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Hintergrund: Interview mit dem Filmemacher Osman Okkan

Ein Leben nach Hrant Dink?

Der 1947 in Ankara geborene Journalist und Filmemacher Osman Okkan befasst sich in seinen Dokumentarfilmen immer wieder mit der Kunst- und Kulturszene seines Heimatlandes. So drehte er 2009 einen Film über den 2007 von türkischen Nationalisten ermordeten armenischstämmigen Journalisten Hrant Dink, der sich für eine Versöhnung von Türken und Armeniern eingesetzt hatte. Der studierte Ökonom und Soziologe Okkan ist Initiator und Mitarbeiter mehrerer interkultureller Medien- und Kulturprojekte, unter anderem Gründer und Vorstandssprecher des KulturForums Türkei-Deutschland (www.das-kulturforum.de). Im Interview mit Planet Schule spricht er über die Hintergründe seiner Filmreihe "Menschenlandschaften – Sechs literarische Porträts in der Türkei", über die Situation türkischer Schriftsteller und den Kampf gegen Nationalismus und für Meinungsfreiheit.

In Ihrer Filmreihe "Menschenlandschaften" stellen Sie sechs Schriftsteller und Schriftstellerinnen der Vergangenheit und Gegenwart vor. Warum haben Sie gerade diese Schriftsteller ausgewählt?

  • Porträtfoto von Osman Okkan; Rechte: WDR Osman Okkan dreht die Filmreihe Menschenlandschaften.

Wir wollen mit unserer Filmreihe deutschsprachigen jungen Menschen einerseits die "modernen Klassiker" der türkischen Literatur wie Nazim Hikmet, Yasar Kemal und auch Orhan Pamuk näher bringen, andererseits einen Überblick über die unterschiedlichen Stilrichtungen der jüngeren Literatur verschaffen, in der immer mehr Frauen als Autorinnen in den Vordergrund rücken.

Alle sechs kamen auf die eine oder andere Weise in Konflikt mit dem türkischen Staat oder bestimmten politischen Gruppen in der Türkei. Wieso?

Schriftsteller gelten fast überall als unbequeme Zeitgenossen. Weil sie, wie fast alle Künstler, in der Regel die ersten sind, die sich in Wort und Schrift gegen Ungerechtigkeit und Missstände in ihrer Gesellschaft auflehnen.

In der Türkei galten bis vor kurzem sehr autoritäre Gesetze und die Öffentlichkeit war entsprechend aufgeheizt. So wurden viele Schriftsteller, Künstler und Journalisten als Landesverräter, Kommunisten oder Abtrünnige beschimpft, einige wurden getötet, viele mussten ins Gefängnis, manche wie Nazim Hikmet fast zwei Jahrzehnte lang.

Unser armenischstämmiger Kollege, der Journalist Hrant Dink, der sich der armenisch-türkischen Versöhnung gewidmet hatte, wurde im Januar 2007 vor dem Redaktionsgebäude seiner Zeitung AGOS in Istanbul von nationalistischen Killern erschossen.

Hat sich die Situation in den vergangenen Jahren verändert?

  • Porträtfoto von Hrant Dink während eines Interviews; Rechte: ddp Der armenischstämmige Journalist Hrant Dink wurde 2007 von türkischen Nationalisten ermordet.

In den letzten Jahren wurden – hauptsächlich im Zuge der Annäherung an die EU-Normen – einige Gesetzestexte liberalisiert, wie Orhan Pamuk auch in unserem Film feststellt. Es kam zu einem folgenreichen Bruch. Einige der bisher als Tabu geltenden Themen kann man heute viel offener diskutieren als noch vor wenigen Jahren: zum Beispiel die Gleichberechtigung der Kurden, Armenier, Griechen und anderer Minderheiten. Von einer vollständigen Presse- und Meinungsfreiheit kann aber immer noch nicht die Rede sein. Das haben wir im Herbst 2010 bei der willkürlichen Inhaftierung des Kölner Schriftstellers Dogan Akhanli erlebt. Obwohl er im Dezember 2010 wieder auf freien Fuß gesetzt wurde – das Verfahren dauert immer noch an.

