschickt. Die Armenier starben auf den Märschen oder später in provisorischen Lagern in Syrien an Hunger und Seuchen oder wurden von osmanischen Soldaten und bei Angriffen durch kurdische Kämpfer ermordet.

Historiker gehen davon aus, dass die Verbrechen gegen die Armenier bis 1917 andauerten. Verlässliche Opferzahlen sind nicht bekannt. Offiziell geht die Türkei von 300.000 Opfern aus, armenische Historiker von 1,5 Millionen. "Es gibt viele Detailfragen zur Durchführung des Völkermords, die bis heute nicht geklärt sind, weil die Türkei den Zugang zu Quellen beschränkt", bedauert Dr. Medardus Brehl vom Institut für Diaspora- und Genozidforschung der Ruhr-Universität Bochum.

Denn über die Bewertung der Ereignisse sind Türken und Armenier bis heute mehr als uneins. Die Türkei sieht die Ereignisse nicht als Völkermord mit dem Ziel einer Vernichtung des armenischen Volks auf türkischem Boden, sondern als eine Umsiedelungsaktion mit tragischen Folgen. Die osmanische Regierung habe aus strategischen Gründen keine andere Wahl gehabt, als die Armenier umzusiedeln. Die Toten seien jedoch Opfer des Ersten Weltkriegs, nicht der Umsiedelung oder eines Genozids.

Internationale Debatte um den Begriff "Völkermord"

Dem widersprechen Armenier und internationale Forscher. Sie berufen sich dabei auf historische Dokumente aus dem Osmanischen Reich sowie Berichte von ausländischen Diplomaten. "Das läßt sich nicht mehr durch militärische Rücksichten rechtfertigen", berichtete zum Beispiel der deutsche Generalkonsul Johann Mordtmann seiner Regierung. "Es handelt sich vielmehr, wie mir [der jungtürkische Innenminister] Talaat Bej vor einigen Wochen sagte, darum die Armenier zu vernichten." Deutschland wusste, dass es der osmanischen Regierung nicht um eine Umsiedelung, sondern um die Vernichtung der Armenier ging. Man griff jedoch nicht ein. "Die vorgeschlagene öffentliche Koramierung [Schelte] eines Bundesgenossen während laufenden Krieges wäre eine Maßregel, wie sie in der Geschichte noch nicht dagewesen ist", schrieb der Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg Ende 1915. "Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht." Deutsche Offiziere oder Diplomaten, die sich gegen Verbrechen an den Armeniern stellten, blieben die Ausnahme.

Historiker sind sich einig über die Bewertung der Ereignisse als Völkermord. "Einen Streit in der Wissenschaft gibt es nicht. Dass es sich um einen Völkermord – also um bestimmte Handlungen, die in der Absicht begangen wurden, die Gruppe der Armenier als solche ganz oder teilweise zu zerstören – handelt, wird von keinem ernstzunehmenden unabhängigen Wissenschaftler in Zweifel gezogen", sagt der Historiker Dr. Brehl.

Von der Politik jedoch werden die Ereignisse unterschiedlich bewertet. Mehr als 20 Staaten bezeichnen die Ereignisse von 1915 offiziell als Genozid im Sinne der UN-Völkermordkonvention von 1948. Andere Staaten verurteilen die Verbrechen, lehnen es jedoch ab, von einem Völkermord zu sprechen. Das Europäische Parlament hat in mehreren Beschlüssen seit 1987 erklärt, die Anerkennung des Völkermords durch die Türkei sei eine Voraussetzung für den EU-Beitritt.

Der Deutsche Bundestag verabschiedete 2005 einen Antrag, der die Türkei aufforderte, sich zu dem Massaker zu bekennen, und die Rolle des Deutschen Reichs bedauerte. Von einem "Völkermord" wurde jedoch nicht gesprochen. 2010 bat die Fraktion Die Linke die Bundesregierung um eine Stellungnahme zum Thema. Die Regierung antwortete mit dem Hinweis, eine Bewertung sei der Wissenschaft vorbehalten; man begrüße jedoch die Aufarbeitungsbemühungen in der Türkei und in Armenien. "Auf der politischen Ebene wird aus Rücksichtnahme auf die Türkei aus bündnispolitischen oder wirtschaftspolitischen Gründen die Verwendung des Begriffs vermieden – teilweise auch auf sehr peinliche Art", urteilt Brehl. "In der Forschung ist die Verwendung des Begriffs 'Genozid' jedoch unumstritten."

Der Begriff "Völkermord" als Kritik am Türkentum

  • Der Journalist Murad Bayraktar; Rechte: WDR "Ein sehr emotionales Thema": Der Journalist Murad Bayraktar beobachtet die Stimmung in der Türkei.

