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Hintergrund: Der irischer Widerstand

Hungersnot

  • mehrere Kartoffeln (Quelle: SWR) Die Kartoffel - wichtigstes Nahrungsmittel in Irland (Quelle: SWR)

Die Kartoffel ist das wichtigste Nahrungsmittel in Irland. Jeder Ire isst davon heutzutage mehr als 140 Kilogramm im Jahr. Damit steht die Grüne Insel an der Spitze in Europa. Das irische Grundnahrungsmittel setzt sich im späten 17. Jahrhundert durch. Die Unterwerfung Irlands, die von Wilhelm von Oranien vollendet wird, bringt Strafgesetze mit sich: Katholiken ist es verboten, Land zu besitzen. Die englischen Gutsherren, denen das Land übergeben wird, teilen es in Parzellen, die an Einheimische verpachtet werden. Die Parzellen werden jedoch immer kleiner, weil sie mit jeder neuen Generation unter den Kindern aufgeteilt werden müssen, bis für viele nur noch die Auswanderung übrig bleibt. So ist die Einführung der Kartoffel zunächst ein Geschenk des Himmels, denn für den Kartoffelanbau wird nur ein Fünftel der Fläche benötigt, die der Getreideanbau beansprucht. Weil die Menschen nun genug zu essen haben, heiraten sie früher und bekommen entsprechend mehr Kinder. Die Bevölkerungszahl steigt von 3,5 auf 8 Millionen zur Mitte des 19. Jahrhunderts.

Als 1845 die Kartoffelpest ausbricht, kommt es deshalb zur Katastrophe. Es ist der Auftakt für die größte Hungersnot in der irischen Geschichte. Zwar überstehen die meisten den ersten Winter unter entsetzlichen Entbehrungen, doch auch die nächsten Ernten sind von der Krankheit befallen. Die englischen Hilfsmaßnahmen sind halbherzig. Auch geht der Export von Vieh, Getreide und anderen Lebensmitteln aus Irland nach Großbritannien und in die Kolonien uneingeschränkt weiter. Eine Million Menschen verhungert, und bis 1920 wandern drei Millionen Iren aus. Die Ereignisse haben sich tief in das Gedächtnis der Iren eingegraben. Nicht vergessen ist auch der Zynismus der anglikanischen Kirche, die Hungernde mit einem Teller Suppe zum Konvertieren bewegen wollte.

Gescheiterte Aufstände

Nach der Schlacht am Boyne, bei der Wilhelm von Oranien 1690 die protestantische Thronfolge in Großbritannien sichert, verschärft die britische Regierung die Strafgesetze gegen Katholiken in Irland, um weitere Rebellionen zu verhindern. Aber auch die Rechte der Presbyterianer werden 1704 eingeschränkt, weil die Regierung kein Vertrauen mehr in die Siedler im Nordosten Irlands hat, da sie in der Vergangenheit gemeinsame Sache mit den katholischen Iren gemacht haben. So dürfen sie keine öffentlichen Ämter bekleiden, keine Waffen tragen und bestimmte Berufe nicht ausüben.

Es sind Presbyterianer um Theobald Wolfe Tone, Rechtsanwalt aus Dublin und Protestant, die 1791 die radikalen United Irishmen gründen. Sie streben eine Vereinigung von irischen Katholiken und Protestanten im gemeinsamen Kampf an, doch ihr Aufstand scheitert 1798. Die britische Regierung schafft daraufhin das irische Parlament durch den Act of Union ab und vereinigt beide Länder 1801. Zwei Jahre später kommt es erneut zu einer Rebellion unter Führung des irischen Nationalisten Robert Emmet, ebenfalls Protestant, doch auch sie wird niedergeschlagen. Während der großen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts wandern mehr als eine Million Iren in die USA, nach Kanada, Australien und Großbritannien aus. Viele von ihnen unterstützen die Unabhängigkeitsbewegung in der alten Heimat finanziell und ideologisch. Doch die Hungersnot hat auch dafür gesorgt, dass sich politische Organisationen bilden, die auf friedlichem Weg für nationalistische Ziele eintreten ("gälisches Revival"). Eine Gruppe von Exil-Iren, die aus der irisch-republikanischen Bruderschaft Fenier hervorgeht, gibt aus den Vereinigten Staaten den Anstoß die britische Herrschaft über Irland mit Waffengewalt zu stürzen. Der Begriff Fenier stammt vom irischen „La Fianna“ ab, eine Gruppe von Kriegern, die in der Mythologie Irland verteidigen. Die Fenier-Bewegung, aus der später die Irisch-Republikanische Armee, IRA hervorgeht, fasst Fuß in Irland, doch ihr Aufstand von 1867 scheitert.

Der Osteraufstand

  • Aufständische werden abgeführt (Quelle: dpa) Osteraufstand in Irland 1916: Aufständische werden abgeführt (Quelle: dpa)

Weil die britische Regierung aufgrund des Ersten Weltkriegs die Home-Rule Bill, die Irland eine beschränkte Unabhängigkeit zugestehen soll, verschiebt, planen radikale Nationalisten einen Aufstand. Doch die Anführer der "Irish Volunteers" und der "Irish Republican Brotherhood", aus denen sich später die Irisch-Republikanische Armee (IRA) entwickelt, sind uneinig. Nach dem Motto "Englands Schwierigkeiten sind Irlands Chance" halten die einen die Gelegenheit für günstig, weil die englischen Truppen während des Weltkriegs anderweitig beschäftigt sind. Die anderen vertrauen darauf, dass die "Home-Rule Bill" nach Kriegsende verabschiedet wird.

