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Hintergrund: Crash: 1928 – 1930

Zwischenkriegszeit in Paris - Les années folles

  • Der Traum von Marc Chagall, 1927 (Quelle: Imago, United Archives International) Marc Chagall (1887-1985), französischer Maler russisch-jüdischer Herkunft, Der Traum, 1927 (Quelle: Imago, United Archives International)

Nachdem der Franzose Marcel Jamet (*1890) die Schrecken und Entbehrungen des Ersten Weltkriegs als Soldat an der Front erlebt hat, steht ihm der Sinn nach den Freuden des Lebens. Er kommt in Argentinien als Zuhälter zu Geld und kehrt 1924 nach Paris zurück. Während Frankreich einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, übernimmt Jamet ein heruntergekommenes Bordell, das er binnen kurzem zum berühmtesten Etablissement des Landes macht. Die Kombination aus Bordell und Edelrestaurant zieht die internationale High Society, aber auch Militärs und Politiker an. Die Kellnerinnen servieren in ausgefallenen Kostümen oder fast nackt; Speisen, Getränke und Ambiente sind vom Feinsten. Seinen Namen hat das „One Two Two“ von der Adresse in der Rue de Provence 122, die englische Aussprache verdankt sich den vielen amerikanischen Gästen, die im Paris der Zwischenkriegszeit („Les années folles“) eine Freiheit genießen, die sie aus dem Amerika der Prohibition nicht kennen. Paris ist damals die künstlerische und intellektuelle Hauptstadt der Welt. „Nirgendwo sonst schien die Sonne der Kunst so warm und hell wie in Paris.“, schrieb der Maler Marc Chagall.

Die Olympischen Spiele 1924, zahlreiche Ausstellungen und die Vergnügungsviertel der Stadt locken ausländische Besucher. Davon profitiert auch Jamet; als ihn der Selbstmord eines Bankiers, der sein Bordell gefördert hat, unter Druck setzt, lässt er sich mit dem französischen Geheimdienst ein. Um die Schließung seines Bordells zu verhindern, muss er seine Kundschaft bespitzeln. Die Geschäfte laufen weiter, aber die sorglosen Jahre sind bald vorbei; nicht nur in Paris, sondern weltweit mehren sich die Krisensymptome. Im März 1929 verdichten sich die Zeichen, dass die „Goldenen Zwanziger“ - ein Mythos, der nur auf wenige Jahre und eine kleine Zahl von Menschen zutrifft - zu Ende gehen.
Jamet schlägt sich durch; nach der deutschen Besetzung von Paris im Juni 1940 spielt er eine Doppelrolle: Das „One Two Two“ wird von deutschen Offizieren frequentiert; Jamet selbst engagiert sich für die Resistance. Nach der Befreiung 1944 wird er als Kollaborateur verhaftet, kommt aber frei, als sich herausstellt, dass er die ganze Zeit auch im Widerstand aktiv war. Das „One Two Two“ muss dennoch dichtmachen, als 1946 ein neues Gesetz in Kraft tritt, das die Schließung aller - etwa 1400 - Bordelle in Frankreich vorsieht.

  • Place de la Concorde, 14. Juni 1940 (Quelle: Imago, United Archives)

    Deutsche Besetzung von Paris, deutsche Truppen auf der Place de la Concorde, 14. Juni 1940 (Quelle: Imago, United Archives)

  • 1.500-Meter-Lauf Männer, 1924 (Quelle: Imago, United Archives)

    1.500-Meter-Lauf Männer, Frankreich, Olympische Spiele Paris, 1924 (Quelle: Imago, United Archives)

Österreich nach dem Ersten Weltkrieg

  • Paris, Château de Saint-Germain-en-Laye (Quelle: Imago, Topfoto) Paris, Château de Saint-Germain-en-Laye, Österreich unterzeichnet 1919 den Vertrag von Saint-Germain (Quelle: Imago, Topfoto)

