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Hintergrund: Wälder im Sturm

„Lothar“ - das Ereignis 1999

  • nach „Lothar“ (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) Kahlschlag durch „Lothar“ im Schwarzwald.

Am 26. Dezember 1999 suchte Orkan „Lothar“ Frankreich, Süddeutschland und die Schweiz heim. Er verwüstete in nur zwei Stunden in Baden-Württemberg viermal soviel Wald wie zehn Jahre zuvor die Stürme Vivian und Wiebke innerhalb von vier Tagen. Die Wucht der Windwalze traf, aus Frankreich kommend, mittags den Schwarzwald. Als die Windgeschwindigkeit auf dem Feldberg 212 Stundenkilometer überschritt, fiel das Windmessgerät aus. „Lothar“ zog nach Osten und riss Wälder um Stuttgart und Tübingen und auf der Schwäbischen Alb nieder. Seit über 200 Jahren hatte es eine solche Katastrophe in Baden-Württemberg nicht gegeben.

Sturmwurfanfälligkeit der Bäume

Die Untersuchungen der Sturmwurf-Standorte nach den Orkanen zeigten, dass die Sturmwurfanfälligkeit der Bäume von verschiedenen Faktoren abhängt. Einige dieser Faktoren seien hier genannt:

  • Zum einen ist die Exponiertheit entscheidend. Bäume auf Kuppen sind besonders gefährdet.
  • Die Bestandshöhe ist ein wichtiger Faktor, da die Windgeschwindigkeit mit der Höhe über dem Boden zunimmt.
  • Darüber hinaus ist entscheidend ob es sich um Nadel- oder Laubbäume handelt. Ein Grund dafür ist, dass zur Zeit der häufigsten Stürme, im Winter, die Laubbäume ihre Blätter abgeworfen haben und mit der nun geringeren Oberfläche weniger „Angriffsfläche“ für den Sturm bieten. Fichten sind besonders anfällig wegen ihrer geringen Wurzeltiefe.
  • Auch die Bestandsstruktur spielt eine wichtige Rolle. Mehrschichtige Bestände sind widerstandsfähiger als einschichtige, vermutlich weil sie den Wind besser abbremsen können.
  • Vermutet wird außerdem ein Zusammenhang zwischen zunehmender Bodenversauerung und zunehmender Sturmanfälligkeit. Bodenversauerung ist ein natürlicher Prozess, der aber in den letzten Jahrzehnten durch anthropogene Schadstoffeinträge stark beschleunigt wurde. Da Bodenversauerung insbesondere das Feinwurzelwachstum stört, kann davon ausgegangen werden, dass auch die Sturmfestigkeit der Bäume beeinträchtigt wird.

Wiederbewaldung

  • junger Mischwald (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) Auf den Lichtungen entsteht ein artenreicher Mischwald.

Die Wiederbewaldung der entstandenen Sturmwurfflächen ist Aufgabe des Waldbaus. Vivian, Wiebke und „Lothar“ hatten forstpolitische Auswirkungen, denn über 70% der geworfenen Bäume waren Nadelbäume. Die Orkane werden gelegentlich als „Katastrophen für eine naturgemäße Waldwirtschaft“ bezeichnet, denn man wendet sich von den ehemals als gewinnträchtig erachteten Forsten ab hin zu naturnahen, standortgerechten Wäldern. Auf etwa 50% der Sturmwurfflächen plant man Nadelbaummischbestände mit Fichte, Tanne und Buche. Auf knapp 50% sind Laubwaldmischbestände geplant mit Buchen und Eichen. Etwa 2% der gesamten Sturmwurfflächen werden - für Forschungszwecke - ganz der natürlichen Sukzession überlassen. Aus ökonomischen und ökologischen Gründen soll der Großteil der Flächen durch Naturverjüngung wiederbewaldet werden. Gegebenenfalls wird - um die geplanten Baummischungen zu erreichen -. regulierend eingegriffen. Naturverjüngung bedeutet, dass die neuen Waldbestände aus "übriggebliebenen Jungbäumen" der Vorbestände und durch das Auskeimen von Samen aus dem Samenreservoir des Oberbodens und der eingetragenen Samen aus Nachbarbeständen entstehen. Die Zusammensetzung der einzelnen neu entstehenden Bestände hängt von verschiedenen Faktoren ab, z.B. von den Standorteigenschaften, von der Vegetation vor dem Windwurf und von dem Eingreifen des Menschen. Ein grobes allgemeingültiges Muster der Waldsukzession, das nach Forschungen auf Kahlschlag- und Windwurfflächen ausgemacht werden kann, sieht folgendermaßen aus:

  • Im ersten Jahr dominieren eingewanderte einjährige Kräuter mit flugfähigen Samen, wie z.B. das Weidenröschen.
  • Spätestens im zweiten Jahr kommen weitere Konkurrenten dazu, z.B. Tollkirsche, Fingerhut, Greiskraut und Engelwurz.
  • Spätestens im dritten Jahr zeigen sich Gehölze, die entweder zoochor (durch Tiere) oder anemochor (durch den Wind verbreitet) einwandern, oder aus dem Samenreservoir des Bodens austreiben. Himbeere, Holunder, Hasel und Heckenkirsche beherrschen zumeist das Bild. Durch Beschattung werden Kräuter verdrängt.
  • In den Folgejahren machen sich zunehmend Birken, Ebereschen, Kiefern und Erlen breit. Damit wird der Standort immer mehr beschattet, was zur Verdrängung der Lichtholzarten führt.
  • Unter gleichbleibenden Umweltbedingungen und ohne menschliche Einwirkungen erreicht die Sukzession im Laufe vieler Jahrzehnte das Klimaxstadium (Endstadium der Sukzession), in dem in Mitteleuropa Buchen und Eichen dominieren. Insgesamt darf als charakteristisch für die Waldsukzession angesehen werden, dass die Entstehung vieler neuer ökologischer Nischen große Artenvielfalt der Tiere und Pflanzen zur Folge hat. Es entsteht eine Vernetzung der tierischen und pflanzlichen Populationen durch gegenseitige Beziehungen und Beziehungen zur übrigen Umwelt. Das führt zu stabilen Strukturen.
  • Waldkauz (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

    Waldkauz und Reh finden in naturbelassenen Sturmwurfflächen ...

  • Reh (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

    ... günstigere Lebensbedingungen als in Fichtenmonokulturen.

Borkenkäfer

  • abgestorbene Fichten (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) Durch Borkenkäferbefall abgestorbene Fichten.

Borkenkäferarten sind sogenannte „sekundäre“ Schädlinge, d.h. sie finden nur in kränkelnden und absterbenden Bäumen günstige Entwicklungsbedingungen. Durch Windwurf, Schneebruch oder Immissionen geschwächte Nadelbäume (meist Fichten) können als Brutstätte dienen, von denen bei günstigen Witterungsverhältnissen und ausreichend Brutmaterial (z.B. nach Katastrophen wie dem Orkan „Lothar“, 1999) eine Massenvermehrung (Kalamität) ausgehen kann. Die Käferpopulation steigt dann so stark an, dass auch gesunde und vitale Bäume durch den Massenangriff absterben können. Der Borkenkäfer ist somit zu einem „primären“ Schädling geworden. Der Buchdrucker (Ips typographus) gehört zu den Borkenkäfern. Er gilt als einer der gefährlichsten Schädlinge für Fichtenwälder. Der erwachsene Käfer ist rund 5 mm lang und dunkelbraun gefärbt. Er brütet in der Rinde, hinterlässt also keine Fraßgänge im Holz. Er ist einer der wenigen Borkenkäfer, die bei günstigen Bedingungen ausgeprägt zu Massenvermehrungen neigen und Waldbestände gefährden können. Der Buchdrucker befällt praktisch ausschließlich Fichten. Normalerweise besiedelt er kranke, gestresste oder frisch gefallene Bäume. Gesunde Fichten können anfliegende Borkenkäfer durch Harzfluss abwehren. Sind aber die Käferdichten extrem hoch, können die Tiere auch anscheinend gesunde oder nur vorübergehend geschwächte Bäume besiedeln. Dies geschieht, indem Pioniermännchen fliegend nach geeigneten Brutbäumen suchen, sich einbohren und eine sogenannte Rammelkammer für die Paarung ausheben. Nach der Paarung fressen die Weibchen das Brutsystem in die Rinde und legen Eier ab. Es entwickeln sich Larven und Jungkäfer, die durch intensiven Fraß unter der Rinde den Saftstrom in den Bäumen unterbrechen. Die befallenen Bäume sterben ab. Neben dem Buchdrucker gilt der Kupferstecher als Fichtenschädling; der „Waldgärtner“ befällt Kiefern, der Große Lärchenborkenkäfer Lärchen.

