zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.

Inhalt

Hintergrund: Grönlands Gier

Aluminium ist allgegenwärtig

  • Flüssiges Aluminium wird in eine Form gegossen; Rechte: WDR Die Herstellung von Aluminium ist sehr energieaufwendig; Rechte: WDR

Ob Getränkedosen, Verpackung, Silvesterraketen, Zahnpasta, Autoteile, Maschinenteile, Flugzeuge oder sogar Lebensmittel – überall ist Aluminium enthalten. Und selbst im menschlichen Körper befinden sich einige Mikrogramm des Leichtmetalls, zum Beispiel im Lungengewebe und den Knochen. Der Mensch braucht Unmengen an Aluminium für seinen Alltag – und der Bedarf wird in den nächsten Jahren weiter steigen. Verbrauchte die aluminiumverarbeitende Industrie in Asien im Jahr 2003 noch 13,4 Millionen Tonnen Aluminium, waren es vier Jahre später bereits 21,7 Millionen Tonnen – ein Zuwachs von rund 60 Prozent. In Europa stieg der Verbrauch im gleichen Zeitraum um immerhin 15 Prozent. Bei diesen Wachstumsraten ist verständlich, dass viele Länder hoffen, mit Aluminium das große Geld zu machen. Aluminium – das Gold des 21. Jahrhunderts?

Aluminium ist das häufigste Metall, das in der Erdkruste vorkommt. Allerdings findet man es nicht in reiner Form, sondern nur in Verbindungen oder Lösungen. Es muss in einem aufwendigen Verfahren gewonnen werden, damit es später weiterverarbeitet werden kann. Man findet Aluminium zum Beispiel im Rohstoff Bauxit, einem Aluminiumerz. Brasilien, Australien, Russland, Ungarn, Indien und Jamaika sind die Länder, in denen dieser Bodenschatz in großen Mengen vorkommt.

Seit in Grönland das Eis schmilzt, macht man sich auch dort Hoffnungen, am Aluminium-Boom teilzuhaben, auch wenn es auf der Insel selbst kein Bauxit gibt. Durch das Abschmelzen der Gletscher können dort billig große Mengen an Energie erzeugt werden, die für die Produktion des Leichtmetalls nötig sind.

Aufwendiges Herstellungsverfahren belastet die Umwelt

  • Ein Bagger beseitigt gefällte Bäume und Geäst, damit der Wald in einen Tagebau umgewandelt werden kann; Rechte: WDR Der Abbau von Bauxit im brasilianischen Regenwald zerstört die Natur; Rechte: WDR

Um Aluminium aus Bauxit zu gewinnen, wird es zunächst mit Natronlauge ausgewaschen, um andere Metalle aus dem Erz herauszuspülen. Das Gemisch wird mehrmals erhitzt, um erst Aluminiumhydroxyid und später Aluminiumoxyd zu gewinnen. Dafür sind Temperaturen von mehr als 1000 Grad Celsius notwendig. Das metallische Aluminium entsteht schließlich in einem energieaufwendigen Schmelzverfahren bei rund 900 Grad. Um diese hohen Temperaturen zu erreichen, braucht man viel Energie. Die wird heute zu 60 Prozent aus Wasserkraft gewonnen. Dazu werden in der Regel Stauseen gebraucht. In der Vergangenheit wurden dazu in Brasilien weite Landstriche einfach überflutet. Die Pflanzen verfaulten in den Stauseen, dadurch entstand Methangas. Dieses Gas gilt als Treibhausgas und beschleunigt die Erderwärmung.

Aber auch schon der Abbau von Bauxit und die Herstellung von Aluminium belasten die Natur und die Umwelt stark. In riesigen Tagebauen wird Bauxit aus der Erde gegraben. Dabei werden Teile des brasilianischen Regenwaldes oder des Urwaldes in Sibirien zerstört. Die Renaturierung dieser Gebiete dauert Jahrzehnte. Viele Ökosysteme können allerdings nie wieder hergestellt werden, wenn sie einmal zerstört sind.

