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Hintergrund: Flüsse im Korsett - Flussbegradigungen und Auswirkungen am Beispiel Oberrhein

06 Die Schlingenlösung und der Bau von Staustufen

  • Staustufe Iffezheim (Quelle: SWR - Screenshot aus der Sendung)

Der Bau der Schlingenlösung dauerte von 1961 bis 1970 und sah folgendermaßen aus: Zwischen Burkheim und Straßburg wurden im Rheinlauf vier Wehre bzw. Dämme errichtet. Sie sollten dafür sorgen, dass immer genügend Wasser im Flussbett ist und damit ein weiteres Absinken des Grundwasserspiegels verhindern. Außerdem wurden Schlingen (sogenannte Teilkanäle) mit jeweils einer Schleuse und einem Kraftwerk angelegt. Ansonsten blieb der „alte“ Rheinlauf bestehen. Das hatte den Vorteil, dass dem „Tullaschen Rheinlauf“ das Wasser nicht mehr vollständig entzogen wurde. Dennoch sank der Grundwasserspiegel auch hier ab und die Tiefenerosion des Flusses setzte sich fort. Durch den Bau von Staustufen wollte man der Tiefenerosion entgegenwirken. Sie entstanden bei Gambsheim und Iffezheim, beide mit eigenem Kraftwerk und natürlich Schleusen für die Schifffahrt.

07 Sümpfe zu Steppen

Einst hatten üppige Urwälder am Oberrhein vorgeherrscht. Es handelte sich um Auwälder. Diese gehören zu den artenreichsten Ökosystemen Europas. Diese Wälder waren auf viel Wasser und ständig eingeschwemmte Nährstoffe angewiesen. Die regelmäßigen Überflutungen brachten beides mit. Die „Bändigung des Rheines“ führte zur Trockenlegung der ganzen Landschaft. Der Grundwasserspiegel senkte sich um durchschnittlich acht Meter ab. Altwasserarme verlandeten, und da, wo ehemals Auwälder mit Weiden und Erlen anstanden, prägen heute neben künstlich bewässerten Feldern trockenheitsliebende Kiefernwälder das Landschaftsbild. Man spricht auch von der Versteppung der Landschaft und meint damit das langsame Austrocknen infolge von Wassermangel und die damit verbundene Verarmung der Landschaft an Bäumen und Sträuchern.

Leider kann es nicht bei der Feststellung bleiben „die Landschaft hat sich verändert“. Für den Menschen ergaben sich nämlich ganz weitreichende Probleme. Wo einst das viele Wasser den Menschen bedrohte, ist es heute die Wasserknappheit. Das südliche Oberrheingebiet bildet heute eine Trockeninsel, in der immer tiefere Brunnen gegraben werden müssen, um die Bewässerung der Felder zu gewährleisten, damit überhaupt noch Ackerbau betrieben werden kann.


Exkurs: Ohne Grundwasser keine Auen

Grundwasser ist der unter der Erdoberfläche vorhandene Wasservorrat. Er entsteht, wenn Regen durch Böden oder Lockersediment (Sand, Kies) sickert. Bohrungen zeigen, dass in geringen Tiefen das Substrat wasseruntersättigt ist; d. h. die Poren enthalten neben Wasser auch Luft. Diese Zone wird als wasseruntersättigte Zone bezeichnet.

Darunter liegt die wassergesättigte Zone, in der die Poren vollständig mit Wasser gefüllt sind. Die Grenze zwischen beiden ist die Grundwasseroberfläche; sie wird auch als Grundwasserspiegel bezeichnet. Voraussetzung für die Bildung der wassergesättigten Zone ist, dass sich das Grundwasser auf einer wasserundurchlässigen Schicht staut (Ton oder Festgestein). Grundwasser bewegt sich durch die Schwerkraft nach unten. Es kann aber auch zur Seitwärtsbewegung kommen, wenn z. B. die wasserundurchlässige Schicht geneigt ist oder wenn unterschiedliche Druckverhältnisse vorherrschen. So erklärt sich auch, dass - wenn die Grundwasserzone von einem See oder Fluss angeschnitten ist - Wasser aus dem Grundwasser in den See oder Fluss eindringen kann bzw. aus dem Fluss in das Grundwasser.

Grundwasserstände schwanken in Abhängigkeit von der Jahreszeit. In Zeiten hoher Niederschläge steigt der Grundwasserspiegel, in trockenen Zeiten sinkt er. In Auen liegt der Grundwasserspiegel sehr hoch (in Flussnähe knapp unter der Oberfläche), denn hier tritt der Fluss häufig über die Ufer und versorgt die Landschaft mit viel Wasser.

Werden nun aber Flüsse eingedeicht und begradigt, so kann das Flusswasser nicht mehr über die Ufer treten und im Auenbereich in den Boden sickern. Deshalb kommt es zum Absinken des Grundwasserspiegels. Verstärkt wird dieser Effekt durch die Tiefenerosion des Flusses. So erklärt sich, weshalb am südlichen Oberrhein die Grundwasserabsenkung besonders stark ist. Hier kommt als weiterer „grundwasserfeindlicher Faktor“ hinzu, dass der Rheinseitenkanal nach unten und seitlich abgedichtet ist - es kann also kein Rheinwasser in den Boden einsickern.

Die Vegetation der Auen ist an die hohen, nur geringfügig schwankenden Grundwasserstände angepasst. Die Pflanzen brauchen Wasser im Bereich ihrer Wurzeln. Bereits Tullas Rheinbegradigung führte zur Grundwasserabsenkung im Bereich des südlichen Oberrheines um 2 Meter. Dies hatte das Absterben von Auwäldern zur Folge. Allerdings führte erst der weitere Rheinausbau zum weiteren Absenken des Grundwasserspiegels um mehrere Meter und damit zur Austrocknung der ganzen Landschaft.

