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Hintergrund: Korallen - Schutz vor dem Untergang

Empfindliche Symbiose auf dem Meeresgrund

  • Zwei Fische an einem maledivischen Korallenriff; Rechte:WDR Immer wieder durch Korallenbleiche bedroht: Riffe vor den Malediven.

1998 bot sich Forschern und Tauchern auf den Malediven ein erschreckender Anblick: Die Korallenriffe bleichten aus. Wo sich vorher farbenprächtige Ökosysteme befunden hatten, erstreckten sich nun weiße Korallenfriedhöfe. In vielen Bereichen starben bis zu 90 Prozent der Tiere. Schuld an dieser Korallenbleiche war der Anstieg der Meerestemperatur während einer Phase natürlicher Temperaturspitzen, die, so vermuten Forscher, durch den Treibhauseffekt stark begünstigt wurde.

Korallen sind Polypen, winzige Weichtiere, die in einem Kalkskelett leben. In einer Symbiose mit den Polypen leben Algen, die sogenannten Zooxanthellen, im Gewebe der Korallen. Sie versorgen die Korallen mit Energie, die sie durch Photosynthese erzeugen. Wenn die Wassertemperatur steigt, verändern die Zooxanthellen jedoch ihr Verhalten. Die Koralle weiß nicht mehr, wie sie damit umgehen soll, und stößt die Zooxanthellen ab. Dadurch verliert sie ihre wichtigste Nahrungsquelle. Nur wenn die Wassertemperatur nach kurzer Zeit wieder sinkt und die Zooxanthellen sich wieder auf der Koralle ansiedeln, kann sie überleben.

Viele Riffe, wie zum Beispiel das Great Barrier Reef vor Australien, waren 1998 in schockierendem Ausmaß von der Korallenbleiche betroffen. Aber für die Malediven sind solche Entwicklungen besonders fatal. Denn gesunde Korallenriffe sind einer der wenigen Faktoren, die die Malediven vor den Folgen des Klimawandels schützen könnten. Sie sorgen dafür, dass die Malediven nicht im Ozean versinken.

Korallen als Grundlage für Atolle

  • Satellitenaufnahme einer Insel der Malediven; Rechte: WDR Atolle – Inseln, die sich aus Korallenriffen bildeten.

"Wenn es bei der starken Bleiche von 1998 geblieben wäre, könnten sich die Riffe wieder vollständig erholen", sagt Dr. Sebastian Ferse vom Leibniz Zentrum für Marine Tropenökologie in Bremen. "Das Problem ist: In Zukunft rechnen wir durch die globale Erwärmung mit immer häufigeren und heftigeren Extremtemperaturen im Meerwasser. Dadurch haben die Korallen keine Zeit, richtig nachzuwachsen." Was schnell nachwächst, sind Weichkorallen und Schwämme oder die schnell wachsenden verzweigenden Korallen. "Es ist wie bei einem Wald: Nach dem Kahlschlag wachsen erst mal Sträucher, keine Bäume. Auch im Riff brauchen wir aber massive Steinkorallen, um eine stabile Struktur zu schaffen." Solche Korallen wachsen deutlich langsamer, durchschnittlich ein paar Millimeter im Jahr.

Korallenriffe bestehen aus vielen unterschiedlichen Korallen. Manche werden mehr als zwei Meter groß. Andere sind winzig klein und bilden zusammen Korallenkolonien. Tausende Millionen Polypen bewohnen gemeinsam ein Riff. Durch ihre Kalkskelette entsteht Landmasse. Atolle wie die Malediven waren einst Korallenriffe, die sich um Vulkaninseln herausbildeten – so die gängige Theorie, die auf Charles Darwin zurückgeht. Als die Vulkane versanken, wuchsen die ringförmigen Riffe weiter und verblieben so im flachen Wasser. Kalkmaterial wurde durch Stürme zu Inseln aufgeworfen. Dort siedelten sich Mangroven und andere Vegetation an, die das Land genauso wie die Korallenriffe vor Erosion schützten.

Korallen als Landschutz – aber nur unter perfekten Bedingungen

  • Kalkmaterial aus toten Korallen in der Hand eines Wissenschaftlers; Rechte: WDR Korallenkalkschutt wird auf den Malediven als Baumaterial verwendet.