Bei der Waschung von Bauxit mit Natronlauge entsteht als Nebenprodukt ein giftiger alkalischer Rotschlamm, der Pflanzen erstickt. Deswegen muss er aufgefangen und deponiert werden. Idealerweise trennt man die Natronlauge vom Rotschlamm, weil sie in der Aluminiumproduktion wieder eingesetzt werden kann. Der restliche Schlamm wird so gelagert, dass keine Stoffe in den Boden oder ins Grundwasser gelangen. Nach einem langen Trocknungsprozess und der Beimischung von Gips zur Reduzierung des ph-Wertes kann aus der Rotschlamm-Deponie Weideland gewonnen werden.

Umweltschützer kritisieren, dass die sorgfältige Deponierung oft nur unzureichend geschieht und es zu Zwischenfällen kommt, die die Natur stark verschmutzen.

Aluminium für den Klimaschutz?

  • Eine Autokarosserie fährt auf einem Produktionsband in einer Fertigungshalle eines Autoherstellers; Rechte: WDR Immer mehr Bauteile in Autos und Flugzeugen werden aus Aluminium gefertigt; Rechte: WDR

Es ist zu erwarten, dass der weltweite Bedarf an Aluminium in den nächsten Jahren weiter steigen wird. Denn vor allem die Automobilhersteller und die Luftfahrttechnik setzen auf das Leichtmetall. Aufgrund der geringeren Dichte ist Aluminium leichter als Stahl. In Zeiten des knapper werdenden Angebots an Erdöl und -gas wollen die Autohersteller Treibstoff sparen. Sie ersetzen Bauteile aus Stahl durch leichtere Aluminium-Module. Durch das geringere Gewicht wird der Treibstoffverbrauch reduziert. So wird auch der CO2-Ausstoß gesenkt. Auch in Flugzeugen bestehen etwa Flügel oder Kabinenwände zunehmend aus Aluminium und reduzieren das Gewicht der Maschinen. Die Industrieländer sehen deshalb in sparsameren Verkehrsmitteln einen wichtigen Beitrag, ihre Klimaziele zu erreichen.

Diesen Optimismus bremsen Wissenschaftler wie Michael Ritthoff vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Er wendet ein, dass die Herstellung der leichten Aluteile viel Energie verbrauche und möglicherweise mehr klimaschädliche Gase ausstoße, als später durch geringeren Treibstoffverbrauch eingespart würden. Der Projektleiter der Forschungsgruppe Stoffströme und Ressourcenmanagement erklärt: "Für die CO2-Bilanz ist zunächst mal wichtig, wo das Aluminium produziert wurde. Deutschland nutzt immer noch viel Braunkohle, um Energie für die Produktion zu gewinnen; Island beispielsweise benutzt Wasserkraft. Das macht schon mal einen Unterschied."

Aus alt mach neu: Sekundäraluminium

  • Ein schneefreies Küstendorf in Grönland; Rechte: imago In Grönland setzt man auf die Produktion von neuem Aluminium, trotz hohem Energieaufwand; Rechte: Imago

Für die Öko-Bilanz von Produkten aus Aluminium ist es außerdem wichtig, ob das Aluminium neu produziert wurde oder aus Recycling stammt. Aluminium ist sehr gut recyclebar, weil es bereits bei einer niedrigen Temperatur eingeschmolzen werden kann. Das dabei entstandene Aluminium nennt man Sekundäraluminium. Im Vergleich zum Primäraluminium, das zum Beispiel aus Bauxit gewonnen wird, braucht man zur Herstellung von Sekundäraluminium 95 Prozent weniger Energie.

Recyceltes Aluminium hat die gleiche Qualität wie neuwertiges, wenn es sortenrein eingeschmolzen wird, das heißt, wenn Schrott aus derselben Aluminiumlegierung zusammen recycelt wird. Ein Unterschied zu Primäraluminium ist optisch nicht zu erkennen. Zwar gibt es bei der Herstellung von Sekundäraluminium gewisse Verluste durch Oxidation und Verunreinigungen, aber ein Motorblock beispielsweise kann nach Schätzungen von Experten bis zu fünfzig Jahre lang immer wieder recycelt werden. Allerdings ist es logistisch teilweise schwierig, immer genug sortenreinen Alu-Schrott vorrätig zu haben. Außerdem ist zu erwarten, dass die Menge von Produkten aus Aluminium eher zunimmt, daher wird wohl auch in Zukunft neues Aluminium produziert werden.