Von den Folgen des Untergangs der Österreichisch-Ungarischen Donaumonarchie (1867-1918) geprägt ist die junge und bitterarme Edith Wellspacher (*1909), die zu den ersten und jüngsten Frauen gehört, die in Österreich zum Medizinstudium zugelassen werden.
Der Nachfolgestaat der Donaumonarchie, die seit 1920 bestehende „Republik Österreich“, leidet als Kriegsverlierer unter umfangreichen Gebietsabtretungen (u. a. Südtirol). Der im September 1919 unterzeichnete Vertrag von Saint-Germain regelt - analog zum Versailler Vertrag für Deutschland - die Auflösung der österreichischen Hälfte Österreich-Ungarns und die Bedingungen für die neue Republik Deutschösterreich.

  • Wien, Karlsplatz und Karlskirche, 13. Juni 1923 (Quelle: Imago, Topfoto) Wien, Karlsplatz und Karlskirche, 13. Juni 1923 (Quelle: Imago, Topfoto)

Der Verlust der ungarischen Agrar- und der böhmischen Industriegebiete wiegt schwer. Nach einem kurzen Nachkriegshoch gerät die Wirtschaft des jungen Staates in die Krise. Die ökonomischen Probleme befördern eine politische Polarisierung, bei der sich drei Lager gegenüberstehen. Die mit knapper Mehrheit regierende Christlich-Soziale Partei, die - vor allem in Wien starken - Sozialdemokraten und die Deutschnationalen, die eine Vereinigung mit Deutschland anstreben. Diese wurde im Vertrag von Saint-Germain zwar verboten, hat aber, quer durch alle politischen Lager, viele Anhänger. Obwohl ab 1925 ein zaghafter wirtschaftlicher Aufschwung einsetzt, eskalieren die politischen Gegensätze immer wieder in blutigen Auseinandersetzungen, denn sowohl die Sozialdemokraten (Republikanischer Schutzbund) als auch die Deutschnationalen (Heimwehr) verfügen über paramilitärische Kampfverbände. Als die Folgen der Weltwirtschaftskrise das Land treffen - 1933 ist etwa ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung ohne Arbeit -, ist die politische Polarisierung weit fortgeschritten; die Sozialdemokratie ist geschwächt, bei den Deutschnationalen und der Heimwehr setzen sich faschistische Ideen durch. Das bekommt auch die überzeugte Sozialistin Edith Wellspacher zu spüren, die beim Studium nicht nur mit sexistischen Professoren, sondern auch mit dem grassierenden Antisemitismus konfrontiert wird. 1934 erwirbt sie ihr Doktorat und arbeitet als Ärztin in Ausbildung in einem Wiener Krankenhaus, ehe sie sich ab 1937 auf Gynäkologie spezialisiert.

Antisemitismus

  • Nazi-Streikposten (Quelle: Imago, United Archives) Nazi-Streikposten vor einem jüdischen Laden mit Plakaten: Kauft nicht bei Juden! Antisemitismus in Deutschland, 1933 (Quelle: Imago, United Archives)
  • Boykott jüdischer Geschäfte (Quelle: Imago, United Archives International) Von den Nationalsozialisten angeordneter Boykott jüdischer Geschäfte kurz nach Hitlers Machtübernahme 1933/1934 (Quelle: Imago, United Archives International)

