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Hintergrund: Die Kurden - Volk ohne Staat

Was macht einen Kurden zum Kurden?

  • Kurdisches Bergdorf im Iran; Rechte: Mauritius Die Kurden: ein Volk in den Bergen.

Die genaue Herkunft des kurdischen Volkes ist nicht geklärt. Im Mittelalter wurde der Begriff "Kurd" für Nomadenstämme benutzt, die weder Araber noch Türken waren. Sie hatten im westlichen Taurusgebirge sowie den östlichen Ausläufern der Zagrosberge ihre Heimat. Dieses Kurdengebiet ist sehr gebirgig und schwer zugänglich, allerdings existieren dort auch Erdölvorkommen sowie große Wasservorräte. Das machte und macht die Gegend auch für die Nachbarvölker interessant.

Eine einheitliche kurdische Sprache gibt es nicht. Es gibt drei Hauptgruppen, die miteinander verwandt, aber dennoch sehr verschieden sind. Wer nur eine dieser Sprachen spricht, kann sich nicht mit Sprechern der anderen Sprachen verständigen. Auch geografisch lässt sich Kurdistan nicht genau definieren. Das Siedlungsgebiet wird nicht nur von Kurden, sondern auch von vielen anderen Ethnien bevölkert, während viele Kurden auch außerhalb der kurdischen Gebiete leben. Eine Karte Kurdistans, die von allen Völkern der Region akzeptiert würde, existiert nicht.

Selbst über die Bevölkerungsanzahl gibt es keine genauen Angaben. Ein Großteil der Kurden lebt heute in der Türkei, im Iran und im Irak, aber auch in Armenien, Aserbaidschan und Syrien gibt es kurdische Minderheiten. Offizielle Zahlen existieren nicht beziehungsweise stehen unter Manipulationsverdacht. Die Schätzungen variieren zwischen 20 und 40 Millionen. Trotz fehlender einheitlicher Sprache und genau umrissener Grenzen haben die Kurden im Laufe der Jahrhunderte eine eigene Identität entwickelt. Diese beruht einerseits auf den historischen Wurzeln im nomadischen Stammeswesen, andererseits auf der Unterdrückung und Fremdherrschaft, denen sie immer wieder ausgesetzt waren und noch sind.

Stammeswesen von großer Bedeutung

  • Moschee in einem kurdischen Dorf; Rechte: Mauritius Die meisten Kurden sind Moslems.

Die größtenteils unzugängliche geografische Lage der kurdischen Siedlungsgebiete hatte große Auswirkungen auf die soziale und wirtschaftliche Lage der dort lebenden Menschen. Die Gebiete ließen und lassen sich nur schwer kontrollieren. Durch die Unwegsamkeit des Geländes blieben die Menschen dort lange von der Außenwelt abgeschnitten, wirtschaftlicher und kultureller Austausch gestaltete sich schwierig. Die großen Handelsrouten machten einen Bogen um die Gegend, in der auch heute noch Ackerbau und Viehzucht die größte wirtschaftliche Bedeutung haben.

Die Kurden waren jahrhundertelang im Stammeswesen organisiert. Insgesamt wurden knapp 500 verschiedene Stämme gezählt, die untereinander wenig gemein hatten. Je nach Interessenlage verbündete man sich, aber auch scharfe Rivalitäten, etwa wegen Weiderechten, kamen vor. Nicht selten steigerten sich solche Konflikte zu Blutfehden, in denen ein Stamm kollektiv Rache an einem anderen übte. Besonders die Nomadenstämme, die einen Großteil der Kurden ausmachten, waren nicht an einer zentralisierten Organisation interessiert und schotteten sich ab.

Durch arabische Feldzüge und Expeditionen verbreitete sich ab dem 7. Jahrhundert nach Christus der Islam im kurdischen Gebiet. Er wurde zur beherrschenden Religion, der Ende des 20. Jahrhunderts fast alle Kurden angehören. Etwa 80 Prozent von ihnen sind sunnitischen Glaubens, doch es gibt auch Schiiten, Aleviten und Christen unter ihnen. Der Einfluss der religiösen Führer wuchs im Laufe der Zeit, ab dem 19. Jahrhundert hatten diese oft mehr Macht und Autorität als die Stammesführer.

Unter dem Einfluss des Osmanischen Reichs

  • Eine Gruppe kurdischer Nomaden; Rechte: akg Auch heute leben noch manche Kurden als Nomaden.

Im 16. Jahrhundert wuchs das Interesse der benachbarten Großreiche an den Kurdengebieten. Die Safawiden, die Persien beherrschten, und die Osmanen versuchten, dort die Herrschaft zu übernehmen. Besonders die schiitischen Safawiden gingen hart gegen die Kurden vor. Nicht zuletzt religiöse Motive spielten eine Rolle, dass die größtenteils sunnitischen Kurden sich an die ebenfalls sunnitischen Osmanen hielten und ihnen Waffenhilfe leisteten. Das wurde belohnt: Die Kurden durften 16 Fürstentümer gründen, die sie autonom verwalten konnten. Dafür mussten sie Tribut an die Osmanen zahlen und ihnen im Kriegsfall beistehen.

Drei Jahrhunderte lang blieb diese Konstellation weitgehend bestehen. Mit dem beginnenden Kollaps des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert traten Reformen in Kraft, die den Einfluss der lokalen Machthaber schwächten. Aufgrund der Staatsschulden wuchs der Einfluss anderer Staaten, vor allem Russlands, Frankreichs und Englands, auf die osmanische Politik. So unterstanden etwa die christlichen Nachbarn der Kurden in Armenien einem besonderen Schutz der Großmächte. Es kam verstärkt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Christen, gegen die deren europäische Schutzherren beim osmanischen Sultan protestierten. Als Folge führte dieser Strafexpeditionen gegen kurdische Stämme durch.

