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Hintergrund: Ausgrenzung, Enteignung und Deportation der Juden im nationalsozialistischen Deutschland

Entrechtung und Enteignung

  • Schautafel zu den Nürnberger Gesetzen. Im "Reichsbürgergesetz" wurde die Abstammung an der Religion der Großeltern festgemacht; Rechte: akg

Die Gesetzgebung des nationalsozialistischen Regimes traf die in Deutschland lebenden Juden ab 1933 nicht gänzlich unvorbereitet. Antisemitismus galt seit Kaiserreich und Weimarer Republik als ein verbreitetes gesellschaftliches Phänomen. Neu waren dagegen das Ausmaß und die kompromisslose Dreistigkeit, mit der ein Teil der eigenen Bevölkerung ausgegrenzt und deklassiert wurde. Durch Verordnungen wie das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" oder die "Beurlaubung jüdischer Beamter" drängte man Menschen jüdischer Abstammung aus ihrem beruflichen und zunehmend auch sozialen Umfeld. Die ersten Maßnahmen galten deshalb den Staatsbeamten, um laut Hitler "Elemente zu entfernen, denen man nicht Sein oder Nichtsein des Reiches anvertrauen kann". Den Juristen und (Hochschul-)Lehrern folgten Ärzte, Steuerberater und Journalisten.

Mit dieser sozialen Degradierung gingen Zugriffe auf die Besitztümer der Betroffenen einher, so dass insgesamt eine regelrechte Umverteilung stattfand: Nicht nur Beruf und Status gingen verloren, beschlagnahmte Güter vom Kleidungsstück bis zur Immobilie wurden öffentlich weit unter Marktwert versteigert. Die sogenannte "Arisierung" erstreckte sich auf ganze Betriebe und Großunternehmen: Ihre Besitzer sowie Angestellte wurden abgesetzt, enteignet und in die Arbeitslosigkeit entlassen. Andere Firmen wurden schlicht aufgelöst, wobei man sämtliche Wertgegenstände zugunsten des Staatshaushalts oder zwecks Auktionen für Nichtjuden konfiszierte. Nahezu unvermittelt ihrer wirtschaftlichen Grundlage beraubt, stellten sich den betroffenen Juden existenzielle Fragen.

Die Emigration als Ausweg?

  • Porträtaufnahme von Victor Klemperer. Eine undatierte Aufnahme von dem Romanisten Victor Klemperer (1881-1860); Rechte: dpa

Nachdem die NSDAP von Teilen der jüdischen Bevölkerung zunächst als temporäres Übel betrachtet worden war, mehrten sich ab Mitte der 1930er Jahre die Gründe, eine Auswanderung in Betracht zu ziehen. Dokumente von Zeitzeugen sowie die Erinnerungen von Nachfahren verweisen allerdings auf die beträchtlichen finanziellen, organisatorischen und emotionalen Hindernisse, die sich vor Menschen auftürmten, die Deutschland nach wie vor als ihre Heimat begriffen: Wovon sollten Reise und Aufbau einer neuen Existenz bezahlt werden, zumal die Kapitalumwandlung in Devisen hohe Verluste mit sich brachte und die ab 1939 erhobene "Reichsfluchtsteuer" zu weitgehender Verarmung führte? Wie sollte der immense logistische Aufwand bewältigt werden, Auslandskontakte geknüpft, Fährtickets gebucht, Fremdsprachen erlernt werden? Wer konnte wissen, was die vollkommen offene Zukunft in der Fremde bringen würde?

Und: Wer konnte ahnen, dass von den Gebliebenen letztlich nur ein Bruchteil der Vernichtung entkommen würde? Der aus seinem Amt an der Hochschule vertriebene Dresdner Romanist Victor Klemperer brachte das Dilemma in seinem Tagebuch auf den Punkt: "Ins Nichts gehen, im Verderben bleiben?" Dennoch wagten viele bis zum Auswanderungsverbot 1941 diesen Schritt: Den Höhepunkt bildeten die Jahre 1938 mit 40.000 und 1939 mit 80.000 Emigranten – Menschen, die alles aufgaben, um ihr Überleben zu sichern.

Verfolgung und Deportation

  • SA-Männer kleben ein Plakat mit der Aufschrift "Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden" an der Schaufensterscheibe eines Geschäfts. Plakate an Schaufenstern riefen zum Boykott jüdischer Geschäfte auf; Rechte: dpa
  • Hermann Göring in Begleitung von Wilhelm List und Baldur von Schirach. Hermann Göring (2. v. r.), einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung der Juden; Rechte: akg

Von einer markanten Radikalisierung nationalsozialistischer Politik lässt sich ab 1938 sprechen, als einschneidendes Ereignis gilt die Reichspogromnacht vom 9. November. Wenige Tage später bekannte Hermann Göring: "Ich möchte kein Jude in Deutschland sein." Die antijüdische Politik verfolgte nicht mehr nur die Entrechtung der Menschen, sondern deren Kennzeichnung, Isolierung und Verfolgung. Im April 1938 mussten Juden ihr Vermögen detailliert angeben und ab November 1938 dann abgeben (die sogenannte "Judenbuße") – Maßnahmen, die nicht nur zur Verarmung der Juden führten, sondern zwei weitere Ziele erreichten: Man sicherte sich die Solidarität der profitierenden nichtjüdischen Bevölkerungsteile und schuf darüber hinaus finanzielle Grundlagen für den 1939 beginnenden Angriffskrieg.