Regelmäßig gibt es in der Türkei einen Aufschrei, wenn andere Staaten vom "Völkermord an den Armeniern" sprechen. "Für türkische Politiker wäre es politischer Selbstmord, offiziell von einem Völkermord zu sprechen", sagt der türkischstämmige Journalist Murad Bayraktar. Er hat in Istanbul studiert und leitete von 2009 bis 2013 die türkische Redaktion der Radiosenders "Funkhaus Europa". "Die 'Geschehnisse von 1915', wie das in der Türkei heißt, sind ein sehr emotionales Thema. Den Völkermord zugeben heißt für viele Türken, Kritik am Türkentum zuzulassen. Und das kommt dem Versuch gleich, die nationale Einheit zu zerstören." Eine Einheit, die seit der Gründung der Republik durch Atatürk vielen Türken heilig ist.

"Die Motivation der Türkei, den Völkermord zu leugnen, ist schlicht national- und identitätspolitisch", sagt auch der Historiker Medardus Brehl. "Der moderne türkische Nationalstaat ist zu einem erheblichen Teil Ergebnis einer genozidal verlaufenden Bevölkerungshomogenisierung in Kleinasien: Die Staatsgründer wollten einen türkisch dominierten Staat ohne Bevölkerungsgruppen wie Armenier, Griechen oder syrisch-orthodoxe Aramäer. Daher kam es zu Übergriffen. Und das passt nicht ins Selbstbild der Türkei." Zudem, fügt Brehl hinzu, hätten viele Politiker aus den ersten Jahren der Republik, die heute noch in der Türkei verehrt würden, selbst zur Führungselite der Jungtürken gehört. Auch deswegen würden Äußerungen über den Völkermord als Landesverrat gelten.

Für junge Türken in Deutschland, so der Journalist Murad Bayraktar, gebe es eine Chance, den Wert einer umfassenden historischen Aufarbeitung zu erkennen. "Weil Deutschland seit Jahrzehnten den Völkermord an den Juden im Zweiten Weltkrieg aufarbeitet, hat diese Art der Beschäftigung mit Geschichte hier Tradition", so Bayraktar. "Türken, die in Deutschland zur Schule gehen, lernen, wie man sich mit solchen Themen ehrlich auseinandersetzt. Gerade deswegen ist es so wichtig, dass türkische Menschen in Deutschland gute Bildungschancen bekommen."

Beginn einer Aufarbeitung in der Türkei

  • Porträt de türkischen Ministerpräsidenten Erdogan; Rechte: imago Recep Tayyip Erdogan setzte sich 2005 für die Retsaurierung einer armenischen Kirche ein.

Auch in der Türkei gibt es inzwischen erste Aufarbeitungsbemühungen. Die Beziehungen zwischen Armenien und der Türkei haben sich in den vergangenen Jahren etwas verbessert. 2005 beispielsweise setzte sich der damalige türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan für die Restaurierung einer 1000 Jahre alten armenischen Kirche ein – ehemals ein Zentrum armenischer Kultur. "Wir erleben eine langsame Öffnung", berichtet Murad Bayraktar. "In Zeiten von Globalisierung und Internet können vielen Türken nicht mehr leugnen, dass 1915 Schreckliches passiert ist." Ausstellungen, Bücher und Historikerkonferenzen thematisieren inzwischen die Massaker an den Armeniern. Unterschriftenkampagnen erreichen breitere Bevölkerungsschichten. Und auch der tragische Tod Hrant Dinks hat viele Türken aufgerüttelt. Zehntausende nahmen an seiner Beerdigung teil und setzen an jährlichen Gedenktagen ein Zeichen gegen Nationalismus und die Leugnung der "Großen Katastrophe", wie die Armenier selbst den Völkermord nennen. Eine Stiftung in Dinks Namen organisiert Schüler- und Journalistenaustausche zwischen der Türkei und Armenien und stärkt den zivilgesellschaftlichen Dialog.

Am Ziel angekommen ist die Türkei dabei allerdings noch nicht. "In der offiziellen Politik hat sich nichts geändert", sagt Medardus Brehl. "Das Thema ist Tabu. Viele Türken wissen Bescheid, ohne darüber zu sprechen." Eine geforderte armenisch-türkische Historikerkommission zur Erforschung der Geschehnisse von 1915 wird von den Armeniern abgelehnt, da die türkische Regierung den Tatbestand des Völkermords nicht anerkennt. Sie fordert, dass zunächst erst einmal bewiesen werden müsse, dass es sich um einen Völkermord handele. "Es passt in die Strategie der Türkei, ihre rigorose Leugnungspolitik auf einer anderen Ebene fortzusetzen: Man tut so, als könnte man mit einer Art Schiedsgericht über einen historischen Sachverhalt entscheiden", kritisiert der Genozidforscher. "Aber die Forderung nach einer neutralen Forschung ist ein Witz: Die gibt es bereits und sie hat festgestellt, dass es sich um einen Genozid handelt. Was viel wichtiger wäre, ist eine freie Forschung in der Türkei."

"Es geht oft einen Schritt vor, zwei Schritte zurück", sagt Murad Bayraktar. "Aber die türkische Bevölkerung ist nicht weltfremd oder unbelehrbar. Wir brauchen vor allem mutige Historiker – denn die Aufarbeitung wird geschehen."