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Hintergrund: Diabetes – eine Volkskrankheit

Ein Name – viele Gesichter

  • Ärztin misst bei einem Mann Blutdruck. Die Zahl der neu diagnostizierten Diabeteserkrankungen steigt stetig an; Rechte: Mauritius
  • Ein Junge bekommt Insulin in die Bauchdecke gespritzt. Auch immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter Diabetes; Rechte: dpa

Nach Schätzungen der Internationalen Diabetes Föderation litten im Jahr 2007 rund 246 Millionen Menschen weltweit an der Zuckerkrankheit, wie sie im Volksmund auch genannt wird. Allein in Deutschland werden täglich 1000 Diabetiker neu entdeckt – Tendenz steigend.

Die Weltgesundheitsorganisation, WHO unterscheidet vier verschiedene Ausprägungen dieser Krankheit. Beim Diabetes-Typ 1 zerstört das körpereigene Abwehrsystem diejenigen Zellen, die das Insulin produzieren. Insulin ist ein lebenswichtiges Hormon, es fördert die Aufnahme von Glukose aus dem Blut in die Körperzellen und senkt auf diese Weise den Blutzuckerspiegel. Weil an dieser Form des Diabetes häufig Kinder und junge Menschen erkranken, wird er auch als jugendlicher oder juveniler Diabetes bezeichnet. Zirka fünf Prozent aller Diabetiker leiden an dieser Form. Rund 90 Prozent aller Zuckerkranken erkranken am Diabetes-Typ 2 - in Deutschland sind das mehr als fünf Millionen Menschen. Experten schätzen, dass es tatsächlich mehr als sieben Millionen Menschen sind, da die Krankheit oft unerkannt bleibt. Beim Diabetes-Typ 2 reagieren die Körperzellen nicht mehr empfindlich genug auf das Insulin. Weil die Sensibilität der Körperzellen herabgesetzt ist, kann die Glukose nicht mehr in dem Maße, in dem es erforderlich wäre, von der Zelle aufgenommen werden. Die Folge: Der Blutzuckerspiegel steigt. Weil sich der Diabetes-Typ 2 meistens erst nach dem 40. Lebensjahr bemerkbar macht, wurde er früher auch als Altersdiabetes oder Alterszucker bezeichnet. Allerdings leiden heute auch immer mehr junge Menschen an dieser Ausprägung.

Eine Sonderform des Diabetes ist der Typ 3. Ausgelöst wird er unter anderem durch seltene genetische Defekte, Medikamente und durch hormonelle Störungen. Dann gibt es noch den Schwangerschaftsdiabetes, der bei rund fünf Prozent aller werdenden Mütter auftritt. Die WHO spricht auch vom Diabetes-Typ 4. Diese Form des Diabetes verschwindet in der Regel nach der Geburt wieder. Wird dieser Typ der Zuckerkrankheit nicht behandelt, kann das unter anderem zu Frühgeburten und Atemproblemen beim Neugeborenen führen. Bei Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes ist das Risiko hoch, später auch am Diabetes-Typ 2 zu erkranken.

Oft erforscht und immer noch voller Rätsel

  • Großaufnahme eines Mannes, der eine Zigarette zum Mund führt und raucht. Auch Raucher haben ein erhöhtes Risiko, an Diabetes zu erkranken; Rechte: ddp
  • Frau, die sich eine Insulin-Spritze in den Bauch setzt. Eine Insulin-Therapie hilft gegen die schwerwiegenden Begleiterkrankungen; Rechte: dpa

Kaum eine Krankheit steht so im Zentrum der Forschung wie Diabetes. Trotzdem wissen die Fachleute noch lange nicht alles über die Zuckerkrankheit. Fest steht, dass beim Diabetes-Typ1 genetische Faktoren eine große Rolle spielen. Doch nicht alle Menschen, die erblich vorbelastet sind, werden auch tatsächlich krank. Oft bringen zum Beispiel Virusinfektionen die Krankheit zum Ausbruch. Zudem erhöht fett- und zuckerreiche Ernährung das Risiko.

