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Hintergrund: Ver­in­selt, ver­sie­gelt und be­gra­digt

Der Mensch be­gann spä­tes­tens mit der Ein­füh­rung des Acker­baus seine Um­welt in grö­ße­rem Maß­stab um­zu­ge­stal­ten. Wäl­der wur­den ge­ro­det, um Acker­flä­chen zu ge­win­nen oder Platz für Häu­ser und Stäl­le zu schaf­fen. So­lan­ge es re­la­tiv we­ni­ge Men­schen auf der Erde gab, konn­ten be­trof­fe­ne Tiere und Pflan­zen in an­de­re Re­gio­nen aus­wei­chen. Erst mit dem star­ken An­wach­sen der Be­völ­ke­rung und vor allem seit dem Zeit­al­ter der In­dus­tria­li­sie­rung be­gann der Raum für un­ge­stör­te Natur knapp zu wer­den.

  • Luftaufnahme einer Landschaft mit zahlreichen Feldern (Quelle: colourbox.​com) Vielerorts bestimmen Felder und Äcker das Bild der Landschaft (Quelle: colourbox.​com)

Be­reits heute wer­den über 50 % des Lan­des von land­wirt­schaft­li­chen Flä­chen ein­ge­nom­men. Die Forst­wirt­schaft ver­braucht fast 30 % des Lan­des. Etwa 13 % wer­den von Sied­lungs- und Ver­kehrs­flä­chen be­deckt. Die rest­li­chen we­ni­gen Pro­zent der Lan­des­flä­che muss sich die Natur mit sons­ti­gen Wirt­schafts­flä­chen tei­len. Gibt es also kaum noch Raum für un­se­re na­tür­li­che Um­welt?

Ganz so ein­fach ist die Rech­nung nicht. Denn ei­ni­ge Wirt­schafts­flä­chen wie jene der Forst­wirt­schaft kön­nen gleich­zei­tig wert­vol­le Na­tur­räu­me sein, denn zwi­schen einem öden "Stan­ge­na­cker" aus Fich­ten und einem ar­ten­rei­chen Laub­mischwald, der aber wirt­schaft­lich ge­nutzt wird, be­steht ein gro­ßer Un­ter­schied. Und zu den Sied­lungs- und Ver­kehrs­flä­chen ge­hö­ren auch Parks und Fried­hö­fe, die durch­aus einen öko­lo­gi­schen Wert haben kön­nen. Den­noch ist ein hoher Flä­chen­ver­brauch in Deutsch­land und an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern eine Tat­sa­che. In den Jah­ren 2004 bis 2007 hat al­lein die Sied­lungs- und Ver­kehrs­flä­che in Deutsch­land um 113 Hekt­ar zu­ge­nom­men. Täg­lich. Das ent­spricht einer Flä­che von etwa 161 Fuß­ball­fel­dern! Von die­ser Flä­che sind circa 50 % ver­sie­gelt, d. h. sie sind ver­baut, mit Beton oder Asphalt be­deckt und damit öko­lo­gisch prak­tisch wert­los. Diese so­ge­nann­te Flä­chen­ver­sie­ge­lung ist ein gro­ßes Pro­blem für den Na­tur­schutz, denn auf sol­chen Flä­chen wächst nichts mehr.

Aber nicht nur der Ver­brauch der Flä­che an sich ist ein Pro­blem. Au­to­bah­nen und an­de­re Stra­ßen schnei­den durch die Land­schaft mit­ten durch wert­vol­le Na­tur­räu­me und füh­ren zur Ver­in­se­lung von Le­bens­räu­men. Denn selbst grö­ße­re Bio­to­pe ver­lie­ren an Wert, wenn sie durch Stra­ßen in klei­ne­re Ab­schnit­te zer­schnit­ten wer­den. Für viele, ge­ra­de klei­ne­re Tiere stel­len Stra­ßen un­über­wind­li­che Hin­der­nis­se dar, ganz zu schwei­gen von den Ver­lus­ten an Tie­ren, die di­rekt durch den Stra­ßen­ver­kehr ums Leben kom­men.

Die Zer­sie­de­lung stellt die Natur vor ähn­li­che Pro­ble­me wie die Ver­in­se­lung. Dar­un­ter ver­steht man die un­kon­trol­lier­te Aus­brei­tung von Sied­lungs­flä­chen in das Um­land. Der Trend wird durch die Ab­wan­de­rung der Be­völ­ke­rung aus den In­nen­städ­ten ver­stärkt. Immer mehr Leute wol­len lie­ber drau­ßen "im Grü­nen" leben als in­mit­ten der Stadt. Doch mit dem Weg­zug der Men­schen wer­den auch wie­der mehr Stra­ßen au­ßer­halb der Städ­te be­nö­tigt. Hinzu kom­men Ge­wer­be- und Dienst­leis­tungs­ge­bie­te und eine hohe Ab­hän­gig­keit vom Auto als Trans­port­mit­tel. Die Folge sind immer neue Sied­lun­gen au­ßer­halb der Stadt­flä­chen, die letzt­end­lich den Na­tur­raum in Frag­men­te zer­glie­dern, ganz ähn­lich wie die Stra­ßen.

  • Eine Schlingnatter im Gras (Quelle: SWR) Die streng geschützte Schlingnatter braucht einen abwechslungsreichen Lebensraum (Quelle: SWR)

Zu den ein­schnei­dens­ten Ein­grif­fen in die na­tür­li­che Land­schaft zählt auch das Be­gra­di­gen von Flüs­sen und Bä­chen. Fließ­ge­wäs­ser jeder Größe nei­gen zu einer aus­ge­präg­ten Schlin­gen­bil­dung, vor allem in Ab­schnit­ten mit ge­rin­gem Ge­fäl­le. Für die Schiff­fahrt be­deu­tet das lange Um­we­ge und schwie­ri­ges Na­vi­gie­ren. Be­reits im 19. Jahr­hun­dert wur­den daher bei vie­len für den Schiffs­ver­kehr wich­ti­gen Flüs­sen um­fang­rei­che Be­gra­di­gungs­maß­nah­men durch­ge­führt, so z. B. beim Rhein zwi­schen 1817 und 1876. Die Fluss­sch­lin­gen wer­den dazu durch­bro­chen. Der Ver­lauf des Flus­ses wird da­durch kür­zer, ge­rad­li­ni­ger und damit leich­ter schiff­bar, be­son­ders bei gleich­zei­ti­ger Ver­tie­fung des Fluss­betts. Al­ler­dings tre­ten im Zuge einer Fluss­be­gra­di­gung auch viele ne­ga­ti­ve Ef­fek­te in Er­schei­nung. Durch die hö­he­re Fliess­ge­schwin­dig­keit ver­tieft sich das Fluss­bett auch un­ge­wollt, was zu einem Ab­sen­ken des Grund­was­ser­spie­gels füh­ren kann. Die Au­en­land­schaft ent­lang eines Flus­ses kann so in Mit­lei­den­schaft ge­zo­gen wer­den, im Ex­trem­fall sogar gänz­lich ver­schwin­den. Da Auen auch als na­tür­li­che Puf­fer­sys­te­me bei Hoch­was­ser die­nen, kann ihr Weg­fall die Ex­tre­me zwi­schen Hoch- und Nied­rig­was­ser stark ver­grö­ßern. Mit den Au­en­land­schaf­ten ver­schwin­den zudem sehr ar­ten­rei­che und dy­na­mi­sche Le­bens­räu­me für viele be­droh­te Arten wie Fisch­ot­ter und zahl­rei­che Was­ser­vö­gel.