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Hintergrund: Die Historie der Anatomie

Altertum: Die Anfänge der Anatomie

  • Fünf Männer stehen an einem Tisch, einer von ihnen schneidet den Bauch der Leiche vor ihnen auf. Historische Sektion - Wie funktioniert der Mensch? Wie sieht er von innen aus? Rechte: AKG
  • Marmorskulptur von Aristoteles' Kopf. Aristoteles: Philosoph und der berühmteste Arzt der Antike; Rechte: AKG

Tierkadaver zerschnippeln und Menschenleichen aufschlitzen: Was eklig klingt, fasziniert seit eh und je. Wie ist der Körper aufgebaut? Wie sieht ein Mann von innen aus? Wie funktioniert die Maschine Mensch? Die Anatomie, die Wissenschaft vom Bau der Lebewesen, sucht und liefert seit Jahrhunderten Antworten. Die Historie dieser Disziplin ist geprägt von Forscherdrang und Schaulust, von kirchlichen Verboten und staatlichen Vorbehalten: "Aus der Neugier heraus, 'unter die Haut' schauen zu können und zu dürfen, ist die Anatomie entstanden", schreibt Kai Budde, Oberkonservator am Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim. "Doch bei all dieser Neugier (…) existierte auch die Scheu, den von Gott geschaffenen Körper aufzuschneiden, in einen Teil der Schöpfung einzudringen."

Hippokrates (460-370 vor Christus), der berühmteste Arzt der Antike, befasste sich mit der Anatomie eher theoretisch als praktisch. Dabei war er selbst Chirurg. Anders der antike Philosoph Aristoteles (384-322 vor Christus): Er sezierte sogar Tiere.

Sammelpunkt griechischer Heilkundler und neugieriger Forscher wurde die ägyptische Hafenstadt Alexandria: Hier wurde etwa 300 vor Christus die Universität "Museion" gegründet. Sektionen an Tieren und Menschen waren üblich. Einer der bekanntesten Anatomen jener Zeit war Herophilos von Chalkedon (um 340 vor Christus). Er und sein Nachfolger Erasistratos (um 320 vor Christus) sollen auch lebendige Menschen seziert haben.

Spätantike: Galenus veröffentlicht das Wissen seiner Zeit

  • Ein Kupferstich aus dem 16. Jahrhundert zeigt den spätantiken Anatom Claudius Galenus im Profil. Claudius Galenus: Anatom und Mediziner der Spätantike brachte sein Wissen zu Papier; Rechte: AKG

Claudius Galenus (129-199 nach Christus) wurde der bedeutendste Anatom und Mediziner der Spätantike: Er studierte in Alexandria Medizin, war in seiner Heimatstadt Pergamon Gladiatorenarzt, praktizierte später in Rom. In einer Enzyklopädie fasste er das damalige Anatomie-Wissen zusammen, die gesamte wissenschaftliche Medizin des griechisch-römischen Altertums. 15 Bücher "Über die anatomische Untersuchung" und 17 Bücher "Über den Nutzen der Körperteile" sind von Galenus bekannt. Da seinerzeit in Rom keine Menschen seziert werden durften, öffnete er Affen und Schweine und übertrug deren Anatomie auf den Menschen.

Galenus erstellte auch ein medizinisches Konzept: die Humoralpathologie (Lateinisch: Humor für Körperflüssigkeiten, Pathologie für Krankheitslehre). Alle Krankheiten seien auf eine fehlerhafte Zusammensetzung der damals bekannten vier Körpersäfte Blut, schwarze Galle, helle Galle und Schleim zurückzuführen – umgekehrt sei der Körper bei einem harmonischen Zusammenspiel gesund.

Nach dem Tod von Galenus wurde dessen Werk jahrhundertelang immer wieder abgeschrieben. Seine Lehren beherrschten mehr als ein Jahrtausend fast uneingeschränkt die Medizin. "Die Scholastiker des Mittelalters maßen Galens Ausführungen eine fast bibelartige Autorität zu", so Kai Budde.

Mittelalter: Die Mär vom Sezierverbot der Kirche

  • Druckgrafik von Papst Innozenz III aus dem 13. Jahrhundert. Papst Innozenz III. setzte das kirchliche Sezierverbot durch; Rechte: AKG

642 wurde Alexandria von Arabern eingenommen. Der arabische Kulturkreis übernahm die hellenistisch-spätantike Anatomie und übersetzte deren Schriften ins Arabische. Die Übersetzungen gelangten im Mittelalter an europäische Klöster und Universitäten, dort wurden sie wiederum ins Lateinische übersetzt.