Die Rebellenführer ordnen über Ostern 1916 ein dreitägiges Manöver an, um nicht nur die englischen Besatzer, sondern auch die Zauderer in den eigenen Reihen zu überlisten. Als jedoch eine Waffenlieferung aus Deutschland von der britischen Armee abgefangen wird, sagt einer der Rebellenführer die geplanten Manöver ab. Damit kann er den Aufstand zwar um einen Tag verzögern, aber nicht verhindern. Die Mobilisierung ist somit weit schwächer als erhofft: Etwa tausend Rebellen besetzen am Ostermontag zahlreiche öffentliche Gebäude in Dublin, darunter das Hauptpostamt. Dort proklamieren sie die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich Großbritannien und Irland. Fünf Tage können sie ihre Stellungen verteidigen, doch dann wird der Aufstand niedergeschlagen. 64 Rebellen, 200 Zivilisten sowie 132 britische Soldaten und Polizisten werden bei dem Aufstand getötet. Als man die überlebenden Rebellen abführt, werden sie von der Bevölkerung verspottet, bespuckt und mit faulem Obst beworfen. Weil die britische Regierung die Anführer hinrichten lässt, wendet sich das Blatt jedoch. Es kommt zum Unabhängigkeitskrieg.

  • Irische Rebellen besetzen das Hauptpostamt in Dublin (Quelle: dpa)

    Osteraufstand in Irland 1916: Irische Rebellen besetzen das Hauptpostamt in Dublin (Quelle: dpa)

  • Britische Soldaten vor dem zerstörten Postgebäude in Dublin (Quelle: dpa)

    Osteraufstand in Irland 1916: Britische Soldaten vor dem zerstörten Postgebäude in Dublin (Quelle: dpa)

Der Unabhängigkeitskrieg

  • Exekution irischer Rebellen nach dem Aufstand (Quelle: dpa) Osteraufstand in Irland 1916: Exekution irischer Rebellen nach dem Aufstand (Quelle: dpa)

Der Osteraufstand 1916 hat bei der Bevölkerung keine Unterstützung gefunden. Doch das rücksichtslose Vorgehen der britischen Besatzer, die die Anführer des Aufstands hinrichten lassen, weckt den Widerstandsgeist. Bei den Parlamentswahlen 1918 gewinnt Sinn Féin, der politische Flügel der IRA, 73 von 105 Mandaten. Zu der Zeit sitzen jedoch 36 der Abgeordneten in englischen Gefängnissen. Die Partei ruft 1919 die Republik aus. Das nimmt die britische Regierung nicht hin. Ein Krieg um die Unabhängigkeit Irlands beginnt.

Die IRA hat mit Michael Collins einen Organisator, der die britischen Truppen mit seiner Guerilla-Taktik an den Rand der Niederlage bringt. Er beschafft Waffen, identifiziert britische Agenten und lässt sie von seinen IRA-Einheiten erschießen. Die IRA erhält von Seiten der Bevölkerung jede erdenkliche Unterstützung. Im Juli 1921 bietet die britische Regierung einen Waffenstillstand an. Sinn Féin-Chef Eamon de Valera, der einzige überlebende Anführer des Osteraufstands, entsendet Collins als Chefunterhändler zu den Verhandlungen nach London. Collins kommt mit einem Vertrag zurück, der weit hinter seinen eigenen Vorstellungen zurückbleibt: Irland wird Freistaat, die Beamten müssen weiterhin einen Eid auf die britische Krone schwören. Darüber hinaus wird das Land geteilt: Sechs der neun Grafschaften Ulsters, der Provinz im Nordosten der Insel, bleiben direkt der britischen Regierung unterstellt. Collins sieht es als Übergangslösung an, ahnt jedoch, dass er sein eigenes Todesurteil unterschrieben hat.

Bürgerkrieg

Der Vertrag zur Errichtung eines Freistaats wird vom irischen Parlament im Dezember 1921 mit knapper Mehrheit ratifiziert, doch Eamon de Valera, der als einziger Anführer des Osteraufstands den Exekutionen entgangen ist, tritt als Präsident zurück. Er führt die Vertragsgegner an, die im April 1922 das Dubliner Gerichtsgebäude besetzen. Ein Bürgerkrieg beginnt.

Die neue irische Regierung unter Michael Collins, früher ein enger Freund de Valeras, nimmt ein britisches Angebot an: Mit Hilfe britischer Artillerie wird der Aufstand in Dublin binnen kürzester Zeit niedergeschlagen. Lediglich in manchen ländlichen Regionen zieht sich der Bürgerkrieg bis Mai 1923 hin. Die Vertragsgegner ermorden zahlreiche Abgeordnete und brennen historische Gebäude nieder. 77 Rebellen werden von ihren ehemaligen Kampfgenossen, mit denen sie noch ein Jahr zuvor gegen die britische Besatzung gekämpft haben, hingerichtet. Michael Collins wird im August 1922 von den Vertragsgegnern in der Nähe seines Geburtshauses in Cork in einen Hinterhalt gelockt und erschossen. Insgesamt sterben rund 4.000 Menschen. Der Bürgerkrieg belastet nicht nur lange Zeit die irische Politik, sondern der Bruch zieht sich auch durch viele Familien.