zum Inhalt.
zur Hauptnavigation.

Inhalt

Hintergrund: Ära der Gewalt

Die IRA in der Krise

  • Militärparade in Dublin. 1949 (Quelle: dpa) 1949: Irland wird Republik (Quelle: dpa)

Irland ist seit dem Vertrag mit Großbritannien aus dem Jahr 1922 Freistaat. Im Juli 1937 wird per Volksentscheid eine neue Verfassung verabschiedet, die zum Jahresende in Kraft tritt. Irland erlangt erstmals Souveränität, verbleibt aber als "assoziiertes Mitglied" im Commonwealth. Douglas Hyde wird erster Präsident. Im Januar 1939 beginnt die Irisch-Republikanische Armee (IRA) eine Bombenkampagne in England. Nach dem schlimmsten Anschlag, bei dem im August fünf Menschen in Coventry getötet werden, stellt die IRA die Anschläge jedoch wieder ein. Einen Monat später beginnt der Zweite Weltkrieg. Nordirland als Teil des Vereinigten Königreichs wird von deutschen Flugzeugen bombardiert, Irland bleibt neutral.

Im April 1949 ruft der neue irische Premierminister John Costello die Republik aus, Irland verlässt den Commonwealth. Die britische Regierung erlässt daraufhin per Gesetz, dass Nordirland im Vereinigten Königreich verbleibt. Wegen der andauernden Teilung der Insel beginnt die IRA Ende 1956 eine neue Bombenkampagne, diesmal in den nordirischen Grafschaften an der Grenze zur Republik Irland. Die Regierungen in London und Dublin führen deshalb Internierungen ohne Anklage ein. Dennoch gehen die Anschläge weiter, wenn auch nur sporadisch. Erst 1962 stellt die IRA ihre Kampagne ein, weil sie weder Unterstützung in der Bevölkerung hat, noch über genügend Waffen oder Mitglieder verfügt. Die Bürgerrechtsbewegung und die gewaltsame Reaktion protestantischer Organisationen, die 1968 katholische Viertel überfallen und die Bewohner vertreiben, treffen die IRA daher völlig unvorbereitet. Ihre Wiedergeburt lässt jedoch nicht lange auf sich warten.

Der Blutsonntag - „Bloody Sunday“

  • Ein Soldat schlägt auf einen Demonstranten ein (Quelle: dpa) Der 30. Januar 1972 in Derry geht als "Bloody Sunday" in die Geschichte ein. Ein britischer Fallschirmjäger schlägt auf einen Demonstranten ein (Quelle: dpa)
  • Kinder werfen mit Steinen auf britische Soldaten (Quelle: dpa) Krisenherd Nordirland 1972: Kinder und Jugendliche werfen mit Steinen auf britische Soldaten (Quelle: dpa)

In Creggan, einem katholischen Arbeiterviertel Derrys, versammeln sich am 30. Januar 1972 mehr als 15.000 Menschen, um für ihre Bürgerrechte zu demonstrieren. Demonstrationen sind verboten. In Derry gibt es beinahe täglich Straßenschlachten zwischen Jugendlichen und der britischen Armee. Die katholischen Viertel sind von den Bewohnern verbarrikadiert worden, Armee und Polizei wagen sich nach Creggan und in die Bogside nicht hinein. Die Demonstration soll am Platz vor der Guildhall, dem Rathaus, im Zentrum der Stadt mit einer Kundgebung enden, doch die Soldaten haben die Straße gesperrt. Als die ersten Steine fliegen, schwärmt das 1. Fallschirmjäger-Regiment aus, die Soldaten eröffnen das Feuer. Eine Stunde später liegen 14 Tote auf der Straße.

Die Soldaten sagen, sie seien von den Demonstranten beschossen und mit Nagelbomben angegriffen worden und hätten das Feuer lediglich erwidert. Hunderte von Augenzeugen haben anderes gesehen. Jeder einzelne von ihnen bestätigt, dass kein Schuss gefallen war, als die Armee das Feuer eröffnete. Manche der Demonstranten hatten die Arme gehoben, um sich zu ergeben, als sie von den Kugeln getroffen wurden. Andere haben gesehen, wie die Soldaten den Toten Nagelbomben in die Taschen steckten. "An diesem Blutsonntag haben wir die jungen Leute verloren", sagt der damalige Bischof von Derry, Edward Daly. "Sie gingen weg und schlossen sich der IRA an."