"Korallenriffe haben im wesentlichen zwei landschützende Funktionen", erklärt der Riffwissenschaftler Prof. Dr. Reinhold Leinfelder von der Humboldt-Universität Berlin. "Sie schützen vor Stürmen und starkem Wellengang, so dass der Strand nicht abgetragen wird, denn sie bilden eine raue Kalkmauer im Wasser, die die Bewegungsenergie des Wassers verschluckt. Und sie können die Inseln vor dem Versinken im Meer schützen, denn sie wachsen mit dem Meeresspiegel mit."

Korallen wachsen immer zum Licht, das sie zum Leben brauchen. Eine natürliche Begrenzung ihres Wachstums ist der Meeresspiegel. Wenn er steigt, haben die Korallen auch mehr Platz nach oben, den sie ausnutzen. Zudem produzieren sie mehr Kalkmaterial, als sie brauchen. "Es kommt immer mal wieder vor, dass durch ganz normalen Wellengang Korallenstücke abbrechen. Mit diesem natürlichen Prozess kann das Riff sehr gut leben. Der Korallenkalkschutt wird dann an Land gespült und von den Mangroven festgehalten", beschreibt Prof. Leinfelder das funktionierende Ökosystem.

Doch damit die Korallenriffe den Malediven ausreichend Schutz bieten können, müssen optimale Lebensbedingungen für sie herrschen: Korallenriffe brauchen klares, sauberes Wasser zwischen 25 und 30 Grad Celsius. Temperaturextreme können eine Korallenbleiche auslösen. Sie führen zudem zu einer Versauerung des Meers. Da mehr CO2 in der Atmosphäre ist, nimmt auch das Ozeanwasser mehr CO2 auf. Dadurch sinkt der pH-Wert, das Wasser wird saurer. Die Korallen brauchen aber alkalische Verhältnisse, um ihr Kalkskelett zu bauen. Wenn das Wasser zu sauer ist, können sie nicht wachsen.

Hilfe durch Taucher

  • Verrosteter Benzinkanister auf dem Meeresgrund; Rechte: WDR Alles andere als ideale Bedingungen: Müll und Gift im Meer schädigen die Riffe.
  • Ein Taucher notiert auf einem wasserfesten Block Erkenntnisse zu Korallenriffen; Rechte: WDR Taucher sind nicht zwangsläufig schädlich für Korallenriffe – sie helfen auch Wissenschaftlern, Schäden zu dokumentieren.

Weitere Probleme sind Abfälle, die das Wasser trüben, oder ein übermäßiger Algenwuchs. Dieser kann zum Beispiel durch einen Überschuss an Dünger, der ins Meer fließt, ausgelöst werden. Beides führt dazu, dass die Korallen nicht genug Licht bekommen. Auch übermäßige Fischerei schädigt die Korallenriffe stark.

Auf den Malediven herrschen schon lange keine idealen Bedingungen mehr. Die Riffe leiden auch unter den Folgen des nicht nachhaltigen Tourismus'. Den Tauchern möchte Prof. Leinfelder indes nicht pauschal die Schuld geben. "Es waren überhaupt erst die Taucher, die die Wissenschaftler darauf hingewiesen haben, wie schlecht es weltweit um die Riffe steht", erklärt er. "In der Reefcheck-Initiative beispielsweise opfern Taucher ihren Urlaub, um mit Wissenschaftlern den Zustand der Korallen zu dokumentieren.

Problematisch wird es dann, wenn wir von Massentourismus sprechen. Unerfahrene Taucher, die zum ersten Mal im Wasser sind, bewegen sich unsicher und richten dabei viele Schäden an den filigranen Korallen an. Sie tragen Handschuhe, um sich nicht zu verletzen, und packen deswegen grob zu. Ein Fehler wäre kein Problem – aber bei Tausenden von Tauchern pro Tag kommt das Riff mit der Summe der Fehler einfach nicht mehr zurecht."

Steigender Meeresspiegel

  • Hunde auf Felsen vor einer zurückgehenden Eislandschaft in Grönland; Rechte: WDR Wenn das Eis in Grönland schmilzt, geraten die Malediven in Gefahr.