"Es gab jedoch kein explizites kirchliches Sezierverbot", sagt Thomas Schnalke, Direktor des "Medizinhistorischen Museums der Charité" in Berlin. Es gebe lediglich drei Schriften, die im Nachhinein als Sezierverbot der Kirche ausgelegt wurden. Erstens untersagte 1130 das Konzil von Clermont Mönchen, als Ärzte zu arbeiten. "Das hatte aber nichts mit Anatomie zu tun", so Schnalke. Zweitens veröffentlichte 1215 Papst Innozenz III. in einer Enzyklika den Satz: "Die Kirche vergießt kein Blut." Dieser richtete sich Schnalke zufolge gegen die ärztliche Praxis am Patienten, also gegen Blutiges wie Aderlass und Amputation. Außerdem traf dies lediglich Ärzte, die an kirchlich geprägten Universitäten ausgebildet wurden, und nicht Chirurgen, die in Barbierstuben ihr Handwerk lernten oder Okkultisten, Bruchoperateure und Zahnbrecher. Drittens ging um 1300 Papst Bonifatius VIII. mit der Bulle "De sepultris" gegen den Handel mit Leichen vor. Jedoch nicht, um Sektionen zu verhindern, sondern um eine Tradition zu unterbinden, die die Kirche als Leichenschänderei bezeichnete: Die Kreuzfahrer skelettierten ihre gefallenen Mitstreiter, kochten die Knochen aus und schickte diese in die Heimat.

Spätes Mittelalter: Die Kirche unterstützt Forscher

  • Kupferstich von Papst Alexander V. Papst Alexander V. bestimmte, dass sein Körper nach dem Tod seziert werden darf; Rechte: AKG

Zunächst wurden an Universitäten keine Menschen seziert, um nicht in Verruf zu kommen. Die Kirche konnte eine Sektion jedoch erlauben. Bezeichnenderweise ging zuerst die päpstliche Universität von Bologna von Tiersektionen zur Öffnung menschlicher Leichen über. Henri de Mondeville soll 1315 zwei Frauen seziert haben; womöglich war aber doch Mondino di Luzzi 1316 der erste, der in Bologna einen Menschen geöffnet hat. Die Päpste Sixtus IV. und Clemens VII. erlaubten im 15. Jahrhundert, dass in Padua und Bologna auch Studenten Menschenleichen öffnen durften. Papst Alexander V. ließ sich nach seinem Tod 1410 sogar selbst sezieren. In Bologna wurden Sektionen sogar in den Räumen der Kirche durchgeführt, da es dort kühl genug war, um die Verwesung der Leichen zu verlangsamen.

Im 14. Jahrhundert waren Sektionen üblich geworden. Doch schon im 15. Jahrhundert sezierten angehende Ärzte und Anatomen nur noch einmal während ihres Studiums eine Leiche. Die Studienobjekte waren Tote, denen nach Auffassung der Kirche kein ehrenvolles Begräbnis zustand: Gehenkte, Enthauptete, Selbstmörder. Die wenigen neuen Erkenntnisse über den Körper des Menschen wurden über Bücher in Europa verbreitet. All die Jahrhunderte ging es bei Sektionen "hauptsächlich darum, die Lehrmeinungen zu bestätigen, keinesfalls zu hinterfragen oder eigene Beobachtungen aufzuschreiben", schreibt Budde.

16. Jahrhundert: Vesal revolutioniert die Disziplin

  • Titelbild eines anatomischen Tafelwerks von 1722. Andreas Vesal veröffentlichte das erste anatomische Tafelwerk; Rechte: AKG
  • Blick von vorne auf den Seziertisch im ersten medizinischen Hörsaal der Welt. Teatro Anatomico in Padua - eines der ersten anatomischen Theater; Rechte: AKG

Im 16. Jahrhundert beeinflussten die Renaissance und die humanistische Philosophie die anatomische Lehrmeinung. Andreas Vesal (1514-1564), der Wegbereiter der neuzeitlichen Anatomie, widerlegte die antiken Schriften von Galenus. Der Flame sezierte Menschenleichen auf eigene Art und entdeckte dabei viele Unstimmigkeiten im Vergleich zu dem von Galenus beschriebene Körperbau. 1538 veröffentlichte Vesal das erste anatomische Tafelwerk "Tabulae anatomicae". Vesal las als Professor für Chirurgie auch nicht mehr aus den Werken von Galenus vor, sondern sezierte tote Menschen vor den Augen seiner Studenten, die alles aufzeichnen mussten. Der Flame geriet jedoch selbst in die Kritik: Er soll Galenus demontiert haben.