Wie waren die Dreharbeiten mit den noch lebenden Schriftstellerinnen und Schriftstellern? Merkt man ihnen an, dass sie wegen ihrer Bücher in der Türkei verfolgt werden?

Die Dreharbeiten haben uns insgesamt viel Spaß gemacht, weil alle, die wir begleiten durften, gerne mitgemacht und sich für längere Interviews zur Verfügung gestellt haben. In unseren Filmen können wir natürlich nur die wichtigsten Ausschnitte präsentieren. Andererseits mussten wir von Fall zu Fall die staatlich bestellten Bodyguards einiger Schriftsteller austricksen, bevor wir ungestört drehen konnten: Seit dem Mord an Hrant Dink versuchen die Sicherheitsbehörden, durch Begleitschutz ähnliche Attentate zu verhindern. Dies führt aber in manchen Fällen natürlich dazu, dass sich die Schriftsteller nun durch die Anwesenheit ihrer Beschützer etwas beengt fühlen.

Nationalismus in der Türkei: Der berüchtigte Paragraf 301

Im Paragrafen 301 des türkischen Strafgesetzbuchs wurde bis 2008 die "Herabsetzung des Türkentums" unter Strafe gestellt. Warum wurde dieser Paragraf von der internationalen Gemeinschaft als Bedrohung der Meinungsfreiheit kritisiert und schließlich von den türkischen Gesetzgebern geändert?

  • Bei einer Militärparade guckt ein Soldat aus seinem Panzer heraus, im Hintergrund ein Bild von Kemal Atatürk; Rechte: imago Vor allem im Militär und im Justizapparat sind nationalistische Kräfte stark vertreten.

Es liegt auf der Hand, dass solche schwammigen Begriffe in den Gesetzbüchern nur dazu dienen, jegliche Kritik an der türkischen Gesellschaft, vor allem aber am türkischen Staat und an der türkischen Armee im Keime zu ersticken. Dieser Paragraf erwies sich vollends als ein Skandal, als vor einigen Jahren hintereinander eine Reihe von Schriftstellern und Journalisten vor Gericht gezerrt wurde. Am Ende wurden zwar viele freigesprochen, aber der armenischstämmige Journalist Hrant Dink wurde zu einer sechsmonatigen Haftstrafe verurteilt. Durch diese Entscheidung der Justizorgane galt er in den Augen einiger Nationalisten als vogelfrei. Als er kurz danach auf offener Straße liquidiert wurde, beriefen sich die nationalistischen Kreise ausdrücklich auf dieses Urteil.

Welche Rolle spielt Nationalismus heute in Politik und Gesellschaft der Türkei?

Das Osmanische Reich, das am Ende des Ersten Weltkrieges auseinanderbrach, war ein Vielvölkerstaat. Neben der muslimischen Mehrheit lebten dort viele ethnische und religiöse Minderheiten. Der Gründer der türkischen Republik, Kemal Atatürk, versuchte, aus den Überresten des Osmanischen Reiches einen rein türkischen Nationalstaat zu formen. Große Bevölkerungsgruppen wurden benachteiligt, dazu gehören mehrere Millionen Kurden, aber auch die christlichen Minderheiten. Die Kurden waren sogar fast 80 Jahre lang ihrer Sprache beraubt. Bis vor wenigen Jahren durften sie auf öffentlichen Plätzen kein Kurdisch sprechen!

Heute befindet sich der staatlich verordnete Nationalismus, der mal extrem nationalistische, mal kemalistische oder laizistische Züge annimmt, in vielen Bereichen im Rückzug. Stark vertreten sind die nationalistischen Kräfte traditionell in der Armee und im Justizapparat; gerade in diesen Bereichen erleben wir die hartnäckigsten reaktionären Bestrebungen. Sie äußern sich in hasserfüllten Tiraden, mit denen man versucht, das Recht der Kurden auf ihre Muttersprache zu untergraben, aber auch in völlig willkürlichen Prozessen gegen oppositionelle Autoren und Journalisten.