Auch beim Typ 2 Diabetes ist Vererbung ein wichtiger Faktor. Mittlerweile sind zehn verschiedene genetische Varianten bekannt, die die Krankheit auslösen können. Wenn ein Elternteil betroffen ist, liegt die Wahrscheinlichkeit des Kindes, an Diabetes Typ 2 zu erkranken bei mehr als 25 Prozent und ist damit um einiges höher als beim jugendlichen Diabetes. Wenn dann noch Übergewicht, Rauchen, Bewegungsmangel und hoher Blutdruck dazu kommen, nimmt das Risiko weiter zu.

Auch der Schwangerschaftsdiabetes wird durch eine entsprechende genetische Belastung begünstigt. Sind die Frauen dann noch übergewichtig, steigt die Wahrscheinlichkeit weiter. Unabhängig davon, welcher Diabetes Typ vorliegt: Wer weiß, dass er betroffen ist, sollte so schnell wie möglich mit der Behandlung beginnen, denn je länger die Krankheit dauert, desto schwerwiegender sind ihre Folgen. Mit einer guten Therapie können die Begleiterkrankungen hinausgezögert oder sogar ganz verhindert werden. Wenn ein Diabetes nicht behandelt wird, kommt es unter anderem zu Impotenz und Schädigungen der Netzhaut. Zu den Begleiterkrankungen gehören auch Durchblutungsstörungen, offene Stellen an Füßen und Beinen, Schlaganfälle, Herzinfarkte und Nierenversagen.

Insulin und Co.

  • Frau, die ein Glas Wasser trinkt. Ein großes Durstgefühl kann ein erstes Anzeichen für eine Diabeteserkrankung sein; Rechte: Mauritius
  • Ein Mann kontrolliert in einer Fabrikhalle die Anlage zur Insulinherstellung Heute wird Insulin in großen Produktionsanlagen gentechnisch hergestellt; Rechte: dpa

Grundsätzlich gilt: Wer seinen Diabetes in den Griff bekommen möchte, muss den Blutzucker regulieren. Typ 1 Diabetiker brauchen dazu immer Insulin, bei Typ 2 Diabetikern reichen manchmal schon Tabletten aus. Die Medikamente sorgen dafür, dass der Blutzuckerspiegel sinkt. Je nach Präparat greifen dabei ganz unterschiedliche Mechanismen. Einige Mittel bewirken, dass das Insulin wieder besser von den Körperzellen aufgenommen wird. Andere können die Produktion des Hormons beeinflussen und haben so Einfluss darauf, dass wieder mehr Insulin freigesetzt wird. Insulin ist ein Hormon, das von den Langerhansschen Inseln produziert wird - das sind bestimmte Zellen in der Bauchspeicheldrüse.

Es ist unter anderem nötig, damit die Glukose von den Körperzellen aufgenommen wird. Wird zu wenig oder gar kein Insulin ausgeschüttet, steigt der Zuckergehalt im Blut an. Bei zu hohem Blutzuckerspiegel muss der Körper versuchen, die erhöhten Werte zu senken. Der Blutzucker wird dabei über den Urin ausgeschieden. Menschen, die an Diabetes leiden, müssen deshalb oft auf die Toilette und haben ein großes Durstgefühl. Das gestörte Gleichgewicht wirkt sich außerdem auf den Energiehaushalt im Körper aus. Langfristig wird deshalb Fettgewebe abgebaut und der Patient verliert an Gewicht. Wird ein Diabetes nicht behandelt kann er im Extremfall zum Tod führen.

Früher wurde Insulin aus den Bauchspeicheldrüsen von geschlachteten Rindern oder Schweinen gewonnen. Das ist heute nicht mehr gängige Praxis, denn mittlerweile kann man es mit Hilfe der Gentechnik produzieren. Dazu wird das Insulin-Gen isoliert und in bestimmte Bakterien oder Hefen eingebracht. Bei der Vermehrung, die unter kontrollierten Bedingungen in speziellen Produktionsanlagen stattfindet, entsteht unter anderem Insulin, das herausgefiltert werden kann. In den meisten Fällen wird das Insulin gespritzt. Forscher arbeiten zudem an einem Insulinpräparat, das inhaliert werden kann. Inhalierbares Insulin war bereits auf dem Markt, wurde dann aber wieder zurückgezogen, auch deshalb weil es sehr teuer und nicht gut zu dosieren war.