1551 übersetzte ein Nürnberger Wundarzt Vesals Werk: "Anatomia zu deudsch – ein kurtzer Aufzug der beschreibung aller glider menschlichs Leybs …" wurde das erste deutsche Anatomie-Buch. Dann kamen in ganz Europa die Anatomen aus den Leichenkellern: Die ersten anatomischen Theater wurden gebaut: 1588 in Basel, 1594 in Padua, 1597 in Leiden. In diesen amphitheaterähnlichen Hörsälen lehrten die Anatomen und demonstrierten alles an Leichen. Daraufhin wurden öffentliche Sektionen zum unterhaltenden Gesellschaftsereignis. Während des Karnevals wurden Leichenschauen gar zum mehrtägigen Volksfest.

17. und 18. Jahrhundert: Descartes und Leonardo

  • Diese Zeichnung von Descartes zeigt das Schema, wie eine Sinnesempfindung von der Zehe über Nerven zum Gehirn gelangt. René Descartes stellte den menschlichen Körper als Maschine dar; Rechte: AKG
  • Skizze von Föten in verschiedenen Stellungen, darum herum Notizen. Skizze eines Fötus - Leonardo da Vinci hielt alle neuen Erkenntnisse fest; Rechte: AKG

Der Mensch als Maschine, so stellte sich René Descartes (1596-1650) den menschlichen Körper und sein Funktionieren vor. Die Diskussion darüber heizte der französische Mathematiker und Philosoph mit zwei Werken an: "Die Prinzipien der Philosophie" (1644) und "Über den Menschen" (1662).

Im 17. Jahrhundert wurde die Anatomie eine eigenständige Medizinwissenschaft und unterteilte sich erstmals in Fachgebiete. Anatomen suchten bei Sektionen nun auch nach Veränderungen der Organe, denn mittlerweile war bekannt, dass derartige Veränderungen Krankheiten verursachen können. Zudem entstanden die ersten kunstvollen Anatomie-Präparate. Sie wurden in privaten und öffentlichen Kabinetten ausgestellt und zogen viele Besucher an. Der Amsterdamer Anatom und Künstler Frederick Ruysch (1638-1731) war dafür bekannt, Leichen besonders lebensgetreu zu konservieren.

Dann tauchten im 18. Jahrhundert die anatomischen Studien des Universalgenies Leonardo da Vinci auf. Der italienische Künstler und Anatom hatte bereits im 15. Jahrhundert im Verborgenen Präparate studiert und mehr als 30 Leichen seziert. Jeden Schritt hielt er in Skizzen und Notizen fest. "Doch der Einfluss auf die Anatomen seiner Zeit war so gut wie Null", sagt Medizinhistoriker Schnalke. "Es ist enttäuschend, wie wenig von seinem Werk als Impuls in der Medizin ankam." Es habe zwischen Leonardo und den Anatomen einfach keine Überschneidung gegeben – so wie im alten Ägypten Mumifizierer und Ärzte sich nicht ausgetauscht hätten.

Anatomie heute

  • Eine Frau betrachtet ein Plastinat, bei dem der Oberkörper einer Leiche in drei Lagen aufgeteilt wurde. Plastinat aus einer echten Leiche: Die Ausstellung "Körperwelten" geht unter die Haut; Rechte: dpa/Patrick Pleul

Heutzutage muss jeder Medizinstudierende am Präparierkurs teilnehmen: Ein, zwei Semester lang werden Leichen seziert, um die Anatomie des menschlichen Körpers am praktischen Beispiel statt nur aus den Lehrbüchern kennen zu lernen. Auch im Alltag begegnet uns die Anatomie ständig: Beim Arzt hängen Schautafeln an der Wand, im Fernsehen werden ständig Autopsien gezeigt, und es gibt immer wieder Anatomie-Ausstellungen. Die größte Aufmerksamkeit zog die Ausstellungsserie "Körperwelten" des deutschen Anatomen Gunther von Hagens auf sich. Diese Wanderausstellung zeigt seit 1995 menschliche und tierische Exponate, die nach einem bestimmten Verfahren, der Plastination, hergestellt wurden – und für Aufregung und Diskussion sorgten.