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Hintergrund: Louis Braille und die Blindenschrift

Valentin Haüy: Gründer der ersten Blindenschule

  • Ein schwarz-weißes Holzstich-Porträt von Valentin Haüy. Valentin Haüy gründete die erste Blindenschule Europas; Rechte: AKG

Valentin Haüy, geboren 1745, machte eine klassische Ausbildung an der Sorbonne. Er interessierte sich vor allem für Sprachwissenschaften und lernte Latein, Russisch, Griechisch und Hebräisch. Nach Abschluss seines Studiums wurde er Lehrer in Paris. Hier formte sich sein Entschluss, mit Blinden zu arbeiten. Auslöser für diesen Wunsch war ein Erlebnis in Paris. Auf einem Straßenfest gab es eine neue Attraktion: Blinde des Qinze-Vingts-Hospice, die mit Narrenkappen auf Musikinstrumenten spielten, die sie nicht kannten, und natürlich war das Ergebnis ein grauenhaft schlechtes Konzert. Haüy war entsetzt darüber, dass man die Blinden so zum Gespött der Leute machte.

  • Ein Gemälde zeigt Napoleon Bonaparte auf einem weißen Pferd sitzend in Uniform. Napoleon entließ Haüy als Direktor der Blindenschule; Rechte: AKG

Haüy wollte eine Schule speziell für Blinde einrichten. Sein großes Vorbild dafür war Abbé Charles-Michel de l'Epée, der 1760 eine Schule für Taubstumme gegründet hatte. So wie Abbé l'Epée einen Weg gefunden hatte, mit taubstummen Kindern zu kommunizieren, wollte Haüy eine Möglichkeit finden, Blinden das Lesen beizubringen. 1784 gründete er in Paris das Institut für junge Blinde. Zunächst hatte er nur zwölf Schüler, denen er nicht nur Lesen, Schreiben und den üblichen Schulstoff beibrachte, sondern auch Stricken, Spinnen, Buchbinden und sogar das Buchdrucken.

Haüy entwickelt 1786 auch eine Blindenschrift: Bei seiner Reliefschrift wurden mit einer eisernen Feder spiegelverkehrt Schriftzeichen in dickes Papier eingeritzt. Doch das Ertasten dieser Schriftzeichen stellte sich als kompliziert und zeitraubend heraus. Außerdem waren die Bücher durch die Reliefschrift sehr dick.

1791 wurde das Institut vom Staat übernommen. Mit dem Beginn der Revolution ging es aber mit der Blindenschule bergab. Der Unterricht wurde gekürzt und schließlich wurde Haüy 1802 von Napoleon Bonaparte als Direktor entlassen. Er versuchte sein Glück zuerst in Berlin und dann in St. Petersburg, kehrte aber ohne großen Erfolg 1821 nach Paris zurück. Nachdem er dort seinen Posten als Direktor wieder aufnehmen durfte, starb er ein Jahr später, im März 1822. Mit dem Pariser Blindeninstitut ging es bald wieder bergauf. Auch heute besuchen viele junge Blinde diese Schule und lernen so, ein (fast) normales Leben zu führen.

Die Geschichte des Louis Braille

  • Ein Porträt des Erfinders der Blindenschrift: Louis Braille. Louis Braille um 1920; Rechte: AKG
  • Gedenkblatt mit einem Porträt Louis Brailles und dem Blindenschrift-Alphabet. Gedenkblatt zum 100. Todestag von Braille; Rechte: AKG

Am 4. Juni 1809 wird Louis Braille in Coupvray bei Paris geboren. Er ist das vierte Kind des Sattlers Simon Rene Braille. Als er mit vier Jahren in der Werkstatt seines Vaters spielt, verletzt er sich mit einem Werkzeug schwer am Auge. Das Auge entzündet sich und die Infektion greift auch das unverletzte Auge an. Louis erblindet vollständig. Weil er aber ein aufgeweckter, intelligenter Junge ist, darf er die Dorfschule besuchen. Mit zehn Jahren bekommt Louis ein Stipendium für die erste Blindenschule der Welt, das Pariser Blindeninstitut.

Am Pariser Blindeninstitut lernt Braille die vom Artilleriehauptmann Charles Barbier entwickelte Nachtschrift kennen. Diese Schrift, die aus elf Punkten besteht, soll dazu dienen, dass Soldaten auch im Dunkeln Nachrichten übermitteln können. Braille vereinfacht und verbessert diese Schrift und stellt 1825 sein System der sechs erhabenen Punkte vor.

Braille arbeitet schon als er selbst noch Schüler ist als Hilfslehrer. 1828 wird Braille Lehrer am Blindeninstitut. Nebenbei erfindet er, da er selbst Orgel spielt, 1839 eine Notenschrift für Blinde. Seine Sechs-Punkte-Schrift kann sich jedoch lange nicht durchsetzen, vor allem, weil es eine eigenständige Schrift ist, die nur Blinde lesen können. Der neue Direktor des Blindeninstituts verbietet Brailles Schrift sogar, weil er der Auffassung ist, dass die Blinden sich durch eine Schrift, die den Sehenden unbekannt ist, isolieren würden. Als Braille mit 27 Jahren Werke eines englischen Dichters öffentlich in seiner Schrift abschreibt und vorliest, glauben die meisten, dass er die Texte einfach auswendig gelernt hat. Am 6. Januar 1852 stirbt Louis Braille an den Folgen einer Tuberkulose. Erst nach seinem Tod konnte sich seine Schrift auch international durchsetzen.