Die globale Erwärmung führt dazu, dass weltweit der Meeresspiegel steigt. Dazu tragen eine Reihe von Effekten bei, wie Dr. Klaus Grosfeld vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung erklärt. Pro Jahr steigt der globale Meeresspiegel durch das Schmelzen der Inlandgletscher, des Eises in der Antarktis und in Grönland, sowie durch die thermische Ausdehnung des Ozeans im Mittel um etwa 3,1 Millimeter. So hat es der Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC) in seinem Bericht 2007 geschrieben.
Dazu kommen jedoch noch Umverteilungen durch das Schwerefeld der Erde. Das Eis in Grönland beispielsweise ist so massiv, dass es eine eigene Gravitation ausübt. Wird diese Eismasse kleiner, sinkt auch ihre Anziehungskraft. Der Meeresspiegel in unmittelbarer Nähe sinkt dadurch. In entfernteren Regionen wie den Malediven steigt er dagegen leicht an. "Ein anderer kaum bekannter Effekt hat mit der Viskosität des Erdmantels zu tun", erklärt der Geophysiker. "Der Mantel der Erde ist nicht starr, sondern zähflüssig. Während der letzten Eiszeit haben die Gletscher die Landmassen in Nordamerika und Nordeuropa heruntergedrückt. Dafür wurden andere Regionen – wie auf einer Wippe – angehoben. Jetzt steigt Skandinavien immer noch langsam auf. Andere Regionen wie die Malediven beispielsweise sinken wieder etwas." Eine insgesamt ungünstige Entwicklung für die Atolle, deren höchster Punkt nur knapp zweieinhalb Meter über dem Meeresspiegel liegt. Doch die Versuche, die menschengemachte globale Erwärmung und den mit ihr verbundenen Anstieg des Meeresspiegels zu stoppen, scheitern bislang. "Wenn wir so weitermachen wie bisher, ohne das Klima zu schützen, wird der Meeresspiegel, so schätzt man nach neuesten Berechnungen, bis 2100 zwischen 90 und 160 Zentimetern steigen. Das wäre für die Malediven verheerend. Aber leider eine realistische Schätzung", sagt Dr. Grosfeld.

Schutz für marine Biotope

  • Eine Schildkröte und eine Qualle im Meer; Rechte: WDR Korallenriffe: Faszinierende Biotope, die es zu schützen lohnt.

"Nur bei einem historisch normalen Meeresspiegelanstieg können die Riffe ausreichend schnell mitwachsen, um die Malediven zu schützen", prognostiziert Dr. Sebastian Ferse vom Zentrum für Marine Tropenökologie. "Wir sprechen von ein paar Millimetern. Aber ob wir in Zukunft eine moderate Anstiegsrate erreichen können, ist höchst fraglich." Dazu müsste es gelingen, die globale Erwärmung des Klimas auf zwei Grad gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung zu begrenzen.

Wenig optimistisch ist auch Prof. Leinfelder von der Humboldt-Universität. "Es wäre wichtig, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, das die Politik festgesetzt hat. Dann wären auch die Versauerungs- und Bleichungseffekte deutlich geringer." Doch selbst dieses bescheidene Ziel der internationalen Klimapolitik scheint derzeit zu hoch gesteckt. Die Industrieländer müssten bis 2020 ihre Treibhausgas-Emissionen um mindestens 25 bis 40 Prozent im Vergleich zu 1990 senken. Davon sind sie weit entfernt – die Industrieländer müssten ihre bisherigen freiwilligen Zusagen verdoppeln, um auf dieses Ziel zu kommen.

Die Malediven selbst können wenig zur Begrenzung der globalen Erwärmung beitragen, da sie kaum Treibhausgase produzieren. Aber sie können viel für den Schutz ihrer Korallenriffe tun. Leinfelder: "Genauso wichtig wie eine Reduzierung der Treibhausgase wäre ein wirksamer Schutz der Riffe vor Überfischung, Zerstörung und Verschmutzung", sagt Prof. Leinfelder. Dann hätten nicht nur Urlaubsparadiese wie die Malediven eine Chance – wir würden auch marine Biotope erhalten, die durch ihre Schönheit und Artenvielfalt kommende Generationen erstaunen und erfreuen könnten.