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Hintergrund: Wie man Zeitzeugen zum Reden bringt – Interview mit der Filmautorin Konstanze Burkard

Frage: Nach welchen Kriterien sucht man Zeitzeugen für eine solche Dokumentation aus?

K. Burkard: Das inhaltliche Kriterium ist natürlich, ob die Zeitzeugen mit ihrer eigenen Lebensgeschichte zum historischen Kontext der Dokumentation etwas beitragen können. Bei uns ging es um die Geschichte der Stadt Auschwitz, also suchte ich Menschen, die einen Teil der Geschichte von Auschwitz selbst miterlebt haben. Darüber hinaus sind Zeitzeugen besonders interessant, die spannende Geschichten zu erzählen haben, die man in Verbindung mit dem Thema vielleicht noch nicht gehört hat oder die einen neuen Blickwinkel oder unterschiedliche Perspektiven auf das historische Geschehen ermöglichen. So wie in unserem Fall die Geschichte der Stadt Auschwitz ganz unterschiedlich erlebt wurde, je nachdem, ob man nun Jude, polnischer Christ oder deutscher Angestellter war.

Frage: Wie haben Sie die Protagonisten von "Auschwitz war auch meine Stadt", Josef, Karol, Marta und Johanna gefunden?

K. Burkard: Über das "Schneeballsystem" und persönliche Kontakte: Ich habe mit Historikern gesprochen und die Institutionen kontaktiert, die vor Ort tätig sind. Dann bin ich natürlich hingereist und habe mich mit vielen Menschen getroffen und unterhalten. Besonders schwierig war es, einen deutschen Zeitzeugen beziehungsweise eine deutsche Zeitzeugin zu finden. Da haben erst einmal alle "klassischen" Wege versagt, zum Beispiel Archivlisten mit Namen zu durchforsten oder Einwohnermeldeämter abzutelefonieren. Doch im Museum Auschwitz-Birkenau sind mir Jugendfotos von Johanna in die Hände gefallen, und mit Hilfe meiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin Lucyna Filip gelang es schließlich, sie zu kontaktieren.

  • Portraitaufnahme von Marta Swiderska. "Phantastisch lebendige Erzählerin": Marta Swiderska; Rechte: WDR

Frage: Wie hat sich die erste Kontaktaufnahme gestaltet? Waren alle sofort zur Mitwirkung bereit? Oder haben sie vielleicht Einschränkungen gemacht, wollten sie zum Beispiel über bestimmte Themen nicht sprechen?

K. Burkard: Herrn Jakubowicz habe ich mehrfach zu Hause besucht, seinen Jugendfreund Karol habe ich auf einer Recherchereise ebenfalls zu Hause besucht. In beiden Fällen habe ich in einer sehr persönlichen Atmosphäre mein Anliegen geschildert. Es gab gegenseitiges Vertrauen und eine gute Gesprächsgrundlage. Mit Frau Scherzberg gab es im Vorfeld ebenfalls lange Telefonate und ein ausführliches Vorgespräch ohne Kamera. In allen Fällen war so viel Vertrauen vorhanden, dass die Protagonisten keine Einschränkungen gemacht haben und bereit waren, alle Fragen zu beantworten. Hätte sich jemand während des Interviews mit der Situation oder einer Frage unwohl gefühlt, hätte ich natürlich darauf reagiert.

Frage: Sind Ihnen Reaktionen der Protagonisten nach dem ersten Anschauen des Films bekannt?

K. Burkard: Ja. Ich habe die Hauptprotagonisten vor der Ausstrahlung am Telefon vorbereitet und anschließend auch noch einmal mit ihnen gesprochen. In allen Fällen haben die Filme viel Aufmerksamkeit im persönlichen und sozialen Umfeld der Protagonisten erzeugt. Es war für alle Beteiligten ein wichtiges Ereignis, dass sie – aus teilweise unterschiedlichen Gründen - sehr beschäftigt.

Frage: Warum haben Sie Marta Swiderska zu Wort kommen lassen? Welche Rolle spielt sie im Film (auch im Gegensatz oder in Ergänzung zu Karol)?

K. Burkard: Während Josef Jakubowicz und Karol Parcer ja über ihre Freundschaft miteinander verbunden sind, – der Besuch stellt ja so etwas wie eine Rahmenhandlung dar –, hat sie die Funktion einer Zeitzeugin, die wie Karol eben auch die Zeit der deutschen Besatzung in der Stadt erlebt hat und dazu, in Ergänzung zu Karol, noch einiges beitragen kann. Und sie ist natürlich eine ganz fantastisch lebendige Erzählerin!

  • Portraitaufnahme von Johanna Scherzberg. "Sehr geöffnet und viel von sich preisgegeben": die Protagonistin Johanna Scherzberg; Rechte: WDR

Frage: Wie gut lernt man seine Protagonisten bei einem solchen Dreh kennen? Wie war Ihr Verhältnis zu Ihren Interviewpartnern?

K. Burkard: Man kommt den Protagonisten natürlich nahe, insbesondere wenn man mit ihnen über ganz "nahe Themen" spricht. Unsere Protagonisten haben sich sehr geöffnet und viel von sich preisgegeben – was uns im Team natürlich auch berührt hat. Gleichwohl ist es wichtig, eine berufliche Distanz zu wahren und das Anliegen des Films immer im Blick zu haben. Das kann ich nicht, wenn ich zu viel Nähe zulasse.

Frage: Wie haben Sie sie zum Reden gebracht?