Der Antisemitismus, der Juden als Fremdkörper und zersetzende Elemente denunziert, anfeindet und bekämpft, ist ein internationales Phänomen, das weit in die Geschichte zurückreicht und sich aus religiösen, rassistischen und völkisch-nationalen Motive speist.
Im Gefolge von Aufklärung und Französischer Revolution hatte sich die rechtliche Lage der Juden, die keinen eigenen Staat haben, der sie schützen könnte, in vielen Ländern Europas vorübergehend gebessert. Aber noch im 19. Jahrhundert kommt es zu einem Wiedererstarken antisemitischer Gedanken. Antisemitische Bewegungen gibt es in der Zwischenkriegszeit in vielen Ländern Europas; nur im nationalsozialistischen Deutschland wird der Antisemitismus mörderische Staatsräson; die Rassenideologie ist eine zentrale Idee von Hitlers Weltanschauung und seit 1920 Bestandteil des Parteiprogramms der NSDAP. Nach der Machtübernahme werden jüdische Bürger systematisch als „Volksfeinde“ denunziert, vom öffentlichen Leben ausgeschlossen, verfolgt und misshandelt, ehe auf der Wannsee-Konferenz 1942 die „Endlösung der Judenfrage“ als Kriegsziel propagiert und in der systematischen Massenvernichtung des Holocaust umgesetzt wird.

Die politischen Kämpfe jener Jahre finden ihren Widerhall in Edith Wellspachers Privatleben. Wellspacher hat einen jüdischen Assistenzarzt als Lebensgefährten und eine Affäre mit einem älteren Kollegen, der Mitglied der NSDAP ist. Aufgrund ihrer politischen Einstellung gilt sie als unzuverlässig, wird entlassen und verliert auch ihr Dienstzimmer im Krankenhaus. Der „Anschluss Österreichs“ 1938 ist für sie ein Schock.

Weltwirtschaftskrise 1929

  • Ford-Modell T21 (Quelle: Imago, UIG) Ein Ford-Modell T21 von 1921, San Francisco, Kalifornien (Quelle: Imago, UIG)
  • New Yorker Wall Street (Quelle: Imago, UIG) Am Donnerstag, 24.10.1929, kommt es zum massiven Kurseinbruch an der New Yorker Wall Street; Panik bricht aus. Die Nachricht vom Börsenkrach erreicht Europa am folgenden Freitag, 25.10.1929 – in Europa deshalb: „Schwarzer Freitag“ (Quelle: Imago, UIG)

Amerikas Wirtschaftskraft ist durch den Ersten Weltkrieg gewachsen; England und Frankreich sind bei ihrem Alliierten verschuldet. Die USA vergeben hohe Dollar-Anleihen nach Europa; besonders stark profitiert davon die Weimarer Republik, die einen Teil ihrer Kriegsschulden nur dank der üppigen US-Kredite bezahlen kann, denen sie ein Gutteil ihres relativen Aufschwungs zwischen 1923 und 1929 verdankt.

In den USA wird der wirtschaftliche Boom der 1920er Jahre von der Automobil- und der Konsumgüterindustrie angetrieben. Waschmaschinen, Kühlschränke und Staubsauger halten Einzug in die privaten Haushalte. Das Wachstum ist in nie gekanntem Umfang kreditfinanziert. Die Kredite für Konsumzwecke steigen von etwa 100 Millionen US-Dollar 1919 bis 1929 auf über 7 Milliarden. Steuersenkungen stimulieren Investitionen, Lohnsteigerungen sorgen für Optimismus, die Macht der Banken wächst, der Aktienhandel erreicht Rekordwerte. Der Boom mündet in eine Überproduktionskrise; als die Märkte gesättigt sind, geht die Nachfrage zurück, die Firmen werden ihre Waren nicht mehr los, der Absatz und der Export nach Europa brechen ein. Im Oktober 1929 platzt am „Schwarzen Freitag“ die Spekulationsblase; als Folge der internationalen Verflechtung weiten sich die Kursstürze an der New Yorker Börse zu einer Weltwirtschaftskrise aus. Sie führt weltweit zu einem starken Rückgang der wirtschaftlichen Gesamtleistung, der in den einzelnen Ländern unterschiedlich lange dauert und zum Teil erst im Verlauf des Zweiten Weltkriegs überwunden wird.
Als die USA ihr Geld aus Europa zurückholen, trifft das die deutsche Wirtschaft besonders hart. Die Industrieproduktion und der Handel gehen zurück; das Geld wird knapp, viele Unternehmen sind zahlungsunfähig. Die Zahl der Arbeitslosen steigt von knapp drei Millionen 1929 auf mehr als das Doppelte im Jahr 1932, die Not der Arbeiter wächst. Das führt vorübergehend zu einem Zuwachs an Wählerstimmen für die KPD; vor allem aber profitiert die NSDAP. Bei der Reichstagswahl im Mai 1928 gewinnt die Hitler-Partei nur 2,6% der Stimmen; die KPD 10,6%; im September 1930 liegt die NSDAP bei 18,3%, die KPD bei 13,1%.