Es stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, um solche Kalamitäten zu verhindern. Die wohl wichtigste Maßnahme ist der Umbau von Nadelholzreinbeständen in laubholzreiche Mischbestände, da sie wesentlich stabiler gegenüber abiotischen Schäden (Windwurf, Schneebruch etc.) sind. In Nadelholzbeständen sollte besonders in der Flugzeit der Borkenkäfer (April) verhindert werden, dass bruttaugliches Material zur Verfügung steht. Zu solchen Maßnahmen gehören z.B. die rechtzeitige Abfuhr gefallener Stämme oder deren Beregnung. Eine andere Möglichkeit ist das Aufstellen von Fallen während der Flugzeit der Borkenkäfer. Als Lockstoffe dienen nicht, wie allgemein angenommen Sexuallockstoffe sondern sog. Aggregationspheromone. Dieser Lockstoff wird vom Männchen beim Einbohren in das Holz freigesetzt und signalisiert der Population, also Männchen und Weibchen, das der Baum besiedelt werden kann. Diese Lockstofffallen können jedoch nur gegen den Buchdrucker und Kupferstecher eingesetzt werden.

10 Jahre nach Orkan Lothar

  • nach dem Sturm  (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)
  • nach dem Sturm (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung) Direkt nach dem Sturm 1999 ...

26. Dezember 1999. Von Westen her zieht der Orkan Lothar über Frankreich, Deutschland und die Schweiz hinweg und verwüstet ganze Landstriche. Die Gewalt des Orkans, die Schäden, die er anrichtet, bringen ihm die Bezeichnung „Jahrhundertsturm“ ein.

Mit hoher Geschwindigkeit bewegt sich Lothar ab 1 Uhr nachts von der Bretagne aus über Paris, Nancy und Straßburg Richtung Osten und erreicht im Lauf des Vormittags die Schweiz und Deutschland. Im Flachland werden Windgeschwindigkeiten bis zu 151 Kilometern pro Stunde gemessen (Karlsruhe), Bergstationen verzeichnen Extremwerte bis zu 272 Kilometern pro Stunde (Hohentwiel). Damit ist Lothar nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes der stärkste je im Binnenland verzeichnete Orkan.

Direkt durch den Sturm und später bei Aufräumarbeiten sterben etwa 110 Menschen, die meisten Opfer gibt es in Frankreich. Hunderte werden teils schwer verletzt. Neben sturmtypischen Schäden an Gebäuden, Leitungen und Verkehrsmitteln trifft es vor allem den Wald besonders stark: Durch umgeknickte Bäume kommen in den drei hauptsächlich betroffenen Ländern über 180 Millionen Kubikmeter Sturmholz zusammen. In Baden-Württemberg vernichtet der Orkan Wald auf einer Fläche von 30 000 bis 40 000 Hektar, schätzt das Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum. Einzelne Kahlflächen sind über 100 Hektar groß – zum Vergleich: Ein Fußballfeld hat eine Fläche zwischen 0,4 und einem Hektar. Eine erste Bestandsaufnahme nach dem Orkan zeigt: Betroffen sind vor allem Nadelholzbestände – insbesondere Fichten –, während Mischwälder die Naturkatastrophe besser überstanden haben. In vielen Gegenden beträgt die Schadholzmenge ein Mehrfaches des regulären jährlichen Holzeinschlags. In einer Untersuchung zu den Sturmfolgen errechnet die Münchener Rückversicherung einen volkswirtschaftlichen Gesamtschaden von 11,5 Milliarden Euro.Nach dem Orkan stehen die Forstverwaltungen vor zwei großen Problemen: der Aufarbeitung und Lagerung des Sturmholzes sowie der Wiederaufforstung. Da der Markt mit Sturmholz geradezu überflutet wird, empfiehlt die Landesforstverwaltung Baden-Württemberg beispielsweise eine Reihenfolge für verschiedene Baumarten, gestaffelt nach dem Wert des Holzes und der Lagerungsfähigkeit. So muss Bruchholz von Kiefer und Fichte wegen der Borkenkäfergefahr schnell aufgearbeitet werden, Bäume wie Douglasien oder auch Eichen können bis zu mehreren Jahren gelagert werden. Bei der Wiederaufforstung werden Lehren aus dem Orkan gezogen: Da Mischwälder Stürmen wesentlich besser widerstehen als beispielsweise Fichten-Monokulturen, werden auf den Sturmflächen vermehrt Mischwälder angelegt sowie Laubbäume in bestehende Nadelwälder gepflanzt. Als Folge von Lothar werden außerdem vermehrt Bannwälder ausgewiesen – die Sturmfolgen werden nicht beseitigt, der Wald wird sich selbst überlassen. In Baden-Württemberg gibt es inzwischen über 100 Bannwälder, die rund ein halbes Prozent der Waldfläche ausmachen. An ihnen lässt sich beobachten, wie eine Sturmwurffläche mit Tiere und Pflanzen neu besiedelt wird, wenn der Mensch nicht eingreift.

  • (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

    ...und 10 Jahre später.

  • (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

    Auf dem "Lotharpfad" können Spaziergänger beobachten, wie die Sturmschäden von der Natur allmählich behoben werden.