K. Burkard: Ich bin sehr neugierig und komme gerne mit Menschen ins Gespräch. Ich finde spannend, was sie zu erzählen haben, wie sie leben, frage auch nach Dingen, die gar nichts mit dem Film zu tun haben. Ich denke, wenn Menschen spüren, dass sich jemand wirklich für ihre Geschichte interessiert, dann erzählen sie sie auch gerne. Mit oder ohne Kamera.

Frage: Wie verändern die laufende Kamera und die Anwesenheit des Kamerateams die Gesprächssituation? Haben Sie (beispielsweise im Vergleich zu Vorgesprächen) ein verändertes Verhalten an Ihren Interviewpartnern bemerkt?

K. Burkard: Die Gespräche waren so intensiv, dass die Protagonisten, wenigstens so weit ich das beurteilen kann, nach einer gewissen Anlaufzeit das Kamerateam natürlich noch wahrgenommen haben, dass es aber den Gesprächsverlauf nicht in einem negativen Sinne beeinflusst hat. Dafür spielt eine ganz wichtige Rolle, dass die Atmosphäre während des Drehs stimmt, dass die Protagonisten auch zum Team ein gewisses Vertrauen aufbauen.

  • Seitliche Portraitaufnahme von Josef Jakubowicz. Josef Jakubowicz vor dem Tor der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau; Rechte: WDR

Frage: Was für Fragen haben Sie gestellt? Haben Sie gezielt gefragt oder die Zeitzeugen eher frei erzählen lassen?

K. Burkard: Ich habe beim Dreh immer einen Katalog gezielter Fragen, die eng mit dem Thema zu tun haben. Und frage alles nach, was mich an der Antwort besonders interessiert. Wenn ich merke, dass das Konzept, das ich mir vorgenommen habe, nicht funktioniert, werfe ich es über den Haufen und versuche, es laufen zu lassen und erst einmal ein "normales Gespräch zu führen". Und alles, was mir von den Protagonisten spontan zugespielt wird, nehme ich gerne auf und gehe weiter darauf ein.

Frage: Gab es etwas, worüber es den Zeitzeugen schwer fiel zu sprechen?

K. Burkard: Ja, es ist den Zeitzeugen zum Teil schwer gefallen, über Erlebnisse zu sprechen, die sie sehr verletzt oder erschüttert haben. Es gibt eine einzelne Geschichte, von der ich wusste, dass es dem Protagonisten sehr schwer fallen würde, sie zu erzählen. Ich habe dann spontan verzichtet, am "Ort des Geschehens" danach zu fragen. Ich habe gefühlt, dass das nicht geht und es nicht weiter thematisiert.

Frage: Wie geht man mit widersprüchlichen oder zweifelhaften Aussagen um? Wie haben Sie zum Beispiel auf Johanna Scherzbergs Aussage, sie habe nie den Rauch der Krematorien gerochen, reagiert? Wie intensiv hakt man in Zweifelsfällen nach?

K. Burkard: Das hängt von der Grundhaltung des Films ab und von der Position, die man als Autor oder Regisseur einnimmt. Wir haben uns dafür entschieden, die Lebensgeschichten unserer Protagonisten auf einer Zeitachse am Ort Auschwitz gegeneinander zu stellen und Geschichte so aus den unterschiedlichen Blickwinkeln zu erzählen. Wir wollten bewusst nicht werten oder gar urteilen, auch nicht gegenüber unserer deutschen Protagonistin. Wir fanden es sinnvoller, Fragen aufzuwerfen und zum Nachdenken anzuregen, als Antworten zu geben. Zum selben Thema haben wir auch die anderen Protagonisten zu Wort kommen lassen.

  • Portraitaufnahme von Karol Parcer. Karol Parcer erinnert sich; Rechte: WDR

Frage: Inwiefern erhebt ein Film wie "Auschwitz war auch meine Stadt" Anspruch auf Objektivität?

K. Burkard: Der Film erhebt keinen Anspruch auf Objektivität. Natürlich ist es wichtig, dass die historischen Fakten, die im Kommentar gegeben werden, richtig sind und dass auch die O-Töne historisch korrekt zugeordnet werden. Aber das Wesentliche ist, wie die Protagonisten diesen Teil der Geschichte erlebt haben und erinnern.

Frage: Auf welche filmisch-gestalterischen Mittel haben Sie bei "Auschwitz war auch meine Stadt" besonderen Wert gelegt?

K. Burkard: Wir haben ja im "Hier und Jetzt" gedreht. Und dabei Bilder gesucht, die durch die Gegenwart der Stadt die Vergangenheit durchscheinen lassen und eine Verbindung zu den Erzählungen der Protagonisten herstellen – zum Beispiel die Menschen, die heute in der Sola baden, so, wie damals Josef und Karol. Die Menschen, die in das Chemiewerk zur Arbeit gehen, so wie damals Johanna Scherzberg. Die heute leere und öde Straße, in der einmal eine Synagoge neben der anderen stand.

Frage: Wieso haben Sie sich bei "Auschwitz war auch meine Stadt" für eine Form entschieden, die sehr stark von Zeitzeugenaussagen lebt? Funktioniert diese Form bei jedem Thema?

K. Burkard: Ich finde es grundsätzlich interessanter, wenn Menschen Geschichten erzählen, die sie selbst erlebt haben, als wenn Experten über historische Ereignisse sprechen. Wenn man also Menschen findet, die in ihrer Lebensgeschichte mit einem historischen oder politischen Ereignis verknüpft sind, das sie emotional berührt und wenn sie lebendig davon erzählen können, dann ist das nach meiner Meinung immer ein gutes Grundgerüst für eine Dokumentation oder einen Dokumentarfilm. Daneben sind natürlich auch Dokumente und Filmaufnahmen spannend und wichtig.