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Hintergrund: Tie­ri­sche und pflanz­li­che Neu­bür­ger

Neben den ty­pi­schen Kul­tur­fol­gern gibt es noch an­de­re Tier­ar­ten, die sich im Le­bens­raum des Men­schen oder auch in der frei­en Natur an­ge­sie­delt haben, die so­ge­nann­ten Neo­zo­en. Unter einem Neo­zoon ver­steht man eine Tier­art, die durch den Men­schen ab­sicht­lich oder un­ab­sicht­lich in neue Le­bens­räu­me ein­ge­schleppt wurde, in denen sie vor­her fehl­te. Be­kann­te Bei­spie­le sind das Ka­nin­chen in Aus­tra­li­en oder der Kar­tof­fel­kä­fer in Eu­ro­pa. Mal ge­schah die Ein­bür­ge­rung einer neuen Tier­art mit vol­ler Ab­sicht, z. B. als Jagd­wild wie beim Rot­hirsch, der nach Neu­see­land ge­bracht wurde. Oder man ver­such­te, durch Ein­bür­ge­rung einer neuen Art einen mög­li­cher­wei­se eben­falls ein­ge­schlepp­ten Schäd­ling zu be­kämp­fen, so z. B. den Zu­cker­rohr­kä­fer in Aus­tra­li­en, der durch die Ein­füh­rung der rie­si­gen Aga-Krö­te aus Süd­ame­ri­ka in Schach ge­hal­ten wer­den soll­te. Lei­der ver­schmäh­te die Kröte den Käfer und stürz­te sich statt­des­sen auf al­ler­lei an­de­res hei­mi­sches Ge­tier. In­zwi­schen sind die gif­ti­gen Krö­ten zu einer ech­ten Plage ge­wor­den und müs­sen be­kämpft wer­den.

  • Eine große Aga-Kröte (Quelle: E. Oppermann) Die riesige Aga-Kröte stammt ursprünglich aus Südamerika (Quelle: E. Oppermann)

Auch in Deutsch­land gibt es mitt­ler­wei­le meh­re­re Hun­dert von mehr oder we­ni­ger will­kom­me­nen Neu­bür­gern. Ge­ra­de bei klei­ne­ren Tie­ren wie In­sek­ten ge­lan­gen viele neue Arten über die glo­ba­len Trans­port­we­ge nach Eu­ro­pa. Mee­res­tie­re wer­den durch das Ab­las­sen von Bal­last­was­ser in eu­ro­päi­sche Ge­wäs­ser ver­frach­tet.

Durch­aus nicht alle vom Men­schen ver­schlepp­ten Tiere wer­den als Schäd­lin­ge aktiv. So gibt es in­zwi­schen in Deutsch­land eta­blier­te Po­pu­la­tio­nen des Hals­band­sit­tichs, die auf Kä­fig­flücht­lin­ge zu­rück­ge­hen. Ob diese in Kon­kur­renz zu an­de­ren Vö­geln ste­hen, z. B. an­de­re Höh­len­brü­ter ver­drän­gen, ist noch nicht be­kannt. Oft genug zei­gen sich die Aus­wir­kun­gen einer Ein­bür­ge­rung oder Ver­schlep­pung aber sehr rasch. Der be­reits er­wähn­te Kar­tof­fel­kä­fer aus Nord­ame­ri­ka bspw. tritt als Schäd­ling in Kar­tof­fel­fel­dern auf und kann gro­ßen Scha­den an­rich­ten.

  • Die Spanische Wegschnecke (Quelle: colourbox.​com) Bei Gartenbesitzern ist die Spanische Wegschnecke verhasst (Quelle: colourbox.​com)

Ein an­de­res Bei­spiel für eine un­will­kom­me­ne ein­ge­schlepp­te Art ist die Spa­ni­sche Weg­schne­cke. Dabei han­delt es sich um einen Ver­tre­ter der bei Gar­ten­be­sit­zern oh­ne­hin nicht be­lieb­ten Nackt­schne­cken. Doch im Ge­gen­satz zu un­se­ren ein­hei­mi­schen Nackt­schne­cken son­dert die Spa­ni­sche Weg­schne­cke einen bit­te­ren Schleim ab, wes­we­gen sie von vie­len Fress­fein­den wie dem Igel ver­schmäht wird. Au­ßer­dem ist sie un­emp­find­li­cher gegen Tro­cken­heit. So hat sie sich in Mit­tel­eu­ro­pa zu einer ech­ten Plage ent­wi­ckelt. Neben den üb­li­chen che­mi­schen Be­kämp­fungs­mit­teln gibt es auch eine Reihe von bio­lo­gisch ver­träg­li­chen Me­tho­den, die Schne­cken in Schach zu hal­ten. So hat man z. B. her­aus­ge­fun­den, dass In­di­sche Lauf­en­ten die Spa­ni­schen Weg­schne­cken durch­aus ver­zeh­ren. Gar­ten­be­sit­zer kön­nen in­zwi­schen Lauf­en­ten kau­fen oder mie­ten ("rent an ent").