Türkische Tabus: Konflikte mit Armeniern und Kurden

Warum ist die Kurdenfrage noch heute ein Reizthema in der Türkei?

  • Kurdische Frauen protestieren in ihrer Tracht und mit kurdischen Fahnen für die Freilassung des PKK-Chefs Öcalan; Rechte: dpa Die Rechte der Kurden wurden in der Türkei jahrzehntelang missachtet, auch heute sind sie noch nicht gleichberechtigt.

Das hat in erster Linie mit der Ideologie und der Umsetzung des "türkischen Nationalstaates" zu tun, der seit der Gründung der Republik 1923 von den kemalistischen Eliten als ein "rein türkischer Staat" interpretiert wurde. So wurde dem kurdischen Volk bis vor kurzem seine Sprache und seine Kultur verboten; andere Minderheiten wie die Alewiten, aber auch christliche Bevölkerungsgruppen, mussten ebenfalls Repressalien über sich ergehen lassen.

In den letzten Jahren gab es eine Reihe von sichtbaren Schritten, wie zum Beispiel die Einrichtung kurdischsprachiger Radio- und Fernsehsender, die das praktische Ende dieser sinnlosen Verbote einläuteten. Allerdings ist man noch weit entfernt von einem gleichberechtigten Zustand der Freiheit und Demokratie.

Besonders sensibel ist es auch, in der Türkei von einem "Völkermord" an den Armeniern zu sprechen. Warum?

Es ist offenkundig, dass Menschen wie Völker nicht immer freiwillig zu ihren Fehlern in der Vergangenheit stehen. Deutschland hat diese schwere Aufgabe vorbildlich gelöst, was den Holocaust und Kriegsverbrechen angeht. Anderen Staaten, die keinen Krieg verloren haben, fällt eine ehrliche und offene Auseinandersetzung mit den Verbrechen in ihrer Vergangenheit sehr schwer, vor allem wenn sie, wie die türkische Gesellschaft, durch einen strukturell aufgesogenen Nationalismus traumatisiert sind.

Wie ist die Menschenrechtslage in der Türkei heute?

Viele Bereiche in der türkischen Gesellschaft und Politik sind voller Widersprüche: In den letzten Jahren gab es eine Reihe von Gesetzesänderungen, ja Reformen, die die Grenzen der Presse- und Meinungsfreiheit etwas erweiterten. So kann zum Beispiel die Tageszeitung "Taraf", die von einem jungen und engagierten Team herausgegeben wird, mit ihrer fundierten und sehr kritischen Berichterstattung viele staatliche Stellen, darunter die Armee und die Regierung, oft zu Korrekturen zwingen. Andererseits gibt es immer noch Oppositionelle, vor allem Schriftsteller, Journalisten und Künstler, die wegen ihrer Gesinnung und Meinungsäußerung von eifrigen Staatsanwälten penibel verfolgt und zum Teil verurteilt werden.

Zwischen Kultstatus und Kampf ums Überleben: Künstler in der Türkei

Können Schriftsteller und Künstler heute in der Türkei ihre Meinung frei äußern, ohne Repressalien befürchten zu müssen?

Es gibt eine Reihe von Repressalien, juristische und mediale Fallen, auf die man achten muss, um nicht von besonders eifrigen Staatsanwälten vor Gericht zitiert zu werden; und dennoch wagen es viele, wie die in unserer Reihe vorgestellten Schriftsteller und Schriftstellerinnen, ihre Meinung öffentlich kund zu tun, immer mehr ohne die berühmte Schere im Kopf!