Eine Schrift für Blinde

  • Ein Mann liest mit den Fingern einen Text in Brailleschrift. Ein Braillezeichen besteht aus bis zu sechs Punkten; Rechte: mauritius
  • Drei Würfel zeigen die Zahl 6. Braille-Schriftzeichen sind wie die 6 auf einem Würfel angeordnet; Rechte: mauritius

Die Brailleschrift besteht aus sechs Punkten. Wenn man das Leerzeichen dazu zählt gibt es 64 Möglichkeiten, die Punkte anzuordnen. Normalerweise sind Braillezeichen zwischen sechs und sieben Millimetern hoch und vier bis fünf Millimeter breit. Am Computer kommen oft noch zwei weitere Punkte hinzu, sodass man eine Acht-Punkte-Brailleschrift hat. Die Computerschrift hat 256 Kombinationsmöglichkeiten. Außerdem gibt es noch eine Mathematikschrift, eine Chemieschrift, eine Musikschrift und eine Schachschrift.

Jede Sprache hat ihre eigenen Bedeutungen für die verschiedenen Kombinationen. In der deutschen Sprache gibt es drei unterschiedliche Formen der Punktschrift. Diese unterscheiden sich aber nur in der Schreibweise der Wörter, Satzzeichen oder Zahlen sind immer gleich. Großschreibung gibt es in der Brailleschrift normalerweise nicht. Falls doch etwas groß geschrieben werden soll, steht vor dem Wort ein Hilfszeichen, das sagt: Achtung, dieses Wort ist groß geschrieben.

Die Basisschrift ist wie die Schrift der Sehenden, alle Buchstaben werden einzeln geschrieben. Sie wurde lange Zeit nicht verwendet, aber seit 1998 gibt es sie wieder. In der Vollschrift werden die Buchstabenkombinationen au, äu, ch, ei, eu, ie, sch und st zu jeweils einem Zeichen zusammengefasst. Die häufigste Punktschrift heute ist aber die Kurzschrift. Hier werden noch mehr Lautgruppen zusammengefasst. Zeichen können auch unterschiedliche Bedeutung bekommen, je nachdem wo sie im Wort stehen. Mit der Kurzschrift kann ein Blinder viel schneller Lesen und die Schrift nimmt viel weniger Platz weg. Groß verändern kann man die Punktschrift nicht, weil neue Leser dann gar keinen Zugang zu schon gedruckten Büchern hätten.

Blindsein in der modernen Welt

  • Eine blinde Frau liest in einem Supermarkt eine Beschilderung in Blindenschrift. Ein Etagenplan in Blindenschrift in einem Supermarkt; Rechte: Uwe Meinhold/ddp
  • Eine blinde Frau sitzt an ihrem speziellen Computer, mit dessen Tastatur sie in Blindenschrift lesen und schreiben kann. Auch am Computer können Blinde problemlos arbeiten; Rechte: Kai-Uwe Knoth/ddp

Auch heute ist die Brailleschrift für blinde Menschen das wichtigste Medium. Nach Angaben des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes gab es im Jahr 2007 rund 145.000 Blinde in Deutschland. Damit sie sich überall problemlos zurechtfinden können, gibt es mittlerweile auch in den meisten öffentlichen Bereichen Punktschriftsymbole, zum Beispiel in Aufzügen, an Automatentastaturen, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder auf Arzneimittelpackungen.

Auch am Computer können Blinde heute arbeiten. Damit dies so einfach wie möglich wird, gibt es zum einen Sprachausgabeprogramme, die alles vorlesen, was auf dem Bildschirm angezeigt wird. Dabei tauchen aber Probleme auf: So bereiten die vielen Grafiken auf Internetseiten Schwierigkeiten, da die Programme nur Wörter erkennen können. Auch beherrscht die Sprachsoftware oft nur eine Sprache, sodass fremdsprachige Texte nicht gelesen werden.

Neben der Sprachsoftware gibt es aber noch eine Möglichkeit: Die Braillezeile. Die Braillezeile ist so etwas wie eine Tastatur für Blinde. Sie wird an den Computer angeschlossen und stellt die Zeichen auf dem Bildschirm in der Computer-Brailleschrift, also mit acht Punkten, dar. Braillezeilen können je nach Modell 20, 40 oder 80 Zeichen anzeigen. An den Zeichen befinden sich kleine Steuertasten, mit denen man den Bildausschnitt verschieben oder ein bestimmtes Wort anklicken kann. Braillezeilen sind meist genauer als Sprachprogramme, weil sie direkt wiedergeben, was auf dem Bildschirm steht, ohne dass eine Software erst interpretieren muss. Daher sind Braillezeilen oft sinnvoller, wenn man zum Beispiel die Rechtschreibung überprüfen will, denn ein Sprachprogramm müsste das Geschriebene Buchstabe für Buchstabe buchstabieren. In der Anschaffung sind solche Braillezeilen aber sehr teuer, weil nur ganz wenige hergestellt werden. Eine Zeile mit 80 Zeichen kostet mehr als 10.000 Euro.