  • Ein amerikanischer Nerz auf einem Holzstamm (Quelle: Jupiterimages/Thinkstock) Der amerikanische Nerz verdrängt die in Europa heimische Nerzart (Quelle: Jupiterimages/Thinkstock)

Auch grö­ße­re Tiere sind in­zwi­schen in Mit­tel­eu­ro­pa hei­misch ge­wor­den wie der Mar­der­hund oder der Wasch­bär. Pro­ble­ma­tisch wird es vor allem dann, wenn die neu ein­ge­schlepp­te Art eine an­de­re Art ver­drängt, die die­sel­be öko­lo­gi­sche Ni­sche be­setzt. So wurde bspw. der Ame­ri­ka­ni­sche Nerz oder Mink des nord­ame­ri­ka­ni­schen Kon­ti­nents in gro­ßen Stück­zah­len von der Pel­z­in­dus­trie in Eu­ro­pa ge­züch­tet. Seit den 1950er Jah­ren ge­lang es immer wie­der Tie­ren, aus den Zucht­an­la­gen aus­zu­bre­chen. Mitt­ler­wei­le hat sich in Eu­ro­pa eine sta­bi­le Po­pu­la­ti­on des Ame­ri­ka­ni­sche Ner­zes eta­bliert und den Eu­ro­päi­schen Nerz vie­ler­orts an den Rand der Aus­rot­tung ge­bracht. Es ist fast un­mög­lich, den Ame­ri­ka­ni­sche Nerz zu be­kämp­fen ohne zu­gleich dem Eu­ro­päi­schen Nerz oder an­de­ren Wild­tie­ren zu scha­den. Ob der Eu­ro­päi­sche Nerz, der nur noch in Re­likt­po­pu­la­tio­nen vor­kommt, durch Aus­wil­de­rungs­pro­gram­me ge­ret­tet wer­den kann, ist lei­der sehr frag­lich.

  • Ein Waschbär beim Säubern seiner Nahrung (Quelle: Heme­ra Tech­no­lo­gies/Think­stock) Auch der Waschbär hat seine ursprüngliche Heimat in Amerika (Quelle: Heme­ra Tech­no­lo­gies/Think­stock)

Ein gro­ßes Pro­blem in die­sem Zu­sam­men­hang ist die Ge­fahr einer "Fau­nen­ver­fäl­schung". Dar­un­ter ver­steht man die Ver­än­de­rung der Ar­ten­zu­sam­men­set­zung eines Ge­biets durch die Ein­füh­rung oder Ein­schlep­pung frem­der Tier­ar­ten. In Deutsch­land z. B. gilt der in­zwi­schen weit ver­brei­te­te Wasch­bär als Pro­blem. Die Po­pu­la­ti­on er­reicht mitt­ler­wei­le sechs­stel­li­ge Zah­len. Im Laufe des 20. Jahr­hun­derts ent­wi­chen aus Pelz­far­men et­li­che Tiere, die sich in der frei­en Wild­bahn er­folg­reich fort­pflanz­ten und seit­dem zu hei­mi­schen Raub­tie­ren in Kon­kur­renz tre­ten. In­wie­weit der Wasch­bär tat­säch­lich das öko­lo­gi­sche Gleich­ge­wicht ge­fähr­det, ist al­ler­dings auch unter Fach­leu­ten um­strit­ten.

Auch pri­va­te Tier­hal­ter tra­gen zum Pro­blem bei, wenn sie exo­ti­sche Tiere in die hei­mi­sche Um­welt aus­set­zen, weil sie die Tiere nicht mehr hal­ten kön­nen oder wol­len und eine "bil­li­ge" Lö­sung su­chen, um sie los­zu­wer­den. So ge­lan­gen Och­sen­frö­sche und Rot­wan­gen­schild­krö­ten in hei­mi­sche Ge­wäs­ser und fres­sen oder ver­drän­gen ein­hei­mi­sche Arten. Aus­ge­setz­te Gift­schlan­gen, Schnapp­schild­krö­ten oder Al­li­ga­to­ren kön­nen selbst dem Men­schen ge­fähr­lich wer­den.