Klima-Vorteile durch Gewichtsverlust?

  • Angela Merkel auf dem Klimagipfel in Copenhagen; Rechte: ddp Auf dem Klimagipfel in Copenhagen macht sich Bundeskanzlerin Angela Merkel für CO2-Einsparungen stark; Rechte: ddp

Was die Öko-Bilanz von Autos angeht, spielt auch hier der Unterschied zwischen Sekundär- und Primäraluminium eine Rolle. Tatsächlich können Fahrzeugteile, die nicht kalt geformt, sondern gegossen werden, wie zum Beispiel der Motorblock oder bestimmte Teile des Fahrwerks, gut aus Sekundäraluminium hergestellt werden, weil die Aluminiumlegierung dafür nicht vollständig rein sein muss. Nach Ansicht von Michael Ritthoff spart man jedoch am meisten Gewicht an Fahrzeugteilen wie der Karosserie, die aus genau eingestellten Legierungen kalt geformt werden, wofür hauptsächlich Primäraluminium in Frage kommt. Zudem gibt er zu bedenken, dass Fahrzeuge trotz Verwendung von Aluminium insgesamt schwerer würden, weil zusätzliche Elemente wie Klimaanlagen den Gewichtsvorteil ausglichen. "Die Stahlindustrie arbeitet momentan in verschiedenen Projekten daran, besonders leichte Stahlbauteile für Fahrzeuge zu entwickeln. Damit würde man ebenfalls Klima-Vorteile erzielen – auch weil Stahl in der Herstellung wesentlich weniger energieintensiv ist als Aluminium."

In Deutschland wurde 2009 fast doppelt so viel Sekundäraluminium hergestellt wie Primäraluminium. Hier gibt es gesetzliche Vorschriften, wonach ein Großteil des Aluminiums aus Fahrzeugen wiederverwendet werden muss. Bei der Verschrottung eines Autos werden mindestens 95 Prozent der Aluminium-Bauteile herausgeholt und recycelt. Auch das Aluminium in Verpackungen und Dosen wird zu rund 80 bis 90 Prozent wiederverwertet.

Eine neue Chance für Grönland?

  • Maniitsoq ist ein grönländisches Dorf mit bunten Holzhäusern, das auf Schären am Meer liegt; Rechte: WDR In Maniitsoq soll eine große Aluminiumfabrik gebaut werden; Rechte: WDR

In die weltweite Aluminiumproduktion will sich mit Grönland jetzt ein weiteres Land einmischen. Weil die Jagd und die Fischerei die Inselbewohner nicht mehr ernähren kann, sucht die Regierung in Nuuk nach neuen Wirtschaftszweigen. Für die Produktion von Aluminium herrschen auf Grönland beste Voraussetzungen: Es gibt viel Schmelzwasser, mit dem Wasserkraftwerke betrieben werden können. In Grönland gibt es das seltene Mineral Kryolith, das bei der Schmelzflusselektrolyse zur Gewinnung von Aluminium verwendet wird. Bei diesem Prozess werden neben CO2 aus der Energiegewinnung übrigens auch Perfluorcarbone (PFCs) frei – Treibhausgase, die bis zu mehrere tausend Mal so schädlich sind wie Kohlendioxid.

Allen Einwänden und Umweltbilanzen zum Trotz will Grönland in die boomende Aluminiumbranche einsteigen. Dazu muss Grönland aus seiner bisherigen Verpflichtung im Kyoto-Protokoll aussteigen, den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Das Reduktionsziel von acht Prozent bis 2012 hatte Dänemark zugesagt, und Grönland gehört zum Königreich Dänemark. Seit Sommer 2009 genießt die Insel allerdings einen weitgehenden Autonomiestatus. Nun will Grönland selbst über den CO2-Ausstoß bestimmen – und ihn erhöhen statt zu senken.