Neue Therapien

  • Eine Laborantin arbeitet mit einer Pipette in der Hand im Labor. Die Forschungen für die Diabetes-Behandlung laufen auf Hochtouren; Rechte: Keystone
  • Arzt gibt einem Jungen eine Spritze in den Oberarm. Das Impfverfahren gegen Diabetes Typ 1 wird derzeit an Patienten erprobt; Rechte: dpa

Relativ neu sind zwei Medikamente für den Diabetes-Typ2. Die beiden Präparate, die den Blutzuckerspiegel senken, haben Einfluss auf die Inkretine – das sind gewisse Hormone, die während des Essens im Darm ausgeschüttet werden. Beide Mittel wirken jedoch nicht mehr, wenn die Patienten schon lange mit Insulin behandelt worden sind. Die Langzeitwirkungen sind noch nicht erforscht. Die Wissenschaftler hoffen, dass die neuen Mittel auch dabei helfen können, die Zellen, die eigentlich das Insulin produzieren zu retten oder vielleicht sogar zu vermehren.

Außerdem arbeiten Wissenschaftler daran, wie man die Entstehung von Diabetes verhindern kann. Relativ neu ist eine Impfung gegen den Diabetes-Typ 1. Sie soll verhindern, dass das körpereigene Abwehrsystem diejenigen Zellen zerstört, die das Insulin produzieren. Eine ganz andere Form der Behandlung beim Diabetes-Typ1 ist die Stammzelltransplantation. Dabei werden das Immunsystem und die Antikörper durch eine Chemotherapie komplett vernichtet. Dann werden diese Stammzellen gefiltert und wieder in den Blutkreislauf gegeben. Diese Therapie, die unter anderem bei Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder multipler Sklerose eingesetzt wird, ist allerdings umstritten. Noch weiß niemand, welche Langzeitfolgen die Behandlung haben kann. Letztendlich kommen fast alle Wissenschaftler zum selben Schluss: Die Symptome der Diabetes können zwar gelindert werden, aber ein Allheilmittel ist nicht in Sicht.

Diabetes weltweit

  • Mann mit dickem Bauch im Profil. Übergewicht und zu wenig Bewegung steigert die Diabetesrate weltweit; Rechte: Action press
  • Obst auf einer Arbeitsplatte. Im Hintergrund schneidet eine Frau eine Limone. Gesunde, abwechslungsreiche Lebensmittel sind nicht für alle Menschen bezahlbar; Rechte: Mauritius

Auch in ärmeren Ländern leiden immer mehr Menschen an Diabetes. Nach Schätzungen der WHO wird es im Jahr 2025 weltweit 333 Millionen Diabetiker geben. Wissenschaftler gehen davon aus, dass bald achtzig Prozent aller Zuckerkranken in Entwicklungs- und Schwellenländern leben. Viele Gesundheitsexperten sprechen deshalb von einer Epidemie. Afrika, mit Ausnahme der subsaharischen Länder, ist ebenso betroffen wie Indien und Südasien.

Schuld sind vor allem kalorienreiches Essen, Rauchen, Alkohol und immer weniger Bewegung. Weil die Betroffenen oft nichts von ihrer Krankheit wissen, wird sie auch nicht therapiert. In Afrika zum Beispiel sterben zehnmal soviel Menschen an Diabetes wie in Großbritannien. Und selbst wenn die Patienten behandelt werden, gibt es für sie in den Entwicklungsländern nur einfachste Medikamente.

Besonders anschaulich wird das Problem in Nauru, einem kleinen Inselstaat im südlichen Pazifik. Fast jeder zweite leidet dort heute an Diabetes. Bis in die 1920er Jahre war die Krankheit in Nauru weitgehend unbekannt - bis der Wohlstand kam. Gerade im Hinblick auf die Entwicklungsländer plädieren Gesundheitsexperten für mehr Aufklärung, sie wünschen sich zum Beispiel gezielte Kampagnen und Ernährungsprogramme gegen Übergewicht. Vor allem aber fordern sie, dass gesunde Lebensmittel für alle bezahlbar werden.

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