Ein­ge­schlepp­te Pflan­zen kön­nen eben­so zum Pro­blem wer­den wie ein­ge­führ­te Tiere. In der Ver­gan­gen­heit wur­den sehr viele ur­sprüng­lich nicht hier hei­mi­sche Pflan­zen in Gär­ten und Parks an­ge­pflanzt. Dabei spiel­te we­ni­ger ihr öko­lo­gi­scher Wert als ihr hüb­sches Äu­ße­res eine Rolle. Auch wenn viele der exo­ti­schen Pflan­zen ohne den Men­schen keine Über­le­bens­chan­cen in un­se­rer frei­en Natur hät­ten, ge­lingt es ei­ni­gen, in die Frei­heit zu ent­kom­men und sich er­folg­reich zu eta­blie­ren.

  • Das Drüsige Springkraut (Quelle: E. Oppermann) Das Drüsige Springkraut verdrängt einheimische Pflanzenarten (Quelle: E. Oppermann)

Am Rande von feuch­ten Wald­we­gen trifft man heute vie­ler­orts auf eine krau­ti­ge Pflan­ze mit ro­sa­far­be­nen Blü­ten, die um­gangs­sprach­lich als "Rühr-mich-nicht-an!" be­kannt ist. Wenn die Samen die­ser Pflan­zen reif sind, reicht schon eine klei­ne Be­rüh­rung der Sa­men­kap­sel, um diese auf­plat­zen zu las­sen. Dabei wer­den die Samen durch einen Schleu­der­me­cha­nis­mus teils me­ter­weit weg­ge­schleu­dert. Der rich­ti­ge Name der Pflan­ze heißt daher tref­fend Spring­kraut. Zwar gibt es auch ein ein­hei­mi­sches Spring­kraut, aber seit Mitte des 19. Jahr­hun­derts ist in ganz Eu­ro­pa eine Art des Spring­krauts auf dem Vor­marsch, die ur­sprüng­lich aus dem Hi­ma­la­ya-Ge­biet stammt. Als Zier­pflan­ze ein­ge­führt, hat es einen Weg in die freie Wild­bahn ge­fun­den, wo es durch ra­schen Wuchs und hohe Schat­ten­wir­kung an­de­re Pflan­zen am Hoch­kom­men hin­dert.

Auch der Rie­sen­bä­ren­klau wurde ur­sprüng­lich aus sei­ner kau­ka­si­schen Hei­mat als Zier­pflan­ze nach Eu­ro­pa ge­bracht. Die­ses Ge­wächs aus der Fa­mi­lie der Dol­den­blüt­ler kann bis zu vier Meter Höhe er­rei­chen. An Wegen, Bö­schun­gen und Stra­ßen­däm­men ist der Rie­sen­bä­ren­klau in­zwi­schen re­gel­mä­ßig zu fin­den und bie­tet dank sei­ner gro­ßen Blü­ten­stän­de eine recht üp­pi­ge Nek­tar­quel­le für Bie­nen und an­de­re In­sek­ten. Doch auch die­ser Neu­bür­ger kon­kur­riert mit ein­hei­mi­schen Pflan­zen um Le­bens­raum. An­ders als das Drü­si­ge Spring­kraut kann der Rie­sen­bä­ren­klau dem Men­schen sogar ge­fähr­lich wer­den. Sein fri­scher Pflan­zen­saft kann bei Be­rüh­rung mit mensch­li­cher Haut zu hef­ti­gen all­er­gi­schen Re­ak­tio­nen füh­ren.

Viele der ein­ge­wan­der­ten Arten sind also pro­ble­ma­tisch. In Zei­ten des glo­ba­li­sier­ten Wa­ren­ver­kehrs ist die Ver­schlep­pung von ge­biets­frem­den Tie­ren und Pflan­zen kaum völ­lig zu ver­hin­dern. Ein Be­kämp­fung ist oft aus­sichts­los, wenn sich die Arten ein­mal eta­bliert haben. Man­che Ein­wan­de­rer sind sogar schon so lange bei uns, dass viele sie für na­tür­li­che Be­stand­tei­le un­se­rer Um­welt hal­ten.