Zugleich kam die weltanschauliche Seite der verbrecherischen NS-Politik zum Tragen: Unter Federführung des 1939 gegründeten Reichssicherheitshauptamtes erfuhr der Terror eine Systematisierung und Ausweitung in die besetzten Gebiete. Ab 1941 wurde begonnen, die enteigneten (und somit für den Staat wertlosen) Juden in den Osten zu deportieren. Die beschönigend als "Umsiedlungen" verschleierten Transporte führten in Sammel- und Durchgangslager, in denen unmenschliche körperliche Arbeit zu leisten war, - oder direkt in den Tod durch Erschießen beziehungsweise Vergasen. Ausgangspunkt der Deportationen waren Bahnhöfe in ganz Deutschland, ein Teil der Bevölkerung war dabei aktiv an Koordination und Durchführung beteiligt: Wachmannschaften begleiteten die Menschen zu den Zügen, Finanzbeamte ließen sich den Vermögensverzicht schriftlich bestätigen, Mitarbeiter der Reichsbahn regelten den ordnungsgemäßen Ablauf der Transporte. Darüber hinaus wurden viele andere zu Zeugen dieses beispiellosen öffentlichen Vorgangs.

Die Rolle der nichtjüdischen Bevölkerung

Doch wieso ignorierten so viele Zivilisten, dass ehemalige Nachbarn, Kollegen und Bekannte verschleppt wurden? Warum griff kein Polizist ein, verweigerte kein Bahnbeamter seine Mithilfe?

Zu bedenken dabei ist, dass eben diese Zivilisten seit 1933 zu Nutznießern der Judenfeindlichkeit geworden waren. Bereicherungsmechanismen setzten sich in Gang und somit entstand ein ökonomisch motivierter Antisemitismus: Nicht nur ersteigerte Güter und günstig erhaltener Wohnraum waren attraktiv. Auch boten die Entlassungen und Berufsverbote der jüdischen Angestellten und Arbeiter eine Möglichkeit, sich auf bequeme Art und Weise beruflicher Konkurrenz zu entledigen. Daher wurden sie nicht nur stillschweigend geduldet, sondern nach Kräften mitgetragen, forciert und individuell instrumentalisiert.

Untersuchungen zeigen, dass die nationalsozialistische Propaganda wenig erfolgreich war, wenn sie ihre Opfer plump diffamierte und in der Bevölkerung antisemitische Emotionen zu schüren versuchte. Dagegen richtete sich der Protest einzelner, vor allem jedoch der verbreitete Ordnungssinn. Mit dieser deutschen Mentalität waren schon die prügelnden SA-Horden zu Beginn von Hitlers Herrschaft nicht vereinbar gewesen. Nur bedingt taugt daher die antisemitische Ideologie allein als Erklärung für das Verhalten der Deutschen. Wichtiger scheinen Desinteresse, Abstumpfung und Feigheit sowie das beschriebene Profitdenken zu sein: Wer an "nicht-arisches" Hab und Gut gelangt war, hatte wenig Interesse am Schicksal, geschweige denn an einer Rückkehr der vormaligen Besitzer.

Fragen, die bleiben

Heute sind nur noch wenige Täter, Opfer und Zeugen nationalsozialistischer Herrschaft am Leben. Es bleiben deren Erinnerungen – mündlich an die Nachfahren oder schriftlich überliefert. Darüber hinaus dokumentieren zahlreiche, teils unerschlossene Materialsammlungen das Geschehene. Kinder und Enkelkinder der Verfolgten des Regimes drängen darauf, das Schicksal ihrer Familien aufzuhellen, andere Nachkommen stellen sich quälende Fragen nach Verstrickungen der eigenen Familie in die NS-Verbrechen. Neben persönlichen Anliegen, politisch oder kulturell inszeniertem Gedenken und der umfassenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung gibt es allerdings Tendenzen des Vergessens, Verdrängens, Verschleierns. Die Ursache dafür mag darin liegen, dass viele es nach 70 demokratischen Jahren "endlich gut sein lassen" wollen mit der Vergangenheit. Dahinter steckt aber auch das Interesse, bestimmte Informationen nicht preiszugeben beziehungsweise gar nicht erst zu bekommen.

Von der halben Million jüdischer Bürger 1933 befanden sich 1945 nur noch 12.000 in Deutschland. Entsprechend hoch muss die Zahl der Institutionen und Privatpersonen sein, die an diesem verübten Unrecht beteiligt waren, von ihm gewusst oder in verschiedener Weise profitiert haben. Indem weitere Akten ausgewertet sowie Verantwortlichkeiten und Besitzverhältnisse aufgeklärt werden, lässt sich nichts rückgängig machen und kaum mehr jemand entschädigen. Die Freigabe aller Quellen und ein öffentliches Interesse an deren kritischer Sichtung würden unserer modernen Gesellschaft jedoch gut zu Gesicht stehen.