Justizwillkür

  • Gerry Conlon nach 15 Jahren Haft (Quelle: dpa) Gerry Conlon, einer der „Guildford Four“, wird nach 15 Jahren Haft im Oktober 1989 entlassen (Quelle: dpa)
  • Justizopfer mit einer Entschuldigung Tony Blairs 2005 (Quelle: dpa) Später Trost: Gerry Conlon (r.) und Annie Maguire (l.) mit dem Schreiben Tony Blairs, in dem sich der Premierminister 2005 für den Justizirrtum entschuldigt (Quelle: dpa)

Nach dem "Blutsonntag" von Derry erlebt die Irisch-Republikanische Armee (IRA) in den 1970er Jahren eine Renaissance und setzt ihren bewaffneten Kampf verstärkt fort. Im Herbst 1974 erreicht die Bombenkampagne der IRA in England ihren Höhepunkt. Mehrere Kneipen in Birmingham, Guildford und Woolwich fliegen in die Luft. 28 Menschen werden dabei getötet, Hunderte verletzt. Für die Anschläge werden neun irische Emigranten und eine Engländerin zu lebenslänglichen Freiheitsstrafen verurteilt: die "Birmingham Six" und die "Guildford Four". Gerry Conlon, einer der "Guildford Four", gesteht unter den Misshandlungen während der Polizeiverhöre, dass er das Bombenbasteln in der Küche seiner Tante Annie Maguire gelernt habe. Am selben Abend werden alle verhaftet, die sich im Haus der Maguires aufhalten: Annie und ihr Mann Pat, ihre Kinder, ein Schwager, ein Nachbar, der seine drei Kinder bei den Maguires abgeben wollte, und Conlons Vater Giuseppe, der aus Belfast nach London gekommen ist, um seinem Sohn einen Anwalt zu besorgen.

Die "Maguire Seven" werden zu Freiheitsstrafen zwischen acht und vierzehn Jahren verurteilt. Der schwer kranke Giuseppe Conlon stirbt 1980 im Gefängnis. Auch als ein Jahr später die tatsächlich für die Anschläge verantwortliche Londoner IRA-Einheit gefasst wird und diese die Bombenanschläge gesteht, kommen die fälschlich Verurteilten nicht frei. Das Gericht erklärt sie kurzerhand allesamt zu Komplizen. Erst im Oktober 1989 werden die "Guildford Four" nach 15 Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen, weil nachgewiesen werden kann, dass Polizisten Geständnisse gefälscht und Wissenschaftler des Verteidigungsministeriums Entlastungsmaterial verheimlicht haben. Damit ist auch das Urteil gegen die "Maguire Seven" hinfällig – doch die haben ihre Strafen bereits in voller Länge abgesessen. Die "Birmingham Six", die ebenfalls Opfer der Justiz-Willkür geworden waren, kommen im März 1991 frei.

Sondergesetze

  • RUC-Polizeikräfte im Einsatz gegen katholische Demonstranten (Quelle: dpa) Polizeikräfte der Royal Ulster Constabulary (RUC) gehen am 12.8.1995 gegen katholische Demonstranten vor, die mit einem Sitzstreik einen historischen Umzug von Protestanten im nordirischen Belfast verhindern wollen (Quelle: dpa)

Nachdem 1974 das Sunningdale-Abkommen, das eine Machtbeteiligung von Katholiken vorgesehen hatte, am Widerstand der Unionisten gescheitert ist, ändert die britische Regierung ihre Politik grundlegend. Sie erklärt den politischen Konflikt zu einem reinen Sicherheitsproblem, das sie durch Recht und Gesetz lösen will. So wird die Royal Ulster Constabulary (RUC), die fast ausschließlich protestantische Polizei Nordirlands, mit Maschinenpistolen und Schnellfeuergewehren ausgerüstet. Ihre Rechte und Kompetenzen werden erweitert. Die RUC kann Personen aus beiden Teilen Irlands die Einreise nach Großbritannien untersagen. Die Regierung begründet diese Maßnahmen mit der Bombenkampagne der IRA in England.

Terrorverdächtige dürfen aufgrund der neuen Sondergesetze bis zu sieben Tage festgehalten werden. Sie werden im "Fließbandsystem" ("Conveyor belt system") verhaftet und ins RUC-Verhörzentrum nach Castlereagh bei Belfast gebracht, wo sie durch Drohungen und Folter zu Geständnissen gezwungen werden. Sodann stellt man sie vor Sondergerichte mit nur einem Richter und ohne Geschworene, wo sie wegen der erzwungenen Geständnisse verurteilt und nach Long Kesh geschickt werden. Die Verurteilungsrate liegt bei 94 Prozent. 1979 muss die britische Regierung in einem Untersuchungsbericht eingestehen, dass die RUC Gefangene gefoltert hat. Die Sondergesetze und die Behandlung der Gefangenen, die Anfang der 1980er Jahre in einen Hungerstreik treten, wirken alles andere als de-eskalierend: In den 1970er und 1980er Jahren erreichen Terror und Gewalt in Nordirland ihren Höhepunkt.