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Hintergrund: Mensch­ge­mach­tes Öd­land: Kies­wer­ke, Bahn­an­la­gen, Trup­pen­übungs­plät­ze

  • In einem Steinbruch wird ein Laster von einem Bagger beladen (Quelle: colourbox.​com) Steinbrüche und Kieswerke wirken auf den ersten Blick eher lebensfeindlich (Quelle: colourbox.​com)

Der Mensch hat durch seine Ein­grif­fe in die Natur vie­ler­orts den Le­bens­raum für wilde Tiere und Pflan­zen zer­stört. Wäl­der wur­den ge­ro­det, Ge­wäs­ser still­ge­legt und na­tür­li­che Res­sour­cen bis zur Er­schöp­fung aus­ge­beu­tet. Der Mensch hat also künst­li­ches Öd­land ge­schaf­fen mit meist ne­ga­ti­ven Fol­gen für die Natur. Doch nicht alle Arten lei­den glei­cher­ma­ßen unter die­sem Ein­fluss, man­che kön­nen sogar davon pro­fi­tie­ren.

So fin­den viele Am­phi­bi­en aus­ge­rech­net in Kies­gru­ben in­zwi­schen Rück­zugs­ge­bie­te vor, die sie in frei­er Wild­bahn kaum noch fin­den. Arten wie die Gelb­bau­chun­ke brau­chen klei­ne tem­po­rä­re Ge­wäs­ser, die nur für eine kurze Zeit exis­tie­ren. Sol­che Le­bens­räu­me gab es frü­her in Au­en­land­schaf­ten an un­be­gra­dig­ten Flüs­sen häu­fig, heut­zu­ta­ge sind sie in frei­er Natur wei­test­ge­hend ver­schwun­den. In einer Kies­gru­be da­ge­gen gibt es stän­dig zeit­wei­se über­flu­te­te Flä­chen, Stel­len mit wenig oder gar kei­ner Ve­ge­ta­ti­on, also ty­pi­sche Ru­de­ral­stand­or­te (lat. rudus = Schutt). Dar­un­ter ver­steht man vom Men­schen ge­stör­te und meist mas­siv ver­än­der­te Le­bens­räu­me, die an­fangs nur von Pio­nier­pflan­zen be­sie­delt wer­den kön­nen, die mit den ex­tre­men Be­din­gun­gen sol­cher Stand­or­te zu­recht­kom­men.

  • Gelbbauchunke (Quelle: Rai­mund Cramm/OKA­PIA) Die Gelbbauchunke ist in ihrem Bestand stark zurückgegangen (Quelle: Rai­mund Cramm/OKA­PIA)

Kenn­zeich­nend für Ru­de­ral­ve­ge­ta­ti­on ist ihre zeit­li­che Be­grenzt­heit. Nach und nach er­obert sich die um­ge­ben­de Ve­ge­ta­ti­on das Ge­biet der Ru­de­ral­flä­chen zu­rück. Eine was­ser­ge­füll­te Kies­gru­be z. B. würde ohne Ein­fluss des Men­schen nach und nach ver­lan­den. Sträu­cher und spä­ter Bäume ver­drän­gen all­mäh­lich die Pio­nier­pflan­zen. Wäh­rend frü­her auf­ge­ge­be­ne Kies­gru­ben ein­fach wie­der auf­ge­füllt wur­den, lässt man sie heute oft­mals in ihrem Zu­stand als of­fe­ne Grube, weil man ihren öko­lo­gi­schen Wert er­kannt hat. Der Nut­zen für die Natur be­steht aber be­reits, wenn die Grube noch in Be­trieb ist. Wäh­rend an einer Seite der Grube noch Kies ab­ge­baut wird, wer­den die äl­te­ren Zonen be­reits von Pio­nier­pflan­zen und Am­phi­bi­en be­sie­delt, vor­aus­ge­setzt, dies wird vom Men­schen zu­ge­las­sen. Ohne die vie­len klei­nen Tüm­pel einer Kies­gru­be ginge es vie­len Am­phi­bi­en­ar­ten heute schlech­ter.

Auch Bahn­an­la­gen sind vom Men­schen ge­schaf­fe­ne Le­bens­räu­me aus zwei­ter Hand. Vie­ler­orts sind un­ren­ta­ble Bahn­stre­cken still­ge­legt, aber aus Kos­ten­grün­den nicht ab­ge­baut wor­den. Hier er­obert sich die Natur nach und nach ihren Le­bens­raum zu­rück. Ei­gent­lich stellt eine Bahn­an­la­ge ein denk­bar un­güns­ti­ges Bio­top dar. Sand, Schla­cke, Splitt und Ge­stein sind die ty­pi­schen Bau­stof­fe für den Un­ter­bau der Gleis­an­la­gen. Dazu kom­men noch Holz­schwel­len und Schie­nen aus Stahl. Wie kön­nen hier Pflan­zen leben?

  • Eine Reihe von Gleisen mit einem Bahnhof im Hintergrund (Quelle: colourbox.​com) Selbst Bahnanlagen können Lebensraum sein (Quelle: colourbox.​com)

Es sind we­ni­ger die Gleis­an­la­gen selbst, die als Le­bens­raum ge­nutzt wer­den, son­dern viel­mehr die damit ein­her­ge­hen­den Frei­flä­chen ent­lang des Schie­nen­net­zes. Diese sind meist vom Men­schen re­la­tiv un­be­ein­flusst und bie­ten einen zu­sam­men­hän­gen­den Na­tur­raum. So kön­nen Bahn­bö­schun­gen als "Stra­ßen" zwi­schen ver­schie­de­nen Bio­to­pen die­nen.

Im Ver­bund mit öko­lo­gi­schen Pfle­ge­maß­nah­men kön­nen alte Bahn­däm­me wert­vol­le Bio­to­pe für zahl­rei­che Pflan­zen sein, denn meist blei­ben die Bahn­an­la­gen von dem mas­si­ven Nähr­stof­f­e­in­trag der Agrar­land­schaf­ten ver­schont. Sie bil­den also ein nähr­stoff­ar­mes Öd­land, das von Pio­nier­pflan­zen be­sie­delt wer­den kann. Wird durch den Men­schen die Ver­bu­schung ver­hin­dert und der Be­wuchs durch Bäume zu­rück­ge­drängt, kann der öko­lo­gi­sche Zu­stand über einen län­ge­ren Zeit­raum auf­recht er­hal­ten wer­den. Frei­lie­gen­de Mau­ern an Bahn­däm­men, die der Son­nen­ein­strah­lung aus­ge­setzt sind, wer­den zur Hei­mat für Ei­dech­sen und an­de­re wär­me­lie­ben­de Tiere.