  • Ernst Thälmann (Quelle: Imago, United Archives International) Ernst Thälmann (1886 – 1944), deutscher Politiker in der Weimarer Republik und von 1925 bis zu seiner Verhaftung 1933 Vorsitzender der kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), 1923 (Quelle: Imago, United Archives International)

Hans Beimler (*1898) misslingt der Spagat zwischen politischem Engagement und Familienleben; zermürbt von der finanziellen Not und den Zumutungen seiner Partei-Arbeit begeht seine Ehefrau Magdalena - die Mutter seiner beiden Kinder - Selbstmord. Als Idealist und Ideologe der Revolution hat Beimler Anteil an den Erfolgen der KPD, die gegen Armut, Ausbeutung und das Weimarer System agitiert. Die Partei steigert die Zahl ihrer Mitglieder und ihre Wählerstimmen: von 130.000 Mitgliedern und 3,2 Millionen Wählern im Mai 1928 wächst sie bis zur Wahl im November 1932 auf 330.000 Mitglieder und fast 6 Millionen Wähler, das sind 16,9 % der Stimmen und 100 Reichstagsmandate; einer der Abgeordneten wird Beimler.

  • Straßenaufstände Berlin (Quelle: Imago, United Archives) Berlin, Mai 1929: Die Polizei geht brutal gegen kommunistische Demonstranten vor (Quelle: Imago, United Archives)

Zwischen den Wahlen wandelt sich die KPD zu einer stalinistischen Partei, samt dazugehörigem Personenkult um Stalin und Ernst Thälmann. (Ihre Politik wird maßgeblich in Moskau entworfen, um den außenpolitischen Zielen der sowjetischen Führung zu entsprechen.) Ab 1928 erklärt die KPD-Führung die SPD zum Hauptfeind. Die Feindschaft von SPD und KPD zeigt sich eklatant am 1. Mai 1929 in Berlin, wo wegen der aufgeheizten innenpolitischen Lage ein Versammlungsverbot gilt; als sich die KPD darüber hinwegsetzt, lässt der sozialdemokratische Polizeipräsident Zörgiebel auf kommunistische Arbeiter schießen. Es gibt mehr als dreißig Tote. Die KPD spricht vom Blutmai. Die Spaltung der Arbeiterparteien vertieft sich. Die Rechtfertigung der Polizeigewalt durch führende Vertreter der SPD dient der KPD als Bestätigung der These vom Sozialfaschismus. Dieser von der Komintern ausgegebene Begriff definiert die Sozialdemokraten als Hauptgegner und „linken Flügel des Faschismus“. Von der lähmenden Spaltung der Arbeiterbewegung profitieren die Nationalsozialisten. Unter dem Eindruck der Erfolge der NSDAP verwirft die Komintern 1935 die Sozialfaschismus-These und sucht stattdessen nach Bündnispartnern auf der linken Seite des politischen Spektrums. Solche Volksfront-Bündnisse gibt es 1936/37 in Frankreich und während des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939). Für Hans Beimler, der – nach zwischenzeitlicher Inhaftierung und Flucht aus dem Konzentrationslager Dachau – über Prag nach Spanien geht, um gegen die Franco-Faschisten zu kämpfen, sind sie ein spätes Zeichen der Hoffnung.