Natürlich gibt es in der Türkei nicht nur Nationalismus und Verfolgung, sondern auch moderne, demokratisch orientierte Strömungen. Wie werden die porträtierten Schriftsteller und Schriftstellerinnen in der Türkei rezipiert?

  • Asli Erdogan läuft auf einer Straße Istanbuls; Rechte: WDR Asli Erdogan, eine der porträtierten jungen Schriftstellerinnen, die in der Türkei eine Art Kultstatus genießen.

Nazim Hikmet, Yasar Kemal und mittlerweile auch Orhan Pamuk sind sehr populär; in der Tat könnte man sie als Klassiker der zeitgenössischen Literatur bezeichnen, vielleicht gemeinsam mit Aziz Nesin und Sait Faik, die in diesem Zusammenhang erwähnt werden sollten. Elif Safak und Asli Erdogan sind zwei sehr unterschiedliche junge Schriftstellerinnen, die eine Art Kultstatus genießen. Murathan Mungan ist mit seiner poetischen Sprache und seinen vielfältigen Ausdrucksformen von Romanen bis zu eindringlichen Gedichten, Theaterstücken und Songtexten vor allem bei der Jugend sehr beliebt.

Die von Ihnen porträtierten Schriftsteller haben sehr unterschiedlich auf die Verfolgungen reagiert. Welche Folgen haben Repressalien für die Literatur- und Kunstszene?

Die Folgen haben in den letzten Jahren vor allem die Karikaturisten zu spüren bekommen, die den Premierminister in Gestalt mehr oder weniger sympathischer Tiere – Katzen, Pinguine oder ähnliches – gezeichnet hatten; sie wurden mit Beleidigungsklagen überzogen. Vor allem Journalisten und Schriftsteller spüren die Grenzen der Meinungsfreiheit, denn sie müssen sich nach ihrem Selbstverständnis laufend zu politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen äußern. Umso bemerkenswerter ist es, dass durch den ständigen Kampf seitens der Kunst- und Kulturschaffenden der Freiraum immer größer wird.

Warum ist es weiterhin notwendig, dass Schriftsteller in der Türkei sich kritisch äußern können? Was haben die Worte der Schriftsteller bisher bewirkt?

Es ist vor allem ihr Verdienst, was wir heute in der politischen Wirklichkeit in der Türkei beobachten können: dass die Grenzen der künstlerischen und schriftstellerischen Freiheiten im Vergleich zu den vergangenen Jahren stetig erweitert werden konnten, dass die Benennung der gesellschaftlichen Missstände und Widersprüche nicht mehr mit Hilfe von Gummiparagrafen als Landesverrat eingestuft werden können.

Was wäre notwendig, um die Menschenrechtslage in der Türkei zu verbessern? Was kann die internationale Gemeinschaft und was können wir in Deutschland tun?

Eine gute Voraussetzung wäre ein besseres Verständnis der gesellschaftlich-politischen Situation in der Türkei – also möglichst zuverlässige Informationen über die heutige Situation und den Hintergrund. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass in der türkischen Gesellschaft neben der türkisch-sunnitischen Mehrheit eine Vielzahl von religiösen und ethnischen Bevölkerungsgruppen lebt, die Gleichberechtigung einfordert. Wir erleben zur Zeit einen erbitterten Frontenkampf: Da ist zum einen die muslimisch-konservative Regierung, die paradoxerweise im Zuge der EU-Annäherung mehrere Gesetzesänderungen durchsetzen konnte, die zu mehr Meinungsfreiheit geführt haben. Auf der anderen Seite kämpft die kemalistisch-nationalistische Elite gegen die Erweiterung der Rechte von Minderheiten und gegen einen EU-Beitritt der Türkei.

Es hilft viel, durch solide Informationen die Widersprüche in der heutigen Türkei besser zu verstehen und sich mit Menschen zu solidarisieren, die für mehr Demokratie und Menschenrechte einsetzen. Wir hoffen sehr, dass unsere Filmreihe dazu einen Beitrag leisten kann!