08 Der Süden verdurstet, der Norden ersäuft

  • Hochwasser (Rechte: www.colourbox.com)

Immer wieder liest man von schlimmen Überschwemmungskatastrophen am Mittel- und am Niederrhein, die mit großen Schäden verbunden sind. Man stellt heute eine Verbindung zwischen der Bändigung des Rheines und zunehmenden Hochwasserereignissen her und spricht zum Teil sogar von der „Rache des Flusses“. Welcher Zusammenhang besteht zwischen Mittel- und Niederrhein auf der einen und Oberrhein auf der anderen Seite?

Hochwasserereignisse gehören zu den natürlichen Erscheinungen von Flüssen und werden in natürlichen Auenlandschaften nur selten zum Problem. Hier kann das Wasser in natürliche Überflutungsflächen ausweichen. Werden Flüsse aber in ein künstliches Bett gezwängt, wie z. B. der Rhein, dann fließt das Wasser schneller ab und wird für die Gebiete flussabwärts zur Gefahr. Besonders in Mündungsbereichen kann es zu sehr hohen Wasserständen kommen. Ein Beispiel hierfür ist der Mündungsbereich des Neckars in den Rhein. Früher eilte die Neckarflutwelle bei der Schneeschmelze im Frühsommer dem Rhein voraus. Es kam deshalb selten zu Überschwemmungen. Als Folge der Rheinverkürzung aber treffen die Flutwellen der beiden Flüsse aufeinander, sie verstärken sich also zur „doppelten Flutwelle“, die über die Ufer des Flusses tritt.

09 Integriertes Rheinprogramm und Rhein 2020

Sowohl die Hochwasserkatastrophen als auch die Versteppung am Oberrhein zwingen den Menschen zum Nachdenken über das „Ausbügeln“ grober Fehler. Der Rhein kann nicht in sein altes Bett gebracht werden, es müssen neue Lösungen gefunden werden. Im „Integrierten Rheinprogramm“ wurde deshalb festgelegt, dass anstelle der beseitigten Auen ersatzweise neuer Rückhalteraum für das Wasser geschaffen wird. Hierfür will man zwischen Breisach und Karlsruhe etliche Polder anlegen. Es handelt sich dabei um künstliche Rückhaltebecken, die schon bei kleinen Hochwässern geflutet werden. So wird ein Teil des Wassers im Oberrheingebiet zurückgehalten. Damit wird zum einen vermieden, dass riesige Flutwellen auftreten. Zum andern wird sich wieder Vegetation einstellen, die an die gelegentlichen Überflutungen angepasst ist. Auf längere Sicht erhofft man sich davon die Wiederbelebung der ausgetrockneten Flussauen.

Die Schaffung der Polder ist allerdings mit großen Konflikten verbunden. Grundstückseigentümer müssen das „Überflutungsland“ freigeben und sogar ein Teil der Naturschützer meldet sich dagegen zu Wort. Sie sehen Konflikte mit dem Artenschutz, denn an den neu entstandenen Dauertrockenstandorten - ganz in der Nähe des eingedämmten Flusses - hat sich eine Vegetation angesiedelt, zu der viele gefährdete Arten gehören, wie z. B. das Brandknabenkraut, eine streng geschützte Orchidee, die typisch ist für die seltenen Trockenstandorte.

Auch das Programm des Landes Baden-Württemberg „Restrhein 2020“ beschäftigt sich mit der Wiederbelebung des alten Rheines im Sinne des Hochwasserschutzes, der Naturentwicklung und der Naherholung. Bis zum Jahre 2020 will man großflächig den Rhein und seine Zuflüsse renaturieren; es ist z. B. die Wiederangliederung von 100 abgeschnittenen Altrheinarmen geplant.

Ein verbreitertes Rheinbett soll als Rückhalteraum bei Hochwasser dienen. Damit es diese Aufgabe erfüllen kann, muss es ganzjährig so feucht sein, dass Auenvegetation gedeihen kann. Derzeit führt der Rhein aber zu wenig Wasser, denn 98 % des Rheinwassers werden noch immer in den Rheinseitenkanal umgeleitet. Daher wird der Ruf laut nach mehr Wasser für den Restrhein. Dies würde weniger Wasser für den Seitenkanal bedeuten und damit für die französischen Wasserkraftwerke. Die Verbesserung der Situation am Oberrhein im Sinne von Hochwasser- und Artenschutz kann also nur nach Diskussionen und Einigungen mit dem Nachbarn Frankreich erfolgen.

In den Rheinprogrammen sind viele Maßnahmen und Ziele festgesetzt. Allerdings ist deren Durchführung häufig mit Widerständen verbunden, von denen hier nur einige zusammengefasst sind:

  • Die dichte Besiedlung und intensive Nutzung des Oberrheingebietes ist ein Hemmfaktor, denn Polderflächen z. B. können nicht intensiv genutzt werden und Fläche für die Flussverbreiterung muss erst bereitgestellt werden.
  • Die Nutzung des Rheines als Wasserstraße darf nicht beeinträchtigt werden.
  • Die Umbaumaßnahmen sind sehr teuer; deshalb hat sich auch der Ausbau der geplanten Polder verzögert.
  • Als Grenzfluss sind in Sachen Rhein nicht nur deutsche, sondern auch französische Gemeinden betroffen. Internationale Vereinbarungen müssen getroffen werden.