Das Verhältnis der Kurdenstämme zum Osmanischen Reich verschlechterte sich rapide, immer wieder wurden Aufstände initiiert. Diese wurden im Nachhinein verklärt als erste Versuche, einen Nationalstaat Kurdistan zu gründen. Die meisten Historiker gehen allerdings davon aus, dass die einzelnen Stämme dabei jeweils nur ihre eigenen Interessen verfolgten.

Kurze Hoffnung auf einen eigenen Staat

Im Ersten Weltkrieg schlug sich das Osmanische Reich auf die Seite der Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn. Die Kriegsgegner England, Frankreich und Russland versuchten das Osmanische Reich von innen anzugreifen, indem sie den nichttürkischen Volksgruppen die Unabhängigkeit versprachen. Nach der Niederlage der Mittelmächte und ihrer Verbündeten wurde im Friedensvertrag von Sèvres die Landkarte in Kleinasien und im Nahen Osten neu gestaltet. Das Osmanische Reich musste einen Großteil seiner Gebiete abgeben. Kurdistan wurde die Autonomie zugesichert, wenn auch in einem deutlich kleineren Gebiet. So wurde die erdölreiche Region um Mosul unter britisches Mandat gestellt. Die Kurden sollten ein Jahr Zeit bekommen, um dem Völkerbund den Nachweis ihrer Staatsfähigkeit zu erbringen. Doch so weit kam es nicht, denn der Friedensvertrag wurde nie umgesetzt.

Schon kurz nach der Kapitulation des Osmanischen Reiches erstarkten die Widerstandsbewegungen im Land. General Mustafa Kemal bündelte die Kräfte und führte als Atatürk die türkische Nationalbewegung an. Im Osten drängte er die Armenier zurück, im Westen entschied er den Krieg mit Griechenland für sich. Der neugegründete türkische Staat wurde im Vertrag von Lausanne von den Alliierten akzeptiert. Die Kurden, immerhin die größte Minderheit im Land, wurden in dem Vertrag nicht erwähnt. Von einem eigenen Staat war keine Rede mehr, ihr Gebiet wurde zwischen der Türkei, dem Irak und dem Iran aufgeteilt.

Fremdherrschaft und Unterdrückung

  • Ein Bild Kemal Atatürks zwischen zwei türkischen Fahnen; Rechte: akg Staatsgründer Atatürk richtete die Türkei als Nationalstaat aus.

Die Kurden in den neu gegründeten Staaten Türkei, Irak, Iran und später auch in Syrien sahen sich mehr oder minder starken Repressalien ausgesetzt. Der türkische Staatsgründer Atatürk richtete 1923 die Türkische Republik nach westlichem Vorbild aus. Ein Hauptbestandteil des neuen Staates war die Trennung von Kirche und Staat, der Einfluss des Islams auf Politik und Rechtssystem wurde stark eingeschränkt. Dadurch sahen sich viele Kurden in ihren religiösen Gefühlen verletzt. Die Skepsis und Ablehnung wuchs angesichts von Atatürks Plan, aus dem Vielvölkerstaat des Osmanischen Reiches einen türkischen Nationalstaat zu machen. Griechen, Armeniern und Juden wurden aufgrund ihrer Religion Minderheitenrechte zugestanden, den größtenteils islamischen Kurden nicht.

Der türkische Staat versuchte auf verschiedene Art und Weise, die Kurden zu assimilieren. So war der Gebrauch der kurdischen Sprache lange Zeit öffentlich verboten, genauso wie kurdische Medien und kurdische Schulen. Selbst bestimmte traditionelle Bekleidungen durften von den "Bergtürken", so eine gebräuchliche Bezeichnung, nicht länger getragen werden. Außerdem wurde versucht, die Bevölkerungsstruktur in den Kurdengebieten zu ändern. Kurdische Bewohner wurden deportiert, Türken angesiedelt.

Zugeständnisse ab den 1990er Jahren

  • Der PKK-Vorsitzende Abdullah Öcalan wurde 1999 in der Türkei inhaftiert; Rechte: dpa Öcalan steht in Handschellen vor der türkischen Fahne.

Unter dem Einfluss des Kommunismus und aufgrund der teilweisen Auflösung der dörflichen Stammesstrukturen bildeten sich in den 1960er und 1970er Jahren illegale kurdische Arbeitervereine. Besonders die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gewann viele Anhänger. Ihr Vorsitzender Abdullah Öcalan erklärte auch Terroranschläge und Sabotage ab Mitte der 1980er Jahre zu Mitteln im Unabhängigkeitskampf. Die türkische Regierung schlug mit aller Macht zurück, stellenweise glich die Situation einem Bürgerkrieg. Schätzungen zufolge starben mehr als 40.000 Menschen in diesem Konflikt, der auch im neuen Jahrtausend nicht beigelegt ist.

Mit der Annäherung der Türkei an die Europäische Union hat sich die Lage der Kurden allerdings etwas verbessert. So darf ab den 1990er Jahren wieder öffentlich Kurdisch gesprochen werden, zum Teil wurden auch kurdische Privatschulen legalisiert. Später wurden auch kurdische Medien zugelassen, allerdings standen und stehen diese unter strenger Beobachtung. Trotz der Zugeständnisse schwelt der Konflikt weiter in dem Land, in dem Schätzungen zufolge zwischen 8 und 14 Millionen Kurden leben.